[Montagsfrage] Welches Buch hast du zuletzt aufgrund der Rezension eines anderen Buchbloggers gelesen?

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Die Montagsfrage wird präsentiert von Buchfresserchen.

Schwierig. Sehr schwierig. Denn aufgrund einer direkten Rezension habe ich in letzter Zeit nur Bücher auf die Wunschliste gepackt, aber nicht gelesen. Es gibt also die Möglichkeit, sehr weit in die Vergangenheit zurückzugehen, und sich bei jedem gelesenen Buch zu fragen: Wie ist das eigentlich auf der Leseliste gelandet?

Oder ich nehme Variante Nummer zwei, und verbinde eine Veranstaltung von Zeilenende und wortgeflumselkritzelkram (das Buch-Date) mit dem Medium Youtube, und stelle zwei Bücher vor, die ich zumindest aufgrund von Empfehlungen gelesen habe.

pereiraDas Buch Erklärt Pereira habe ich am Wochenende gelesen. Grund dafür war eine Empfehlung von Schauwerte aufgrund des oben bereits erwähnten Buch-Dates. Ein Buch, auf das ich so wahrscheinlich nicht aufmerksam geworden wäre. : )

Inhalt lt. Verlag: Die Geschichte eines Sommers im Jahre 1938, die Geschichte des unscheinbaren Lissabonner Kulturredakteurs Pereira, der ganz unversehens zum Helden wird…

Eine ausführliche Meinung zum Buch folgt am Wochenende. ^^

rubyUnd dann gibt es da noch das Medium Booktube. Besonders die Videos von Jen Campbell halten immer wieder wunderbare kleine Schätze und Überraschungen bereit. Bücher, die ich so wahrscheinlich sonst gar nicht auf dem Schirm hätte. So erging es mir z.B. mit Ruby – obwohl für einige Preise nominiert, hat mich die Inhaltsangabe nie so ganz überzeugt. Bis, ja bis ich Jens Video gesehen habe.

Inhalt lt. Verlag: Ephram Jennings has never forgotten the beautiful girl with the long braids running through the piney woods of Liberty, their small East Texas town. Young Ruby, “the kind of pretty it hurt to look at,” has suffered beyond imagining, so as soon as she can, she flees suffocating Liberty for the bright pull of 1950s New York. Ruby quickly winds her way into the ripe center of the city–the darkened piano bars and hidden alleyways of the Village–all the while hoping for a glimpse of the red hair and green eyes of her mother. When a telegram from her cousin forces her to return home, thirty-year-old Ruby Bell finds herself reliving the devastating violence of her girlhood. With the terrifying realization that she might not be strong enough to fight her way back out again, Ruby struggles to survive her memories of the town’s dark past. Meanwhile, Ephram must choose between loyalty to the sister who raised him and the chance for a life with the woman he has loved since he was a boy.

[Das Jahr des Taschenbuchs] Buchkauf im September #jdtb16

eileen

~ Das Buch ~

The Christmas season offers little cheer for Eileen Dunlop. Trapped between caring for her alcoholic father and her job as a secretary at the boys’ prison, she tempers her dreary days with dreams of escaping to the big city. In the meantime, her nights and weekends are filled with shoplifting and cleaning up her increasingly deranged father’s messes. When the beautiful, charismatic Rebecca Saint John arrives on the scene as the new counsellor at the prison, Eileen is enchanted, unable to resist what appears to be a miraculously budding friendship. But soon, Eileen’s affection for Rebecca will pull her into a crime that far surpasses even her own wild Imagination. (Inhaltsangabe: Penguin)

~ Der Kaufgrund ~

Auf Eileen bin ich aufmerksam geworden, als ich die Longlist des diesjährigen Man Booker Prize for Fiction studiert habe (für alle Interessierten hier zu finden). Es war von Anfang an einer meiner Favoriten. Inzwischen hat es das Buch auf die Shortlist geschafft. Perfektes Zeichen vom Buchgott, das Werk bei mir einziehen zu lassen.🙂

Ich bin verliebt in das Design des Buches – gefunden bei der Buchhandlung mit dem großen T – und habe mir vorgenommen, es im Oktober als Urlaubsbuch mit nach Dresden zu nehmen. Ich bin gespannt. Und freu mich. Hach. Bücher. Schöne Sache.😉

jahr des taschenbuchsDas Jahr des Taschenbuchs ist eine Aktion von Kielfeder und Die Liebe zu den Büchern, in der es darum geht, im Jahr 2016 den rückläufigen Verkaufszahlen der Taschenbücher entgegenzuwirken, indem man jeden Monat mindestens ein Taschenbuch kauft und vorstellt, um so dem Medium Taschenbuch mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

[Rund ums Buch] Deutscher Buchpreis 2016: Die Shortlist #dbp16

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Die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung verleiht seit nunmehr 12 Jahren (10-jähriges Jubiläum fand 2014 statt) zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den Deutschen Buchpreis für besten Roman in deutscher Sprache. Das Ziel des Preises ist es Aufmerksamkeit für deutschsprachige Autoren, das Lesen an sich und das Medium Buch zu schaffen. Insgesamt 98 Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz meldeten 156 Titel für den diesjährigen Buchpreis an.

Die Shortlist wurde heute, am 20.09.2016, bekannt gegeben und hält vielleicht die eine oder andere Überraschung bereit. Aber seht selbst:

fremde seele dunkler wald widerfahrnis skizze eines sommers die welt im ruecken ein langes jahr hool

  • Fremde Seele, dunkler Wald ist als Buch auf dem Weg zu mir, und trifft hoffentlich bald ein.🙂
  • Widerfahrnis habe ich bereits gelesen und HIER besprochen.
  • Skizze eines Sommers war eines der Bücher, das mich leider so gar nicht angesprochen hat.
  • Die Welt im Rücken wollte ich schon lesen seitdem ich die Verlagsvorschau gesehen habe. Einen Büchergutschein habe ich ja noch übrig…
  • Ein langes Jahr überrascht mich etwas, aber ein genaues Bild kann ich mir erst nach dem Lesen machen.
  • Hool liegt genau wie Ein langes Jahr auf meinem EReader bereit und wartet darauf, verschlungen zu werden. Denke mal, es wird mein nächstes Leseopfer.

Alle Bücher der Longlist habe ich bereits in einem vorangegangenen Blogpost einmal genauer unter die Lupe genommen (Link).

[Rund ums Buch] The Man Booker Prize for Fiction 2016: Shortlist #ManBooker2016 #FinestFiction

man booker prize for fiction logo

Beim Man Booker Prize handelt es sich um den wichtigsten britischen Literaturpreis, der seit 1969 jedes Jahr an den besten im Vereinigten Königreich veröffentlichten englischsprachigen Roman verliehen wird. Preisträger bisher waren unter anderem Yann Martel, John Banville, Margaret Atwood, Eleanor Catton, Julian Barnes, Richard Flanagan und Marlon James (der letztes Jahr als Preisträger hervorging).

Die Shortlist wurde am 13.09.2016 bekannt gegeben. Verliehen wird der Preis am 25.10.2016.

Vor einiger Zeit habe ich die Longlist des Man Booker 2016 schon einmal unter die Lupe genommen – Part 1 und Part 2 – und meine ersten Eindrücke festgehalten. Die Shortlist überrascht teilweise, aber nicht so sehr, denn bei vielen denke ich „Ja, doch, passt“. Immerhin ist einer meiner Favoriten mit dabei: Eileen von Ottessa Moshfegh.🙂 Und den anderen Werken war ich ja auch nicht so abgeneigt.

Der Vollständigkeit halber stelle ich die 6 Shortlist-Titel noch einmal kurz vor, und reposte (um mal modern zu schreiben) meinen ersten Eindruck.

~Die Shortlist~

the sellout

Paul Beatty: The Sellout (Oneworld)

Erster Eindruck: Das Cover würde mich nicht direkt ansprechen, muss ich ehrlich gestehen. In der Buchhandlung könnte es also passieren, dass ich an diesem Buch vorbeilaufe. Die Inhaltsangabe allerdings macht „The Sellout“ definitiv zu einem interessanten Roman, werden doch immer wieder aktuelle Themen angesprochen. Nicht ganz oben auf der Leseliste, aber einen Blick wert und aufgrund der aktuellen Lage durchaus Shortlistmaterial.

hot milk

Deborah Levy: Hot Milk (Penguin)

Erster Eindruck: Hm. Sieht zunächst aus wie ein Sommer-Sonne-Urlaubsbuch, aber ist es definitiv nicht. Ich müsste aber denke ich noch einmal in eine Leseprobe hineinschnuppern. So ganz sicher bin ich mir nicht.

his bloody project

Graeme Macrae Burnet: His Bloody Project (Saraband)

Erster Eindruck: Aufgebaut mit Erinnerungen, Zeitungsartikeln und Aufzeichnungen der Verhandlungen? Oh ja, bitte! Finde ich gut, würde ich lesen.

eileen

Ottessa Moshfegh: Eileen (Penguin)

Erster Eindruck: Klingt richtig, richtig toll und ich finde, das Cover hebt sich mit seinem Filmposterdesign positiv ab. Manchmal ist weniger mehr. Auf jeden Fall steht Eileen ganz oben auf meiner Leseliste, ob es denn nun auf die Shortlist kommt oder nicht.

all that man is

David Szalay: All that Man Is (Penguin)

Erster Eindruck: Hatte mich in der Mitte des zweiten Satzes der Inhaltsangabe. Ich mag ja solche Geschichten, die das Leben ihrer Figuren über einen längeren Zeitraum begleiten. Klingt definitiv interessant.

do not say we have nothing

Madeleine Thien: Do Not Say We Have Nothing (Man Booker Website)

Erster Eindruck: Klingt interessant genug um das Buch im Auge zu behalten. Lesen wollte ich von Thien so und so irgendwann einmal ein Buch. Vielleicht ein Zeichen? ^^

[#BlogThrowback] I know what you wrote: September 2015

blogthrowback

Zu dieser kleinen Aktion habe ich mich ein wenig von Youdid-Design inspirieren lassen. Judith ruft auf ihrer Facebook-Seite jeden Monat dazu auf, einen Blogpost aus dem letzten Jahr zu teilen. Von jetzt an werde ich in jedem Monat ein Jahr zurückblicken und erzählen, was sich damals so auf meinem Blog getan hat. Fangen wir also an.

September 2015 Throwback

Im September war mein Blogging-Mojo sehr aktiv. Meine Meinungen zu diversen gelesenen Büchern habe ich eifrig in Worte gefasst – für einen Monat auffallend viele Rezensionen, wenn man bedenkt, dass ich nicht zu jedem gelesenen Buch etwas schreibe. So gab es Beiträge zu Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff (Link zur Rezi) – dank diesem Buch sind Romane von Salinger bei mir eingezogen, zu meiner Schande muss ich aber gestehen, diese noch nicht gelesen zu haben – und auch Die Falle von Melanie Raabe (Link zur Rezi) gehörte in diesem Monat zu meinen Opfern. Besonders verliebt hatte ich mich in Shotgun Lovesongs von Nickolas Butler (Link zur Rezi), das auch nach einem Jahr noch in mir nachklingt.

Natürlich war auch der Deutsche Buchpreis Thema. So fand sich ein Beitrag zur Shortlist auf meinem Blog – die Longlist hatte ich bereits im August in einem eigenen Post unter die Lupe genommen.

Im Rahmen des Top Ten Tuesday habe ich mich mit meiner Leseliste für den Herbst auseinander gesetzt. Reden wir mal nicht darüber, welche Bücher dieser Liste ich denn auch tatsächlich gelesen habe. Erm… ja..

Die Montagsfrage gab auch Anlass zu einigen Posts. So durfte ich mich mit wundervollen Statistiken herumschlagen, und herausfinden, welche Autoren am häufigsten in meinem Regal vertreten sind – und von welchen ich die meisten Bücher gelesen habe. Und auch meine Meinung zu „Hype-Büchern“ habe ich kund getan.

Die Rezensionen des Monats:

Lieber Mr Salinger von Joanna Rakoff Die Falle von Melanie Raabe Shotgun Lovesongs von Nickolas Butler sternensilber glück hat tausend farben the blue blazes Sprechen wir ueber Eulen - und Diabetes von David Sedaris das flüstern des schnees

 

[Rezension] Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

widerfahrnis

Reither, bis vor kurzem Verleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Aber noch stärker verbindet die beiden, dass sie nicht mehr auf die große Liebe vorbereitet zu sein scheinen. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet, nur da ist … (Inhaltsangabe: Frankfurter Verlagsanstalt)

~oOo~

Bodo Kirchhoff ist gebürtiger Hamburger, lebt und schreibt entweder in Deutschland oder Italien, und schreibt neben Romanen auch Erzählungen und Drehbücher (u.a. Tatort, Die Konferenz). Für sein Schreiben wurde er schon mehrfach nominiert und ausgezeichnet, und hat es mit „Die Liebe in groben Zügen“ im Jahr 2002 schon einmal auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Seine Novelle „Widerfahrnis“ wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 nominiert.

[…] und da löste sich noch ein Bruchstück von jener Wanderung mit väterlichem Lateinunterricht, amavero – einzige Futurform, die er sich doch gemerkt hatte auf dem Rückweg vom Hinterwaldkopf, Futurum zwei, junger Mann, ich werde geliebt haben.
(Pos. 835-837)

Bodo Kirchhoff hat schon Novellen, Romane und Erzählungen geschrieben und veröffentlicht, da war ich noch nicht einmal geboren. In meinem Geburtsjahr erschien mit „Ferne Frauen“ ein Erzählband im Suhrkamp Verlag, danach folgten zahlreiche Veröffentlichungen, nicht nur allein in Buchform, sondern auch als Beiträge in diversen Magazinen. Und dennoch, obwohl der Name Kirchhoff bei mir durchaus ein wissendes Nicken verursacht, wenn er an mein Ohr dringt, habe ich noch nie eines seiner Werke gelesen.

Widerfahrnis“ wird als Novelle deklariert. Recht passend, meiner Meinung nach, auch wenn sich das Buch keinesfalls in einem Rutsch lesen lässt, wie das bei einigen Vertretern dieser Kategorie der Fall ist. Kirchhoffs Werk weist tatsächlich mehrere Wendepunkte und im wahrsten Sinne des Wortes einschneidende Erlebnisse und Momente auf, das alles untermalt von einer fast schon bildhaften, opulenten Sprache.

Sie betrachtete ihn – ein Wort, vor dem er häufig gewarnt hatte, betrachten, es gehöre ins Museum, sei zu mächtig, wie auch das Wort Blick, es gelte, andere Worte zu finden, unaufdringliche, und doch war es ein Betrachten über den Rand des Bechers.
(Pos. 546-548)

Kirchhoffs Sprachgewalt ist es auch, die hier in Erinnerung bleibt und an das Werk fesselt. Sätze, die über mehrere Zeilen gehen, fast schon konstruiert wie ein kleines Kunstwerk, und oftmals kurz davor den Faden zu verlieren, um sich dann doch wieder zu besinnen, ein Ende zu finden, nur um diesen Sog im nächsten Satz erneut zu starten. Dazu keine wörtliche Rede im allgemeinen Sinn, stattdessen fließt alles ineinander, verschwimmt, verwischt, verwirrt aber nicht, im Gegenteil. Gerade diese Art des Schreibens und Erzählens hat mich gefesselt, und, um eine moderne Wortwahl zu finden, bei der Stange gehalten.

Denn modern, nun, das ist dieses Buch vielleicht wirklich nicht, sind doch seine beiden Hauptakteure bereits älter, wahrscheinlich doppelt so alt wie ich. Mindestens. Auf der einen Seite ist da Reither, der seinen kleinen Verlag aufgegeben hat, in dem er pro Jahr um die vier Bücher veröffentlichte – Bücher, die seinen Ansprüchen gerecht wurden, seiner Auffassung von Sprache, dem Einsetzen und der Verwendung von Worten, und dem Erzählen an sich. Verleger und Kritiker zugleich, wobei vor allem letzteres ein Charakterzug ist, der sich auch in seinem späteren Leben im Ruhestand immer wieder findet. Ihm Gegenüber steht Leonie Palm. Auch sie hat ein Geschäft aufgegeben, auch sie verbringt ihren Lebensabend in dem kleinen Tal am Alpenrand. Eine Frau die im Winter mit Riemchensandalen und Sommerkleid bei Reither vor der Tür steht. Eine Frau, die an schweren Schicksalsschlägen zu tragen hat, und doch diejenige ist, die Reither wachrüttelt.

Aber Widerfahrnis, das war mehr als die vergessene Heimsuchung – da muss man nur hinhören, muss nur hinsehen, dann ist es die Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz, aber auch die Hand, die einen einfach an die Hand nimmt – ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen.
(Pos. 1671-1673)

Reither und Leonie. Leonie und Reither. Die beiden begeben sich auf eine Reise. Spontan, ohne einen vorangegangenen Plan. Einfach so, mitten in der Nacht. Ein Roadtrip, der sie letztendlich bis nach Sizilien bringt. Und der ihnen die Veränderungen vor Augen führt, mit denen unsere Gesellschaft konfrontiert wird. Fast schon kettenartiges Rauchen, alte Musikkassetten im Auto, die Lederjacke aus den Achtzigern, Hüte und gute, anspruchsvolle Bücher – die Vergangenheit, in Worte und Metaphern gepackt, ganz wie das bei einer Novelle eben der Fall ist.

Die Zukunft, das Hier und Jetzt, das sind Ströme von Menschen an Bahnhöfen, auf Straßen und Fähren, mit Rucksäcken, die all das enthalten, was ihnen von ihrem alten Leben geblieben ist. Kleine Kinder, geboren auf der Straße. Auf der Flucht. Kirchhoff bringt die Flüchtlingsthematik geschickt und dezent ins Spiel. Eine Thematik, die man kaum mehr ignorieren kann, wenn man einen zeitgenössischen Roman schreiben will, wird man doch allein im Alltag stetig damit konfrontiert.

Erinnerungen sollten wie Abschnitte in einem Handbuch sein, nur dazu dienen, in bestimmten Situationen die richtigen Worte in richtiger Reihenfolge zu sagen, aber es sind Einflüsterungen, die einen betören oder mit Schmerz erfüllen oder beides.
(Pos. 838-840)

Widerfahrnis“ ist viel – Roadmovie, eine Geschichte über eine sich langsam entspannende Liebe, über Schicksale, über Alt und Neu, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Kirchhoffs Sprache ist gewaltig, poetisch, melancholisch, erschlägt den Leser fast, doch vielleicht ist genau das gewollt. Das Unaufhaltsame, das Hereinbrechen von Ereignissen, Geschehnissen, man selbst als stiller Beobachter, machtlos und trotzdem gebannt, unfähig sich abzuwenden.

Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ hat seinen Anspruch, ist kein leichtes Buch für Zwischendurch. Als Kirchhoff-Neuling kann ich nicht sagen, inwieweit er bewehrte Themen immer wieder in seinen Büchern verwendet. Stattdessen sage ich dies: „Widerfahrnis“ mag Abschied sein vom Alten, mag Hommage sein, voller Wehmut, Melancholie und Zartheit. „Widerfahrnis“ ist aber vor allem eines: Ein Buch, das mich neugierig gemacht hat. Auf mehr von Kirchhoff.

Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff
224 Seiten
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Erschienen: September 2016
ISBN: 978-3-627-00228-2

Vielen herzlichen Dank an die Frankfurter Verlagsanstalt und Netgalley.de für das Leseexemplar.