[Mini-Rezension] Sarah J. Maas: Throne of Glass


Source: Bloomsbury UK

Meet Celaena Sardothien. Beautiful. Deadly. Destined for greatness.

In a land without magic, where the king rules with an iron hand, Celaena, an assassin, is summoned to the castle. She comes not to kill the king, but to win her freedom. If she defeats twenty-three killers, thieves, and warriors in a competition, she is released from prison to serve as the king’s champion.
The Crown Prince will provoke her. The Captain of the Guard will protect her. But something evil dwells in the castle of glass—and it’s there to kill. When her competitors start dying one by one, Celaena’s fight for freedom becomes a fight for survival, and a desperate quest to root out the evil before it destroys her world. (Synopsis: Homepage Sarah J. Maas)

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Ich bin nicht so der Mensch für übermäßig gehypte Bücher. Ja, es gibt Ausnahmen (wenn es Fortsetzungen von Reihen sind, die ich selbst schon gerne lese), aber in der Regel bin ich bei so etwas Spätzünder oder Blindgänger. So hat es bis Februar 2017 gedauert, bis ich Throne of Glass in die Hand genommen habe, obwohl mehrere Ebooks der Reihe bereits Ende 2014 bei mir eingezogen sind. Und vielleicht war genau das der richtige Weg, um ohne Erwartungen in die Welt von Celaena einzutauchen.

Maas begeistert mit einer detailreichen Welt voller verschiedener Kulturen, welche sie mit ihrem wundervollen Schreibstil gekonnt zum Leben erweckt. Die Geschichte mag zwar zunächst simpel erscheinen – ein Turnier, um Champion des Königs zu werden, anstatt in den Minen von Endovier zugrunde zu gehen – aber mit der Zeit verdichtet sich die Story zu einer Mischung aus Drama, Verrat und politischen Intrigen.

Celaena Sardothien als Charakter mag zwar zunächst übertrieben erscheinen, aber ich für meinen Teil bin ganz angetan. Denn obwohl sie die wohl beste Auftragsmörderin des Landes ist, ist sie auch immer noch ein junges Mädchen, mit all den möglichen Facetten: Sie liebt Bücher, Essen, schöne Dinge, Kleider und Make-up, und hat mehr als einmal eine ganz schön große Klappe, aber warum auch nicht? Genau diese große Klappe ist es doch, die für die tollen Wortgefechte mit Prinz Dorian und Captain der Wache Chaol sorgt. Positiv ist auch, dass die beiden Herren ihre eigenen Kapitel und Stimmen bekommen, was für mehr Tiefe in ihrer Charakterisierung sorgt.

Throne of Glass hat mich gefesselt, und obwohl es ein paar kleine Schwächen hatte – wie zum Beispiel die Möglichkeit einer Dreiergeschichte, dem ewigen Lieblingsplotdevice in Sachen YA und Co. – so ist es doch ein Buch, welches sich leicht und flüssig lesen lässt. Ein Buch, das Spaß macht – und Lust auf mehr!

Throne of Glass von Sarah J. Maas
432 Seiten (Paperback)
Verlag: Bloomsbury UK
Erschienen: August 2012
ISBN: 9781408832332

[#BuchDate Rezension] Marc Elsberg: Blackout – Morgen ist es zu spät

An einem kalten Februartag brechen in Europa alle Stromnetze zusammen. Der totale Blackout. Der italienische Informatiker Piero Manzano vermutet einen Hackerangriff und versucht, die Behörden zu warnen – erfolglos. Als Europol-Kommissar Bollard ihm endlich zuhört, tauchen in Manzanos Computer dubiose Emails auf, die den Verdacht auf ihn selbst lenken. Er ist ins Visier eines Gegners geraten, der ebenso raffiniert wie gnadenlos ist. Unterdessen liegt ganz Europa im Dunkeln, und der Kampf ums Überleben beginnt… (Inhaltsangabe: Blanvalet)

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Buch-Dates, einer Aktion von Zeilenende und Wortgeflumselkritzelkram. Ich selbst erhielt 3 Empfehlungen von Zeilenende höchstpersönlich – nachdem ich zunächst „Haus ohne Hüter“ begonnen habe, wurde dann doch „Blackout“ mein Date. Warum? Weil ich für „Haus ohne Hüter“ einfach mehr Zeit brauche. Viel mehr Zeit. „Blackout“ war aber keinesfalls ein Fehlgriff, im Gegenteil. Aber lest selbst!

Hier geht’s zum Sammelbeitrag für alle im Rahmen des Buch-Dates erscheinenden Rezensionen! (Link)

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Marc Elsberg, in Wien geboren, war Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg sowie Kolumnist der österreichischen Tageszeitung „Der Standard„. Bereits im Jahre 2000 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Saubermann„, damals noch unter seinem bürgerlichen Namen Marc Rafelsberger. Der Durchbruch gelang ihm mit „Blackout“ im Jahre 2012. Ihm folgten „Zero“ (2014) und „Helix“ (2016) nach. Sowohl „Blackout“ als auch „Zero“ wurden von „Bild der Wissenschaft“ als Wissensbuch des Jahres in der Rubrik Unterhaltung ausgezeichnet.

Was würdest du tun, wenn plötzlich der Strom weg wäre?

Kleinere Stromausfälle kennt wahrscheinlich jeder. Ab und an wird es eben dunkel, das Handy lädt nicht mehr, der Laptop Akku wird langsam leer, aber an sich nützt der Laptop ohne funktionierendes Internet so und so nicht viel. Das Telefon ist tot, das Licht geht nicht mehr, im Kühlschrank ist es zwar dunkel, doch wenigstens – vorausgesetzt man lässt die Tür geschlossen – noch kalt genug.

Gern hätte er Europa jetzt aus der internationalen Weltraumstation ISS gesehen. Wo sonst die feinen Adern und leuchtenden Knoten des Lichtsystems bis ins All strahlten, musste über weiten Flächen Dunkelheit liegen.
Marc Elsberg: Blackout, Seite 68

Meist gehen diese Episoden schnell vorbei, oder der Notstrom der Stromanbieter wird zugeschalten. Oftmals passieren solche Ausfälle mitten in der Nacht – wer nicht gerade wach ist, arbeitet oder draußen unterwegs ist, bekommt davon in der Regel nichts mit.

Doch was ist, wenn der Strom nicht zurück kommt? Was ist, wenn die Ausfälle über Tage anhalten, und nicht nur einzelne Gebiete, sondern das ganze Land – oder, wie bei Marc Elsberg, ganz Europa – betreffen?

Dystopie? Thriller? Wissenschaftsroman?

So ganz sicher ist die Einordnung von „Blackout“ nicht, hat der Roman doch von allem etwas zu bieten: düstere Zukunftsvisionen, wissenschaftliche und technische Details, ein wenig Spannung hier und da. Ein wenig? Ja, denn so ein richtiger Thriller, der einem die Luft zum atmen nimmt und einen nicht mehr loslässt, ist „Blackout“ meiner Meinung nach eher nicht.

Diese sprachlose Gesellschaft, die keine mehr war, weil ihr die Gemeinsamkeiten abhandengekommen waren, in ihrer verzweifelten Sucht nach Betäubung durch immer mehr, durch ewiges Wachstum, war am Ende ihres Weges angelangt.
Marc Elsberg: Blackout, Seite 492

Stattdessen liefert Marc Elsberg hier ein grandios recherchiertes Was-wäre-wenn-Szenario, das mir persönlich den einen oder anderen Schauer über den Rücken gejagt hat, wann immer ich mich auf die Situation eingelassen habe. Denn erschreckend ist die Vorstellung, plötzlich quasi den Motor hinter unserer Gesellschaft zu verlieren, auf jeden Fall. Vielleicht – nein, eigentlich nicht vielleicht – sind wir Europäer einfach auch zu verwöhnt. Fließendes Wasser, 24 Stunden Strom, Internet, Telefon, Autos, Benzin in Hülle und Fülle, Ampeln, Leuchtreklamen, Straßenlaternen – all das ist selbstverständlich für uns. Wir machen uns gar keine Gedanken darüber, was wir tun würden, wenn diese Selbstverständlichkeit plötzlich über Nacht verschwindet.

Und die Realität?

Elsberg erörtert in „Blackout“ das gesamte Spektrum der Folgen eines Stromausfalls, sowohl auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, als auch menschlicher Ebene, und geht auch kurz auf eine Studie des Bundestages ein, die sich tatsächlich mit dem Thema befasst: Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – am Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung (Link). Doch an der Bevölkerung gehen solche Studien oft vorbei. Oder werden nicht ernst genommen. „Uns passiert das doch nicht!“ – Ein Standardargument. Oder hält sich jemand an die Empfehlungen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, welches sogar eine Checkliste für den Ernstfall anbietet?

Ihre Rufe wurden nicht leiser. Im Gegenteil, sie schienen an Wucht zuzunehmen. Wie Wellen von stürmischer See, die den Gewittersturm ankündigten, ein um das andere Mal an die Klippen brandeten, jedes Mal höher, tosender.
Marc Elsberg: Blackout, Seite 635

Fakt ist: „Blackout“ hat mich zum Nachdenken gebracht. Dazu, meinem Umfeld und den Selbstverständlichkeiten wie Strom und Wasser mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Schaden kann es nicht.

Zwar hat „Blackout“ ein paar Schwächen – viele verschiedene Handlungsorte und -stränge, die es schwer machen, den einzelnen Personen zu folgen, teilweise eher farblos bleibende Charaktere und eine Menge Fakten, die mich persönlich nicht gestört haben, im Gegenteil, aber so manch anderen Lesern, die einen schnellen und leichten Roman erwarten, vielleicht etwas negativ aufstoßen könnten. Letztendlich aber wurde „Blackout“ nicht umsonst u.a. von „Bild der Wissenschaft“ ausgezeichnet und ist ein interessantes literarisches Experiment, welches definitiv zum Nachdenken anregt. Ich habe das Lesen nicht bereut.

Blackout: Morgen ist es zu spät von Marc Elsberg
800 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Blanvalet
Erschienen: Juni 2013 (Erst-VÖ: März 2012)
ISBN: 978-3-442-38029-9

Weitere Rezensionen auf:

[Aktion] Lesewoche 14. – 20. Juli 2017

Über #miteinanderstattgegeneinander bin ich auf die Aktion Lesewoche auf dem Blog Unendliche Geschichte von Johnni aufmerksam geworden – eine Mitmachaktion für Blogger und Leser, in der Fragen zur vergangenen Lesewoche beantwortet werden. Voll mein Ding, also los geht’s!

1. Hattest du in der vergangenen Woche viel Zeit und Lust, zu lesen?

Theoretisch ja. Also, Lust zu lesen. Zeit ist ja immer so eine Sache. Meist kann man genau dann nicht lesen, wenn man will, und wenn man dann mal Zeit hat, versumpft man am Ende doch vor Netflix und Co. Geht mir zumindest manchmal so. ^^

2. Welches Buch/ welche Bücher hast du in der vergangenen Woche gelesen und war ein besonderes Highlight dabei?

Bücher habe ich gelesen. Sogar eines beendet. Welches allerdings, das ist gemein. ^^ Warum? Der Grund ist hier zu finden. Und welches Buch ich gelesen habe, gibt es morgen früh auf meinem Blog zu sehen. Ansonsten lese ich momentan Unspeakable Things von Laurie Penny (hier einmal kurz vorgestellt) und Empire of Storms von Sarah J. Maas. Beides ist bisher awesome.

3. Welchen Beitrag, den du in der vergangenen Woche auf deinem Blog veröffentlicht hast, möchtest du deinen Lesern besonders empfehlen?

Letzte Woche war ich etwas schreibfaul, daher bringe ich hier einfach mal einen älteren Beitrag in den Fokus: die Rezension zu Fuchsteufelsstill.

4. Wie sehen deine (Lese-)Pläne für das Wochenende und die kommende Woche aus?

Am Wochenende muss ich erst einmal sehen wie ich so zum lesen komme, da eine Familienfeier ansteht und ich noch ein paar Dinge vorbereiten muss. Ansonsten stehen weiterhin meine aktuellen Bücher ganz oben auf der Leseliste. Und ich hoffe, mich diesmal nicht zu sehr von Serien ablenken zu lassen. 😉

5. Fährst du diesen Sommer noch in den Urlaub oder warst du bereits weg? Wenn ja, welches Buch möchtest du unbedingt mitnehmen bzw. welches Buch war dein absolutes Urlaubshighlight?

Urlaub steht für mich erst im Oktober an. Erstens fahren bei uns im Büro viele im Sommer weg, und ich muss mich da nicht zwingend mit rein drängeln. Ist viel zu warm, und der Typ für nur Badeurlaub und braten in der Sonne bin ich nicht.

[Aktion] Leselaunen 19.07.2017

Leselaunen“ findet einmal in der Woche statt und ist eine Art Zustandsbericht über das eigene Leseverhalten und andere persönliche Dinge. Ursprünglich kommen die Leselaunen von Nicole von Novembertochter, inzwischen hat Lara von Bücherfantasien die Aktion übernommen.

Aktuelles Buch?

http://www.bloomsbury.com/uk

 

Unspeakable Things
Laurie Penny

Das Büchlein liegt schon lange auf meinem SuB, doch nun habe ich endlich einmal Zeit gefunden mich der Lektüre zu widmen. Für Bücher dieser Art brauche ich meist ein Weilchen. Zum einen, weil ich viel über das Geschriebene nachdenke und reflektiere, aber auch, weil ich sehr oft unheimlich viele Stellen markieren muss – die Denkanstöße, die richtig guten Zitate, die Textstellen eben, die bei mir etwas bewirken bzw. auslösen. Ich lese Unspeakable Things zwar auf Englisch, aber das Buch ist auch auf Deutsch zu haben.

Inhaltsangabe des deutschen Verlags Edition Nautilus:

Laurie Penny zerlegt gnadenlos den modernen Feminismus und die Klassenpolitik, wenn sie von ihren eigenen Erfahrungen als Journalistin, Aktivistin und in der Subkultur berichtet. Es ist ein Buch über Armut und Vorurteile, Online-Dating und Essstörungen, Straßenkämpfe und Fernsehlügen. Der Backlash gegen sexuelle Freiheit für Männer und Frauen und gegen soziale Gerechtigkeit ist unübersehbar – und der Feminismus muss mutiger werden! Laurie Penny spricht für einen Feminismus, der keine Gefangenen macht, dem es um Gerechtigkeit und Gleichheit geht, aber auch um Freiheit für alle. Um die Freiheit zu sein, wer wir sind, zu lieben, wen wir wollen, neue Genderrollen zu erfinden und stolz gegenüber jenen aufzutreten, die uns diese Rechte verweigern wollen. Es ist ein Buch, das jenen eine Stimme gibt, denen das Sprechen verboten wird – eine Stimme, die das Unsagbare ausspricht.

Momentane Lesestimmung?

Eigentlich ganz gut, wenn auch zum Teil etwas träge. Das mag vielleicht am Wetter liegen, welches mir immer mal wieder zu schaffen macht. Who knows? Aber ich lese, und das ist ja die Hauptsache. 🙂

Zitat der Woche?

„What should we want, as girls, as boys, as humans fighting for identity and power when we are supposed to stay in neat lines of behaviour based on biology? […] Feminism isn’t an identity. Feminism is a process.“
Laurie Penny: Unspeakable Things (Introduction)

Und sonst so?

Die letzten Tage waren die Temperaturen wirklich mal angenehm, aber heute ist es schon wieder eeeeetwas zu warm für früh morgens. Macht das Umstrukturieren meines Bücherregals und diverser Schubladen schwierig. Obwohl, nicht schwierig, aber anstrengend. Aber ich will ja mein Regal schön haben, also muss ich da durch. Denke, das Ergebnis ist die Mühe wert. 🙂

[Rezension] Niah Finnik: Fuchsteufelsstill

Die siebenundzwanzigjährige Juli steht mitten im Leben – manchmal sogar ein bisschen zu sehr. Sie ist Autistin und jeder Tag bedeutet eine gewaltige Masse an Emotionen, die es zu meistern gilt. Als Juli nach einem missglückten Suizidversuch auf eine psychiatrische Station kommt, trifft sie dort auf die überschwänglich-herzliche Sophie und auf Philipp, der mal mehr und mal weniger er selbst, aber stets anziehend für Juli ist. Die drei nehmen Reißaus und verbringen ein gemeinsames Wochenende, nachdem nichts mehr so ist wie zuvor. (Inhaltsangabe: Ullstein Buchverlage)

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Niah Finnik, geboren 1988, studierte Industriedesign und ist, wie die Protagonistin ihres Debütromans „Fuchsteufelsstill“ (2017) Autistin. Ihre besondere Sicht auf die Welt kennzeichnet auch Finniks Schreiben. Inzwischen arbeitet sie an weiteren Romanprojekten.

Das Autismus-Spektrum und seine Facetten

Bei Autismus bzw. der Autismus-Spektrum-Störung handelt es sich um eine vielgestaltige, komplexe neurologische Entwicklungsstörung, bei der zwischen Frühkindlichem Autismus, Asperger-Syndrom und Atypischem Autismus unterschieden wird, wobei der Begriff Autismus-Spektrum-Störung immer mehr die frühere Klassifikation ablöst, da die Übergange zwischen den früher bekannten „Krankheitsbildern“ immer fließender werden. In erster Linie handelt es sich um eine Störung der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung, die die soziale Interaktion, die Kommunikation und das soziale Verständnis beeinflusst.

Psychische Störungen dagegen waren unsichtbar. Jeder hatte schon einmal Trauer, Angst und Freude erlebt, doch diese Gefühle waren nicht eins zu eins auf die Symptome einer psychischen Krankheit übertragbar. Freude glich keiner Manie, Trauer war weit von einer Depression entfernt, und Unsicherheit hatte nichts mit Autismus gemeinsam. Trotzdem dachte jeder, er könne mitreden. Ich hatte keinen Schimmer, warum Zwanghaftigkeit und Hysterie eine Krankheit waren, Intoleranz dagegen nicht.
(Niah Finnik: Fuchsteufelsstill, Pos. 1580-1584)

So komplex wie Autismus in all seinen Facetten, so vielfältig sind auch die Betroffenen. Finniks Hauptperson Juli findet Farben anstrengend – Reizüberflutung ist eine typische Begleiterscheinung – aber analysiert sich selbst. Gemütszustände definiert sie in Prozenten, Routinen und feste Abläufe sind ihr Anker, um durch den Tag zu kommen. Fehlt ein Teil ihrer Routine, wie zum Beispiel eine Zutat für das Frühstück, so isst Juli nicht. Der Ausbruch aus Mustern bedeutet für Juli das Aufleben ihrer Angst. Neue und unbekannte Dinge lassen ihre Angst Gestalt annehmen – ein pelziges Tier mit Krallen, das sie verfolgt.

Wo ist die Grenze zwischen normal und verrückt?

In der Tagesklinik, die sie nach ihrem Selbstmordversuch besucht, trifft Juli – neben Mia aus der Galaxie Anorexie – auf zwei Personen, die ihr geregeltes, nach festen Strukturen verlaufendes Leben aus der Bahn werfen. Sophie, die an einer bipolaren Störung leidet, und immer wieder ins manisch-depressive verfällt, ist das genaue Gegenteil von Juli. Laut, energiegeladen, mutig, offen. Wo Juli zurückschreckt, nimmt Sophie die Dinge einfach in die Hand. Philipp, der dritte in diesem ungewöhnlichen Bunde, leidet an Schizophrenie, entfernt verdeutlicht durch seine unterschiedlichen Verhaltensmuster und Reaktionen.

Je mehr Zeit ich mit Menschen verbrachte, desto mehr schien ich mich in einen Igel zu verwandeln. Sobald das Chaos um mich herum zu groß wurde, rollte ich mich ein und versank in meinen Gedanken.
(Niah Finnik: Fuchsteufelsstill, Pos. 1451-1452)

Finnik könnte hier den Weg einschlagen, den viele Leser erwarten würden, und eine Geschichte erzählen, die letztendlich die Akzeptanz des Anders-seins vermitteln soll, denn Krankheiten definieren nicht den Menschen. Doch Finnik wählt eine andere Route. Ihre Charaktere streben nicht nach Verständnis. Warum auch? Irgendwie ist ja jeder Mensch ein bisschen verrückt, und wo genau ist denn die Grenze zwischen normal und verrückt?

Menschen, die von psychischen Krankheiten betroffen sind, werden oft mit den typischen Vorurteilen unserer Gesellschaft konfrontiert: Sie werden ausgeschlossen, missverstanden, sind selbst Schuld an ihrer Krankheit. „Stell dich nicht so an“ ist nur einer dieser Sätze, die diesbezüglich bestimmt schon einige Betroffene über sich ergehen lassen mussten. Es mangelt oft an Verständnis, denn anders als bei körperlichen Krankheiten ist hier der Gesundheitszustand oft nicht direkt erkennbar.

Fuchsteufelsstill ist ein Romandebüt, das sich mit seiner poetischen Leichtigkeit einem ernsten Thema widmet

Trotz der doch eigentlich ernsten Thematik verhilft Finniks Schreibstil „Fuchsteufelsstill“ zu einer gewissen Leichtigkeit. Fast schon poetisch beschreibt sie die Welt, die Juli sieht. Als eher gehemmter, ruhiger und verschlossener Mensch ist Juli eine nüchterne Beobachterin, doch die Flut von Fakten und Bildern, die selbst kleine Worte in ihrem Kopf auslösen, ist überwältigend. Julis Welt ist wie das Bild ihrer „Krankheit“ ein Spektrum voller Reize, Farben, Fakten, Menschen. Ein Spektrum, das sie oft zu überwältigen droht.

Wenn das Gehirn durch einen Defekt gestört wurde, hieß das vor allem, keine Wahl zu haben. Es war unmöglich, eine Auszeit von sich selbst zu nehmen, ebenso unmöglich war es, alle Gedanken und Taten zu kontrollieren. Manche passierten einfach.
(Niah Finnik: Feuchsteufelsstill, Pos. 965-966)

Die Handlung in „Fuchsteufelsstill“ mag manchmal etwas absurd wirken, doch letztendlich ist es Julis Geschichte, ihre Welt, wie sie sie wahrnimmt. Das Trio Juli, Sophie und Philipp bewegt sich aus seiner Komfortzone heraus, entflieht seinen Mustern und Strukturen, ist aber nie gänzlich frei. In „Fuchsteufelsstill“ beeindruckt Niah Finnik mit ihrem wundervoll poetischen Schreibstil, der uns eine Gedankenwelt näherbringt, die so komplex ist, dass es manchmal schwer wird wirklich jedes Detail zu erfassen. Zwischen all den Sinneseindrücken findet Finnik einen Mittelweg, der diesen Roman zu etwas ganz Besonderem macht: Zu einem kleinen literarischen Schatz.

Fuchsteufelsstill von Niah Finnik
304 Seiten (Klappenbroschur)
Verlag: Ullstein
Erschienen: April 2017
ISBN: 9783961010035

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Ullstein Verlag und Netgalley für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens

Die siebzehnjährige Victoria hat eine Affäre mit ihrem Musiklehrer. Ihre Freundinnen sehen sich durch dieses unerhörte Ereignis auf einen Schlag mit der Macht ihrer Weiblichkeit konfrontiert. Plötzlich stehen die Mädchen im Rampenlicht der Öffentlichkeit, in dem die kleinste Bewegung zu einer Darbietung wird und das noch den intimsten Ort in eine Bühne verwandelt. In der Theaterklasse kommt jemand auf die Idee, ein Stück über Victoria und den Musiklehrer zu inszenieren. Die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen geraten unerbittlich in Auflösung. Und schließlich kommt es zwischen Realität und Spiel zur Kollision. Die Anatomie des Erwachens erzählt vom sexuellen Erwachen und von der damit einhergehenden Entfesselung von Kräften, die schwer zu verstehen und noch schwerer zu bändigen sind. (Inhaltsangabe: btb)

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Eleanor Catton – Jahrgang 1985 – wurde in Kanada geboren, wuchs aber in Neuseeland auf. Sie studierte Englisch an der University of Canterbury und Kreatives Schreiben an der Victoria University of Wellington. Im Moment unterrichtet sie Kreatives Schreiben an der Manukau Institute of Technology. Ihr Debütroman „Die Anatomie des Erwachens“ (engl. The Rehearsal) fungierte als Masterarbeit und erschien 2008 auf dem englischen Buchmarkt. In Deutschland ist sie vor allem durch ihren 2013 erschienen Roman „Die Gestirne“ bekannt geworden, für den sie als jüngste Autorin aller Zeiten den Man-Booker-Preis erhielt.

Die Anatomie des Erwachens: Ein Roman über das Schauspiel des Erwachsenwerdens

Was Eleanor Catton hier mit gerade einmal Anfang zwanzig geschaffen hat, ist wahrlich bewundernswert. Im Fokus dieses Romans über das Erwachsenwerden stehen eine Reihe von Jugendlichen und ihre ersten Erfahrungen im Bereich Beziehung und – wie sollte es auch anders sein – Sexualität, die gleichzeitig aber auch erstickt und beeinflusst wird von den Vorstellungen, Ansichten und Leitlinien der Erwachsenen.

„Denn am Ende bricht alles zusammen. […] Für das Opfer, die Schülerin, die missbraucht wurde. Ringsum stürzt alles ein wie ein Kartenhaus.“
Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens, Seite 264

Im Fokus des Buches steht ein Skandal. Victoria, eine achtzehnjährige Schülerin, hat eine Affäre mit ihrem Musiklehrer. Sie wird von der Schule suspendiert, er verliert seinen Job. Der eigentliche Verlauf der Affäre bleibt hierbei im Dunkeln, verborgen hinter einer Reihe von anderen Geschichten und Perspektiven.

Entweder sie merkt, dass sie beobachtet wird; dann verändert sich unter der Beobachtung ihr Verhalten, bis das, was Sie sehen, nur noch eine Vorführung ist, die nichts mit der Realität zu tun hat. Und wenn sie nicht merkt, dass sie beobachtet wird, dann ist das, was Sie sehen, etwas Unvorbereitetes, nicht zur Vorführung Geeignetes, etwas Grobes und Unverfeinertes […].
Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens, Seite 191

Letztendlich aber fungiert der Skandal als Bindeglied zwischen zwei Handlungssträngen. Da wären die Saxophonlehrerin und ihr Studio, in dem sie ihre Schülerinnen nicht nur unterrichtet, sondern auch mit fast schon voyeuristischer Begeisterung beobachtet und seziert. Durch die Eltern der Schülerinnen als auch durch die jungen Mädchen selbst – eine davon Victorias Schwester Isolde – wird der Skandal in das Studio getragen, schwingt mit zwischen den Zeilen, vermischt sich mit den Geschichten der anderen Charaktere. Vorhang auf für den zweiten Haupthandlungsstrang: Eine Gruppe von Theaterstudenten nimmt die Affäre als Anlass, ein Stück zu inszenieren.

Ein Skandal lässt die Imagination zur Realität werden

Beweggründe, Verhaltensweisen und Charaktere werden zerlegt, auf körperlicher und emotionaler Ebene. Die Grenzen verschwimmen, Wahrheit und Fiktion vermischen sich. Keiner der Charaktere, die Catton zu Wort kommen lässt, weiß tatsächlich, was zwischen Victoria und dem Musiklehrer geschehen ist. Aus Fragmenten setzen sie sich ihre Version der Dinge zusammen, und auch der Leser selbst ist dazu verdammt, sich diesem Puzzlespiel zu stellen, bei dem Szenen langsam ineinander fallen wie ein Satz Spielkarten.

Es ist das Element der Gefahr, das jedes Glücksflattern in ihrer Brust in eine mächtige, pochende Furcht verwandeln wird. Das ist mein Trumpf: die Wucht ihres Gefühls, die gewaltige Freisetzung ihrer Beklemmung, wenn sie endlich kapituliert und reagiert,
Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens, Seite 248

Vergangenheit und Gegenwart überlappen, Imagination wird zu Realität, wenn sich die unterschiedlichen Perspektiven vermischen, und selbst die Ansichtsweisen der Erwachsenen, die in ihrer idealen Rollenwelt gefangen sind, in der sie selbst fehler- und tadellos daherkommen, unzuverlässig erscheinen.

Es gibt Menschen, die sehen nur die Rolle, die wir spielen, und es gibt Menschen, die sehen nur den Schauspieler dahinter. Und es ist etwas Seltenes und Merkwürdiges, wenn jemand die Fähigkeit besitzt, beides gleichzeitig zu sehen.
Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens, Seite 377

Catton testet mit „Die Anatomie des Erwachens“ die Grenzen des Erzählens, die Grenzen ihrer eigenen Fähigkeit als Schreiberin. Der Roman bietet bei aller Liebe keinen leichten Stoff, und gerade zu Beginn fühlt sich der Leser zwischen den einzelnen Fragmenten von Szenen und dem wechselnden Erzählstil, der den Ton der Teenager mit knallhartem Realismus und theatralischem Ausdruck vermischt, vor allem zu Beginn allein gelassen. Doch genau wie man den Charakteren Zeit lassen muss, ihre Ängste und ihr Verlangen zum Ausdruck zu bringen, muss sich der Leser selbst Zeit lassen, hinter die Kulissen zu schauen.

Die Anatomie des Erwachens ist genial und brutal ehrlich

In „Die Anatomie des Erwachens“ findet Eleanor Catton ihren ganz eigenen Ton, um eine Geschichte über das Erwachsenwerden zu erzählen. Mit einem Ohr für den Zauber der Sprache und der Macht des geschriebenen Wortes, dem Wissen um die Kraft der Musik und den Zauber des Theaters, hat Catton einen brutalen, ehrlichen und faszinierenden Roman geschaffen, der die eigene Selbstinszenierung und deren Wirkung nach außen untersucht, der wie die Jugendlichen in der Pubertät verschiedene Identitäten untersucht und fallen lässt. „Die Anatomie des Erwachens“ ist vielleicht nicht perfekt, doch was ist schon perfekt? Virtuos geschrieben ist Cattons Roman aber definitiv ein Werk, welches man lesen sollte.

Die Anatomie des Erwachens von Eleanor Catton
The Rehearsal
400 Seiten (Taschenbuch)
Übersetzung: Barbara Schaden
Verlag: btb
Erschienen: Juli 2016
ISBN: 978-3-442-74894-5

Ich bedanke mich ganz herzlich beim btb-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.