[Rezension] Maxim Biller: Sechs Koffer

In jeder Familie gibt es Geheimnisse und Gerüchte, die von Generation zu Generation weiterleben. Manchmal geht es dabei um Leben und Tod. In seinem neuen Roman erzählt Maxim Biller von einem solchen Gerücht, dessen böse Kraft bis in die Gegenwart reicht. »Sechs Koffer« – die Geschichte einer russisch-jüdischen Familie auf der Flucht von Ost nach West, von Moskau über Prag nach Hamburg und Zürich – ist ein virtuoses literarisches Kunststück. Aus sechs Perspektiven erzählt der Roman von einem großen Verrat, einer Denunziation. Das Opfer: der Großvater des inzwischen in Berlin lebenden Erzählers, der 1960 in der Sowjetunion hingerichtet wurde. Unter Verdacht: die eigene Verwandtschaft. (Inhaltsangabe: Kiepenheuer & Witsch)


Cover: Kiepenheuer & Witsch

Die Tücken der Wahrheit

Die Mitglieder der Familie Biller sitzen alle auf gepackten Koffern. Ein Verrat führt zur Hinrichtung des Großvaters unseres Erzählers und zur Flucht der Söhne aus Prag. Es kommt zur Zerstreuung, nach Deutschland, Schweiz, England, Kanada. Doch die Familie wird von einem großen Geheimnis zusammengehalten, welches der Erzähler zu enthüllen versucht: Wer trägt die Verantwortung am Tod des Großvaters.

Die Suche nach dem schwarzen Schaf räumt jedem Verdächtigen ein eigenes Kapitel im Roman ein. Mal steht der eine unter Verdacht, mal der andere. Ein jeder wird kritisch ins Visier genommen, selbst der kleinste Fehltritt wird ins Rampenlicht gerückt. Ablenkungsmanöver? Durchaus, denn selbst ungeliebte Charaktere werden in ihren eigenen Geschichten zu liebenswerten Figuren.

Mit einer einfachen, zärtlichen Erzählweise, aber auch mit einer gewissen Distanz und Strenge schafft Biller ein Netz aus Verstrickungen, nur um bereits gefestigte Meinungen, Ansichten und Theorien wieder über Bord zu werfen. Die Inszenierung dieses Sachverhalts, das ständige Auf und Ab im Kreis der Verdächtigen, ist wirklich mehr als gelungen.

Marionetten in einem Misstrauensspiel

Dabei ist der Erzähler selbst – wie auch der Leser – zwiegespalten und kann den wahren Verräter nicht einfach aufspüren. Es herrscht Misstrauen an jeder Ecke und fast schon wirken die Figuren wie Marionetten in einem Spiel, das von einer unsichtbaren Hand gelenkt wird. Vielleicht sogar ein gewollter Effekt, denn es findet sich im Roman eine Anspielung auf die berühmten tschechischen Marionetten Speibl und Hurvinek – Vater und Sohn, welche oft melancholische aber vor allem seltsam absurde Dialoge führen.

Der Wahrheitsgehalt hinter den einzelnen Geschichten der Verdächtigen bleibt im Verborgenen, und auch ob dieses oder jenes Detail über einen anderen potentiellen Verräter der Realität entspricht, wird nicht geklärt. Stattdessen bleibt der fahle Beigeschmack kleiner Ungereimtheiten zurück – Details, die nicht zusammenpassen wollen, wie die Farbe eines Kühlschranks, der ja nach Erzählperspektive mal die eine, mal die andere Farbe hat.

Billers Roman ist Unterhaltungsliteratur, die mit den Erwartungen des Lesers spielt, viel will und doch nicht alles erreicht, denn trotz der geschickten Konstruktionen bleiben einige Charaktere im eindimensionalen Hafen der Klischees vor Anker. Viel wird der ganz eigenen Interpretation überlassen. Welcher der einzelnen Figuren nun Glauben geschenkt wird, liegt im Auge des Betrachters. Doch wer weiß schon, wem man tatsächlich trauen kann?


MAXIM BILLER


Der deutsche Schriftsteller und Kolumnist Maxim Biller wurde 1960 als Kind russisch-jüdischer Eltern in Prag geboren und kam im Alter von 10 Jahren mit seinem Vater, seiner Mutter und seiner Schwester nach Deutschland. Er studierte Literatur in Hamburg und München, und schrieb nach seinem Studium an der Deutschen Journalistenschule in München u.a. für Tempo, Spiegel und Die Zeit. Einem großen Publikum ist er vor allem auch durch das Literarische Quartett beim ZDF bekannt, bei dem er bis Dezember 2016 regelmäßiger Teilnehmer war. Von 1990 an veröffentlichte er regelmäßig Romane, Erzählungen, Novellen und andere literarische Werke. Mit seinem 2018 erschienenen Roman Sechs Koffer stand Biller auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018.


 

 

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