[#BuchDate Rezension] Marc Elsberg: Blackout – Morgen ist es zu spät

An einem kalten Februartag brechen in Europa alle Stromnetze zusammen. Der totale Blackout. Der italienische Informatiker Piero Manzano vermutet einen Hackerangriff und versucht, die Behörden zu warnen – erfolglos. Als Europol-Kommissar Bollard ihm endlich zuhört, tauchen in Manzanos Computer dubiose Emails auf, die den Verdacht auf ihn selbst lenken. Er ist ins Visier eines Gegners geraten, der ebenso raffiniert wie gnadenlos ist. Unterdessen liegt ganz Europa im Dunkeln, und der Kampf ums Überleben beginnt… (Inhaltsangabe: Blanvalet)

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Buch-Dates, einer Aktion von Zeilenende und Wortgeflumselkritzelkram. Ich selbst erhielt 3 Empfehlungen von Zeilenende höchstpersönlich – nachdem ich zunächst „Haus ohne Hüter“ begonnen habe, wurde dann doch „Blackout“ mein Date. Warum? Weil ich für „Haus ohne Hüter“ einfach mehr Zeit brauche. Viel mehr Zeit. „Blackout“ war aber keinesfalls ein Fehlgriff, im Gegenteil. Aber lest selbst!

Hier geht’s zum Sammelbeitrag für alle im Rahmen des Buch-Dates erscheinenden Rezensionen! (Link)

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Marc Elsberg, in Wien geboren, war Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg sowie Kolumnist der österreichischen Tageszeitung „Der Standard„. Bereits im Jahre 2000 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Saubermann„, damals noch unter seinem bürgerlichen Namen Marc Rafelsberger. Der Durchbruch gelang ihm mit „Blackout“ im Jahre 2012. Ihm folgten „Zero“ (2014) und „Helix“ (2016) nach. Sowohl „Blackout“ als auch „Zero“ wurden von „Bild der Wissenschaft“ als Wissensbuch des Jahres in der Rubrik Unterhaltung ausgezeichnet.

Was würdest du tun, wenn plötzlich der Strom weg wäre?

Kleinere Stromausfälle kennt wahrscheinlich jeder. Ab und an wird es eben dunkel, das Handy lädt nicht mehr, der Laptop Akku wird langsam leer, aber an sich nützt der Laptop ohne funktionierendes Internet so und so nicht viel. Das Telefon ist tot, das Licht geht nicht mehr, im Kühlschrank ist es zwar dunkel, doch wenigstens – vorausgesetzt man lässt die Tür geschlossen – noch kalt genug.

Gern hätte er Europa jetzt aus der internationalen Weltraumstation ISS gesehen. Wo sonst die feinen Adern und leuchtenden Knoten des Lichtsystems bis ins All strahlten, musste über weiten Flächen Dunkelheit liegen.
Marc Elsberg: Blackout, Seite 68

Meist gehen diese Episoden schnell vorbei, oder der Notstrom der Stromanbieter wird zugeschalten. Oftmals passieren solche Ausfälle mitten in der Nacht – wer nicht gerade wach ist, arbeitet oder draußen unterwegs ist, bekommt davon in der Regel nichts mit.

Doch was ist, wenn der Strom nicht zurück kommt? Was ist, wenn die Ausfälle über Tage anhalten, und nicht nur einzelne Gebiete, sondern das ganze Land – oder, wie bei Marc Elsberg, ganz Europa – betreffen?

Dystopie? Thriller? Wissenschaftsroman?

So ganz sicher ist die Einordnung von „Blackout“ nicht, hat der Roman doch von allem etwas zu bieten: düstere Zukunftsvisionen, wissenschaftliche und technische Details, ein wenig Spannung hier und da. Ein wenig? Ja, denn so ein richtiger Thriller, der einem die Luft zum atmen nimmt und einen nicht mehr loslässt, ist „Blackout“ meiner Meinung nach eher nicht.

Diese sprachlose Gesellschaft, die keine mehr war, weil ihr die Gemeinsamkeiten abhandengekommen waren, in ihrer verzweifelten Sucht nach Betäubung durch immer mehr, durch ewiges Wachstum, war am Ende ihres Weges angelangt.
Marc Elsberg: Blackout, Seite 492

Stattdessen liefert Marc Elsberg hier ein grandios recherchiertes Was-wäre-wenn-Szenario, das mir persönlich den einen oder anderen Schauer über den Rücken gejagt hat, wann immer ich mich auf die Situation eingelassen habe. Denn erschreckend ist die Vorstellung, plötzlich quasi den Motor hinter unserer Gesellschaft zu verlieren, auf jeden Fall. Vielleicht – nein, eigentlich nicht vielleicht – sind wir Europäer einfach auch zu verwöhnt. Fließendes Wasser, 24 Stunden Strom, Internet, Telefon, Autos, Benzin in Hülle und Fülle, Ampeln, Leuchtreklamen, Straßenlaternen – all das ist selbstverständlich für uns. Wir machen uns gar keine Gedanken darüber, was wir tun würden, wenn diese Selbstverständlichkeit plötzlich über Nacht verschwindet.

Und die Realität?

Elsberg erörtert in „Blackout“ das gesamte Spektrum der Folgen eines Stromausfalls, sowohl auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, als auch menschlicher Ebene, und geht auch kurz auf eine Studie des Bundestages ein, die sich tatsächlich mit dem Thema befasst: Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – am Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung (Link). Doch an der Bevölkerung gehen solche Studien oft vorbei. Oder werden nicht ernst genommen. „Uns passiert das doch nicht!“ – Ein Standardargument. Oder hält sich jemand an die Empfehlungen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, welches sogar eine Checkliste für den Ernstfall anbietet?

Ihre Rufe wurden nicht leiser. Im Gegenteil, sie schienen an Wucht zuzunehmen. Wie Wellen von stürmischer See, die den Gewittersturm ankündigten, ein um das andere Mal an die Klippen brandeten, jedes Mal höher, tosender.
Marc Elsberg: Blackout, Seite 635

Fakt ist: „Blackout“ hat mich zum Nachdenken gebracht. Dazu, meinem Umfeld und den Selbstverständlichkeiten wie Strom und Wasser mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Schaden kann es nicht.

Zwar hat „Blackout“ ein paar Schwächen – viele verschiedene Handlungsorte und -stränge, die es schwer machen, den einzelnen Personen zu folgen, teilweise eher farblos bleibende Charaktere und eine Menge Fakten, die mich persönlich nicht gestört haben, im Gegenteil, aber so manch anderen Lesern, die einen schnellen und leichten Roman erwarten, vielleicht etwas negativ aufstoßen könnten. Letztendlich aber wurde „Blackout“ nicht umsonst u.a. von „Bild der Wissenschaft“ ausgezeichnet und ist ein interessantes literarisches Experiment, welches definitiv zum Nachdenken anregt. Ich habe das Lesen nicht bereut.

Blackout: Morgen ist es zu spät von Marc Elsberg
800 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Blanvalet
Erschienen: Juni 2013 (Erst-VÖ: März 2012)
ISBN: 978-3-442-38029-9

Weitere Rezensionen auf:

[Rezension] Niah Finnik: Fuchsteufelsstill

Die siebenundzwanzigjährige Juli steht mitten im Leben – manchmal sogar ein bisschen zu sehr. Sie ist Autistin und jeder Tag bedeutet eine gewaltige Masse an Emotionen, die es zu meistern gilt. Als Juli nach einem missglückten Suizidversuch auf eine psychiatrische Station kommt, trifft sie dort auf die überschwänglich-herzliche Sophie und auf Philipp, der mal mehr und mal weniger er selbst, aber stets anziehend für Juli ist. Die drei nehmen Reißaus und verbringen ein gemeinsames Wochenende, nachdem nichts mehr so ist wie zuvor. (Inhaltsangabe: Ullstein Buchverlage)

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Niah Finnik, geboren 1988, studierte Industriedesign und ist, wie die Protagonistin ihres Debütromans „Fuchsteufelsstill“ (2017) Autistin. Ihre besondere Sicht auf die Welt kennzeichnet auch Finniks Schreiben. Inzwischen arbeitet sie an weiteren Romanprojekten.

Das Autismus-Spektrum und seine Facetten

Bei Autismus bzw. der Autismus-Spektrum-Störung handelt es sich um eine vielgestaltige, komplexe neurologische Entwicklungsstörung, bei der zwischen Frühkindlichem Autismus, Asperger-Syndrom und Atypischem Autismus unterschieden wird, wobei der Begriff Autismus-Spektrum-Störung immer mehr die frühere Klassifikation ablöst, da die Übergange zwischen den früher bekannten „Krankheitsbildern“ immer fließender werden. In erster Linie handelt es sich um eine Störung der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung, die die soziale Interaktion, die Kommunikation und das soziale Verständnis beeinflusst.

Psychische Störungen dagegen waren unsichtbar. Jeder hatte schon einmal Trauer, Angst und Freude erlebt, doch diese Gefühle waren nicht eins zu eins auf die Symptome einer psychischen Krankheit übertragbar. Freude glich keiner Manie, Trauer war weit von einer Depression entfernt, und Unsicherheit hatte nichts mit Autismus gemeinsam. Trotzdem dachte jeder, er könne mitreden. Ich hatte keinen Schimmer, warum Zwanghaftigkeit und Hysterie eine Krankheit waren, Intoleranz dagegen nicht.
(Niah Finnik: Fuchsteufelsstill, Pos. 1580-1584)

So komplex wie Autismus in all seinen Facetten, so vielfältig sind auch die Betroffenen. Finniks Hauptperson Juli findet Farben anstrengend – Reizüberflutung ist eine typische Begleiterscheinung – aber analysiert sich selbst. Gemütszustände definiert sie in Prozenten, Routinen und feste Abläufe sind ihr Anker, um durch den Tag zu kommen. Fehlt ein Teil ihrer Routine, wie zum Beispiel eine Zutat für das Frühstück, so isst Juli nicht. Der Ausbruch aus Mustern bedeutet für Juli das Aufleben ihrer Angst. Neue und unbekannte Dinge lassen ihre Angst Gestalt annehmen – ein pelziges Tier mit Krallen, das sie verfolgt.

Wo ist die Grenze zwischen normal und verrückt?

In der Tagesklinik, die sie nach ihrem Selbstmordversuch besucht, trifft Juli – neben Mia aus der Galaxie Anorexie – auf zwei Personen, die ihr geregeltes, nach festen Strukturen verlaufendes Leben aus der Bahn werfen. Sophie, die an einer bipolaren Störung leidet, und immer wieder ins manisch-depressive verfällt, ist das genaue Gegenteil von Juli. Laut, energiegeladen, mutig, offen. Wo Juli zurückschreckt, nimmt Sophie die Dinge einfach in die Hand. Philipp, der dritte in diesem ungewöhnlichen Bunde, leidet an Schizophrenie, entfernt verdeutlicht durch seine unterschiedlichen Verhaltensmuster und Reaktionen.

Je mehr Zeit ich mit Menschen verbrachte, desto mehr schien ich mich in einen Igel zu verwandeln. Sobald das Chaos um mich herum zu groß wurde, rollte ich mich ein und versank in meinen Gedanken.
(Niah Finnik: Fuchsteufelsstill, Pos. 1451-1452)

Finnik könnte hier den Weg einschlagen, den viele Leser erwarten würden, und eine Geschichte erzählen, die letztendlich die Akzeptanz des Anders-seins vermitteln soll, denn Krankheiten definieren nicht den Menschen. Doch Finnik wählt eine andere Route. Ihre Charaktere streben nicht nach Verständnis. Warum auch? Irgendwie ist ja jeder Mensch ein bisschen verrückt, und wo genau ist denn die Grenze zwischen normal und verrückt?

Menschen, die von psychischen Krankheiten betroffen sind, werden oft mit den typischen Vorurteilen unserer Gesellschaft konfrontiert: Sie werden ausgeschlossen, missverstanden, sind selbst Schuld an ihrer Krankheit. „Stell dich nicht so an“ ist nur einer dieser Sätze, die diesbezüglich bestimmt schon einige Betroffene über sich ergehen lassen mussten. Es mangelt oft an Verständnis, denn anders als bei körperlichen Krankheiten ist hier der Gesundheitszustand oft nicht direkt erkennbar.

Fuchsteufelsstill ist ein Romandebüt, das sich mit seiner poetischen Leichtigkeit einem ernsten Thema widmet

Trotz der doch eigentlich ernsten Thematik verhilft Finniks Schreibstil „Fuchsteufelsstill“ zu einer gewissen Leichtigkeit. Fast schon poetisch beschreibt sie die Welt, die Juli sieht. Als eher gehemmter, ruhiger und verschlossener Mensch ist Juli eine nüchterne Beobachterin, doch die Flut von Fakten und Bildern, die selbst kleine Worte in ihrem Kopf auslösen, ist überwältigend. Julis Welt ist wie das Bild ihrer „Krankheit“ ein Spektrum voller Reize, Farben, Fakten, Menschen. Ein Spektrum, das sie oft zu überwältigen droht.

Wenn das Gehirn durch einen Defekt gestört wurde, hieß das vor allem, keine Wahl zu haben. Es war unmöglich, eine Auszeit von sich selbst zu nehmen, ebenso unmöglich war es, alle Gedanken und Taten zu kontrollieren. Manche passierten einfach.
(Niah Finnik: Feuchsteufelsstill, Pos. 965-966)

Die Handlung in „Fuchsteufelsstill“ mag manchmal etwas absurd wirken, doch letztendlich ist es Julis Geschichte, ihre Welt, wie sie sie wahrnimmt. Das Trio Juli, Sophie und Philipp bewegt sich aus seiner Komfortzone heraus, entflieht seinen Mustern und Strukturen, ist aber nie gänzlich frei. In „Fuchsteufelsstill“ beeindruckt Niah Finnik mit ihrem wundervoll poetischen Schreibstil, der uns eine Gedankenwelt näherbringt, die so komplex ist, dass es manchmal schwer wird wirklich jedes Detail zu erfassen. Zwischen all den Sinneseindrücken findet Finnik einen Mittelweg, der diesen Roman zu etwas ganz Besonderem macht: Zu einem kleinen literarischen Schatz.

Fuchsteufelsstill von Niah Finnik
304 Seiten (Klappenbroschur)
Verlag: Ullstein
Erschienen: April 2017
ISBN: 9783961010035

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Ullstein Verlag und Netgalley für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens

Die siebzehnjährige Victoria hat eine Affäre mit ihrem Musiklehrer. Ihre Freundinnen sehen sich durch dieses unerhörte Ereignis auf einen Schlag mit der Macht ihrer Weiblichkeit konfrontiert. Plötzlich stehen die Mädchen im Rampenlicht der Öffentlichkeit, in dem die kleinste Bewegung zu einer Darbietung wird und das noch den intimsten Ort in eine Bühne verwandelt. In der Theaterklasse kommt jemand auf die Idee, ein Stück über Victoria und den Musiklehrer zu inszenieren. Die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen geraten unerbittlich in Auflösung. Und schließlich kommt es zwischen Realität und Spiel zur Kollision. Die Anatomie des Erwachens erzählt vom sexuellen Erwachen und von der damit einhergehenden Entfesselung von Kräften, die schwer zu verstehen und noch schwerer zu bändigen sind. (Inhaltsangabe: btb)

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Eleanor Catton – Jahrgang 1985 – wurde in Kanada geboren, wuchs aber in Neuseeland auf. Sie studierte Englisch an der University of Canterbury und Kreatives Schreiben an der Victoria University of Wellington. Im Moment unterrichtet sie Kreatives Schreiben an der Manukau Institute of Technology. Ihr Debütroman „Die Anatomie des Erwachens“ (engl. The Rehearsal) fungierte als Masterarbeit und erschien 2008 auf dem englischen Buchmarkt. In Deutschland ist sie vor allem durch ihren 2013 erschienen Roman „Die Gestirne“ bekannt geworden, für den sie als jüngste Autorin aller Zeiten den Man-Booker-Preis erhielt.

Die Anatomie des Erwachens: Ein Roman über das Schauspiel des Erwachsenwerdens

Was Eleanor Catton hier mit gerade einmal Anfang zwanzig geschaffen hat, ist wahrlich bewundernswert. Im Fokus dieses Romans über das Erwachsenwerden stehen eine Reihe von Jugendlichen und ihre ersten Erfahrungen im Bereich Beziehung und – wie sollte es auch anders sein – Sexualität, die gleichzeitig aber auch erstickt und beeinflusst wird von den Vorstellungen, Ansichten und Leitlinien der Erwachsenen.

„Denn am Ende bricht alles zusammen. […] Für das Opfer, die Schülerin, die missbraucht wurde. Ringsum stürzt alles ein wie ein Kartenhaus.“
Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens, Seite 264

Im Fokus des Buches steht ein Skandal. Victoria, eine achtzehnjährige Schülerin, hat eine Affäre mit ihrem Musiklehrer. Sie wird von der Schule suspendiert, er verliert seinen Job. Der eigentliche Verlauf der Affäre bleibt hierbei im Dunkeln, verborgen hinter einer Reihe von anderen Geschichten und Perspektiven.

Entweder sie merkt, dass sie beobachtet wird; dann verändert sich unter der Beobachtung ihr Verhalten, bis das, was Sie sehen, nur noch eine Vorführung ist, die nichts mit der Realität zu tun hat. Und wenn sie nicht merkt, dass sie beobachtet wird, dann ist das, was Sie sehen, etwas Unvorbereitetes, nicht zur Vorführung Geeignetes, etwas Grobes und Unverfeinertes […].
Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens, Seite 191

Letztendlich aber fungiert der Skandal als Bindeglied zwischen zwei Handlungssträngen. Da wären die Saxophonlehrerin und ihr Studio, in dem sie ihre Schülerinnen nicht nur unterrichtet, sondern auch mit fast schon voyeuristischer Begeisterung beobachtet und seziert. Durch die Eltern der Schülerinnen als auch durch die jungen Mädchen selbst – eine davon Victorias Schwester Isolde – wird der Skandal in das Studio getragen, schwingt mit zwischen den Zeilen, vermischt sich mit den Geschichten der anderen Charaktere. Vorhang auf für den zweiten Haupthandlungsstrang: Eine Gruppe von Theaterstudenten nimmt die Affäre als Anlass, ein Stück zu inszenieren.

Ein Skandal lässt die Imagination zur Realität werden

Beweggründe, Verhaltensweisen und Charaktere werden zerlegt, auf körperlicher und emotionaler Ebene. Die Grenzen verschwimmen, Wahrheit und Fiktion vermischen sich. Keiner der Charaktere, die Catton zu Wort kommen lässt, weiß tatsächlich, was zwischen Victoria und dem Musiklehrer geschehen ist. Aus Fragmenten setzen sie sich ihre Version der Dinge zusammen, und auch der Leser selbst ist dazu verdammt, sich diesem Puzzlespiel zu stellen, bei dem Szenen langsam ineinander fallen wie ein Satz Spielkarten.

Es ist das Element der Gefahr, das jedes Glücksflattern in ihrer Brust in eine mächtige, pochende Furcht verwandeln wird. Das ist mein Trumpf: die Wucht ihres Gefühls, die gewaltige Freisetzung ihrer Beklemmung, wenn sie endlich kapituliert und reagiert,
Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens, Seite 248

Vergangenheit und Gegenwart überlappen, Imagination wird zu Realität, wenn sich die unterschiedlichen Perspektiven vermischen, und selbst die Ansichtsweisen der Erwachsenen, die in ihrer idealen Rollenwelt gefangen sind, in der sie selbst fehler- und tadellos daherkommen, unzuverlässig erscheinen.

Es gibt Menschen, die sehen nur die Rolle, die wir spielen, und es gibt Menschen, die sehen nur den Schauspieler dahinter. Und es ist etwas Seltenes und Merkwürdiges, wenn jemand die Fähigkeit besitzt, beides gleichzeitig zu sehen.
Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens, Seite 377

Catton testet mit „Die Anatomie des Erwachens“ die Grenzen des Erzählens, die Grenzen ihrer eigenen Fähigkeit als Schreiberin. Der Roman bietet bei aller Liebe keinen leichten Stoff, und gerade zu Beginn fühlt sich der Leser zwischen den einzelnen Fragmenten von Szenen und dem wechselnden Erzählstil, der den Ton der Teenager mit knallhartem Realismus und theatralischem Ausdruck vermischt, vor allem zu Beginn allein gelassen. Doch genau wie man den Charakteren Zeit lassen muss, ihre Ängste und ihr Verlangen zum Ausdruck zu bringen, muss sich der Leser selbst Zeit lassen, hinter die Kulissen zu schauen.

Die Anatomie des Erwachens ist genial und brutal ehrlich

In „Die Anatomie des Erwachens“ findet Eleanor Catton ihren ganz eigenen Ton, um eine Geschichte über das Erwachsenwerden zu erzählen. Mit einem Ohr für den Zauber der Sprache und der Macht des geschriebenen Wortes, dem Wissen um die Kraft der Musik und den Zauber des Theaters, hat Catton einen brutalen, ehrlichen und faszinierenden Roman geschaffen, der die eigene Selbstinszenierung und deren Wirkung nach außen untersucht, der wie die Jugendlichen in der Pubertät verschiedene Identitäten untersucht und fallen lässt. „Die Anatomie des Erwachens“ ist vielleicht nicht perfekt, doch was ist schon perfekt? Virtuos geschrieben ist Cattons Roman aber definitiv ein Werk, welches man lesen sollte.

Die Anatomie des Erwachens von Eleanor Catton
The Rehearsal
400 Seiten (Taschenbuch)
Übersetzung: Barbara Schaden
Verlag: btb
Erschienen: Juli 2016
ISBN: 978-3-442-74894-5

Ich bedanke mich ganz herzlich beim btb-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Cameron Bloom & Bradley Trevor Greive: Penguin Bloom

Wie ein kleiner Vogel einer Familie die Lebensfreude zurückschenkte

Penguin Bloom ist schon jetzt ein absoluter Publikumsliebling. Die lustigen, einfach zauberhaften Fotos der frechen Elster und ihrer australischen Adoptivfamilie gingen über die sozialen Medien durch die ganze Welt. Was die Fans nicht kennen, ist die bewegende Geschichte hinter den großartigen Bildern. Es ist die wahre Geschichte der Familie Bloom, die nach einem tragischen Unfall beinahe zerbricht und durch den witzigen kleinen Vogel namens Penguin gerettet wird. (Inhaltsangabe: Knaus)

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Der Australier Cameron Bloom begann seine Karriere als Surf-Fotograf, und reiste später als Fotograf durch die ganze Welt. Seine Arbeiten wurden in internationalen Zeitschriften wie Harper’s Bazaar, Vogue und dem Gourmet Traveller veröffentlicht. „Penguin Bloom“ ist sein erstes Buch. Bradley Trevor Greive wurde in Tasmanien geboren, und gilt seit der Veröffentlichung seines Buches „The Blue Day Book“ als internationaler Bestsellerautor, dessen Werke in über 100 Ländern erschienen sind. Im Jahr 2014 wurde ihm der Order of Australia für seinen Beitrag zur Literatur und zum Naturschutz verliehen.

Cameron Bloom und Sam Bloom: Das Märchen einer Liebe

Die Geschichte von Cameron und Sam beginnt wie im Märchen. Die beiden verlieben sich, heiraten, gründen eine Familie. Ihre Liebe ist die eine, erste, perfekte Liebe, die in Literatur und Film oft erzählt wird, aber die man nie so ganz glauben mag. Für Sam und Cameron ist ihre Liebe aber eben genau so eine Romanze.

Sam war meine erste, letzte und einzige Freundin, die zählte – ich wusste, dass ich die Liebe meines Lebens gefunden hatte.
Cameron Bloom: Penguin Bloom, Seite 13

Das Ehepaar reist viel und mit großer Leidenschaft. Für Cameron als Fotograf bietet jeder Trip zusätzlich noch die Möglichkeit, atemberaubende Fotos zu schießen. Doch das Reisen muss der Aufmerksamkeit weichen, welche die stetig wachsende Familie Bloom verlangt. Und beide Elternteile, sowohl Sam als auch Cameron, sehen darin keinen Nachteil. Wie wichtig Familie für die Blooms ist, wird in diesem Buch immer wieder deutlich.

Als die Kinder alt genug sind, soll eine Urlaubsreise nach Thailand das Fernweh in den Kindern wecken, und in den Eltern befriedigen. Doch was als kleiner Traum beginnt, entwickelt sich zum großen Unglück. Ein lockeres Geländer, ein Sturz in mehrere Meter Tiefe. Eine schwerwiegende Schädelverletzung, Wirbelsäulenschaden, Rollstuhl. Sam, Powerfrau und Energiebündel, ist nach über einem halben Jahr Krankenhaus an den Rollstuhl gefesselt, gelähmt und unfähig, ihre Beine zu bewegen.

Ein Schicksalsschlag, der eine Familie auf eine harte Probe stellt

Cameron Bloom erzählt davon, wie das Schicksal, das seine Frau erleiden musste, nicht nur sie selbst, sondern auch die Familie beeinflusst. Schmerzen und Verzweiflung quälen Sam, sie verfällt in Depression, verliert jede Energie.

Doch dann kommt Penguin in das Leben der Familie. Die kleine australische Elster fällt als kleines Vogelküken aus ihrem Nest, bricht sich den Flügel, und wird von Familie Bloom aufgenommen. Penguin wird zum Symbol der Hoffnung und Stärke, vor allem für Sam. Gemeinsam gehen die beiden ihren Weg, schreiten wieder voran ins Leben.

Engel gibt es in allen Formen und Größen.
Cameron Bloom: Penguin Bloom, Seite 31

Penguin gibt Sam Hoffnung, und Cameron Bloom gelingt es mit seinen Fotografien, die Geschichte von Penguin Bloom perfekt einzufangen. Die Bilder zeigen nicht nur, wie sehr sich Penguin selbst in ihre neue Familie integriert – bei der sie nun, als inzwischen ausgewachsene Vogeldame mit eigenen Kindern nicht mehr wohnt, sie aber immer noch erkennt – sie dienen auch als bildliche Veranschaulichung von Sams Schwierigkeiten, im Alltag wieder zurechtzukommen.

Penguin Bloom: Die Social Media Sensation

Penguin Bloom“ ist ein wundervolles Buch, das eine bewegende und vor allem wahre Geschichte erzählt, und nebenbei noch großartige Fotografien zu bieten hat. Abgerundet wird das Werk von einem Epilog von Sam Bloom persönlich, der sozusagen ihre Seite der Geschichte darlegt, und sich an all jene richtet, die mit Krankheitsgeschichten wie ihrer eigenen konfrontiert werden, sei es persönlich oder im nahen Umfeld. Ihre Worte gehen ans Herz, genau wie jede Fotografie, jeder Text im Buch.

Und wie verloren, einsam, besiegt oder verletzt wir uns auch immer fühlen mögen – wenn wir die Liebe der anderen annehmen und auch sie so sehr lieben, wie es uns möglich ist, wird das helfen, uns wieder ganz werden zu lassen.
Cameron Bloom: Penguin Bloom, Seite 168

Penguin Bloom“ hat viele Facetten: Tiergeschichte, Drama, Liebesgeschichte, Familienroman, Komödie. Aber „Penguin Bloom“ ist vor allem eines: Die wahre Geschichte einer Familie, voller Höhen und Tiefen, und trotz größter Probleme voller Hoffnung. Denn ein Licht am Ende des Tunnels gibt es immer. So hat Sam Bloom an den Weltmeisterschaften im Paracanoe teilgenommen.

Penguin Bloom von Cameron Bloom und Bradley Trevor Riley
Penguin Bloom: The Odd Little Bird who saved a Family
208 Seiten (Hardcover)
Übersetzung: Ralf Pannowitsch
Verlag: Knaus
Erschienen: Februar 2017
ISBN: 978-3-8135-0761-4

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Knaus-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

 

[Rezension] S. Jae-Jones: Wintersong

All her life, Liesl has heard tales of the beautiful, dangerous Goblin King. They’ve enraptured her mind, her spirit, and inspired her musical compositions. Now eighteen and helping to run her family’s inn, Liesl can’t help but feel that her musical dreams and childhood fantasies are slipping away. But when her own sister is taken by the Goblin King, Liesl has no choice but to journey to the Underground to save her. Drawn to the strange, captivating world she finds—and the mysterious man who rules it—she soon faces an impossible decision. And with time and the old laws working against her, Liesl must discover who she truly is before her fate is sealed. (Synopsis: Titan Books)

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S. Jae-Jones – auch JJ genannt – ist Künstlerin, Adrenalinjunkie und ehemalige Lektorin. Geboren in Los Angeles lebt sie nun in North Carolina. Sie ist eine der Mitveranstalterinnen für den Pub(lishing) Crawl Podcast, und rege in der Welt des Internets unterwegs, u.a. auf ihrem eigenen Blog, Twitter, Instagram und Facebook. „Wintersong“ ist ihr Romandebüt, und stieg auf Platz 3 der New York Times Bestsellerliste ein.

Der Hype um Wintersong – nur heiße Luft oder tolles Buch?

Bücher wie dieses, um die vor oder kurz nach dem Erscheinen ein riesiger Wirbel gemacht wird, werden oft mit Skepsis betrachtet. Ich selbst bilde da keine Ausnahme. Besonders wenn Vergleiche mit einem meiner liebsten Filme – Labyrinth mit David Bowie – gezogen werden. Doch „Wintersong“ ist keine Nacherzählung oder Neuinterpretation des Filmes, bei weitem nicht. „Wintersong“ erzählt seine ganz eigene Geschichte.

Of all my mortal emotions, hope was the worst.
(S. Jae-Jones: Wintersong Pos. 4160)

Ort der Handlung ist ein historisch angehauchtes Bayern – ein Fakt, der besonders für deutsche Leser amüsant und interessant ist, denn immer wieder streut Jae-Jones deutsche Wörter und Begriffe in ihre Sätze ein, um der Handlung noch einen Hauch von Realismus und Ästhetik zu verleihen.

Elisabeth, auch Liesl genannt, ist das älteste von drei Kindern, und hilft in der Gastwirtschaft ihrer Eltern. Ihre jüngere Schwester Käthe – viel hübscher und offener als Liesl, ist verlobt, weiß das aber nicht so recht zu schätzen. Ihr Bruder Josef ist das Wunderkind der Familie, dazu bestimmt ein großer Violinist zu werden. Auch Elisabeth hat Talent. Sie spielt Klavier, komponiert, bringt ihre Gefühle und Träume mit Melodien und Noten zu Papier. Doch ihr Vater würdigt ihr Talent nicht.

Neben Mythen und Legenden steht die Entwicklung von Elisabeth im Fokus

Als Person mag Elisabeth nicht unbedingt sofort sympathisch sein. So sehr sie ihre Geschwister liebt, ist so doch eifersüchtig. Auf die Chancen, die sie nie haben wird. Die Leichtigkeit, mit der Käthe durch die Welt zieht, das Talent und die Möglichkeit mit der Musik bekannt zu werden, so wie es Josef gegönnt ist. Ihr Verhalten wird von diesen Gefühlen bestimmt, die vielleicht nicht zu der Heldin eines Märchens passen, aber Liesl umso menschlicher machen. Gerade die nicht vorhandene Perfektion macht Liesl zu dem, was sie ist. Und macht letztendlich auch eine Geschichte wie „Wintersong“ möglich.

He was reality where everything else was a reflection.
(S. Jae-Jones: Wintersong Pos. 900)

Die Kinder der Familie sind aufgewachsen mit den Mythen und Erzählungen um den Goblin King – den Erlkönig – und immer wieder erinnert sich Liesl an ihre Kindheit und den Jungen der sie fragte, ob sie ihn heiraten will. Die Grenzen verschwimmen, der Schleier zwischen den Welten lichtet sich und so wie Liesl wird auch der Leser hineingezogen in die Unterwelt, in das Reich der Kobolde und ihres Königs.

Der Koboldkönig selbst – und hier zwingen sich die Vergleiche zu Labyrinth quasi auf – ist ein Mythos, eine Figur, die sich durch Volkssagen und Legenden zieht, immer da, immer präsent, manchmal im Dunkel verborgen, doch oft auch als Betrüger und Lügner agierend. Ein lebendes, atmendes Mysterium, welches selbst mit seinem Schicksal hadert, der höheren Macht, die ihm seinen Lebensweg aufzwingt. Denn selbst der Erlkönig ist nicht frei.

There is music in your soul. A wild and untamed sort of music that speaks to me. It defies all the rules and laws you humans set upon it. It grows from inside you, and I have a wish to set that music free.
(S. Jae-Jones: Wintersong Pos. 340-341)

Die Dynamik zwischen Elisabeth und dem Erlkönig zieht sich durch das gesamte Buch. Eine Freundschaft, zarte Gefühle, Vergessen, Verzweiflung, Tod. Geschickt bringt Jae-Jones hier die Musik als leitendes Motiv ein. Die Musik, die als Grund für das Zerwürfnis und die Spannungen zwischen Elisabeth und ihrer Familie fungiert, aber zugleich eine Verbindung zwischen Elisabeth und dem Erlkönig schafft, und das gesamte Arsenal an Gefühlen und Emotionen unterstreicht.

Wintersong: Musik als Bindeglied zwischen den Welten und den Charakteren

Manch ein Leser mag Romantik und Kitsch erwarten. Doch „Wintersong“ ist mehr. „Wintersong“ lässt Elisabeth wachsen, von dem unsicheren Mädchen voller Selbstzweifel, zu einer Frau, die sich nicht davor scheut ihre Wünsche in Worte zu fassen. Ja, Jae-Jones zieht Parallelen zu Labyrinth, aber auch andere Mythen und Märchen finden ihren Weg in die Geschichte. So erinnert die Reise von Liesl durch die Unterwelt und ihr Verbleiben dort an Hades und Persephone, ja, sogar an Orpheus und Eurydike. Auch Elemente von Die Schöne und das Biest oder auch Phantom der Oper finden sich immer wieder, und mischen sich zusammen mit dem lyrischen, wunderschönen und fast orchestralen Schreibstil von Jae-Jones zu einer ganz besonderen Geschichte.

Love kept the wheel of life turning. Love created bridges between worlds. If there was nothing else I had learned, I had learned that love was greater than the old laws.
(S. Jae-Jones: Wintersong Pos. 5173-5175)

In „Wintersong“ ist nichts wie es scheint, und so ist auch das Buch selbst nicht nur eine neue Variante einer alten Geschichte. „Wintersong“ ist ein Märchen, ein Musikstück, das den Leser gefangen nimmt, verzaubert und mitreißt. „Wintersong“ ist zart, gefühlvoll, hart und grausam. Ein Fest an Gefühlen und Stimmungen, für das man eine gewisse Grundeinstellung braucht, und für das ein direkter Vergleich mit Labyrinth meiner Meinung nach der falsche Weg ist. Für sich allein ist „Wintersong“ zauberhaft, und selbst das Ende wäre für mich persönlich so perfekt, auch wenn noch einige Mysterien genau das bleiben, was sie sind – geheimnisvoll und ungeklärt.

Wintersong von S. Jae-Jones
368 Seiten (Paperback)
Verlag: Titan Books
Erschienen: Februar 2017
ISBN: 9781785655449

[Rezension] Sophia Amoruso: #GIRLBOSS

It takes a Special Kind of stubbornness to suceed as an entrepreneur. And anyway, you don’t get what you don’t ask for.
(Sophia Amoruso: #GIRLBOSS Seite 41)

Sie verkörpert den Traum aller Mädchen – Sophia Amoruso ist hip, sexy und erfolgreiche Unternehmerin. Ihre Geschichte liest sich wie ein Märchen: Sie ist ein durchschnittlicher Teenager mit einem langweiligen Nebenjob, den sie wegen der Krankenversicherung macht. Bis sie mit Anfang 20 anfängt, auf eBay Kleidung zu verkaufen: Erst ein Stück, dann zwei, und im Nu werden es immer schneller immer mehr. Acht Jahre später ist Sophia Amoruso Geschäftsführerin von »Nasty Gal«, einem der erfolgreichsten Online-Versandhändler in der Modebranche, und eine Vorzeigeunternehmerin par excellence. Ihre außergewöhnliche und unglaublich steile Karriere hat sie in diesem sehr persönlichen Buch zu Papier gebracht. Offen, ehrlich und mit viel Humor blickt sie auf ihren nicht immer einfachen Weg nach oben zurück. Und macht jungen Frauen Mut: Auch ihr könnt das schaffen! (Inhaltsangabe: Redline Verlag)

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Sophia Amoruso wurde 1984 in San Diego, Kalifornien, geboren. Nachdem Depressionen und ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom festgestellt wurden, verließ Amoruso die Schule und wurde zu Hause unterrichtet. Mit 22 Jahren eröffnete sie ihren Ebay-Shop Nasty Gal Vintage, aus dem später der Onlineversand Nasty Gal hervorging. Nasty Gal wurde 2012 vom Inc. Magazine zu einer der am schnellsten wachsenden Firmen gekürt. Amoruso selbst zählte laut dem Forbes Magazin 2016 zu den reichsten Self-Made-Women der Welt.

#GIRLBOSS ist alles, nur kein typisches Selbsthilfebuch

Man mag über Sophia Amoruso denken, was man möchte. Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse – Amoruso trat als CEO von Nasty Gal zurück und die Firma Berichten zufolge im November 2016 eine Reorganisation der Finanzen unter Kapitel 11 des amerikanischen Insolvenzschutzgesetzes beantragte – mag ein Ratgeber in Sachen Erfolg als Geschäftsfrau etwas fehl am Platz sein. Jedoch sei zu sagen, dass #GIRLBOSS bereits 2014 auf dem englischsprachigen Buchmarkt erschienen ist, und es Amoruso trotz der jetzigen Probleme zunächst geschafft hat, ihr Unternehmen auszubauen und bekannt zu machen.

No matter where you are in life, you’ll save a lot of time by not worrying too much about what other People think about you. […] You is who you is, so get used to it.
(Sophia Amoruso: #GIRLBOSS Seite 141)

#GIRLBOSS ist definitiv kein reines Selbsthilfe- oder Ratgeberbuch, hat aber auch nichts mit simplen Memoiren gemeinsam. Amorusos Werk ist eher eine Mischung aus allen drei Komponenten, erzählt sie doch zumindest in Teilen auch ihre eigene Geschichte. Und diese Geschichte ist genau das, was der amerikanische Traum immer wieder propagiert: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Oder, im Fall von Sophia Amoruso, von der Gelegenheitsdiebin über einen Ebay-Shop zur Besitzerin eines kleinen Modeimperiums mit über 300 Mitarbeitern.

Sophia Amoruso erzählt in kurzen, prägnanten Sätzen ihre Erfolgsgeschichte und die von Nasty Gal

Die Sprache, die Amoruso für ihr Buch wählt, ist simpel. In kurzen, prägnanten Sätzen erzählt sie ihre Erfolgsgeschichte, und macht es auch Lesern eines jüngeren Semesters einfach, ihr zu folgen. Allerdings sind einige Tipps heutzutage schon wieder veraltete, und Plattformen wie Myspace, die damals merklich zum Erfolg von Amoruso und ihrer Marke beigetragen haben, sucht heute kein Mensch mehr auf. Der Grundgedanke allerdings bleibt: Marketing via Social Media ist ein Muss, vor allem wenn man eine junge, moderne Zielgruppe ansprechen will. Was für Amoruso Myspace war, wäre heute – vor allem in Modedingen – vielleicht Instagram.

Neben all dem Witz und den kleinen Botschaften, die Amoruso dem geneigten Leser bietet, wird aber eines immer wieder deutlich: Erfolg ohne harte Arbeit? Den gibt es nicht. Mit viel Einsatz hat Amoruso ihren Shop Nasty Gal zu dem gemacht, was er ist, hat sich immer wieder an den Wünschen ihrer Kunden orientiert, und ihr Konzept geändert, wenn es gefordert war.

[…] the whole philosophy behind this book is that true success lies in knowing your weaknesses and playing to your strenghts.
(Sophia Amoruso: #GIRLBOSS Seite 67)

#GIRLBOSS ist nicht perfekt. Auch Amoruso ist nicht perfekt. Aber sie hatte Erfolg mit ihrer Idee und ihrem Konzept, und dieses versucht sie dem Leser hier nahe zu bringen, wobei sie nicht nur auf Gründung und Führung eines Unternehmens eingeht, sondern auch ihre Einstellung und Meinung zur Personalsuche und zur Chef-Mitarbeiter-Balance innerhalb einer Firma gibt. Was man davon für sich mitnimmt, ist jedem selbst überlassen. Schnell zu lesen und interessant ist ihr Buch auf jeden Fall.

#GIRLBOSS von Sophia Amoruso
240 Seiten (Softcover)
Verlag: Redline Verlag (Deutsche Ausgabe); Penguin Portfolio (Engl. Ausgabe)
Erschienen: 2014/2015
ISBN: 978-3-86881-576-4 (Deutsch) 978-0143108597 (Engl.)