[Katja liest die Deutscher Buchpreis Shortlist] Robert Menasse: Die Hauptstadt #dbp17

In einem anderen Beitrag hatte ich bereits meine Idee angekündigt, die Werke auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 lesen zu wollen und habe die sechs nominierten Romane auch einmal kurz vorgestellt. Inzwischen bin ich mit meiner kleinen Leseaktion vorangekommen und stelle hier einmal kurz meine Eindrücke zu den einzelnen Büchern vor. So ganz nebenbei ist auch die Preisverleihung an mir vorbeigezogen und hat „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse als Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017 auserkoren.

Robert Menasse: Die Hauptstadt
Der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; »zu den Akten legen« wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten. (Inhaltsangabe: Suhrkamp Verlag)

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Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte Germanistik Philosophie und Politikwissenschaften und lehrte als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie an der Universität von Sao Paulo, wo er sich vor allem mit philosophischen und ästhetischen Theorien beschäftigte. Seit seiner Rückkehr lebt Menasse hauptsächlich in Wien als Literat und kulturkritischer Essayist. Seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Am Anfang war das Schwein

Die EU ist nicht zum ersten Mal Thema in einem Werk von Menasse. Bereits in Essays und Sachbüchern hat er sich als ein glühender Verfechter des Ursprungskonzeptes der EU erwiesen – umso überraschender der eher komödienhafte Aufbau seines Brüsselromans.

In einem gekonnt inszenierten Auftakt schickt Menasse ein Schwein durch Brüssel. Auf der wilden Hatz durch die Straßen der Stadt läuft das Schwein an so einigen Menschen vorbei, die sehr schnell als Akteure in diesem ungewöhnlichen Epos herausstellen. Menasse spinnt ein Netz aus Charakteren und Geschichten, schafft Verbindungen wo man zunächst gar keine erkennen kann.

Da ist zum Beispiel Fenia, die so gar nicht kulturinteressierte Dame, die unbedingt in eine bessere Position möchte und die Jahrestagsfeierlichkeiten als ihre Chance zum Aufstieg sieht. Da ist Kai-Uwe Frigge, mit dem Fenia etwas am Laufen hat, und der mit so einigen Wassern gewaschen ist. Oder Kriminalkommissar Brunfaut. Oder auch Mateusz Oswiecki, seines Zeichens Widerstandskämpfer. David de Vriend, an Demenz leidender Auschwitz-Überlebender. Martin Susmann, ein fast schon depressiver EU-Beamter. Oder Professor Erhardt.

Eine glühende Rede zur Rettung der EU

Professor Erhardt ist das, was Menasse in seinen Werken zur EU bisher immer war: ein glühender Verfechter des Systems Europa, welches sich wieder mehr auf das Gemeinsame beschränken sollte statt den eigenen Vorteil. Die Interessen der Gemeinschaft verfolgen, und nicht als Einzelkämpfer agieren.

In seiner Rede fordert Erhardt sogar die Errichtung einer neuen europäischen Hauptstadt in Auschwitz. Der ungewöhnliche Umgang mit dem Thema Auschwitz und Holocaust könnte bitter aufstoßen, wäre da nicht das Gegengewicht in der zutiefst feinfühlig erzählten Geschichte von David de Vriend. Statt sich über den Umgang des Romans mit der Thematik Gedanken zu machen, wird der Leser eher wachgerüttelt und hinterfragt sich selbst – die eigene Ignoranz, die gerade im derzeitigen weltpolitischen Klima mehr als gefährlich ist.

Menasse als Puppenspieler

In „Die Hauptstadt“ lenkt Menasse seine Figuren ganz geschickt. Von der ersten Seite an trägt jede Bewegung, jede Bemerkung, jedes ungesagte Wort seiner Hauptcharaktere zur Inszenierung seines Romanes bei. Alles hat seinen Grund und seine Berechtigung, jeder Charakter seine Aufgabe und jeder Handlungsstrang, sei er auch noch so absurd, seine Bedeutung.

Der Roman ist fabelhaft konstruiert, voller elegant geschriebener Pointen. Ein Gedankenexperiment der etwas anderen Art, ein Mix aus Komik, Tragik, Vergangenheit und Gegenwart – ein ambitioniertes Konstrukt, welches die Ansichten von Menasse in ein neues Gewand verpackt. „Die Hauptstadt“ mag zwar nicht mein absoluter Favorit sein, jedoch hat sich der Autor auf erfrischende Art und Weise einem Thema gewidmet, welches aktueller ist denn je. Allein deswegen ist der Roman zurecht durch den Buchpreis in den Fokus der Allgemeinheit gerutscht. Und mehr möchte ich eigentlich auch gar nicht verraten, denn „Die Hauptstadt“ sollte jeder für sich selbst entdecken.

Die Hauptstadt von Robert Menasse
459 Seiten (Hardcover)
Verlag: Suhrkamp
Erschienen: September 2017
ISBN: 978-3-518-42758-3

Aus gegebenem Anlass möchte ich hier auch noch die Kolumne von Mely Kiyak für Die Zeit in den Raum werfen, die sich mit dem Buchpreis, dem Thema des Gewinnerromans und der Handhabung dieser eigentlich sehr aktuellen Thematik durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

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[Katja liest die Deutscher Buchpreis Shortlist] Sasha Marianna Salzmann: Außer sich #dbp17

In einem anderen Beitrag hatte ich bereits meine Idee angekündigt, die Werke auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 lesen zu wollen und habe die sechs nominierten Romane auch einmal kurz vorgestellt. Inzwischen bin ich mit meiner kleinen Leseaktion vorangekommen und stelle hier einmal kurz meine Eindrücke zu den einzelnen Büchern vor.

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der kleinen Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims, stehlen Zigaretten aus den Zimmern fremder Familien und riechen an deren Parfumflaschen. Und noch später, als Alissa schon ihr Mathematikstudium in Berlin geschmissen hat, weil es sie vom Boxtraining abhält, verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul – ohne Text, ohne Absender. In der flirrenden, zerrissenen Stadt am Bosporus und in der eigenen Familiengeschichte macht sich Alissa auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht. (Inhaltsangabe und Coverbild: Suhrkamp Verlag)

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Sasha Marianna Salzmann wurde 1985 in Wolgograd geboren und emigrierte 1995 mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie studierte Literatur, Theater, Medien an der Universität Hildesheim und Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Salzmann ist Theaterautorin, Essayistin und Dramaturgin. Seit 2013 ist sie Hausautorin des Maxim Gorki Theaters in Berlin und war dort bis 2015 Künstlerische Leiterin des STUDIO Я. An „Außer sich„, ihrem Romandebüt, begann sie bereits 2012/2013 während eines Aufenthaltes in Istanbul zu arbeiten und beendete den Roman in den folgenden Jahren während mehrerer Türkeiaufenthalte.

Eine Zukunft voller Vorurteile

Eine sichere Zukunft für ihre Kinder. Bessere Chancen. Ein besseres Leben. Das ist es, was die Eltern von Ali und Anton antreibt – und was die Zwillinge von der Sowjetunion nach Deutschland bringt. Doch die Diskriminierung folgt ihnen bis auf den Schulhof. Heimat, Migration, Antisemitismus und Vorurteile sind zentrale Themen in dem Romandebüt von Salzmann.

Die Suche von Ali nach ihrem Bruder wird vielmehr zu einer Suche von Ali nach sich selbst. Was definiert uns als Mensch? Geschlecht? Herkunft? Religion? Lassen sich Lücken finden in diesem Netz? Lassen sich Konventionen und Ansichten aufbrechen? Der Titel des Romans, „Außer sich„, ist Programm. Es geht um Identität, um das eigene Selbst, um das, was man im Innern fühlt, und um das, was man nach außen trägt. Ein Hunger fast schon danach, das eigene Selbstempfinden zu erforschen.

Geschichte der Generationen

Salzmann schafft es, mit Ali eine Hauptperson zu kreieren, die den Leser dazu zwingt, alles in Frage zu stellen. Die eigenen Ansichten. Das eigene Selbst. Die eigene Wahrnehmung. Genau wie Ali sich selbst und ihr Geschlecht in Frage stellt. Die Sinneseindrücke und Erlebnisse, die sich durch Alis Geschichte ziehen, sind erschreckend und greifbar, so voller Substanz und Lebendigkeit wie man es nur selten in Form des geschriebenen Wortes erlebt.

Außer sich“ erstreckt sich über mehrere Generationen. In Form von Erinnerungen fließen die Geschichten von Valja und Kostja, den Eltern, Etina und Sascha, den Großeltern, in Alis Erzählung ein. Die einen müssen sich im Deutschland nach der Wende zurechtfinden. Die anderen waren dazu bestimmt, etwas Großes zu leisten, und arbeiteten als Ärzte im zweiten Weltkrieg – und mussten sich den Vorurteilen gegenüber Juden stellen.

Von der Suche nach der eigenen Identität

In diese Familiengeschichte fließt immer wieder die Realität. Ali in Istanbul. Die Proteste auf dem Taksim-Platz in der Türkei. Salzmann gelingt es, politische Themen einfließen zu lassen, ohne mit dem Finger auf bestimmte Personen zu zeigen. Ihre gesamte Prosa ist wie ihre Erzählung selbst: anders, verwinkelt und vertrackt, voll von russischen oder jüdischen Wortfetzen und Sätzen.

Was nach Familiengeschichte klingt, wird zu einer wahren Metamorphose, und ich bin immer noch erschüttert davon, wie viel Tiefe in etwas mehr als 360 Seiten stecken kann. Salzmann greift aktuelle Themen auf, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu agieren. Ihr Schreibstil ist lebendig, fließend, und ein Kunstwerk an sich. Genau wie „Außer sich“ ein Kunstwerk ist, bei dem die Grenzen verschwimmen, nicht nur auf zeitlicher und geschichtlicher Ebene, sondern auch zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Doch was bleibt letztendlich übrig? Um das herauszufinden, müsst ihr den Roman lesen. Und ich empfehle euch wärmstens, das auch zu tun!

Außer sich von Sasha Marianna Salzmann
366 Seiten (Hardcover)
Verlag: Suhrkamp
Erschienen: September 2017
ISBN: 978-3-518-42762-0

[Katja liest die Deutscher Buchpreis Shortlist] Marion Poschmann: Die Kieferninseln #dbp17

In einem anderen Beitrag hatte ich bereits meine Idee angekündigt, die Werke auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 lesen zu wollen und habe die sechs nominierten Romane auch einmal kurz vorgestellt. Inzwischen bin ich mit meiner kleinen Leseaktion vorangekommen und stelle hier einmal kurz meine Eindrücke zu den einzelnen Büchern vor.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln

Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts, steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, dass seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlusshandlung verlässt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um Abstand zu gewinnen. Dort fallen ihm die Reisebeschreibungen des klassischen Dichters Basho in die Hände, und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen. Auf der traditionsreichen Pilgerroute könnte er sich in der Betrachtung der Natur verlieren und seinen inneren Aufruhr hinter sich lassen. Aber noch vor dem Start trifft er auf den Studenten Yosa, der mit einer ganz anderen Reiselektüre unterwegs ist, dem Complete Manual of Suicide. (Inhaltsangabe und Coverbild: Suhrkamp Verlag)

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Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Slawistik, dazu noch Szenisches Schreiben an der Berliner Hochschule der Künste. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin und wurde für ihre Prosa und Lyrik vielfach ausgezeichnet. Ihr Roman „Die Sonnenposition“ stand bereits 2013 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Matsushima. Die Kieferninseln. Eine – vertraut man Reiseführern und Internetportalen – der drei schönsten Landschaften in Japan. Ein Gebiet mit ca. 250 Inseln, alle mit Kiefern bewachsen. Für die Japaner, bei denen die Betrachtung der Natur und deren Beschreibung als Kunstform gilt, üben die Kieferninseln eine wahre Anziehungskraft aus. Matsuo Basho, einer der bedeutendsten Haiku-Dichter der japanischen Literaturgeschichte, beschrieb diese Inseln auf seiner Reise – eine Reise, die auch Poschmanns Hauptcharakter Gilbert Silvester unternimmt.

Teetrinker und die Mystik

Die Umstände allerdings, die sind komplett verschieden. So bringt Gilbert – seines Zeichens übrigens Bartforscher im Rahmen eines Drittmittelprojektes – ein Traum dazu, Hals über Kopf nach Tokio zu fliegen. In ein Teetrinkerland, von dem er selbst als Verfechter der Kaffeekultur so gar nichts hält. Zu viel Mystik, wenig Handfestes. Gilbert ist stur, fast schon verbohrt in seinen Meinungen und Ansichten und nicht in der Lage, das eigene Verhalten zu hinterfragen. Warum regt sich seine Frau nur auf? Es ist schließlich sein gutes Recht zu verschwinden, nachdem sie ihn betrogen hat. Dass die Idee des Betruges nur auf einem Traum basiert, ist für Gilbert nicht von Bedeutung.

Gilberts schicksalhafte Reise wird zu einer Pilgerfahrt der besonderen Art als er auf den jungen Petrochemiestudenten Yosa Tamagotchi trifft, der sich aus Prüfungs- und Versagensangst vor den nächsten Zug werfen möchte. Yosa träumt von einem besseren Ort für sein Vorhaben, hält sich aber nicht würdig genug für die großen, schönen, bedeutungsvollen Plätze, die in seinem Handbuch zum Suizid vorgestellt werden.

Eine Pilgerfahrt durch Japan und eine Reise zu sich selbst

Während Gilbert immer wieder in seine von Vorurteilen nur so strotzenden Monologe verfällt, begeben sich die beiden auf eine Reise der etwas anderen Art. Gemeinsam mit Poschmanns Charakteren reist der Leser in den Selbstmordwald von Aokigahara, in städtische Grenzgebiete voller kalter Betonbauten und seelenloser Menschen, zum Fuji, der im Nebel verborgen bleibt und letztendlich in den Norden, zur Bucht von Matsushima, zu den Kieferninseln.

Poschmanns Zusammenprall der Kulturen ereignet sich sehr leise. Gilbert, der ewige Besserwisser, bedient sich all der Vorurteile und Ansichten, die man in Verbindung mit einem Land wie Japan haben könnte. Doch während die Grenzen zwischen Realität und Wirklichkeit verschwimmen, und man sich zwangsweise fragen muss, was real und was fiktiv ist – vor allem auch, ob der japanische Student mit dem ungewöhnlichen Nachnamen tatsächlich existiert – so wird auch Gilbert weicher, offener für seine Umgebung.

Die Kieferninseln ist Poesie

„Die Kieferninseln“ wirkt wie eine Mischung aus japanischer Beschreibungsgabe und der Wehmut der Romantik. Ihre Liebe zur Lyrik merkt man dem Schreibstil von Marion Poschmann deutlich an. Es fließt, es verschwimmt, Worte und Sätze sind mal melancholisch-schwer, mal federleicht und gefühlvoll. Sie spielt mit ihren Figuren, ohne sie komplett zu analysieren und zu erläutern. Ein paar Geheimnisse bleiben, die Interpretation und Deutung der Details, die im Roman verstreut werden, bleibt ganz allein dem Leser überlassen.

Marion Poschmann hat hier ein wundervolles, zartes Buch geschrieben, das mit Fiktion und Realität spielt und die Grenzen gekonnt verschwimmen lässt. Ein fast schon poetisches Buch, welches den Leser in seinen Bann ziehen soll – und es auch tut.

Die Kieferninseln von Marion Poschmann
168 Seiten (Hardcover)
Verlag: Suhrkamp
Erschienen: September 2017
ISBN: 978-3-518-42760-6

[Rezension] Chii Rempel: Sleepless – Echo der Vergangenheit

Kaylin Baker hatte schon immer die Vermutung, dass etwas mit ihr nicht stimmt, denn sie kann Dinge sehen — Schatten — die nicht da sein dürften. Doch wie Recht sie damit hat, wird ihr erst bewusst, als sie einem Fremden namens Lu über den Weg läuft, der sie unter einem völlig anderen Namen zu kennen scheint. Er offenbart ihr, dass sie weder sechzehn Jahre alt ist, noch aus Canterbury stammt — geschweige denn von dieser Welt. Kaylins Leben gerät aus den Fugen und das Mädchen ist gezwungen, Erinnerungen hinterher zu jagen, die sie längst vergessen hat, um dabei die Wahrheit über sich selbst zu erkennen. Sie findet sich inmitten eines Krieges, der auch Himmel und Hölle nicht kalt lässt. (Inhaltsangabe: Chii Rempel)

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Chii Rempel ist vielleicht einigen eher als Finding Bookland von Instagram bekannt. Nun hat sie mit „Sleepless – Echo der Vergangenheit“ 2017 ihr quasi im Eigenverlag erschienenen Debütroman herausgebracht, der zugleich Auftaktband der auf drei Teile ausgelegten Lyrena’d-Reihe ist.

Sleepless bietet eine erfrischend andere Protagonistin

Mit „Sleepless“ gelingt der Autorin eines gleich von Anfang an: Sie erschafft eine Protagonistin, die weder unentschlossen noch unnötig zickig und anstrengend ist, sondern für ihr Alter schon sehr ausgereift und erwachsen wirkt – der Grund hierfür könnte natürlich in ihrer ganz eigenen Geschichte liegen, aber hier darauf einzugehen, würde anderen Lesern zu viel verraten.

Der eigentliche Start in die Handlung beginnt sehr ruhig, fast schon gemächlich. Mit der Zeit jedoch entwickelt sich „Sleepless“ zu einem fast schon atemberaubenden Roadtrip. Dank Rempels frischem Schreibstil fliegt die Geschichte nur so dahin. Gekonnt werden Realität und das Phantastische miteinander vermischt und erschaffen eine komplexe Welt, von der dem Leser am Ende des ersten Bandes wahrscheinlich gerade erst einmal ein Bruchteil bekannt ist.

Amüsante Wortwechsel, tolle Charaktere: Sleepless ist ein phantastisches Lesevergnügen

Sleepless“ bietet neben einer starken und sympathischen Protagonistin auch interessante, einprägsame Nebencharaktere. Zwar ist schnell klar, um wen es sich bei Lu, dem männlichen Pendant und Reisegefährten von Kaylin handelt, jedoch zaubern die Wortwechsel zwischen den beiden einem immer wieder ein Lächeln auf die Lippen. Und auch Ruth, die beste Freundin von Kaylin, ist für die eine oder andere Überraschung gut.

Chii Rempel bietet mit „Sleepless“ ein flüssiges, frisches Lesevergnügen voller phantastischer Elemente und tiefer Gefühle. Wer  Magie, Hexen, Drachen, Action, gekonnt gesetzte Rückblenden und gut ausgefeilte Charaktere mag, und einer Debütautorin eine Chance geben will, dem sei dieses Werk wärmstens ans Herz gelegt. Luft nach oben ist zwar noch gegeben, aber das macht den zweiten Teil umso attraktiver.

Sleepless: Echo der Vergangenheit von Chii Rempel
366 Seiten (Ebook)
Verlag: Eigenverlag
Erschienen: Juli 2017
ISBN: 978-1521847374

[Rezension] Veronika Mauel: Fallen Princess

Isabellas Leben ist das einer wahren Märchenprinzessin. Ihr Reichtum und ihre Schönheit locken die angesehensten Männer in Scharen in ihre Nähe. Ob Prinzen oder hochrangige Kaufleute, ein jeder will um ihre Hand anhalten. Doch Isabella ist wählerisch und keiner ist ihr gut genug. Einen nach dem anderen stößt sie vor den Kopf, bis ihrem Vater eines Tages der Kragen platzt und er sie zur Strafe dem nächstbesten Mann übergibt, der sie haben will. So wird Isabella plötzlich die Frau eines ruppigen Bettlers, der ihr nichts zu bieten hat als eine armselige Hütte und ein hartes Leben. Jedoch steckt weit mehr hinter dem Mann, der sich als Einziger nicht von ihr herumkommandieren lässt… (Inhaltsangabe: Carlsen Verlag – Dark Diamonds)

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Veronika Mauel, aufgewachsen in der Oberpfalz, schrieb bereits als Jugendliche gerne Geschichten. Die Vorliebe der ausgebildeten Erzieherin gilt heute Büchern für Jugendliche und junge Erwachsene mit dem gewissen Touch an Romantik.

König Drosselbart in neuem Glanz

Märchenadaptionen ziehen mich immer mal wieder magisch an. Auch wenn die grundlegende Handlung bekannt ist, so ist die Umsetzung dann doch ein gewisser Überraschungsmoment. Bei „Fallen Princess“ hat mich vor allem der Fakt angezogen, dass hier „König Drosselbart“ als Ausgangsmaterial diente. Ein Märchen, welches ich als Kind gefühlte hundert Mal vorgelesen bekommen habe. Ein kleiner Favorit also.

Veronika Mauel nimmt als Handlungsort eine mittelalterlich angehauchte Welt, in der die Monarchie das Sagen hat – allerdings scheint sich die Geschichte trotz allem in der Zukunft zuzutragen, denn es ist von einem Meteoriteneinschlag die Rede, der die Erde und die Bevölkerung in ihrer Entwicklung einen Dämpfer verpasst hat. Leider wird nicht weiter auf dieses Detail eingegangen, was ich persönlich ein wenig schade finde. Die Idee an sich ist nämlich tatsächlich gut.

Der heldenhafte Prinz und die eingebildete Prinzessin

So spielt sich das traditionelle Märchen-Setup „Prinz und Prinzessin“ vor mittelalterlichem Hintergrund gemischt mit einer oft sehr modernen Ausdrucksweise ab – ein Punkt, mit dem ich immer mal wieder ein wenig zu kämpfen hatte.

Auch die Charaktere waren nicht unbedingt perfekt ausgereift. Die verwöhnte Prinzessin Isabella ist – genau wie ihr Märchenvorbild – zickig und überheblich, macht aber im Laufe der Geschichte eine Entwicklung zum Positiven durch. Passt, und überrascht auch nicht sonderlich. Ihre ständigen Tränenausbrüche und ihr Verhalten besonders im ersten Drittel dagegen treiben vielleicht den einen oder anderen Leser dezent in den Wahnsinn.

Der Prinz dagegen ist hilfsbereit, gutherzig, volksnah, packt mit an und scheut auch körperliche Arbeit nicht. Er gibt Isabella eine Chance, sieht in ihr nicht nur die eingebildete Prinzessin, sondern ein junges, verletztes Mädchen, das nur einen Schubs in die richtige Richtung braucht. Das macht ihn etwas zu perfekt. Der Begriff wandelndes Klischee allerdings wäre etwas zu brutal.

Solide Märchenadaption für Zwischendurch

Fallen Princess“ ist ein nettes, einfach geschriebenes Buch vor Zwischendurch. Die wechselnden Erzählperspektiven lockern die Geschichte auf und geben einen Einblick in die Gefühlswelt der beiden Hauptcharaktere, und zaubern dem Leser ab und an ein amüsiertes Lächelns ins Gesicht. Leider wirkt die Geschichte besonders zum Ende hin viel zu gehetzt, was den Zauber etwas zunichte macht. Trotzdem bereue ich es nicht, „Fallen Princess“ gelesen zu haben.

Fallen Princess: Die wahre Geschichte des König Drosselbart von Veronika Mauel
313 Seiten (E-Book)
Verlag: Dark Diamonds
Erschienen: März 2017
ISBN: 978-3-646-30020-8

[Mini-Rezension] Sarah J. Maas: Queen of Shadows (Throne of Glass #4)

Source: Bloomsbury UK

Everyone Celaena Sardothien loves has been taken from her. But she’s at last returned to the empire—for vengeance, to rescue her once-glorious kingdom, and to confront the shadows of her past…
She will fight for her cousin, a warrior prepared to die for her to regain her throne. She will fight for her friend, a young man trapped in an unspeakable prison. And she will fight for her people, enslaved to a brutal king and awaiting their lost queen’s triumphant return. (Synopsis: Homepage Sarah J. Maas)

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Die Reihe von Celaena macht einfach nur abhängig. Die Bücher sind wie eine Droge – hat man einmal angefangen, kommt man nicht mehr davon los.

Maas nimmt uns mit zurück nach Rifthold, lässt mit ihrem wirklich fesselnden Schreibstil die Welt um Celaena so lebendig werden, dass man als Leser das Gefühl hat, mittendrin zu sein. Der vierte Band ist quasi ein Abschied von Celaena wie wir sie kennen – ihre Vergangenheit wird aufgerollt und verarbeitet, und Celaena macht eine mehr als sichtbare Entwicklung durch. Zu sehen wie sie, aber auch Dorian sich von Band eins an weiterentwickelt haben, ist einfach nur großartig.

Auch die Charaktervielfalt nimmt erneut ein wenig zu, doch wie schon in Band 3 ist auch hier wieder Manon Blackbeak mehr und mehr die, die bei mir die meisten Pluspunkte sammelt. Ihr Charakter ist komplex und faszinierend, und ihre Kapitel lese ich immer wieder mit großer Begeisterung.

Man kann gar nicht so viel sagen ohne am Ende wesentliche Plotdetails zu verraten, deswegen halte ich mich kurz: Queen of Shadows ist eine mehr als gelungene Fortsetzung. Maas begeistert erneut mit ihren komplexen Charakteren – und ja, Rowan mag als unsterblicher Elfenkrieger mit einer Menge Beautypunkten definitiv ein Klischee sein, aber ein sympathisches – und ihrer immer lebendiger werdenden Welt. Und das Finale! Einfach nur WOW!

Queen of Shadows: Throne of Glass #4 von Sarah J. Maas
656 Seiten (Paperback)
Verlag: Bloomsbury UK
Erschienen: September 2015
ISBN: 9781408858615