[Rezension] Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie (Das Debüt 2017)

Boston, 1910. Der elfjährige William James Sidis wird von der amerikanischen Presse als »Wunderjunge von Harvard« gefeiert. Sein Vater Boris, ein bekannter Psychologe mit dem brennenden Ehrgeiz, die Welt durch Bildung zu verbessern, triumphiert. Er hat William von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Durch Anwendung der Sidis-Methode könnten alle Kinder die gleichen Fähigkeiten entwickeln wie sein Sohn, behauptet er. Doch als William erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und seiner Vergangenheit. Er weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Ver­fügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird. Stattdessen versucht er, sein Leben nach eigenen Vorstel­lungen zu gestalten – mit aller Konsequenz. (Inhaltsangabe: Diogenes Verlag)

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Der promovierte Kulturwissenschaftler Klaus Cäsar Zehrer wurde 1969 in Schwabach geboren und lebt als freier Autor, Herausgeber und Übersetzer in Berlin. Er veröffentlichte unter anderem die Anthologie „Hell und Schnell“ zusammen mit Robert Gernhardt, welche als Standardwerk der komischen Lyrik gilt. „Das Genie“ ist sein erster Roman, für den er mehrere Jahre Recherchearbeit geleistet hat.

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Ein Experiment in Namen der Wissenschaft – am eigenen Kind

Dem Namen Sidis bin ich selbst vor ein paar Jahren bei einer Recherche für eine Projektarbeit über William James (seines Zeichens Professor für Psychologie und Philosophie und Begründer der Psychologie in den USA) gestolpert. James selbst unterstützte den in der heutigen Ukraine geborenen Boris Sidis bei seinen Forschungsprojekten. Genau diesem Mann folgt Zehrer in den ersten Kapiteln seines Buches „Das Genie„. Boris Sidis psychologisches Interesse gelten vor allem der Hypnose – und der Erziehung seines ersten Kindes, William James Sidis, zum Genie. Denn jeder Mensch könne ein Genie werden, wenn man denn früh genug mit der entsprechenden Erziehung und Lernmethodik beginnt. Der Exzentriker, selbst hochintelligent, wird unterstützt von seiner Frau Sarah, die im Gegensatz zu Boris die Realität nie so ganz aus den Augen verliert und ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen, und manchmal auch in die richtige Richtung zwingt.

Die jahrelange Recherche – und meine Vorliebe für diverse psychologische und wissenschaftliche Theorien – machen schon die ersten Seiten über die Anfänge von Boris Sidis akademischer Laufbahn und seinen Forschungen ungemein interessant, aber die Person Boris nicht unbedingt sympathischer. Bei einem Roman, der so nah an den Quellen angesiedelt ist, dass es sich schon fast um eine Biographie handeln könnte, ist Sympathie für die auftretenden Charaktere aber auch eher Nebensache.

“ Wenn gezielt versucht wird, den Charakter und Willen eines Menschen zu brechen, nur damit er die Erwartungen der Außenwelt erfüllt, wenn er systematisch verbogen werden soll zu einem Wesen, das seinem innersten Selbst entfremdet ist, dann ist das Folter auf psychischer Ebene.“
Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie, Seite 455

William James Sidis wird von seinen Eltern von Anfang an gefordert. Und die Sidis-Methode scheint Früchte zu tragen. Mit knapp zwei Jahren kann William James – kurz Billy – bereits aus der Tageszeitung vorlesen. Im Alter von fünf Jahren sprach er bereits mehrere Sprachen; Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch wurden ihm von Geburt an jeden Tag eingetrichtert. Dem hochintelligenten Kind – dem später ein IQ von fast 300 zugeschrieben wurde – fällt es leicht, sich Fakten und Gelesenes zu merken. Die sieben Jahre Grundschule schließt William James Sidis innerhalb von nicht einmal einem Jahr ab, schreibt vier Bücher und erfindet eine eigene Sprache, bis er mit acht Jahren auf die High School kommt, und diese ebenfalls in kürzester Zeit abschließt. Er besteht die Zulassungsprüfung für Harvard, ist dort einer der jüngsten Studenten, und hält dort sogar einen Vortrag über die vierte Dimension vor angesehenen Wissenschaftlern.

Die traurige Geschichte eines hochintelligenten Wunderkinds

Für die Medien ist William James Sidis ein gefundenes Fressen. Das Wunderkind zieht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Für die Eltern ist dies die Gelegenheit, den Erfolg ihrer Erziehungsmethode zu veranschaulichen. Für William dagegen die Hölle, und wohl einer der Hauptgründe für sein später sehr zurückgezogenes Leben, in dem er seinen Job wechselt, sobald ihn jemand erkennt.

Der Roman, voller historischer, philosophischer und mathematischer Fakten erweist sich als überraschend flüssiges und spannendes Buch. Das Leben von William James Sidis ist faszinierend und erschreckend zugleich, und obwohl man vielleicht die eine oder andere Tat oder Handlung seinerseits nicht gutheißt, so kann man doch immer wieder Verständnis für die Situation aufbringen. Sich hinein zu fühlen in sein Genie, das ist Zehrer auf großartige Weise gelungen.

Denn eigentlich ist die Geschichte von William James Sidis eher ein Trauerspiel. Gefeiert von den Medien und seinen Eltern für seine Intelligenz und sein Wissen, wird jedes noch so kleine Scheitern gestraft. Die Schattenseiten des Ruhms nagen an William, zwingen ihn zum Rückzug und zum Ausbruch. Fort aus dem Muster, welches ihm seine Eltern aufdrücken wollen. Fort davon, das Aushängeschild und die Bestätigung für den Erfolg einer wissenschaftlichen Methode zu sein. Denn die Sidis-Methode ist keinesfalls perfekt und fehlerlos. Obwohl William mit hoher Intelligenz gesegnet und wohl tatsächlich ein Genie ist, fehlt ihm der Bezug zum Kind sein. Fantasiespiele sind im fremd, Bäume und Pflanzen kann er benennen und beschreiben, doch in freier Natur nicht erkennen. Motorische Fertigkeiten, wie zum Beispiel das Werfen eines Balls während des Einschulungstests, fallen ihm schwer. Auch zeigt William oftmals Züge, die heute vor allem den Autisten zugeordnet werden, was gerade bei seinem Grad an Hochbegabung nicht verwunderlich ist.

All diese Leute, dachte William, waren normal, ohne dass es sie Anstrengung kostete. Die Normalität fiel ihnen so leicht wie ihre Muttersprache. Seine Muttersprache war die Außergewöhnlichkeit. Das war der Fluch seines Lebens: Es gab niemanden, mit dem er sich in seiner Sprache unterhalten konnte.
Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie, Seite 482

Das Genie“ von Klaus Cäsar Zehrer ist nicht für jeden Leser etwas. Wer mit historischen Fakten und biographisch angelegten Romanen nicht viel anfangen kann, der wird Zehrers Roman als trocken und langweilig auffassen, und sich wenig für den Detailreichtum und all den gut recherchierten Stoff begeistern. Wer aber offen ist für Romane dieser Art, der hält mit „Das Genie“ einen Schatz in der Hand, der einen von der ersten bis zur letzten Seite gefangen nimmt. Zehrers Erzählstil, trotz der schwere der Geschichte leicht und fließend, verleiht dem Roman seinen ganz eigenen Sog und Zauber. Die Faszination und Begeisterung, die dieses so vielschichtige Buch bei mir ausgelöst hat, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Doch es wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Ein Highlight.

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer
656 Seiten (Hardcover)
Verlag: Diogenes
Erschienen: August 2017
ISBN: 978-3-257-06998-3

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Das Debüt und beim Diogenes Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte elektronische Leseexemplar.

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[Rezension] Jovana Reisinger: Still halten (Das Debüt 2017)

Jovana Reisingers Romandebüt »Still halten« ist ein Bildersturm: Die Protagonistin, eine junge Frau, die vom Dorf kommt und nun in der Stadt lebt, zerfällt vor unseren Augen. Bereits leicht entrückt wird sie endgültig aus der Bahn geworfen, als sie erfährt, dass ihre Mutter im Sterben liegt. Nach dem Tod der Mutter erbt sie ein Haus am Waldrand. Sie zieht ein und wartet auf die Ankunft ihres Mannes. Sie wartet, fühlt sich von der Natur bedroht und beginnt mit dieser einen Krieg. (Inhaltsangabe: Verbrecher Verlag)

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Jovana Reisinger, Jahrgang 1989, geboren in München und aufgewachsen in Österreich. Sie ist Filmemacherin, Autorin und bildende Künstlerin, und drehte diverse (Kurz-) Filme und Videos (darunter auch Musikvideos), für die sie bereits Auszeichnungen erhielt. „Still halten“ ist ihr erster Roman.

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Ein Selbstgespräch irgendwo zwischen Burnout und Depression

Jovana Reisingers Debütroman hat mich von der ersten Seite an gepackt. Als Leser treffen wir auf die nicht weiter namentlich bekannte Ich-Erzählerin, wo und wann genau, das ist nicht so klar, doch definitiv irgendwo zwischen Burnout und Depression – und langsam wahnsinnig werdend. Von der ersten Zeile an zieht der innere Monolog der Protagonisten den Leser in seinen Bann, auch wenn die eigentliche Hauptperson in ihren Erläuterungen vielleicht nicht immer ganz ehrlich ist. Doch gerade diese Unzuverlässigkeit der Erzählperson, die den eigenen Blick auf den Ablauf der Geschichte mit bestimmt, ist für mich persönlich ein sehr faszinierendes Mittel, um ein solches Werk zu Schreiben.

So fragil wie die Erzählerin selbst ist auch die Struktur des Romans. Wie ein Strom von Gedanken fließt die Geschichte dahin, springt und überlappt. sodass zwischenzeitlich immer einmal der Fokus verloren geht, aber nie ganz verschwindet. Der düstere Ton, welcher fast jeden Satz durchzieht, bleibt von Anfang bis Ende erhalten.

Einfach nur eine Frau sein, weder schön, noch hässlich. In der Ganzheit zumindest ein Wesen sein. Einen Geist besitzen. Einen funktionierenden Körper. Darauf muss ich gefasst sein. Manchmal reicht es nicht aus, Dinge einfach nur auszuhalten. Man muss auch tapfer und stark sein. […] Verlierer sind auch in dieser Gesellschaft kleine Schandflecken.
Jovana Reisinger – Still halten, Seite 18

Die Erzählerin ist gefangen in einem Wirrwarr aus Selbstzweifeln und Kritik an sich und ihrem Leben, bestimmt vom gesellschaftlichen Idealbild: Karriere, gutes Aussehen, Mann, Vorzeigefrauchen. Die Rolle der wartenden Ehefrau, deren ganze Aufmerksamkeit ihrem Ehemann gehört, welcher kaum zu Hause zu sein scheint, erdrückt unsere Erzählerin. Die Schönheitsideale, durch diverse Medien täglich suggeriert und immer wieder aufs neue eingetrichtert, üben einen solchen Druck auf sie auf, dass die einzige Möglichkeit nur noch das „Hirnversagen“ scheint. Depression als Antwort.

Reisinger findet oft harte Worte, die sie in Mund und Gedanken unserer Erzählerin legt. Doch die geschickt gestreute Kritik am gesellschaftlichen Erwartungsdruck und an den Vorurteilen, die in Bezug auf psychische Krankheiten oft immer noch herrschen, verhallt nicht ungehört und hat mir persönlich das Herz erwärmt. Denn Reisinger winkt nicht mit dem imaginären Zaunpfahl. Sie will nicht lauthals belehren oder bekehren. Ihre Kritik kommt leise und schleichend daher und gräbt sich zusammen mit der Stimme der Erzählerin in die Gedanken der Leser.

Die Natur als Feindbild

Depression. Burnout. Die Trauer um die verstorbene Mutter, das Aufrollen und Analysieren der keineswegs perfekten Mutter-Tochter-Beziehung, die nach dem Tod des Vaters noch schwieriger wurde, all das wühlt die Erzählerin auf. All das wird dem Leser mal sehr deutlich, mal geschickt verpackt, vorgesetzt. Bis hin zur Flucht in die Natur. Dort wo andere Menschen Erholung suchen, treibt die selbst auferlegte Einsamkeit unsere Erzählerin noch tiefer in den Abgrund.

Die Grenzen zwischen Realität und Wahnvorstellung verschwimmen vollends, als die Natur zum Feindbild wird, zur erdrückenden Gefahr. Der Wald – düster, dunkel, dicht – und die Vögel – besonders die Krähen, welche sich als Motiv durch den gesamten Roman ziehen, und in spirituellen Lehren nicht als Unheilsbringer, sondern als Krafttiere und Pforte zur Vergangenheit, zum Übernatürlichen und als Geheimniskenner beschrieben werden – werden zur Bedrohung, und zerstören das Trugbild vom ländlichen Idyll.

Die Natur ist zornig. Niemals wird diese Natur aufhören, sich das zurückzuholen, was sie eben besitzen will. […] Die treibt euch alle in den Wahnsinn. Hörst du nicht den Wald vor dem Einschlafen, wie es in ihm wütet?
Jovana Reisinger – Still halten, Seite 133

Still halten“ ist ein unglaublich dichter und eindringlicher Roman, der einem gekonnt die eigene Verletzlichkeit vor Augen führt, und geschickt Kritik am gesellschaftlichen Erwartungsdruck übt. Fast schon wie ein Film, bedrückend und nicht einfach zu verdauen, fasziniert und erschüttert dieses Debüt gleichermaßen.

Still halten von Jovana Reisinger
200 Seiten (Hardcover)
Verlag: Verbrecher Verlag
Erschienen: Juli 2017
ISBN: 978-3957322739

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Das Debüt und beim Verbrecher Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte elektronische Leseexemplar.

[Rezension] Julia Weber: Immer ist alles schön (Das Debüt 2017)

Anais liebt ihre Mutter, sie liebt ihren Bruder Bruno und insgeheim auch Peter aus der Schule. Die Mutter sagt, das Leben sei eine Wucht, und dass sie gerne noch ein Glas Wein hätte. Denn es hält ihren Sehnsüchten nicht stand, das Leben, und die Männer halten ihrer Liebe nicht stand. Das Tanzen, das sie liebt, ist zum Tanz an der Stange vor den Männern geworden. Es ist nicht einfach, so ein Leben zu leben, sagt die Mutter, darum will sie noch ein Glas.

Anais und Bruno versuchen sich und die Mutter zu schützen vor der Außenwelt, die in Gestalt von Mutters Männern mit Haaren auf der Brust in der Küche steht. Oder in der Gestalt von Peter, der ihre Wohnung seltsam findet und nichts anfangen kann mit den tausend, auf der Straße zusammen gesammelten Dingen. In Gestalt eines Mannes vom Jugendamt, der viele Fragen stellt, sich Notizen macht, der Anais und Bruno betrachtet wie zu erforschendes Material, und in Gestalt einer Nachbarin, die im Treppenhaus lauscht. Je mehr diese Außenwelt in ihre eigene eindringt, desto mehr ziehen sich die Kinder in ihre Fantasie zurück. (Inhaltsangabe: Limmat Verlag)

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Julia Weber wurde 1983 in Tansania geboren, zog aber zwei Jahre später mit ihrer Familie nach Zürich, wo sie auch heute noch mit Mann und Kind lebt. Weber studierte Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und ist Mitbegründerin der Kunstaktionsgruppe „Literatur für das, was passiert„. Außerdem rief sie den Literaturdienst ins Leben. „Immer ist alles schön“ ist ihr erster Roman.

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Anais und Maria – zwei starke Stimmen in ihrer eigenen Welt

Julia Weber gibt in ihrem Debütroman zwei ganz besonderen Protagonistinnen eine Stimme. Da ist zum einen die ungefähr zwölfjährige Anais. Als Ich-Erzählerin ist sie ganz in der Gegenwart und schafft sich aber doch ihre eigene Realität fernab der Norm, ohne die typischen gesellschaftlichen Muster und Rollenbilder. Denn ihre Familie passt nicht in eine solche Norm. Manchmal, da wünscht sich Anais allerdings eine ganz normale Mutter.

Sehr schön, sagt sie. Fantastisch, sagt sie. Wunderbar, sagt sie. […] Es ist wirklich schön, sage ich. […] Immer ist alles schön, sagt Bruno.
Julia Weber – Immer ist alles schön, Seite 6

Maria, die Mutter, lebt in der Vergangenheit. In Anais Gegenwart ist sie oft abwesend, wenn nicht körperlich, dann in Gedanken. Sie raucht, trinkt, tanzt nachts in einem Etablissement. Am Morgen stehen manchmal fremde Männer in der Küche, die die Nacht im Gold von Marias Schlafzimmer verbringen durften. Auch die Kinder – Anais und ihr jüngerer Bruder Bruno, der „kleine grimmige Professor“, die sich die Welt bedeuten – dürfen immer einmal wieder zwischen die seidene Goldbettwäsche der Mutter schlüpfen. Dann ist alles gut.

Maria selbst erzählt von ihrer Vergangenheit, von ihrer Jugend, der Entstehung von Anais und Bruno, dem Leben mit „der Füchsin“, der eigenen Mutter, deren Reaktionen und Vorstellungen für das ideale Leben ihrer Tochter bei Maria Spuren hinterlassen haben. Viele dieser Erlebnisse lassen die Maria der Gegenwart in einem anderen Licht erscheinen.

„Immer ist alles schön“ wird durch Julia Webers Schreibstil zu etwas Lebendigem

Weber schreibt mit einer unglaublichen dichten Sprache, die die jeweiligen Parts von Mutter und Tochter fast schon wie einen inneren Monolog erscheinen lassen, in den wir als Leser nur dank Julia Weber Einblick gewinnen können. Hält man Maria zunächst für eine Rabenmutter, wird in ihren eigenen Passagen schnell klar, wie sehr sie ihre Kinder liebt – und wie sehr sie diese Liebe ängstigt.

Wir könnten behaupten, dass wir die chemischen Reaktionen in unserem Hirn kennen, dass wir wissen, was wir betrachten müssen, um glücklich zu sein.
Julia Weber – Immer ist alles schön, Seite 184

Immer ist alles schön“ ist etwas Lebendiges, das mit jedem Wort wächst und gedeiht, an Größe und an Komplexität zunimmt. Ein dichtes, fast schon undurchdringliches Konstrukt, welches auf eine bedrückend faszinierende Weise die eigene Kindheit wieder emporsteigen lässt. Kindliche Unbedarftheit gibt es selbst in der Welt von Anais und Bruno, vielleicht gerade aufgrund ihres Lebensstils, bei dem die Flucht vor der Realität in eine kindliche Phantasiewelt der einzige Weg ist, alles zu verarbeiten und zu ertragen, selbst die Spinnfäden, die von den Decken hängen und einen daran erinnern, dass der Kopf noch da ist, wo er hingehört. Weber malt mit ihren Worten Bilder in den Kopf des Lesers, die so schnell nicht wieder verschwinden.

Ein Roman, der Spuren hinterlässt

In Julia Webers Debütroman treffen zwei Realitäten aufeinander. Zum einen das uns bekannte Ideal des Familienlebens und des Alltags – unter anderem verkörpert durch den Riesen vom Jugendamt, der mit seinem Notizblock bewaffnet versucht, ein wenig Normalität in die Familie um Maria, Anais und Bruno zu bringen. Zum anderen die ganze eigene Ordnung und Lebensweise, die sich die Familie geschaffen hat; eine Phantasiewelt in den eigenen vier Wänden, die von Dschungel, Meer und Wüste geprägt wird.

Wenn wir das hier nicht hätten, sage ich, würden wir mehr und mehr zu Maschinen werden, mit der Zeit, ganz langsam, ohne es zu bemerken. Das hier ist unsere Freiheit.
Julia Weber – Immer ist alles schön, Seite 80

Immer ist alles schön“ kommt zart und leise, fast schon einfach gestrickt daher, und entfaltet erst nach und nach sein ganzen Potential. Ein Buch, das seine Spuren hinterlassen wird, genau wie die Kindheit, Vergangenheit und Gegenwart von Maria, Anais und Bruno Spuren in ihrem Leben hinterlässt. Ein Buch, welches uns die Facetten des Menschlichen näher bringt und vielleicht sogar den Anreiz gibt, Dinge die von der Norm abweichen mit anderen Augen zu sehen.

Immer ist alles schön von Julia Weber
256 Seiten (Hardcover)
Verlag: Limmat Verlag
Erschienen: Februar 2017
ISBN: 978-3-85791-823-0

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Das Debüt und beim Limmat Verlag für das so freundlich
zur Verfügung gestellte elektronische Leseexemplar.

[Rezension] Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens (Das Debüt 2017)

Don verwandelt sich vor den Augen seiner Frau in einen Baum. Ronda hält Goldfische, die nicht bleiben wollen. Die Zwillinge aus dem dritten Stock sind gar keine. Doch von Toni und Bell wissen alle. Die Menschen in Nummer 29 sind seltsam verschworen, kennen sich dabei kaum und teilen längst nicht jedes Geheimnis.

Im Haus mit der Nummer 29 wohnt zuallererst Rita, fast so alt wie das Haus selbst. Sie ist Beobachterin, Schlichterin und Richterin, ein Knotenpunkt mit geheimnisvollen Fähigkeiten und Absichten. Außerdem das Ehepaar Lina und Don, deren Liebe auch Dons fundamentale Verwandlung ziemlich fruchtbringend überdauert. Es gibt einen unbemerkten Mitbewohner, der sich im Aufzug einnistet, es gibt ein Kind, das sich durch Mauern beißt, und eine Wohnung, die ihre Mieter förmlich verschluckt. Rita sieht, was keiner zeigt, und sie versteht, was keiner sagt. Doch bevor sie ihr Wissen weitergeben kann, ist die kleine Maia auf rätselhafte Weise verschwunden. (Inhaltsangabe: Verlag Klaus Wagenbach)

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Juliana Kálnay wurde 1988 in Hamburg geboren, lebt und schreibt aber inzwischen in Kiel. Nach Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften und dem Erhalt des Arbeitsstipendium Literatur der Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein 2016 ist „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ ihr erster Roman.

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Ein Haus, das als Verbindung wirkt

Die Welt in dem Haus mit der Nummer 29 ist eine ungewöhnliche, wundersame Welt. Als Bewohner einer Mietswohnung beobachtet man ein Kommen und Gehen, kam selbst einmal, und wird die vier Wände vielleicht auch wieder verlassen. Diese Wände jedoch, die erinnern sich an die Vorgänger.

Ähnlich wie Rita. In der Hausgemeinschaft ist sie das Urgestein, kennt jeden oder meint jeden zu kennen, und trägt das Haus einer Schnecke gleich auf dem Rücken. Jede Veränderung, die vonstatten geht, spürt sie in ihren Knochen. Als eine der Erzählstimmen möchte der Leser Rita Glauben schenken. Doch wie verlässlich sind die Auskünfte einer Frau, die ihre Mitmieter mittels eines Spiegels auf ihrem Balkon beobachtet? Was entspringt Ritas Phantasie? Was sind Tatsachen?

Manch einer hat Dinge erlebt in diesem Haus, die andere vielleicht als ungewöhnlich betrachten würden. Manchmal reden alle durcheinander und fallen sich ins Wort. Und manchmal, wenn etwas geschehen ist, das alle betrifft, frage ich herum und versuche herauszufinden, wie es dazu kommen konnte. Denn alles habe ich nicht gesehen in diesem Haus.
Juliana Kálnay – Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens, Seite 6

Ungewöhnlich, das sind die Bewohner der Nummer 29 allemal. Es gibt die chronisch Schlaflosen, die nachts auf Geräusche lauschen, und Lina, deren Mann als Baum auf dem Balkon lebt und Früchte trägt, welche sie zu Marmelade verarbeitet. Nina und ihr Bruder, deren Eltern auf einmal nicht mehr auftauchen. Maia, die verschwunden ist und sich schon immer gerne in Erdlöchern versteckt hat. Zwillinge, die vielleicht doch nur ein und dieselbe Person sind. Ein Mann, der im Fahrstuhl seine Wohnung hat. Ein Junge, der von den Wänden einer verlassenen Wohnung verschluckt wird. Kinder, die ihre Fundsachen allwöchentlich in einer Grillpfanne verbrennen, ganz fasziniert von der Macht des Feuers.

Ungewöhnliche Figuren und eine skurrile Realität

Grotesk und rätselhaft gezeichnete Figuren und Handlungen bestimmen Kálnays Roman, und doch erscheint das gesamte Konstrukt federleicht und zart. Mit dem Haus als Verbindung malt die Autorin das Leben der Bewohner in kleinen, zusammenhanglosen Episoden, die jedoch immer wieder den Ton der vorangegangen Geschichte aufgreifen und weiterspinnen. Seite um Seite entsteht so ein wahres Wirrwarr vor dem Auge des Lesers, als hätte man nur im Vorbeigehen einen kurzen Blick durch eine offene Tür geworfen.

Die Faszination des Romans macht vor allem die Zartheit aus, mit der Kálnay ihre Figuren und Geschichten zeichnet. Sanfte, fast schon mythische Beschreibungen zeugen von dem Respekt, den die Autorin ihrer Erzählung und den Charakteren darin entgegen bringt. Oft nur wenige Worte ergeben ein faszinierendes Bild. Die eigene Vorstellungskraft ist nicht nur gefordert, sie darf sich frei ausleben. Mit ihrem skurrilen Realismus überlässt es Kálnay dem Leser selbst, wie sich auf die Geschichte eingelassen wird. Und ähnlich wie die Erzählstimme oft auf jeder neuen Seite einer anderen Person gehört, so liest jeder „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ auf seine Weise.

Chronisch Schlaflose haben einen Sinn für die Illusion. Sie behandeln Hoffnungsfunken wie Rettungsseile, werfen Lotteriescheine ein, reden von Träumen wie von Erlebnissen und verknüpfen lose Ereignisse zu einer guten Geschichte.
Juliana Kálnay – Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens, Seite 54

Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ ist ein poetisches Werk voller rätselhafter Figuren, deren einzige Gemeinsamkeit und Verbindung das Haus ist, in dem sie wohnen. Viel bleibt im Ungewissen, doch um sich auf den Zauber und den Sog dieses Buches einzulassen, braucht es kein komplettes Verständnis. Juliana Kálnay hat ein kleines Schmuckstück geschaffen, welches mit den Versionen der Realität spielt und die Möglichkeit, mit gekonnt gewählten Worten und zarten Beschreibungen beeindruckende Bilder zu skizzieren, vollends ausnutzt. Ein Buch, welches immer wieder neue Einblicke gewähren wird, wie oft man es auch liest.

Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens von Juliana Kálnay
192 Seiten (Hardcover)
Verlag: Klaus Wagenbach
Erschienen: Februar 2017
ISBN: 978-3-8031-3284-0

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Das Debüt und beim Verlag Klaus Wagenbach für das so freundlich zur Verfügung gestellte elektronische Leseexemplar.

Das Buch gibt es noch bis zum 06. Januar 2018 auf meinem Blog gewinnen.
Werft dafür ein Auge auf diesen Post.

[Katja liest die Deutscher Buchpreis Shortlist] Robert Menasse: Die Hauptstadt #dbp17

In einem anderen Beitrag hatte ich bereits meine Idee angekündigt, die Werke auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 lesen zu wollen und habe die sechs nominierten Romane auch einmal kurz vorgestellt. Inzwischen bin ich mit meiner kleinen Leseaktion vorangekommen und stelle hier einmal kurz meine Eindrücke zu den einzelnen Büchern vor. So ganz nebenbei ist auch die Preisverleihung an mir vorbeigezogen und hat „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse als Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017 auserkoren.

Robert Menasse: Die Hauptstadt
Der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; »zu den Akten legen« wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten. (Inhaltsangabe: Suhrkamp Verlag)

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Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte Germanistik Philosophie und Politikwissenschaften und lehrte als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie an der Universität von Sao Paulo, wo er sich vor allem mit philosophischen und ästhetischen Theorien beschäftigte. Seit seiner Rückkehr lebt Menasse hauptsächlich in Wien als Literat und kulturkritischer Essayist. Seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Am Anfang war das Schwein

Die EU ist nicht zum ersten Mal Thema in einem Werk von Menasse. Bereits in Essays und Sachbüchern hat er sich als ein glühender Verfechter des Ursprungskonzeptes der EU erwiesen – umso überraschender der eher komödienhafte Aufbau seines Brüsselromans.

In einem gekonnt inszenierten Auftakt schickt Menasse ein Schwein durch Brüssel. Auf der wilden Hatz durch die Straßen der Stadt läuft das Schwein an so einigen Menschen vorbei, die sehr schnell als Akteure in diesem ungewöhnlichen Epos herausstellen. Menasse spinnt ein Netz aus Charakteren und Geschichten, schafft Verbindungen wo man zunächst gar keine erkennen kann.

Da ist zum Beispiel Fenia, die so gar nicht kulturinteressierte Dame, die unbedingt in eine bessere Position möchte und die Jahrestagsfeierlichkeiten als ihre Chance zum Aufstieg sieht. Da ist Kai-Uwe Frigge, mit dem Fenia etwas am Laufen hat, und der mit so einigen Wassern gewaschen ist. Oder Kriminalkommissar Brunfaut. Oder auch Mateusz Oswiecki, seines Zeichens Widerstandskämpfer. David de Vriend, an Demenz leidender Auschwitz-Überlebender. Martin Susmann, ein fast schon depressiver EU-Beamter. Oder Professor Erhardt.

Eine glühende Rede zur Rettung der EU

Professor Erhardt ist das, was Menasse in seinen Werken zur EU bisher immer war: ein glühender Verfechter des Systems Europa, welches sich wieder mehr auf das Gemeinsame beschränken sollte statt den eigenen Vorteil. Die Interessen der Gemeinschaft verfolgen, und nicht als Einzelkämpfer agieren.

In seiner Rede fordert Erhardt sogar die Errichtung einer neuen europäischen Hauptstadt in Auschwitz. Der ungewöhnliche Umgang mit dem Thema Auschwitz und Holocaust könnte bitter aufstoßen, wäre da nicht das Gegengewicht in der zutiefst feinfühlig erzählten Geschichte von David de Vriend. Statt sich über den Umgang des Romans mit der Thematik Gedanken zu machen, wird der Leser eher wachgerüttelt und hinterfragt sich selbst – die eigene Ignoranz, die gerade im derzeitigen weltpolitischen Klima mehr als gefährlich ist.

Menasse als Puppenspieler

In „Die Hauptstadt“ lenkt Menasse seine Figuren ganz geschickt. Von der ersten Seite an trägt jede Bewegung, jede Bemerkung, jedes ungesagte Wort seiner Hauptcharaktere zur Inszenierung seines Romanes bei. Alles hat seinen Grund und seine Berechtigung, jeder Charakter seine Aufgabe und jeder Handlungsstrang, sei er auch noch so absurd, seine Bedeutung.

Der Roman ist fabelhaft konstruiert, voller elegant geschriebener Pointen. Ein Gedankenexperiment der etwas anderen Art, ein Mix aus Komik, Tragik, Vergangenheit und Gegenwart – ein ambitioniertes Konstrukt, welches die Ansichten von Menasse in ein neues Gewand verpackt. „Die Hauptstadt“ mag zwar nicht mein absoluter Favorit sein, jedoch hat sich der Autor auf erfrischende Art und Weise einem Thema gewidmet, welches aktueller ist denn je. Allein deswegen ist der Roman zurecht durch den Buchpreis in den Fokus der Allgemeinheit gerutscht. Und mehr möchte ich eigentlich auch gar nicht verraten, denn „Die Hauptstadt“ sollte jeder für sich selbst entdecken.

Die Hauptstadt von Robert Menasse
459 Seiten (Hardcover)
Verlag: Suhrkamp
Erschienen: September 2017
ISBN: 978-3-518-42758-3

Aus gegebenem Anlass möchte ich hier auch noch die Kolumne von Mely Kiyak für Die Zeit in den Raum werfen, die sich mit dem Buchpreis, dem Thema des Gewinnerromans und der Handhabung dieser eigentlich sehr aktuellen Thematik durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

[Katja liest die Deutscher Buchpreis Shortlist] Sasha Marianna Salzmann: Außer sich #dbp17

In einem anderen Beitrag hatte ich bereits meine Idee angekündigt, die Werke auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 lesen zu wollen und habe die sechs nominierten Romane auch einmal kurz vorgestellt. Inzwischen bin ich mit meiner kleinen Leseaktion vorangekommen und stelle hier einmal kurz meine Eindrücke zu den einzelnen Büchern vor.

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der kleinen Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims, stehlen Zigaretten aus den Zimmern fremder Familien und riechen an deren Parfumflaschen. Und noch später, als Alissa schon ihr Mathematikstudium in Berlin geschmissen hat, weil es sie vom Boxtraining abhält, verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul – ohne Text, ohne Absender. In der flirrenden, zerrissenen Stadt am Bosporus und in der eigenen Familiengeschichte macht sich Alissa auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht. (Inhaltsangabe und Coverbild: Suhrkamp Verlag)

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Sasha Marianna Salzmann wurde 1985 in Wolgograd geboren und emigrierte 1995 mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie studierte Literatur, Theater, Medien an der Universität Hildesheim und Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Salzmann ist Theaterautorin, Essayistin und Dramaturgin. Seit 2013 ist sie Hausautorin des Maxim Gorki Theaters in Berlin und war dort bis 2015 Künstlerische Leiterin des STUDIO Я. An „Außer sich„, ihrem Romandebüt, begann sie bereits 2012/2013 während eines Aufenthaltes in Istanbul zu arbeiten und beendete den Roman in den folgenden Jahren während mehrerer Türkeiaufenthalte.

Eine Zukunft voller Vorurteile

Eine sichere Zukunft für ihre Kinder. Bessere Chancen. Ein besseres Leben. Das ist es, was die Eltern von Ali und Anton antreibt – und was die Zwillinge von der Sowjetunion nach Deutschland bringt. Doch die Diskriminierung folgt ihnen bis auf den Schulhof. Heimat, Migration, Antisemitismus und Vorurteile sind zentrale Themen in dem Romandebüt von Salzmann.

Die Suche von Ali nach ihrem Bruder wird vielmehr zu einer Suche von Ali nach sich selbst. Was definiert uns als Mensch? Geschlecht? Herkunft? Religion? Lassen sich Lücken finden in diesem Netz? Lassen sich Konventionen und Ansichten aufbrechen? Der Titel des Romans, „Außer sich„, ist Programm. Es geht um Identität, um das eigene Selbst, um das, was man im Innern fühlt, und um das, was man nach außen trägt. Ein Hunger fast schon danach, das eigene Selbstempfinden zu erforschen.

Geschichte der Generationen

Salzmann schafft es, mit Ali eine Hauptperson zu kreieren, die den Leser dazu zwingt, alles in Frage zu stellen. Die eigenen Ansichten. Das eigene Selbst. Die eigene Wahrnehmung. Genau wie Ali sich selbst und ihr Geschlecht in Frage stellt. Die Sinneseindrücke und Erlebnisse, die sich durch Alis Geschichte ziehen, sind erschreckend und greifbar, so voller Substanz und Lebendigkeit wie man es nur selten in Form des geschriebenen Wortes erlebt.

Außer sich“ erstreckt sich über mehrere Generationen. In Form von Erinnerungen fließen die Geschichten von Valja und Kostja, den Eltern, Etina und Sascha, den Großeltern, in Alis Erzählung ein. Die einen müssen sich im Deutschland nach der Wende zurechtfinden. Die anderen waren dazu bestimmt, etwas Großes zu leisten, und arbeiteten als Ärzte im zweiten Weltkrieg – und mussten sich den Vorurteilen gegenüber Juden stellen.

Von der Suche nach der eigenen Identität

In diese Familiengeschichte fließt immer wieder die Realität. Ali in Istanbul. Die Proteste auf dem Taksim-Platz in der Türkei. Salzmann gelingt es, politische Themen einfließen zu lassen, ohne mit dem Finger auf bestimmte Personen zu zeigen. Ihre gesamte Prosa ist wie ihre Erzählung selbst: anders, verwinkelt und vertrackt, voll von russischen oder jüdischen Wortfetzen und Sätzen.

Was nach Familiengeschichte klingt, wird zu einer wahren Metamorphose, und ich bin immer noch erschüttert davon, wie viel Tiefe in etwas mehr als 360 Seiten stecken kann. Salzmann greift aktuelle Themen auf, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu agieren. Ihr Schreibstil ist lebendig, fließend, und ein Kunstwerk an sich. Genau wie „Außer sich“ ein Kunstwerk ist, bei dem die Grenzen verschwimmen, nicht nur auf zeitlicher und geschichtlicher Ebene, sondern auch zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Doch was bleibt letztendlich übrig? Um das herauszufinden, müsst ihr den Roman lesen. Und ich empfehle euch wärmstens, das auch zu tun!

Außer sich von Sasha Marianna Salzmann
366 Seiten (Hardcover)
Verlag: Suhrkamp
Erschienen: September 2017
ISBN: 978-3-518-42762-0