[Rezension] Laura Kneidl: Berühre mich. Nicht.

Als Sage in Nevada ankommt, besitzt sie nichts – kein Geld, keine Wohnung, keine Freunde. Nichts außer dem eisernen Willen, neu zu beginnen und das, was zu Hause geschehen ist, zu vergessen. Das ist allerdings schwer, wenn einen die Erinnerungen auf jedem Schritt begleiten und die Angst immer wieder über einen hereinbricht. So auch, als Sage ihren Job in einer Bibliothek antritt und dort auf Luca trifft. Mit seinen stechend grauen Augen und seinen Tätowierungen steht er für alles, wovor Sage sich fürchtet. Doch Luca ist nicht der, der er auf den ersten Blick zu sein scheint. Und als es Sage gelingt, hinter seine Fassade zu blicken, lässt das ihr Herz gefährlich schneller schlagen… (Inhaltsangabe: LYX)

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Laura Kneidl, geboren 1990 in Erlangen, schreibt über phantastische Welten, Liebe, Herausforderungen. Sie studierte Bibliotheks- und Informationsmanagement und begann 2009 an ihrem ersten eigenen Roman zu arbeiten. Heute lebt und schreibt sie in Leipzig. Im November 2013 erschien ihr erster Roman „Light & Darkness„. Inzwischen hat sie mehrere Romane veröffentlicht.

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Ein New Adult Roman einer deutschen Autorin – der in Amerika spielt

Was mich tatsächlich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat war nicht der Hype, den dieser New Adult Roman verursacht hat, sondern das Cover. Die Gestaltung ist so wunderbar anders, ohne die typischen Liebespaarbilder, und hebt sich positiv von seinen Brüdern und Schwestern aus dem Genre ab. Neben dem Fakt, dass es sich hier sogar um eine deutsche Autorin handelt, definitiv einer der Hauptgründe, warum ich „Berühre mich. Nicht.“ eine Chance gegeben habe.

Der klischeebehafteten Welt amerikanischer Universitäten entkommt man leider nicht, denn Laura Kneidl begibt sich genau dorthin, um ihre Geschichte zu erzählen. Doch wie sie das tut, das ist ein ganz anderes Thema!

Realistische, starke und menschliche Charaktere

Sage ist ein wundervoller Hauptcharakter, mit Stärken und Schwächen – die sie aber letztendlich nur stärker machen – ohne zu übertrieben oder konstruiert zu wirken. Ihre Ängste sind ihr oft im Weg, doch sie verzweifelt nicht und kämpft, um ihr eigenes Leben zu leben. Sie ist anders, geht die Dinge anders an, und bleibt doch die ganze Zeit unglaublich publikumsnah und echt.

Ihr männlicher Counterpart Luca dagegen mag zwar wie der typische Badboy erscheinen, doch diesen Eindruck muss man sehr schnell revidieren. Ehrlich, voller Mitgefühl und Verständnis, gibt er Sage Sicherheit, ohne sie zur Jungfrau in Nöten zu machen. Ein absolutes Plus, denn nur allzu oft begegnet einen genau diese Er-rettet-Sie-Dynamik zwischen den beiden Hauptcharakteren. Es ist einfach erfrischend, eine andere Herangehensweise zu lesen.

Er verstand, dass ich ihm nicht nur für die Pancakes dankte, sondern für all die Worte, die er nicht sagte, und all die Fragen, die er nicht stellte.
(Laura Kneidl: Berühre mich. Nicht.)

In der Konstruktion ihrer Charaktere liegt eine Stärke von Laura Kneidl. Es mag vielleicht den einen oder anderen typischen, klischeebehafteten Nebencharakter geben, doch im Großen und Ganzen weisen alle für die Geschichte relevanten Personen ihre ganz eigenen Züge auf und wissen zu überraschen, denn oftmals – ähnlich wie bei Luca – erweist sich der erste Eindruck als fehlerhaft.

Ein wundervoll einfühlsamer Roman mit einigen kleinen Schwächen

Kneidl gelingt es mit ihrem leichten, fesselnd-intensiven Schreibstil einen wahren Sog zu erschaffen, der den Leser gefangen nimmt und nicht mehr loslässt. Sowohl die Handlung, die sich unglaublich leicht und zart entwickelt und dank ein wenig gutem Humor, Situationskomik und Action auch nicht langweilig wird, als auch die Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen untereinander halten einen regelrecht fest. Man will und muss weiter lesen.

Mit „Berühre mich. Nicht.“ bedient Laura Kneidl ein ganzes Arsenal an Gefühlen, von humorvoll über herzzerreißend traurig bis hin zu gefühlvoll und spannend ist alles dabei. Ein wahres Auf und Ab, doch dies unterstreicht nur den realistischen Ton des Buches, denn wann verläuft das Leben schon geradlinig und ohne Hindernisse? Der einzige Kritikpunkt – neben der Tatsache, das auch dieser New Adult Roman unbedingt in den USA spielen musste – ist tatsächlich das Ende. Denn so wundervoll harmonisch die Geschichte bis dorthin erschien, die letzten Seiten wirken fehl am Platz, übertrieben und fast schon so, als wären sie allein aus Marketinggründen entstanden. Dies hat für mich einen Schatten auf das gesamte Buch geworfen und einen faden Beigeschmack hinterlassen. Nichtsdestotrotz lohnt es sich, „Berühre mich. Nicht.“ eine Chance zu geben, denn auch wenn es den einen oder anderen Kritikpunkt gibt, handelt es sich hier um eine wundervolle, einfühlsame Geschichte, die man einfach genießen kann – und auch sollte!

Berühre mich. Nicht. von Laura Kneidl
462 Seiten (Paperback)
Verlag: LYX
Erschienen: Oktober 2017
ISBN: 978-3-7363-0527-4

Vielen herzlichen Dank an LYX und Netgalley.de für das digitale Leseexemplar.

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[Rezension] Melissa Broder: Fische

Im Grunde wollte Lucy ihren Freund Jamie nie heiraten oder Kinder mit ihm, doch dann versetzt sie ihre dramatische Trennung unerwartet in eine emotionale Totalkrise. Mit achtunddreißig Jahren steht sie vor dem Abgrund: Sie dröhnt sich zu, sucht Hellseherinnen auf und droht schlichtweg zu verzweifeln. Rettung scheint in greifbarer Nähe, als sie Phoenix verlässt und in Venice Beach das Haus ihrer Schwester samt Hund hütet. Doch weder der Besuch der hiesigen Liebes- und Sextherapiegruppe für beziehungsgestörte Frauen noch Tinder-Abenteuer können Lucy aus ihrem Wahn befreien. Alles ändert sich, als Lucy sich eines Abends am Strand in den wunderschönen Schwimmer Theo verliebt. Da erscheinen auch die Leerstellen in Sapphos Werk, über das sie seit neun Jahren versucht eine Dissertation zu verfassen, in einem ganz neuen Licht. Doch als Lucy die Wahrheit über Theos Identität erfährt, muss sie sich einige Fragen noch einmal stellen: Was bedeutet es zu lieben? Wie weit können wir gehen, um ewige Liebe zu erfahren und wann geben wir uns selbst auf? (Inhaltsangabe: Ullstein Buchverlage)

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Die amerikanische Autorin und Poetin Melissa Broder ist wohl vor allem aufgrund ihres Twitter-Accounts So Sad Today bekannt. Im Jahre 2016 erschien ihr Essay- / Memoir-Band, welcher den Namen des erfolgreichen Social-Media-Accounts als Titel aufgriff und zum Teil auf ihm basiert. Broder schreibt für die amerikanische „Elle“,tritt als Stammautorin in Lena Dunhams „Lenny Letter“ auf und hat aktuell vier Gedichtbände veröffentlicht. „Fische“ ist ihr Romandebüt.

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Wie viel Schmerz kann man ertragen, bis die Hoffnung verschwindet?

Wer den Twitter-Account von Melissa Broder oder ihre Essay-Sammlung „So Sad Today“ kennt, der ist vielleicht schon ein wenig vorgewarnt in Bezug auf ihr Romandebüt. Was dem geneigten Leser hier geboten wird, ist ein Drahtseilakt zwischen großartigen, tiefsinnigen und philosophisch angehauchten Beobachtungen und Analysen, und der schonungslos ehrlichen Realität, die das eine oder andere Mal an die Grenzen des erträglichen geht – und darüber hinaus.

Lucy, Erzählerin und Antiheldin von „Fische„, könnte unsympathischer und komplizierter nicht sein. Sie erscheint wie ein humanoides schwarzes Loch, welches den Leser und sein Umfeld mit der erdrückenden Kraft ihrer emotionalen Bedürfnisse zu verschlingen droht. Ihre Beziehung erscheint ihr langweilig und ermüdend, doch kaum hat sie eine Trennung quasi provoziert, verzehrt sie sich nach ihrem Ex-Freund wie nach einer Droge. Alles außer die Anerkennung durch ihn erscheint bedeutungslos. Lucy selbst ist ein Nichts ohne ihn.

Mein dringendstes Anliegen war es, die Leere zu füllen, denn ich fürchtete ständig, sie könnte mich umbringen. An anderen Tagen sehnte ich mich nach totaler Auslöschung, nach einem schmerzlosen, stillen Verschwinden.
(Melissa Broder: Fische)

Das Nichts und die Leere selbst sind ein zentrales Thema, nicht nur von Lucys Arbeit über die Dichterin Sappho, in der sie den Leerstellen in Sapphos dichterischem Werk eine ganz besondere Bedeutung beimisst, sondern auch in Lucys eigenem Leben. Lucy verzehrt sich nach einer wahren, großen Liebe, episch und bedeutend wie die Liebe, von der im antiken Griechenland gesungen wurde – alles verschlingend und erfüllend. Doch die Liebe in der heutigen Zeit funktioniert anders. Die Romantisierung von Natur und ihren Gewalten wird abgelöst von der Distanz und der Liebe als Konsumgut. Partnervermittlung, Dating-Apps. Liebe ist Verkaufsschlager. Aus Alt mach Neu. Passt ein Partner nicht, wartet hinter ein paar Klicks bereits eine Alternative.

Lucy als Person ist nicht in der Lage, etwas zu tun, ohne dieser Tat ihre ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Im Verlauf der Geschichte vernachlässigt sie ihre Pflichten, ohne sich mit den Folgen auseinander zu setzen. Schlägt der Worst Case zu, ist die Verzweiflung groß und stößt Lucy immer tiefer in den Strudel aus Selbstzweifeln und Bedeutungslosigkeit. Lucy lügt gegenüber ihrer Schwester und ihrer Selbsthilfegruppe, gibt nur einen Teil ihrer Gedanken und Gefühle preis. Einzig und allein der Leser sieht das gesamte Ausmaß – und das drohende Unheil.

„Du bist tödlich, aber auf eine sanfte Weise…“

Zwar möchte man meinen, in „Fische“ geht es in erster Linie um eine romantische Beziehung zwischen Frau und Meermann, doch Theo – der Schwimmer, der sich im späteren Verlauf als Flossenträger entpuppt – fungiert eher als künstlerisches Mittel, um Lucys Obsession zu unterstreichen. Theo ist mythologische Figur, ein unnatürliches „Monster“ welches sich nach Liebe sehnt. Hilflos, da von Lucy und ihrer Verschwiegenheit abhängig, und von Schamgefühlen und Selbstzweifeln überladen, ist Theo das mythische Spiegelbild der weiblichen Hauptperson – und genau so gefährlich für sein Umfeld wie Lucy es letztendlich ist.

Theo und ich, wir waren zwei Seiten derselben Münze. Dann dachte ich an das Symbol der beiden Fische des Wasser-Sternzeichens, die durch eine Schnur verbunden waren, [..].
(Melissa Broder: Fische)

Broder greift in ihrem Debütroman viele Themen auf, spricht diese direkt mit kalten, harten, gnadenlosen Beobachtungen an, oder lässt den Leser selbst hinter die Bedeutung von kleinen, fast schon bedeutungslos erscheinenden Details kommen. Lucys Co-Abhängigkeit, als würde einzig und allein die Aufmerksamkeit, die ihr durch Männer zuteil wird, sie zu einem vollwertigen menschlichen Wesen machen. Das Verlangen nach Liebe. Geltungsdrang. Der sinnlose Konsum. Das, was wir als Frauen unseren Körpern antun, um einem von der Außenwelt suggerierten Schönheitsideal gerecht zu werden, statt einfach nur das zu tun – und für uns zu tun – womit wir uns wohl fühlen. Die schönen, erfüllenden und dann die weniger schönen sexuellen Abenteuer.

Wer hatte eigentlich gesagt, das Leben sollte genossen und nicht erduldet werden? Was, wenn zu leiden der Sinn des Lebens war? Aber ich wollte nicht mehr leiden. Ich konnte nicht mehr, das wurde mir immer klarer. Ich würde versuchen, glücklich zu sein, selbst wenn mir das noch mehr Schmerzen einbrachte.
(Melissa Broder: Fische)

Ja, „Fische“ ist anders. Es ist kein leicht verdauliches Buch und hält sich nicht zurück. Wie ein gnadenloses Feuerwerk prasselt Lucys Geschichte auf den Leser ein, mit allen Facetten, einige davon federleicht und schön, doch die meisten so grausam ehrlich, dass es fast schon weh tut. Lucy ist kein liebenswerter Charakter, im Gegenteil. Sie trifft furchtbare Entscheidungen, ist ein Unfall auf zwei Beinen, der von einem Desaster ins nächste taumelt. Und doch ist sie so unglaublich menschlich. Sie ist wir, in dem einen oder anderen Fall. Melissa Broders Talent, uns auf diese Art einen Spiegel vorzuhalten, macht dieses Buch so lesenswert.

Fische von Melissa Broder
The Pisces
352 Seiten (Hardcover)
Übersetzung: Eva Bonné
Verlag: Ullstein
Erschienen: Mai 2018
ISBN: 9783550050299

Mein Dank geht an die Ullstein Buchverlage und Netgalley.de für das digitale Leseexemplar.

[Rezension] Sara Holland: Everless

In the land of Sempera, the rich control everything – even time. Ever since the age of alchemy and sorcery, hours, days and years have been extracted from blood and bound to iron coins. The rich live for centuries; the poor bleed themselves dry. Jules and her father are behind on their rent and low on hours. To stop him from draining himself to clear their debts, Jules takes a job at Everless, the grand estate of the cruel Gerling family.

There, Jules encounters danger and temptation in the guise of the Gerling heir, Roan, who is soon to be married. But the web of secrets at Everless stretches beyond her desire, and the truths Jules must uncover will change her life for ever … and possibly the future of time itself. (Source: Hachette Children’s Group)

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Sara Holland wuchs in einer Kleinstadt in Minnesota – und in zahlreichen literarischen Welten – auf. Sie studierte an der Wesleyan Universität und arbeitete in einem Teeladen, einer Zahnarztpraxis und in der Verwaltung. Heute arbeitet sie im Verlagswesen und als Literaturagentin in New York, wenn sie denn nicht gerade Buchläden erkundet. „Everless“ ist ihr Debütroman.

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Time is running out

Die Idee hinter „Everless“ hat mich von Anfang an fasziniert. Eine Welt, in der sich die Lebenszeit im Blut der Menschen zu Münzen pressen lässt und als Währung genutzt wird und in der die Normalbevölkerung sich langsam ausblutet während die Lebenszeit der Reichen und Schönen immer länger wird. Zu diesen reichen Familien zählen die Gerlings, deren Wohnsitz den Namen für Hollands Roman gab.

[…] believing the old tales of fairies who will freeze the time in your blood, or witches who can spill your years out over the snow with only a whisper.
(Sara Holland: Everless, Seite 1)

Der Vater von Jules – die in Everless aufgewachsen ist – hegt einen Groll gegenüber der Familie Gerling, welcher ihn dazu brachte, sich und seine Tochter in einem abgelegenen kleinen Dörfchen zu verstecken, wo ihnen der harte Alltag immer mehr Lebenszeit raubt. Die Hintergrundgeschichte und die Verbindungen der einzelnen Charaktere untereinander erscheint zunächst recht interessant gestrickt, bleibt am Ende jedoch wenig überraschend.

Einen Pluspunkt sammelt „Everless“ definitiv mit dem eigentlichen Grundsetting der Geschichte. Zeit als Währung und die Tatsache, dass kaum ein Mensch weiß wie viel Lebenszeit sich noch im eigenen Blut befindet geben dem Buch einen düsteren Ton, der fast schon grausame Züge annimmt, wenn man sich die Gleichgültigkeit, mit der das Dahinsiechen der nicht so wohlhabenden Bevölkerung hingenommen wird, vor Augen hält. Dazu kommt der sehr flüssige, fast schon leichte Schreibstil von Holland, der es leicht macht in ihre geschaffene Welt einzutauchen.

Großartige Idee, die durch die schwache Konstruktion der Charaktere leiden muss

Es könnte so gut sein, doch leider macht die Hauptfigur Jules Ember die faszinierende Grundidee ein wenig Zunichte, denn mehr als einmal will der geneigte Leser dem Mädchen die eine oder andere Kopfnuss verpassen. Sie kehrt gegen den Willen ihres Vaters nach Everless zurück – ein Punkt, mit dem man leben könnte, kommt es doch somit zur Rebellion der Hauptperson gegen die ihr auferlegten Verpflichtungen und Verbote.

A drop of sweetness mixes into the grief inside me. It’s only a drop in a sea, but in that moment, it feels like everything.
(Sara Holland: Everless, Seite 105)

Doch abgesehen von diesem Aufbegehren fehlt es Jules an Persönlichkeit. Ihr Charakter entwickelt sich trotz einer Vielzahl von einschneidenden – man möchte fast sagen dramatischen – Erlebnissen nicht weiter. Sie lernt nichts dazu, hinterfragt sich und ihre Entscheidungen nicht und handelt oft in einer Art und Weise, die wenig nachvollziehbar ist, obwohl es kurzzeitig immer wieder gute Ansätze gibt, die allerdings stets im Sande verlaufen.

Auch die Nebencharaktere, allen voran die beiden Söhne der Familie Gerling, Roan und Liam – wobei Liam als der dunkle, verschlossene und grausame Typ zumindest ein paar Züge des Fieslings zum Liebhaben trägt – bleiben flach und bewegen sich nicht aus ihren aufgesetzten, stereotypen Rollen heraus. Und ja, es kündigt sich natürlich auch eine Romanze an, passend zu den Charakteren ist diese aber wenig glaubhaft und wirkt gezwungen.

The few times I’ve seen the brothers in the same room, they’ve seemed in separate universes – Roan the center of attention, all light and laughter, and Liam observing silently from a corner, eyes so dark they seem to devour any light that comes near, […].
(Sara Holland: Everless, Seite 194)

Everless“ bietet mit seiner Idee viel Potential, verschenkt dieses aber an der Charakterfront. Holland erzählt eine solide Geschichte, die wenig Höhepunkte aufweist und erst gegen Ende an Fahrt gewinnt, jedoch bleiben die Akteure eher flach und bieten wenig Entwicklungspotential, sodass es oftmals schwer fällt der Geschichte weiter zu folgen. Kein schlechtes Buch, welches bestimmt seine Fans finden wird, doch für mich persönlich nicht das Richtige. Für den Auftaktband einer Reihe ein schwacher Start.

Everless von Sara Holland
368 Seiten (Hardcover)
Verlag: Orchard Books / Hachette
Erschienen: Januar 2018
ISBN: 9781408353394

[Rezension] Margaret Rogerson: An Enchantment of Ravens

Isobel is a prodigy portrait artist with a dangerous set of clients: the sinister fair folk, immortal creatures who cannot bake bread, weave cloth, or put a pen to paper without crumbling to dust. They crave human Craft with a terrible thirst, and trade valuable enchantments for Isobel’s work. But when she receives her first royal patron – Rook, the autumn prince – she makes a terrible mistake. She paints mortal sorrow in his eyes, a weakness that could cost him his life.

Furious, Rook spirits her away to the autumnlands to stand trial for her crime. Waylaid by the Wild Hunt’s ghostly hounds, the tainted influence of the Alder King, and hideous monsters risen from barrow mounds, Isobel and Rook depend on one another for survival. Their alliance blossoms into trust, then perhaps even love, a forbidden emotion that would violate the fair folk’s ruthless Good Law. To save both their lives, Isobel must choose between sacrificing her Craft or using her art to defy the ancient malice of the fairy courts… for Craft may hold more power over the fair folk than she ever imagined. (Source: margaretrogerson.com)

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Margaret Rogerson hat einen Abschluss in Kulturanthropologie – eine Kultur- und Sozialwissenschaft, die den Menschen in seinem Verhältnis zu seiner Kultur untersucht – der Miami Universität in Ohio und arbeitete als Marketing Assistentin, Grafikdesignerin und freischaffende Künstlerin. Aktuell lebt Rogerson in Cincinnati, Ohio und verbringt ihre Zeit neben Schreiben und Lesen mit Malen, Computerspielen und dem Kochen von Pudding. „An Enchantment of Ravens“ ist ihr Debütroman.

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An Enchantment of Ravens“ ist die Art von Buch, das einen Eindruck beim Leser hinterlässt – und sich definitiv nicht wie eine etwas anders erzählte Variante von Maas‘ „A Court of Throns and Roses“ liest. Der Schreibstil, mit dem Rogerson ihre Welt und ihre Charaktere zeichnet, passt sich mit seinem wunderlich-magischem Ton perfekt in die Geschichte ein und trägt einen großen Anteil an der Faszination des gesamten Werkes, ohne überladen oder ablenkend zu wirken. Stattdessen möchte man am liebsten seitenweise Textstellen markieren, um die wunderschönen Worte für später in Erinnerung zu behalten.

Ein wunderschön erzähltes düsteres Abenteuer im Feenreich

Isobel ist als Künstlerin weit über die Grenzen ihrer Heimatstadt hinaus bekannt. Zunächst mag es verwunderlich erscheinen, warum sich die Bewohner der Feenwelt darum reißen, ihr Portrait von Isobel erstellen zu lassen, doch Feen können kein Handwerk ausüben. Die Art und Weise wie Rogerson den künstlerischen Aspekt von Isobels Handwerk beschreibt zeigt deutlich, dass die Autorin selbst Erfahrung mit der Malerei hat. Hinzu kommt der bereits erwähnte wundervolle Schreibstil, welcher die Farbenwelt des Buches wie ein Gemälde vor dem inneren Auge des Lesers entstehen lässt.

“I paint not because I want to, not because I’m good at it, but because it is what I must do, what I love and breathe, what I was made for.”
(Margaret Rogerson: An Enchantment of Ravens)

Als Charakter erschien mir Isobel zunächst ein wenig flach, jedoch bekommt sie im Laufe der Geschichte immer mehr an Tiefe und Persönlichkeit verliehen. Sie arbeitet hart für das Wohl ihrer Familie und weiß sich im Umgang mit Feen zu helfen. Selbst Rook schüchtert sie nicht ein.

Mit Rook wären wir auch schon beim zweiten Hauptcharakter in Rogersons Debüt. Der Herrscher des Herbsthofes ist eine Klasse für sich. Da menschliche Gefühle als Schwäche gesehen werden, gibt er sich vor allem arrogant, bestimmend und kalt, allerdings macht ihn seine Launenhaftigkeit, die nur allzu menschlich wirkt, ungemein sympathisch – wenn man denn, ähnlich wie Isobel, ein wenig Zeit mit ihm verbringt.

Mythisch-wundervollen Schreibstil setzt Charaktere und (Feen-)Welt perfekt in Szene

Natürlich darf eine Prise Romantik hier nicht fehlen. Was wäre eine solche Geschichte denn auch ohne Schwärmerei und Gefühl? Die sich entwickelnde Zuneigung zwischen Isobel und Rook verläuft sehr langsam. Beide sträuben sich gegen ihre Empfindungen füreinander, verbietet doch ein Gesetz die Liebesbeziehung zwischen Feen und Menschen. Mit den Hindernissen und Gefahren, die Rogerson ihren beiden Helden in den Weg legt, wachsen die beiden allerdings immer mehr zusammen. Ein geschickter Schachzug der Autorin, welcher gerade diesen Part der Geschichte glaubhaft und nachvollziehbar gestaltet, ohne das allgegenwärtige Mittel der Liebe auf den ersten Blick.

Wer sich ein wenig mit der Welt der Sagen und Mythen auskennt, trifft in „An Enchantment of Ravens“ auf diverse gekonnt in die Geschichte eingearbeitete Details. Da ist zum einen der Alder King, dem als Inspirationsquelle der Erlkönig aus dem bekannten gleichnamigen Gedicht von Goethe zu Grunde liegt. Und auch die Wilde Jagd trifft man des Öfteren an, ist diese Legende doch in vielen Teilen Europas verbreitet.

“Why do we desire, above all other things, that which has the greatest power to destroy us?”
(Margaret Rogerson: An Enchantment of Ravens)

An Enchantment of Ravens“ ist eine wundervolle Geschichte, die mehr zu bieten hat, als es zunächst den Anschein hat. Abenteuer und Romantik gemischt mit einem Touch von Düsternis und Dunkelheit, sind die Bewohner des Feenreiches doch oft auch grausam. Rogerson schafft mit ihrem Erzählstil eine greifbare Welt, die von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und einen die Herbstsonne auf der Haut spüren lässt. „An Enchantment of Ravens“ verdient es nicht nur aufgrund seines wundervollen Covers bewundert zu werden, sondern sollte auf jeden Fall auch gelesen werden.

An Enchantment of Ravens von Margaret Rogerson
304 Seiten (Hardcover)
Verlag: Margaret K. McElderry Books / Simon & Schuster
Erschienen: September 2017
ISBN: 9781481497589

[Rezension] Alexandra Christo: To Kill a Kingdom

Princess Lira is siren royalty and the most lethal of them all. With the hearts of seventeen princes in her collection, she is revered across the sea. Until a twist of fate forces her to kill one of her own. To punish her daughter, the Sea Queen transforms Lira into the one thing they loathe most—a human. Robbed of her song, Lira has until the winter solstice to deliver Prince Elian’s heart to the Sea Queen or remain a human forever.The ocean is the only place Prince Elian calls home, even though he is heir to the most powerful kingdom in the world. Hunting sirens is more than an unsavory hobby—it’s his calling. When he rescues a drowning woman in the ocean, she’s more than what she appears. She promises to help him find the key to destroying all of sirenkind for good—But can he trust her? And just how many deals will Elian have to barter to eliminate mankind’s greatest enemy? (Source: alexandrachristo.com)

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Nachdem Alexandra Christo im Alter von 4 Jahren erfahren hat, dass sie wohl keine Fee werden könnte, wollte sie Autorin sein. Sie besitzt einen Abschluss in Kreativem Schreiben und arbeitet in London. Ihr Leben in Hertfordshire teilt sie mit einer Kollektion an Kakteen. „To Kill a Kingdom“ ist ihr Debütroman.

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Sirenen, Piraten, Meerjungfrauen, Magie und ein Prinz – wer sich ein ganz klein wenig an „Die kleine Meerjungfrau“ erinnert fühlt, liegt nicht komplett falsch. Doch mit dem bekannten Märchen von Hans Christian Andersen und der Disney-Version hat „To Kill a Kingdom“ von Alexandra Christo nicht mehr viel gemeinsam.

„Die kleine Meerjungfrau“ war gestern

Lira ist keine Meerjungfrau, sondern eine Sirene und Tochter der Königin. Erzogen zur Herzlosigkeit und Grausamkeit ist Lira in ihren Jahren zur Legende geworden. Als Princes‘ Bane raubt sie allein royalen Herren das Herz – sprichwörtlich und genau so blutig wie es klingt.

Als Erbe des Königreiches Midas hat sich Prinz Elian zur Aufgabe gemacht, Siren zu jagen und zu töten. Begleitet wird er auf seinem eigenen Schiff von einer mehr an Piraten als an königlichen Trupp erinnernde Crew, die für ihn jedoch ihr Leben aufs Spiel setzen würde.

Reale und greifbare Charaktere, deren Entwicklung nachvollziehbar ist

Die Charakterisierung der beiden Hauptpersonen scheint simpel, doch hinter Christos Protagonisten verbirgt sich weit mehr als der erste Eindruck preisgibt. Lira scheint getrieben vom Hass den sie gegenüber den Menschen empfindet. Sie tötet ohne Mitgefühl und Reue, doch zeigen sich bereits zu Beginn sanftere Züge. Christo kreiert mit Lira eine starke Frau deren körperliche Kraft als Sirene vor allem den Menschen überlegen ist. Mit dem Fluch ihrer Mutter verschwindet diese Überlegenheit – ein geschickter Schachzug der Autorin, um Weiterentwicklungspotential für ihre Protagonistin zu schaffen.

Prinz Elian genau das, was man von einem Prinzen erwartet – gutaussehend, reich, wohlerzogen. Doch unter der hübschen Verpackung tobt eine Flut von Gedanken und Gefühlen. Die Flucht in das Leben als Pirat und Sirenjäger ist gleichzeitig Flucht vor seinem Schicksal und Erbe, will er doch eigentlich gar nicht regieren und seine Freiheit aufgeben. Doch sein Pflichtbewusstsein hält ihm immer wieder vor Augen, irgendwann sein altes Leben aufgeben zu müssen.

Grausame Schönheit und düstere Töne

Christo beschreibt das Wachstum ihrer Charaktere nicht mit endlosen, tiefgründigen Mono- und Dialogen. Sie zeigt das Wesen ihrer Kreationen durch deren Handlungen, Taten und ihr Verhalten anderen gegenüber. Die Kämpfe, die sie mit sich selbst und ihrem Gewissen austragen, machen vor allem Lira und Elian ungemein greifbar und real, und räumt auch der sich langsam entwickelnden Vertrautheit zwischen den beiden – obwohl sie doch eigentlich Feinde bis aufs Blut sein sollten – Glaubwürdigkeit ein. Diese Entwicklung allein hebt sich ungemein positiv von all den Liebe-auf-den-ersten-Blick-Szenarien ab.

Some people burn so brightly, it’s impossible to put the flames out.
(Alexandra Christo: To Kill a Kingdom, Seite 216)

To Kill a Kingdom“ schlägt vom ersten Moment an einen sehr düsteren und fast schon brutalen Ton an, hält sich doch Christo keineswegs mit ihren Beschreibungen zurück. Auch die Gestaltung ihrer Welt und der einzelnen Königreiche ist ungemein faszinierend, sei es nun das goldene Reich Midas, dessen königliche Familie statt Blut Gold in den Adern trägt, Monarchen, der Berührung dazu führt seinen Seelenverwandten zu finden oder aber Regenten, die selbst der gefährlichsten Kälte widerstehen und deren Lippen blau sind wie die von Erfrorenen. Selbst was zunächst schön und herrlich erscheint, hat einen bitteren Beigeschmack.

Die Geschichte selbst arbeitet sich stetig auf den finalen Höhepunkt hin. Lira und Elian beide haben ein Ziel und tun alles in ihrer Macht stehende, dieses auch durchzusetzen. Positiv ist hier vor allem den Part, den Lira beim großen Finale spielt. Im Gegensatz zur bekannten animierten Variante sitzt sie nicht handlungsunfähig fest, sondern kämpft für sich.

Every Action will betray. Every choice will slaughter.
(Alexandra Christo: To Kill a Kingdom, Seite 199)

To Kill a Kingdom“ ist eine dunkle und erwachsenere Adaption einer bekannten Geschichte, hebt sich aber komplett davon ab. Zwar finden sich ein paar kleine Anspielungen, sowohl auf die Disney- als auch auf die Märchenversion, doch bleibt Christos Roman sich selbst treu. Wer glaubwürdige und reale Charaktere mag und eine Sirene und einen Piratenprinz bei ihrem Abenteuer begleiten will, für den ist dieses düstere Schmankerl definitiv das Richtige.

To Kill a Kingdom von Alexandra Christo
368 Seiten (Paperback)
Verlag: Hot Key Books
Erschienen: März 2018
ISBN: 9781471407390

Im Herbst 2018 erscheint das Buch auf Deutsch unter dem Titel Elian und Lira – Das wilde Herz der See beim dtv Verlag.

[Kleine Leseeindrücke #2] J.R. Ward: Bourbon Kings, Bourbon Sins, Bourbon Lies | Leigh Bardugo: Wonder Woman Warbringer

Man begegnet ihnen öfter, diesen Büchern, zu denen man vielleicht doch gerne etwas sagen würde, aber bei denen die Gedanken nicht reichen für eine komplette Rezension. Viele von euch veröffentlichen kleine Sammelbeiträge, und ich springe auf den Zug einfach mal mit auf. In unregelmäßigen Abständen werde ich in den Kleinen Leseeindrücken meine Gedanken zu gelesenen Büchern notieren.

J.R. Ward: Bourbon Kings 1-3 (Bourbon Kings | Bourbon Sins | Bourbon Lies)

Source: LYX

(Zur Reihe: Goodreads)

Ich kenne zwar die Black Dagger Bücher, aber gelesen habe ich noch nie ein Werk von J.R. Ward. Mit der Bourbon Kings Reihe hat Ward aber komplett meinen Geschmack getroffen – und mich positiv überrascht. Denn eigentlich habe ich eine typische Romance-Geschichte erwartet, bekam aber etwas völlig anderes.

In der Buchreihe geht es um die Familie Bradford, welche sich als Bourbon-Hersteller einen Namen gemacht hat. Ward zeichnet das typische Downton Abbey Szenario: Reich bis zum Umfallen, mit eigenem Herrenhaus und strikter Klassentrennung. Mit dem Personal reden? Nicht gern gesehen. Wichtige Kernpunkte der Familie sind Lane – um dessen Lovestory mit Gärtnerin Lizzie es sich hauptsächlich in Band eins dreht -, sein älterer Bruder Edward – seit einer Entführung körperlich am Boden – und das verwöhnte Schwesterlein Gin. Dazu noch der wenig sympathische Familienvater und eine Mutter, die mehr Pflegefall ist als alles andere.

Die Charaktere sind alle wenig sympathisch und bedienen die Klischees der typischen reichen Ami-Familien, aber im Verlauf der Geschichte lernt man die Familie Bradford und die Nebencharaktere lieben. Obwohl lieben vielleicht doch übertrieben ist.

Fakt für mich: Die Reihe hat sich unerwartet von Romantik zu einer Familiensaga voller Tod, Drama und Intrigen entwickelt, die an manchen Stellen etwas übertrieben ist, aber mich doch sehr unterhalten hat. Im Deutschen sind die Bücher bei Lyx erschienen als Bourbon Kings, Bourbon Sins und Bourbon Lies.

Leigh Bardugo: Wonder Woman Warbringer

Source: Random House Books

(Zum Buch: Goodreads)

Eigentlich bin ich ja nicht ganz so der Superheldenfanatiker – ja, ich mag die Verfilmungen von Marvel und DC, die sind ganz nett anzusehen, aber so ein richtiges Fangirl bin ich dann doch nicht. Die Kombi aus bekannten YA-Autoren und klassischen Superhelden hat mich aber angesprochen, daher ist „Wonder Woman Warbringer“ bei mir eingezogen.

Wonder Woman Diana ist in Bardugos Geschichte noch eine junge Frau, geplagt von Unsicherheiten, die jeder von uns wohl einmal durchlaufen hat. Sie hat mit Vorurteilen zu kämpfen, da eine Gruppe von Amazonen sie nicht als eine der ihren ansieht (Diana ist auf der Insel Themyscira geboren und nicht wie die anderen Amazonen auf dem Schlachtfeld gestorben). Sehr gelungen fand ich die ganzen mythologischen Details, die im Verlauf der Geschichte auftauchen. Ein Ausflug in die griechische Götterwelt quasi.

Wirklich großartig finde ich die Art, wie Bardugo ihre Charaktere gestaltet und darstellt. Alia, neben Diana Hauptcharakter Nummer zwei, ist Afro-Amerikanerin mit griechischen Wurzel, genau wie ihr Bruder Jason. Ihre beste Freundin Nim ist indischer Abstammung, Theo Santos, ein weiterer wichtiger Charakter, Afro-Latino. Die Themen Geschlechterrollen und Stereotypen, Abstammung, Hautfarbe usw. verpackt Bardugo geschickt in ihre Story.

Wonder Woman Warbringer“ ist schnell und actiongeladen, voll von starken weiblichen Charakteren (und damit meine ich vor allem auch emotionale und mentale Stärke) und einer fantastischen Darstellung von Freundschaft und Vertrauen. Allerdings ist der Funke der eigentlichen Handlung nicht so ganz auf mich übergesprungen. Ich hatte mir mehr Tiefe erhofft.