[Rezension] Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

widerfahrnis

Reither, bis vor kurzem Verleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Aber noch stärker verbindet die beiden, dass sie nicht mehr auf die große Liebe vorbereitet zu sein scheinen. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet, nur da ist … (Inhaltsangabe: Frankfurter Verlagsanstalt)

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Bodo Kirchhoff ist gebürtiger Hamburger, lebt und schreibt entweder in Deutschland oder Italien, und schreibt neben Romanen auch Erzählungen und Drehbücher (u.a. Tatort, Die Konferenz). Für sein Schreiben wurde er schon mehrfach nominiert und ausgezeichnet, und hat es mit „Die Liebe in groben Zügen“ im Jahr 2002 schon einmal auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Seine Novelle „Widerfahrnis“ wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 nominiert.

[…] und da löste sich noch ein Bruchstück von jener Wanderung mit väterlichem Lateinunterricht, amavero – einzige Futurform, die er sich doch gemerkt hatte auf dem Rückweg vom Hinterwaldkopf, Futurum zwei, junger Mann, ich werde geliebt haben.
(Pos. 835-837)

Bodo Kirchhoff hat schon Novellen, Romane und Erzählungen geschrieben und veröffentlicht, da war ich noch nicht einmal geboren. In meinem Geburtsjahr erschien mit „Ferne Frauen“ ein Erzählband im Suhrkamp Verlag, danach folgten zahlreiche Veröffentlichungen, nicht nur allein in Buchform, sondern auch als Beiträge in diversen Magazinen. Und dennoch, obwohl der Name Kirchhoff bei mir durchaus ein wissendes Nicken verursacht, wenn er an mein Ohr dringt, habe ich noch nie eines seiner Werke gelesen.

Widerfahrnis“ wird als Novelle deklariert. Recht passend, meiner Meinung nach, auch wenn sich das Buch keinesfalls in einem Rutsch lesen lässt, wie das bei einigen Vertretern dieser Kategorie der Fall ist. Kirchhoffs Werk weist tatsächlich mehrere Wendepunkte und im wahrsten Sinne des Wortes einschneidende Erlebnisse und Momente auf, das alles untermalt von einer fast schon bildhaften, opulenten Sprache.

Sie betrachtete ihn – ein Wort, vor dem er häufig gewarnt hatte, betrachten, es gehöre ins Museum, sei zu mächtig, wie auch das Wort Blick, es gelte, andere Worte zu finden, unaufdringliche, und doch war es ein Betrachten über den Rand des Bechers.
(Pos. 546-548)

Kirchhoffs Sprachgewalt ist es auch, die hier in Erinnerung bleibt und an das Werk fesselt. Sätze, die über mehrere Zeilen gehen, fast schon konstruiert wie ein kleines Kunstwerk, und oftmals kurz davor den Faden zu verlieren, um sich dann doch wieder zu besinnen, ein Ende zu finden, nur um diesen Sog im nächsten Satz erneut zu starten. Dazu keine wörtliche Rede im allgemeinen Sinn, stattdessen fließt alles ineinander, verschwimmt, verwischt, verwirrt aber nicht, im Gegenteil. Gerade diese Art des Schreibens und Erzählens hat mich gefesselt, und, um eine moderne Wortwahl zu finden, bei der Stange gehalten.

Denn modern, nun, das ist dieses Buch vielleicht wirklich nicht, sind doch seine beiden Hauptakteure bereits älter, wahrscheinlich doppelt so alt wie ich. Mindestens. Auf der einen Seite ist da Reither, der seinen kleinen Verlag aufgegeben hat, in dem er pro Jahr um die vier Bücher veröffentlichte – Bücher, die seinen Ansprüchen gerecht wurden, seiner Auffassung von Sprache, dem Einsetzen und der Verwendung von Worten, und dem Erzählen an sich. Verleger und Kritiker zugleich, wobei vor allem letzteres ein Charakterzug ist, der sich auch in seinem späteren Leben im Ruhestand immer wieder findet. Ihm Gegenüber steht Leonie Palm. Auch sie hat ein Geschäft aufgegeben, auch sie verbringt ihren Lebensabend in dem kleinen Tal am Alpenrand. Eine Frau die im Winter mit Riemchensandalen und Sommerkleid bei Reither vor der Tür steht. Eine Frau, die an schweren Schicksalsschlägen zu tragen hat, und doch diejenige ist, die Reither wachrüttelt.

Aber Widerfahrnis, das war mehr als die vergessene Heimsuchung – da muss man nur hinhören, muss nur hinsehen, dann ist es die Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz, aber auch die Hand, die einen einfach an die Hand nimmt – ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen.
(Pos. 1671-1673)

Reither und Leonie. Leonie und Reither. Die beiden begeben sich auf eine Reise. Spontan, ohne einen vorangegangenen Plan. Einfach so, mitten in der Nacht. Ein Roadtrip, der sie letztendlich bis nach Sizilien bringt. Und der ihnen die Veränderungen vor Augen führt, mit denen unsere Gesellschaft konfrontiert wird. Fast schon kettenartiges Rauchen, alte Musikkassetten im Auto, die Lederjacke aus den Achtzigern, Hüte und gute, anspruchsvolle Bücher – die Vergangenheit, in Worte und Metaphern gepackt, ganz wie das bei einer Novelle eben der Fall ist.

Die Zukunft, das Hier und Jetzt, das sind Ströme von Menschen an Bahnhöfen, auf Straßen und Fähren, mit Rucksäcken, die all das enthalten, was ihnen von ihrem alten Leben geblieben ist. Kleine Kinder, geboren auf der Straße. Auf der Flucht. Kirchhoff bringt die Flüchtlingsthematik geschickt und dezent ins Spiel. Eine Thematik, die man kaum mehr ignorieren kann, wenn man einen zeitgenössischen Roman schreiben will, wird man doch allein im Alltag stetig damit konfrontiert.

Erinnerungen sollten wie Abschnitte in einem Handbuch sein, nur dazu dienen, in bestimmten Situationen die richtigen Worte in richtiger Reihenfolge zu sagen, aber es sind Einflüsterungen, die einen betören oder mit Schmerz erfüllen oder beides.
(Pos. 838-840)

Widerfahrnis“ ist viel – Roadmovie, eine Geschichte über eine sich langsam entspannende Liebe, über Schicksale, über Alt und Neu, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Kirchhoffs Sprache ist gewaltig, poetisch, melancholisch, erschlägt den Leser fast, doch vielleicht ist genau das gewollt. Das Unaufhaltsame, das Hereinbrechen von Ereignissen, Geschehnissen, man selbst als stiller Beobachter, machtlos und trotzdem gebannt, unfähig sich abzuwenden.

Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ hat seinen Anspruch, ist kein leichtes Buch für Zwischendurch. Als Kirchhoff-Neuling kann ich nicht sagen, inwieweit er bewehrte Themen immer wieder in seinen Büchern verwendet. Stattdessen sage ich dies: „Widerfahrnis“ mag Abschied sein vom Alten, mag Hommage sein, voller Wehmut, Melancholie und Zartheit. „Widerfahrnis“ ist aber vor allem eines: Ein Buch, das mich neugierig gemacht hat. Auf mehr von Kirchhoff.

Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff
224 Seiten
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Erschienen: September 2016
ISBN: 978-3-627-00228-2

Vielen herzlichen Dank an die Frankfurter Verlagsanstalt und Netgalley.de für das Leseexemplar.

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7 Gedanken zu “[Rezension] Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

  1. Bodo Kirchhoff steht auch schon länger auf meiner „Autoren-von-denen-ich-unbedingt-etwas-gelesen-haben-möchte-Liste“.

    Nach dieser Rezension habe ich den Eindruck, dass „Widerfahrnis“ ein guter Einstieg sein könnte. Schaun mer mal! 😉

  2. Dieses Buch hat auf der aktuellen Longlist nicht mein Interesse geweckt. Deine Rezension dagegen macht mich nun doch darauf neugierig. Ich werde meine Leseliste zur Longlist daher erweitern. 🙂

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