[Rezension] Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald

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Alexander kehrt von seinem Auslandseinsatz als Soldat internationaler Truppen in die Heimat zurück. Seine Unruhe treibt ihn bald wieder fort. Sein jüngerer Bruder Jakob führt unterdessen den elterlichen Hof. Als sich sein Freund aufhängt, wird Jakob die Schuldgefühle nicht mehr los. Der Vater fabuliert von phantastischen Geschäftsideen, während er heimlich Stück für Stück des Ackerlandes verkaufen muss. Mit großer poetischer Ruhe und Kraft erzählt Reinhard Kaiser-Mühlecker von den Menschen, die durch Verwandtschaft, Gerede, Mord und religiöse Sehnsüchte aneinander gebunden sind. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die dieser Welt zu entkommen versuchen – eine zeitlose und berührende Geschichte von zwei Menschen, die nach Rettung suchen. (Inhaltsangabe: Fischer Verlage)

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Reinhard Kaiser-Mühlecker – Jahrgang 1982 – wuchs in Oberösterreich auf und studierte Landwirtschaft, Geschichte und Internationale Entwicklung in Wien. Sein Debütroman „Der lange Gang über die Stationen“ erschien 2008, es folgten inzwischen mehrere Romane nach. Für seine Werke wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung, dem Kunstpreis Berlin, dem Österreichischen Staatspreis und dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. „Fremde Seele, dunkler Wald“ erschien 2016 und ist unter anderem für den Deutschen Buchpreis 2016 sowie den Österreichischen Buchpreis 2016 nominiert.

In „Fremde Seele, dunkler Wald“ entführt Reinhard Kaiser-Mühlecker seine Leser nach Oberösterreich. Ein kleines Dorf, Landleben, Wald- und Wiesenromantik? Eher nicht. Denn Kaiser-Mühlecker hat hier einen bedrückenden, fast schon düsteren Roman geschaffen, der den geneigten Leser binnen kürzester Zeit in seinen Bann zieht.

Zu Beginn mag „Fremde Seele, dunkler Wald“ etwas holprig daher kommen. Gänzlich kann sich das sprachliche Talent des Autors auf den ersten Seiten nicht entfalten, doch das ändert sich schnell.

Er überließ sich den Erinnerungen. Bild um Bild stieg herauf und zog vorbei. Warum nur Bilder, warum keine Stimmen? Hatte die Erinnerung keine Sprache? Und was war das überhaupt? Konnte man sich jederzeit erinnern, willkürlich? Wie ging es? Und war Sich-Erinnern mehr zu wissen, als man wusste?
(Seite 217)

Im Fokus stehen Alexander und Jakob, zwei Brüder, auf einem Bauernhof aufgewachsen, inmitten eines fast schon märchenhaft anmutenden Familienlebens – Großeltern, Eltern, Kinder, alle unter einem Dach. Doch was nach Außen hin wie ein kleiner Traum erscheint, ist im Innern von Maden zerfressen. Der Vater ist ein Träumer, verkauft für seine Fantasien und Ideen nach und nach immer mehr Teile des Familienbesitzes. Die Großeltern sitzen auf ihrem Geld, rücken fast schon selbstsüchtig nicht einen Cent heraus und beobachten stattdessen den Zerfall. Die Mutter, eine stille und farblose Beobachterin, nur da statt zu handeln. Die Tochter in Schweden, mit kaum mehr Kontakt zu den Zurückgelassenen.

Alexander, der ältere der beiden Brüder, versucht schon früh dem Klammergriff der Tradition und Vergangenheit zu entkommen, flüchtet sich erst in den Religion und später – nachdem ihm auch ein Studium nicht das gegeben hat, das er sich wünscht – zum Militär. Jakob, fünfzehn Jahre jünger als Alexander und selbst noch nicht einmal volljährig, bleibt auf dem Hof, leistet das, was der Vater nicht mehr leisten will und kann, und muss doch zusehen, wie immer mehr des Besitzes vor seinen Augen verschwindet.

Das hieß jedoch nicht, dass es die Vergangenheit nicht gab, sie lebte mit, sie lebte weiter, als Unausgesprochenes, gegenwärtig wie ein Geruch, wie Licht oder Dunkelheit.
(Seite 161)

Beide mögen grundverschieden wirken, sind sich letztendlich aber doch ähnlich. Auf faszinierende Weise verlaufen die Leben der beiden Brüder ähnlich, suchen sie doch letztendlich beide einen Sinn im Leben, sind von Sehnsucht und Zweifeln geplagt, von Leere zerfressen und verzweifelt auf der Suche nach etwas, das Bedeutung haben könnte, das ihnen die Möglichkeit gibt, ihrer Vergangenheit zu entfliehen, eine Zukunft zu finden.

Alexander scheut zu feste Bindungen, flüchtet sich in Gelegenheitsbeziehungen, zieht sich zurück bevor tiefere, ernstere, feste Verbindungen entstehen können. Jakob stattdessen geht eine Beziehung ein, doch die Distanz die er zunächst empfindet, schlägt in Ekel und Hass um. Er, der sich leer und gefühllos vorkommt, wird heimgesucht von Attacken, die ihm selbst Angst bereiten.

Hätte er es beschreiben müssen, hätte er gesagt, es sei etwas wie eine Müdigkeit, die immer wieder über ihn hereinbrach und ihm jede Bewegung erschwerte und die so groß war, dass sie ihm manchmal die Tränen in die Augen trieb. Als wäre irgendwann eine Tür zugefallen, war es ihm, denn tief in sich hörte er bisweilen ein Geräusch wie einen Nachhall, sah aber nicht mehr, wo sich diese Tür befunden hatte; und es kam ihm vor, als streiche er immer nur – suchend, suchend – entlang an einer glatten, fugenlosen Mauer.
(Seite 19)

Kaiser-Mühleckers Roman ist voll von Andeutungen, Gesten, kleinen Ereignissen, die zwar nicht maßgebend zur Handlung beitragen, aber die Atmosphäre – düster, hilflos, hoffnungslos – perfekt untermalen. Es wird, wie es auf dem Dorf üblich ist, geredet und gemunkelt, Theorien werden gesponnen und verlieren sich. Nicht alles, das der Autor dem Leser hier vorsetzt, wird am Ende gelöst oder entschlüsselt, im Gegenteil. Nichtsdestotrotz ist genau dieser Kniff es, der die im Roman beschriebenen fast schon wirren Gedankengänge über das Dasein und Sein selbst noch einmal unterstreicht.

Die Charaktere scheitern, verzweifeln, resignieren, nehmen gegebenes letztendlich ohne Kommentar hin, scheinen keinen Ausweg zu finden. Während sich ihr Umfeld wandelt und der Fortschritt mit leisen Schritten Einzug hält, versuchen aus sie sich zu wandeln, anzupassen, weiter zu leben.

Es war etwas Harmloses an einer Masse, während ihm von Einzelnen immer irgendeine Gefahr auszugehen schien. Von der Masse wurde man übersehen, während der Einzelne einen immer sah … War es nicht so?
(Seite 50)

Mit „Fremde Seele, dunkler Wald“ hat Reinhard Kaiser-Mühlecker einen Roman von ungemeiner erzählerischer Wucht geschaffen. Die unablässige Selbstdiagnose, der sich die Protagonisten unterziehen, das unablässige Fragen nach dem Warum, das Zusammenspiel von Schicksal und selbst getroffenen Entscheidungen, der verzweifelte Versuch auszubrechen, zu fliehen – all das entwickelt einen wahren Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann, und der ein Gefühl auslöst, welches man nur schwer in Worte fassen kann, das einen aber so schnell nicht wieder loslässt. Ein Roman, der es verdient gelesen zu werden.

Fremde Seele, dunkler Wald von Reinhard Kaiser-Mühlecker
304 Seiten (Gebunden)
Verlag: S. Fischer Verlag
Erschienen: August 2016
ISBN: 978-3-10-002428-2

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