Rezensionen

[Katja liest die Deutscher Buchpreis Shortlist] Robert Menasse: Die Hauptstadt #dbp17

In einem anderen Beitrag hatte ich bereits meine Idee angekündigt, die Werke auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 lesen zu wollen und habe die sechs nominierten Romane auch einmal kurz vorgestellt. Inzwischen bin ich mit meiner kleinen Leseaktion vorangekommen und stelle hier einmal kurz meine Eindrücke zu den einzelnen Büchern vor. So ganz nebenbei ist auch die Preisverleihung an mir vorbeigezogen und hat „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse als Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017 auserkoren.

Robert Menasse: Die Hauptstadt
Der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; »zu den Akten legen« wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten. (Inhaltsangabe: Suhrkamp Verlag)

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Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte Germanistik Philosophie und Politikwissenschaften und lehrte als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie an der Universität von Sao Paulo, wo er sich vor allem mit philosophischen und ästhetischen Theorien beschäftigte. Seit seiner Rückkehr lebt Menasse hauptsächlich in Wien als Literat und kulturkritischer Essayist. Seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Am Anfang war das Schwein

Die EU ist nicht zum ersten Mal Thema in einem Werk von Menasse. Bereits in Essays und Sachbüchern hat er sich als ein glühender Verfechter des Ursprungskonzeptes der EU erwiesen – umso überraschender der eher komödienhafte Aufbau seines Brüsselromans.

In einem gekonnt inszenierten Auftakt schickt Menasse ein Schwein durch Brüssel. Auf der wilden Hatz durch die Straßen der Stadt läuft das Schwein an so einigen Menschen vorbei, die sehr schnell als Akteure in diesem ungewöhnlichen Epos herausstellen. Menasse spinnt ein Netz aus Charakteren und Geschichten, schafft Verbindungen wo man zunächst gar keine erkennen kann.

Da ist zum Beispiel Fenia, die so gar nicht kulturinteressierte Dame, die unbedingt in eine bessere Position möchte und die Jahrestagsfeierlichkeiten als ihre Chance zum Aufstieg sieht. Da ist Kai-Uwe Frigge, mit dem Fenia etwas am Laufen hat, und der mit so einigen Wassern gewaschen ist. Oder Kriminalkommissar Brunfaut. Oder auch Mateusz Oswiecki, seines Zeichens Widerstandskämpfer. David de Vriend, an Demenz leidender Auschwitz-Überlebender. Martin Susmann, ein fast schon depressiver EU-Beamter. Oder Professor Erhardt.

Eine glühende Rede zur Rettung der EU

Professor Erhardt ist das, was Menasse in seinen Werken zur EU bisher immer war: ein glühender Verfechter des Systems Europa, welches sich wieder mehr auf das Gemeinsame beschränken sollte statt den eigenen Vorteil. Die Interessen der Gemeinschaft verfolgen, und nicht als Einzelkämpfer agieren.

In seiner Rede fordert Erhardt sogar die Errichtung einer neuen europäischen Hauptstadt in Auschwitz. Der ungewöhnliche Umgang mit dem Thema Auschwitz und Holocaust könnte bitter aufstoßen, wäre da nicht das Gegengewicht in der zutiefst feinfühlig erzählten Geschichte von David de Vriend. Statt sich über den Umgang des Romans mit der Thematik Gedanken zu machen, wird der Leser eher wachgerüttelt und hinterfragt sich selbst – die eigene Ignoranz, die gerade im derzeitigen weltpolitischen Klima mehr als gefährlich ist.

Menasse als Puppenspieler

In „Die Hauptstadt“ lenkt Menasse seine Figuren ganz geschickt. Von der ersten Seite an trägt jede Bewegung, jede Bemerkung, jedes ungesagte Wort seiner Hauptcharaktere zur Inszenierung seines Romanes bei. Alles hat seinen Grund und seine Berechtigung, jeder Charakter seine Aufgabe und jeder Handlungsstrang, sei er auch noch so absurd, seine Bedeutung.

Der Roman ist fabelhaft konstruiert, voller elegant geschriebener Pointen. Ein Gedankenexperiment der etwas anderen Art, ein Mix aus Komik, Tragik, Vergangenheit und Gegenwart – ein ambitioniertes Konstrukt, welches die Ansichten von Menasse in ein neues Gewand verpackt. „Die Hauptstadt“ mag zwar nicht mein absoluter Favorit sein, jedoch hat sich der Autor auf erfrischende Art und Weise einem Thema gewidmet, welches aktueller ist denn je. Allein deswegen ist der Roman zurecht durch den Buchpreis in den Fokus der Allgemeinheit gerutscht. Und mehr möchte ich eigentlich auch gar nicht verraten, denn „Die Hauptstadt“ sollte jeder für sich selbst entdecken.

Die Hauptstadt von Robert Menasse
459 Seiten (Hardcover)
Verlag: Suhrkamp
Erschienen: September 2017
ISBN: 978-3-518-42758-3

Aus gegebenem Anlass möchte ich hier auch noch die Kolumne von Mely Kiyak für Die Zeit in den Raum werfen, die sich mit dem Buchpreis, dem Thema des Gewinnerromans und der Handhabung dieser eigentlich sehr aktuellen Thematik durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

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2 Gedanken zu „[Katja liest die Deutscher Buchpreis Shortlist] Robert Menasse: Die Hauptstadt #dbp17“

  1. Auf der Buchmesse hat Robert Menasse auch leidenschaftlich die EU vertreten :-) Ich wollte das Buch zuerst gar nicht lesen, aber nach dem, was ich inzwischen alles darüber gehört habe, werd ich es wohl doch tun ;-)

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