Rezensionen

[Katja liest die Deutscher Buchpreis Shortlist] Marion Poschmann: Die Kieferninseln #dbp17

In einem anderen Beitrag hatte ich bereits meine Idee angekündigt, die Werke auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 lesen zu wollen und habe die sechs nominierten Romane auch einmal kurz vorgestellt. Inzwischen bin ich mit meiner kleinen Leseaktion vorangekommen und stelle hier einmal kurz meine Eindrücke zu den einzelnen Büchern vor.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln

Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts, steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, dass seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlusshandlung verlässt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um Abstand zu gewinnen. Dort fallen ihm die Reisebeschreibungen des klassischen Dichters Basho in die Hände, und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen. Auf der traditionsreichen Pilgerroute könnte er sich in der Betrachtung der Natur verlieren und seinen inneren Aufruhr hinter sich lassen. Aber noch vor dem Start trifft er auf den Studenten Yosa, der mit einer ganz anderen Reiselektüre unterwegs ist, dem Complete Manual of Suicide. (Inhaltsangabe und Coverbild: Suhrkamp Verlag)

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Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Slawistik, dazu noch Szenisches Schreiben an der Berliner Hochschule der Künste. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin und wurde für ihre Prosa und Lyrik vielfach ausgezeichnet. Ihr Roman „Die Sonnenposition“ stand bereits 2013 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Matsushima. Die Kieferninseln. Eine – vertraut man Reiseführern und Internetportalen – der drei schönsten Landschaften in Japan. Ein Gebiet mit ca. 250 Inseln, alle mit Kiefern bewachsen. Für die Japaner, bei denen die Betrachtung der Natur und deren Beschreibung als Kunstform gilt, üben die Kieferninseln eine wahre Anziehungskraft aus. Matsuo Basho, einer der bedeutendsten Haiku-Dichter der japanischen Literaturgeschichte, beschrieb diese Inseln auf seiner Reise – eine Reise, die auch Poschmanns Hauptcharakter Gilbert Silvester unternimmt.

Teetrinker und die Mystik

Die Umstände allerdings, die sind komplett verschieden. So bringt Gilbert – seines Zeichens übrigens Bartforscher im Rahmen eines Drittmittelprojektes – ein Traum dazu, Hals über Kopf nach Tokio zu fliegen. In ein Teetrinkerland, von dem er selbst als Verfechter der Kaffeekultur so gar nichts hält. Zu viel Mystik, wenig Handfestes. Gilbert ist stur, fast schon verbohrt in seinen Meinungen und Ansichten und nicht in der Lage, das eigene Verhalten zu hinterfragen. Warum regt sich seine Frau nur auf? Es ist schließlich sein gutes Recht zu verschwinden, nachdem sie ihn betrogen hat. Dass die Idee des Betruges nur auf einem Traum basiert, ist für Gilbert nicht von Bedeutung.

Gilberts schicksalhafte Reise wird zu einer Pilgerfahrt der besonderen Art als er auf den jungen Petrochemiestudenten Yosa Tamagotchi trifft, der sich aus Prüfungs- und Versagensangst vor den nächsten Zug werfen möchte. Yosa träumt von einem besseren Ort für sein Vorhaben, hält sich aber nicht würdig genug für die großen, schönen, bedeutungsvollen Plätze, die in seinem Handbuch zum Suizid vorgestellt werden.

Eine Pilgerfahrt durch Japan und eine Reise zu sich selbst

Während Gilbert immer wieder in seine von Vorurteilen nur so strotzenden Monologe verfällt, begeben sich die beiden auf eine Reise der etwas anderen Art. Gemeinsam mit Poschmanns Charakteren reist der Leser in den Selbstmordwald von Aokigahara, in städtische Grenzgebiete voller kalter Betonbauten und seelenloser Menschen, zum Fuji, der im Nebel verborgen bleibt und letztendlich in den Norden, zur Bucht von Matsushima, zu den Kieferninseln.

Poschmanns Zusammenprall der Kulturen ereignet sich sehr leise. Gilbert, der ewige Besserwisser, bedient sich all der Vorurteile und Ansichten, die man in Verbindung mit einem Land wie Japan haben könnte. Doch während die Grenzen zwischen Realität und Wirklichkeit verschwimmen, und man sich zwangsweise fragen muss, was real und was fiktiv ist – vor allem auch, ob der japanische Student mit dem ungewöhnlichen Nachnamen tatsächlich existiert – so wird auch Gilbert weicher, offener für seine Umgebung.

Die Kieferninseln ist Poesie

„Die Kieferninseln“ wirkt wie eine Mischung aus japanischer Beschreibungsgabe und der Wehmut der Romantik. Ihre Liebe zur Lyrik merkt man dem Schreibstil von Marion Poschmann deutlich an. Es fließt, es verschwimmt, Worte und Sätze sind mal melancholisch-schwer, mal federleicht und gefühlvoll. Sie spielt mit ihren Figuren, ohne sie komplett zu analysieren und zu erläutern. Ein paar Geheimnisse bleiben, die Interpretation und Deutung der Details, die im Roman verstreut werden, bleibt ganz allein dem Leser überlassen.

Marion Poschmann hat hier ein wundervolles, zartes Buch geschrieben, das mit Fiktion und Realität spielt und die Grenzen gekonnt verschwimmen lässt. Ein fast schon poetisches Buch, welches den Leser in seinen Bann ziehen soll – und es auch tut.

Die Kieferninseln von Marion Poschmann
168 Seiten (Hardcover)
Verlag: Suhrkamp
Erschienen: September 2017
ISBN: 978-3-518-42760-6

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