[Rezension] Anke Domscheit-Berg: Ein bisschen gleich ist nicht genug!

ein bisschen gleich ist nicht genug

Frauen werden seltener Chefs, verdienen weniger und tragen die Hauptlast unbezahlter Arbeit in Haushalt und Familie: das Resultat einer Gesellschaft, die Männer und Frauen in stereotype Schubladen steckt. Ob Spielzeug, Werbung oder Medien – überall werden Frauen sexualisiert, als schwach und weniger kompetent dargestellt. Anke Domscheit-Berg zählt schockierende Fakten zu einem anhaltenden Missstand auf und zeigt, was Unternehmen, Politik und jede(r) Einzelne zu echter Gleichberechtigung beitragen können.
(Inhaltsangabe: Heyne)

~oOo~

Anke Domscheit-Berg wurde in der DDR geboren, war Unternehmensberaterin und Politikerin bei der Piratenpartei und machte unter anderem bei Microsoft Karriere. Inzwischen hat sie mit fempower.me und opengov.me zwei eigene Unternehmen gegründet. Sie setzt sich – beruflich und politisch – für mehr Transparenz in der Politik sowie für Geschlechtergerechtigkeit ein. Sie ist mit dem ehemaligen WikiLeaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg verheiratet und hat einen Sohn. Nach „Mauern einreißen – Weil ich glaube, dass wir die Welt verändern können“ (2014) ist „Ein bisschen gleich ist nicht genug!“ ihr zweites Buch.

Gleichberechtigung und Feminismus – Themen, zu denen vor allem in den letzten Jahren zahlreiche Bücher erschienen sind, und in denen sich Frauen wie Laurie Penny  zu wichtigen Stimmen aufgeschwungen haben. In den Medien werden sie aufgrund ihrer Jugend und Frechheit als Ikonen besungen. Ganz anders kommt Anke Domscheit-Berg daher: leiser, sachlicher, erwachsen – wobei Penny und andere keinesfalls negativ dastehen sollen.

Wer nach den Sternen greifen will, muss zwangsläufig auch mal den Kontakt mit dem Boden verlieren.
(Seite 198)

Domscheit-Berg beginnt ihr Buch mit einer Reihe von Fakten, mit denen sie die mangelnde Gleichberechtigung von Frauen und Männern anhand von Zahlen ausdrückt, und eines klar macht: Die „Gender Gap“ ist überall – auf Arbeit, in der Familie, in der Politik, in Wirtschaft, Medien, Kultur. Im Alltag. Untermauert werden diese Fakten und Zahlen mit Verweisen auf zahlreiche Studien, mit denen Domscheit-Berg den interessierten Leser aber keinesfalls überflutet.

Beleuchtet werden nicht nur die Unterschiede in der Bezahlung, sondern auch die in den Augen der Autorin mehr als ungerechte Besetzung von Führungspositionen. In der Wirtschaft sind kaum Frauen in den hohen Verwaltungspositionen vertreten, und auch Wissenschaft, Medien und Politik sind eine klare Männerdomäne. So beträgt der Frauenanteil an deutschen Chefredakteurinnen gerade einmal 2%!

Im zweiten Teil ihres Buches befasst sich Domscheit-Berg mit den Gründen für diese enorme Ungleichmäßigkeit, und räumt mit einigen Vorurteilen und Standardargumenten auf. So bekommt man zum Beispiel häufig zu hören, Frauen würden ja schon zu Beginn das falsche Studienfach fehlen. Die Statistiken zeigen allerdings ein anderes Bild. Männer in entsprechenden Führungspositionen studierten zumeist Wirtschaft oder Jura – Studienfächer, die schon seit langem eine hohe Frauenquote aufweisen.

Die binäre Vorstellung von „weiblich vs. männlich und dazwischen gibt es nichts“ ist nicht mehr zeitgemäß.
(Seite 121)

Die Unterschiede in Verhalten und Präferenzen sieht Domscheit-Berg keinesfalls einzig und allein in unseren Genen, sondern mehrheitlich in Erziehung, Prägung und antrainiertem Verhalten. Und diese Prägung beginnt schon im Kleinkindalter – Mädchen, die in hübsche Prinzessinnenkleider gesteckt werden, alles ist rosa, glänzt und glitzert, es gibt Küchenutensilien und Staubsauger in der Mädchenabteilung der Spielwarenhäuser. Die Jungs dagegen bekommen Eisenbahnen, Rennautos, Hubschrauber. Die Autorin sieht hier ein großes Problem, und das nicht zu Unrecht. Viele Kinder bekommen von ihrem Umfeld eine klare Unterteilung zwischen Mädchenkram und Jungensache vermittelt, nicht nur beim Spielzeug allein, sondern auch bei Kleidung, und, im späteren Verlauf, in der Berufswahl. Was bei Jungs (und Männern) als toll und richtig angesehen wird, wie zum Beispiel ein hohes Selbstbewusstsein und Willensstärke, schlägt bei Mädchen (Frauen) oft schnell ins Negative um, lässt sie zickig und kompliziert erscheinen. Warum das Ganze?

[…] gleiche Kommunikations- und Führungsmuster bei Männern und Frauen werden unterschiedlich bewertet. Was bei einem Mann „Führungsstärke“ heißt, führt bei einer Frau zum Label „Eiserne Lady“ und zu Antipathie. Frauen findet man sympathisch oder führungsstark, bei ihnen scheinen sich diese Eigenschaften gegenseitig auszuschließen, bei Männern gibt es dieses Phänomen nicht.
(Seite 91)

Allerdings belässt es die Autorin nicht allein bei der Analyse von möglichen Ursachen sowie der Darlegung von Fakten. Sie bietet im dritten Teil ihres Buches Lösungsvorschläge. Hier hat der geneigte Leser bestimmt schon einiges gehört, andere Ideen und Ansätze – wie etwa konkrete Vorschläge zur Angleichung der Löhne – sind eher unbekannt und daher besonders interessant.

Anke Domscheit-Berg hat ihren Weckruf eine ruhige, sachliche Art und Weise verfasst. Sie erfindet dabei keineswegs die Welt neu, aber bietet gerade auch Menschen, die Fakten bevorzugen und sich zum ersten Mal mit dem Thema Gleichberechtigung tatsächlich auseinandersetzen, ein solides Werk mit aktuellen Tatsachen und Lösungen. „Ein bisschen gleich ist nicht genug!“ ist keinesfalls perfekt, aber die Autorin legt ihre Meinung zu einem polarisierenden Thema gekonnt dar und bietet auch Lesern, die sich schon intensiver mit Themen dieser Art auseinander gesetzt haben, den einen oder anderen neuen Einblick oder Anreiz. Lesen!

Ein bisschen gleich ist nicht genug! von Anke Domscheit-Berg
240 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Heyne
Erschienen: März 2015
ISBN: 978-3-453-60311-0

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Heyne-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Heyne_logo_(neu)

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4 Gedanken zu “[Rezension] Anke Domscheit-Berg: Ein bisschen gleich ist nicht genug!

  1. „Frauen werden seltener Chefs, verdienen weniger und tragen die Hauptlast unbezahlter Arbeit in Haushalt und Familie:“

    Sie arbeiten auch weit weniger häufig Überstunden, wollen eher halbtagsarbeiten, lehnen Beförderungen eher ab. Und unbezahlte Arbeit: wer finanziert denn die Frauen in dieser Zeit üblicherweise unentgeltlich?

    • Wie gesagt, die Autorin stellt hier ihre eigene Meinung vor.
      Ich selbst denke, es ist sehr schwierig in dieser Diskussion auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, weil es so viele Argumente und Meinungen gibt. Frauen – vor allem wenn eine Familie im Hintergrund steht die ebenfalls Aufmerksamkeit fordert – arbeiten vor allem Halbtags, weil die Kindertagesstätten sowie die Betreuungsmöglichkeiten nach der Schule kaum die Möglichkeit bieten, Vollzeit zu arbeiten. Die Kita schließt um 17 Uhr, Frau arbeitet bis 17 Uhr. Wie soll das gehen? Nicht jeder hat jemanden zu Hause, der das Kind abholen kann. Bei Alleinerziehenden ist das oft noch schlimmer.
      Beförderungen bedeuten auch oft mehr Engagement und mehr Zeitaufwand. Siehe eben aufgeführtes Argument in Sachen Kinderbetreuung. Gleiches für Überstunden.
      Ich persönlich kenne viele Haushalte, in denen der Mann nicht mit hilft. Natürlich ist auch das von Fall zu Fall anders, und ich finde es super wenn es da eine Aufgabenteilung gibt. Aber allein das Argument „wer finanziert denn die Frauen in dieser Zeit“ weist doch auf ein Problem sind. Würden alle Parteien ihren Anteil z.B. an Haushalt und Kinderbetreuung tragen, wäre es viel einfacher für Frau, mehr zu arbeiten und mehr zum Einkommen beizutragen. Aber wenn man zusätzlich zur Arbeitszeit noch täglich 2-3 Stunden Haushalt hat, kann das auf die Dauer nicht funktionieren.
      Aber wie bereits gesagt, es ist ein schwieriges Thema, vor allem weil viele Ansichten einfach selbstverständlich sind.

  2. Frauen sehen sich aber auch gern in der Opferrolle. Natürlich gibt es Bereiche, in denen wir als Gruppe benachteiligt werden, sh. Arbeitsfeld. Aber bei manchen Probleme ist es auch die eigene Schuld. Meine Mutter hat den Großteil der Hausarbeit übernommen, auch wenn ihr das nicht gefällt. Und nach 25 Jahren Ehe wird sich an der Verteilung auch nichts mehr ändern. Würde mein Freund die Füße hochlegen und mich alles machen, würde ich ihm einen kräftigen Tritt in den Arsch geben. Wenn Frauen besser behandelt werden wollen, müssen sie auch mal für sich einstehen und nicht immer nur jammern, dass man sie so schlecht behandelt.

    • Genau das bringt die Autorin auch in ihren Lösungsvorschlägen an. Dass Frauen eben auch oft einfach bestimmte Dinge hinnehmen und stattdessen von sich aus eine ‚Alternative‘ ansprechen sollen. Selbst für sich einstehen eben. ^^

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