[Rezension] Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens

das jahr magischen denkensDie große amerikanische Schriftstellerin Joan Didion schreibt über die Trauer nach dem Tod ihres Ehemannes und über ihren Versuch, das Unfassbare begreiflich zu machen. Ein sehr offenes, sehr persönliches Buch, das zugleich von beeindruckender Allgemeingültigkeit ist.
(Inhaltsangabe: Ullstein Buchverlage)

~oOo~

Joan Didion, Jahrgang 1934, stammt aus Kalifornien und arbeitete als Journalistin für mehrere große Zeitungen, schreibt für The New York Review of Books und den New Yorker. Die in New York lebende Autorin veröffentlichte fünf Romane und zahlreiche Sachbücher. „Das Jahr magischen Denkens“ erschien 2005, gewann im selben Jahr den National Book Award und war im Finale für den Pulitzer Preis.

Joan Didion war mehr als vierzig Jahre mit John Gregory Dunne verheiratet. Als ihr Ehemann während dem Abendessen einen Herzinfarkt erleidet, waren die beiden gerade zurückgekehrt von einem Besuch bei ihrer Tochter Quintana, die auf der Intensivstation eines Krankenhauses gerade um ihr Leben kämpft.

Das hier ist mein Versuch, der Phase […] einen Sinn abzugewinnen, den Wochen und Monaten, in denen sich jede feste Vorstellung auflöste, die ich jemals vom Tod hatte. Von Krankheit. Von dem, was wahrscheinlich ist und was Glück, was glückliches Schicksal und was ein trauriges ist […].
(Seite 11)

Vom Schicksal bereits so gezeichnet, erscheint es wie ein Ding der Unmöglichkeit, ein zu schwerer Schicksalsschlag, binnen weniger Sekunden, während das Leben der Tochter nur noch an einem dünnen Faden hängt, auch noch den einzigen festen Halt, den Ehemann, zu verlieren.

Liest man die ersten Seiten, so wirken diese verworren. Immer wieder wiederholt Didion was geschehen ist, springt vor und zurück zwischen einzelnen einschneidenden Erlebnissen und schönen Erinnerungen, und schafft so ein ungemein in sich verschachteltes Bild, welches nur zu deutlich ihre eigene Verwirrung unterstreicht, die der plötzliche Tod ihres Mannes bei ihr ausgelöst hat.

Leid kommt, wenn es eintrifft, in nichts dem gleich, was wir erwarten. […] Leid kennt keinen Abstand. Leid kommt in Wellen, in Anfällen, in plötzlichen Befürchtungen, die die Knie weich machen und die Augen blind und den Alltag auslöschen.
(Seite 32-33)

In Rückblicken, Erinnerungsfetzen, erzählt Didion vom Leben mit ihrem Mann. Die Verbindung der beiden zur amerikanischen Filmindustrie wird nicht überdeutlich, schwingt aber in einigen Erzählungen mit. Die beiden führten kein schlechtes Leben zusammen, reisten viel, schrieben ab und an Drehbücher, wenn die Finanzen knapper wurden. Beide sind mit ganzer Seele Schriftsteller, lieben das Schreiben, machen sich ständig Notizen, lesen ihre Werke gegenseitig um zu sehen wie diese funktionieren. Die gegenseitige Anerkennung wird deutlich in der Art und Weise, wie Didion aus den Büchern ihres Mannes zitiert.

In schwierigen Zeiten […] soll man lesen, lernen, es durcharbeiten, Literatur befragen. Information heißt Kontrolle. Angesichts der Tatsache, daß Leid immer noch die meistverbreitete aller Nöte war, schien die Literatur dazu bemerkenswert dürftig.
(Seite 51)

Die ihr als Schriftstellerin ganz eigene Beobachtungsgabe führt dazu, dass Didion sich und ihre Trauer analysiert. Sie versucht zu verstehen, versucht eine Anleitung zu finden, Regeln, an die sie sich halten kann. Regeln, die ihr verstehen helfen. Regeln die ihren Mann zurückbringen.

Immer wieder finden sich im Buch Zitate aus den Werken die Didion zum Thema Trauer und Tod liest, seien es nun Romane (z.B. „Der Zauberberg“ von Thomas Mann), Bücher von Freud, oder diverse wissenschaftliche Studien und Artikel. Sie beobachtet sich selbst, aber auch andere Menschen in ihrer Trauer, und in einer Gesellschaft, in der der Tod etwas zu sein scheint, das man lieber vor anderen verschweigt, um den Rest der Bevölkerung nicht in ihrem Glück zu stören.

Menschen, die vor kurzem jemanden verloren haben, zeigen einen bestimmten Ausdruck, wahrscheinlich nur für die wahrnehmbar, die diesen Ausdruck schon auf ihren eigenen Gesichtern gesehen haben. […] Es ist ein Ausdruck extremer Verletzlichkeit, Nacktheit, alles ist sichtbar.
(Seite 84)

Die Flucht in die Fachliteratur ist ein Weg, um die gesamte Situation kontrollieren zu können. Doch das gesamte Buch zeigt nur deutlich, wie Didion mehr und mehr die Kontrolle über sich und ihren Alltag verliert. Sie kann die Schuhe ihres Mannes nicht entsorgen, denn er könnte sie vermissen, wenn er zurückkehrt. Sie kann bestimmte Strecken mit dem Auto nicht fahren, Restaurants nicht mehr besuchen, Häuser nicht mehr sehen, vermeidet ganze Städte und Orte. Denn all das erinnert sie an ihren Mann, und den Gefühlen, die diese Erinnerungen bei ihr auslösen, kann und will sie sich noch nicht stellen.

Noch trauert Joan Didion in „Das Jahr magischen Denkens“ nicht zu öffentlich, nicht zu offensichtlich. Noch flüchtet sie sich in Beschreibungen, überlässt es dem Leser, Schmerz zu empfinden bei dem Versuch, sich in ihr Schicksal hineinzuversetzen. Doch die Distanz die Didion wahrt macht dieses Buch zu einem berührenden und fesselnden Bericht einer Frau, die sich während eines Jahres von einem Schicksalsschlag zum nächsten hangelt: die Krankheit ihrer Tochter, der Tod ihres Mannes, die erneute Erkrankung ihrer Tochter (die kurz vor Erscheinen von „Das Jahr des magischen Denkens“ verstirbt), das Bangen und Hoffen. Sie versucht einen Sinn zu finden in all dem Chaos, in all dem Leid. Und dank diesem Buch daran teilhaben zu dürfen, ist eine große Ehre.

Das Jahr magischen Denkens von Joan Didion
The Year of Magical Thinking
Übersetzung: Antje Ravic Strubel
256 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: List
Erschienen: Dezember 2007
ISBN: 978-3548607702

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