[Das Debüt 2017] Bloggerpreis für Literatur: Meine finale Entscheidung

Über den gesamten Dezember hinweg bis in den Januar des neuen Jahres hinein habe ich mich der Shortlist zum Debütpreis 2017, ins Leben gerufen und verliehen von DasDebüt, gewidmet und die nominierten Bücher gelesen. Wer meinen Blog regelmäßig im Auge hat, dem sind bestimmt die Rezensionen zu den einzelnen Büchern aufgefallen, die in den letzten Tagen online gegangen sind und mein Urteil in Wort und Schrift enthalten.

Die einzelnen Bücher aber tatsächlich mit Punkten zu bewerten und Platzierungen zu vergeben ist mir unglaublich schwer gefallen, da alle Autoren mit ihren Werken bei mir auf die eine oder andere Weise einen Nerv getroffen haben, und daher mit ihrem Bewertungen auf einschlägigen Plattformen sehr nah beieinander lagen.

Alle, wirklich alle Bücher haben es mir irgendwie angetan. Alle Bücher sind großartige Werke. Da sind es eher die kleinen Nuancen, die letztendlich die finale Entscheidung ausmachen.

Im folgenden werde ich meine Platzierungen bekannt geben. Laut den „Regeln“ erfolgt die Punktevergabe wie folgt: Platz 1 erhält fünf Punkte, Platz 2 drei Punkte und Platz 3 einen Punkt. Die restlichen beiden Platzierungen gehen leider leer aus, und es tut mir im Herzen weh. Ernsthaft jetzt, kein Mist!

Platz 1 (5 Punkte)
Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer

Mein Kurzeindruck direkt nach dem Lesen: „Großartig. Einfach nur großartig. Ich bin verliebt in dieses Buch.

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Das Buch hat mich von Anfang bis Ende begeistert. Die Thematik, die Art von Zehrer zu Schreiben und zu Erzählen, das Schicksal von William James Sidis, die philosophischen und mathematischen Erörterungen – einfach alles. In meiner Rezension habe ich das ja auch so in etwa gesagt:

Die Faszination und Begeisterung, die dieses so vielschichtige Buch bei mir ausgelöst hat, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Doch es wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Ein Highlight.

Platz 2 (3 Punkte)
Still halten von Jovana Reisinger

Mein Kurzeindruck direkt nach dem Lesen: „Ein Buch, welches bedrückend lebendige Bilder entstehen lässt. Die Gedanken einer Frau, die den Leser einem Mahlstrom gleich hinab ziehen.

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Reisingers Buch mag vielleicht deprimierend wirken, aber es hat mich sofort in seinen Bann gezogen. So auch im Fazit meiner Rezension widergegeben:

Still halten“ ist ein unglaublich dichter und eindringlicher Roman, der einem gekonnt die eigene Verletzlichkeit vor Augen führt, und geschickt Kritik am gesellschaftlichen Erwartungsdruck übt. Fast schon wie ein Film, bedrückend und nicht einfach zu verdauen, fasziniert und erschüttert dieses Debüt gleichermaßen.

Platz 3 (1 Punkt)
Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens von Juliana Kálnay

Mein Kurzeindruck direkt nach dem Lesen: „Philosophisch, melancholisch schön und mit so vielen Tiefen und zarten Zwischentönen versehen, dass einmal lesen kaum reichen wird um tatsächlich alles zu erfassen.

Zur Rezension geht es hier entlang.

Das Buch von Juliana Kálnay war das erste Shortlist-Buch, welches ich gelesen habe. Und es hat mich wirklich berührt. Vielleicht ist ein Hauch von Nostalgie dabei, dieses Buch unter meine Top 3 zu wählen, aber meine Beurteilung zeigt deutlich, wie sehr ich diesen Roman mochte:

Juliana Kálnay hat ein kleines Schmuckstück geschaffen, welches mit den Versionen der Realität spielt und die Möglichkeit, mit gekonnt gewählten Worten und zarten Beschreibungen beeindruckende Bilder zu skizzieren, vollends ausnutzt. Ein Buch, welches immer wieder neue Einblicke gewähren wird, wie oft man es auch liest.

schweren Herzens ohne Punkte

Immer ist alles schön von Julia Weber

Oder Florida von Christian Bangel

Mein Kurzeindruck zu Julia Weber: „Melancholisch schwer und erdrückend. Starke Bilder, die im Kopf des Leser entstehen.
Mein Kurzeindruck zu Christian Bangel: „Nicht ganz das, was ich erwartet hatte, aber sehr amüsant mit vielen kleinen, gut verpackten Spitzen.

Es ist mir wirklich schwer gefallen diese Entscheidung zu treffen. Beide Romane haben mich auf ihre Art berührt und unterhalten und haben ihren Platz auf der Shortlist mehr als verdient. Aber beide haben nicht so an mir gerüttelt wie ihre Mitstreiter. Trotzdem bereue ich keine einzige Minute, die ich mit den Werken von Julia Weber und Christian Bangel verbracht habe. 🙂

Rezension zu Julia Weber: Immer ist alles schön

Rezension zu Christian Bangel: Oder Florida (folgt noch)

 

Die GEWINNERIN von Juliana Kálnays Roman „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ ist Luscinnia! Herzlichen Glückwunsch und viel Spaß mit diesem tollen Roman!

Die Beiträge meiner Jurykollegen:

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[Aktion] Katja liest: Die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 #dbp17

Seit dem 12. September ist bekannt welche Bücher es dieses Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft haben. Mit einigen habe ich fest gerechnet, andere haben mich doch überrascht. Nichtsdestotrotz habe ich mir vorgenommen, bis zur Preisverleihung am 9. Oktober 2017 alle 6 Shortlist-Bücher gelesen zu haben. Sehr passend auch, dass ich in den ersten beiden Oktoberwochen Urlaub habe. ^^

Ich habe mir vorgenommen unter dem Titel Katja liest die Shortlist immer wieder kurz zu berichten, welchen Eindruck das jeweils gelesene nominierte Werk bei mir hinterlassen hat. Ihr dürft also gespannt sein. So ganz sicher, mit welchem Buch ich beginnen soll und will, bin ich mir übrigens noch nicht. Das wird ganz spontan entschieden. ^^

Zu Beginn stelle ich einfach mal schnell die nominierten Bücher kurz vor:

Gerhard Falkner: Romeo oder Julia

Kurt Prinzhorn ist zu einem Schriftstellertreffen nach Innsbruck eingeladen, wo ihm Merkwürdiges widerfährt: Jemand muss während seiner Abwesenheit ein ausgiebiges Schaumbad in der Wanne seines Hotelzimmers genommen und dort bewusst Spuren hinterlassen haben. Die Chipkartenschließanlage der Tür zeigt jedoch kein fremdes Eindringen an. Als nächstes verschwindet der Schlüsselbund des zunehmend ratlosen Autors. Während einer Moskau-Reise wenige Tage später kommt es zu neuen Unerklärlichkeiten, und auch in Madrid, wo Prinzhorn einer früheren Geliebten wiederbegegnet, reißt die Kette seltsamer Geschehnisse nicht ab – bis ihm durch Zufall das Puzzle der Erinnerung zu einem Bild zusammenfällt, das ihn weit in die eigene Biographie zurückführt. Am nächsten Morgen klingelt die Polizei an der Tür seiner Berliner Wohnung, denn unter dem Fenster von Prinzhorns Zimmer in Madrid wurde eine tote Frau gefunden. (Inhaltsangabe und Coverbild: Berlin Verlag)

Franzobel: Das Floß der Medusa

18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens? (Inhaltsangabe und Coverbild: Paul Zsolnay Verlag)

Thomas Lehr: Schlafende Sonne

Rudolf Zacharias reist nach Berlin. Dort will der Dokumentarfilmer die Vernissage seiner früheren Studentin Milena Sonntag besuchen. Thomas Lehrs Roman spielt an einem Sommertag des Jahres 2011 – und zugleich in einem ganzen Jahrhundert. Denn in ihrer Ausstellung zieht Milena nicht nur eine künstlerische Lebensbilanz, sondern die ihrer Zeit. Mit sprachlicher Kraft werden historische Katastrophen neben die privaten Verwicklungen dreier Menschen gestellt, führen die Spuren von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bis ins heutige Berlin. Thomas Lehr entwickelt ein überwältigendes Fresko dieses deutschen Jahrhunderts: tragisch, komisch, grotesk, und immer wieder ganz persönlich und intim. (Inhaltsangabe und Coverbild: Carl Hanser Verlag)

Robert Menasse: Die Hauptstadt

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europaischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das fur Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; »zu den Akten legen« wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten. (Inhaltsangabe und Coverbild: Suhrkamp Verlag)

Marion Poschmann: Die Kieferninseln

Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts, steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, dass seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlusshandlung verlässt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um Abstand zu gewinnen. Dort fallen ihm die Reisebeschreibungen des klassischen Dichters Basho in die Hände, und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen. Auf der traditionsreichen Pilgerroute könnte er sich in der Betrachtung der Natur verlieren und seinen inneren Aufruhr hinter sich lassen. Aber noch vor dem Start trifft er auf den Studenten Yosa, der mit einer ganz anderen Reiselektüre unterwegs ist, dem Complete Manual of Suicide. (Inhaltsangabe und Coverbild: Suhrkamp Verlag)

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der kleinen Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims, stehlen Zigaretten aus den Zimmern fremder Familien und riechen an deren Parfumflaschen. Und noch später, als Alissa schon ihr Mathematikstudium in Berlin geschmissen hat, weil es sie vom Boxtraining abhält, verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul – ohne Text, ohne Absender. In der flirrenden, zerrissenen Stadt am Bosporus und in der eigenen Familiengeschichte macht sich Alissa auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht. (Inhaltsangabe und Coverbild: Suhrkamp Verlag)

[Rezension] Stephanie Garber: Caraval

caraval

Scarlett has never left the tiny island where she and her beloved sister, Tella, live with their powerful, and cruel, father. Now Scarlett’s father has arranged a marriage for her, and Scarlett thinks her dreams of seeing Caraval, the far-away, once-a-year performance where the audience participates in the show, are over.
But this year, Scarlett’s long-dreamt of invitation finally arrives. With the help of a mysterious sailor, Tella whisks Scarlett away to the show. Only, as soon as they arrive, Tella is kidnapped by Caraval’s mastermind organizer, Legend. It turns out that this season’s Caraval revolves around Tella, and whoever finds her first is the winner.
Scarlett has been told that everything that happens during Caraval is only an elaborate performance. But she nevertheless becomes enmeshed in a game of love, heartbreak, and magic with the other players in the game. And whether Caraval is real or not, she must find Tella before the five nights of the game are over, a dangerous domino effect of consequences is set off, and her sister disappears forever. (Synopsis: Macmillan)

~oOo~

Stephanie Garber wuchs in Kalifornien auf und unterrichtet dort Kreatives Schreiben. Unter ihren Studenten ist sie unter anderem bekannt für ihre Ausflüge zu Signierstunden. „Caraval“ ist Garbers Debüt im Young Adult Bereich.

„Dreams that come true can be beautiful, but they can also turn into nightmares when people won’t wake up.“
(Stephanie Garber: Caraval Seite 77)

Den wundervollen Covern von „Caraval“ – sowohl in der US als auch in der UK Edition sind die Bücher ein wahrer Augenschmaus – begegnet man auf den einschlägigen Social Media Plattformen als auch auf Blogs und Youtube in den letzten Wochen immer häufiger. Man möchte fast schon von Hype sprechen. Und obwohl ich sonst kaum gehypte Bücher so kurz nach dem Erscheinen bespreche, konnte ich diesmal einfach nicht umhin, ein paar Worte zu Garbers Roman zu verlieren.

Caraval“ entführt den Leser in ein historisch-fantastisches Setting, in eine Welt, die entfernt an das 18. Jahrhundert erinnert. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Scarlett mit ihrer arrangierten Ehe zufrieden gibt. Schließlich machen die Briefe, die ihr Verlobter ihr schickt – dessen Namen sie nicht einmal kennt, da ihr Vater diesen Teil des Schriftverkehrs stets unkenntlich macht – einen positiven Eindruck und machen ihr Hoffnung, einen Weg fort von ihrem tyrannischen Vater zu finden. Für sich selbst, als auch für ihre Schwester Tella.

Zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten

Wo Scarlett sich in ihr Schicksal ergibt, ist Tella die rebellische und versucht auf ihre eigene Art und Weise aus den Zwängen des Vaters auszubrechen. Seefahrer Julian und die langersehnte Einladung von Master Legend zu Caraval kommen da gerade recht.

Eigentlich erfüllt Tella genau die Kriterien, die man von den Heldinnen diverser Young Adult Romane kennt. Sie ist frech, mutig, geht Risiken ein, setzt ihren Willen durch und versucht sich ihrem Vater zu widersetzen. Scarlett hingegen ist eingeschüchtert und ängstlich, zweifelt alles an und zweifelt vor allem an sich selbst und ihren eigenen Entscheidungen. Eine Tatsache, die sich durch das gesamte Buch zieht, und dem Leser stets mit Aussagen im Sinne von „Was würde Tella tun?“ vor Augen geführt wird.

caraval-interior

Caraval: Zirkus meets Magie

Dabei ist die Welt von Caraval genau das, was sich Scarlett immer erträumt hat. Ein Spiel, ein Zirkus, eine magische Welt, in der Realität und Fiktion verschwimmen, in der Brücken sich plötzlich bewegen, in der Kleider sich der Stimmung entsprechend ändern, Uhren zu Türen werden und man die schönsten Dinge kaufen kann, indem man einfach einen Tag seines eigenen Lebens opfert.

Doch Caraval birgt trotz aller Schönheit, Faszination und Magie auch seine Schrecken. Denn wer sich zu sehr vom Schauspiel gefangen nehmen lässt, läuft Gefahr, den Bezug zur Realität zu verlieren. Nicht wenige Teilnehmer des Spiels haben über die Jahre ihren Verstand verloren.

Caraval ist ein wundervoll geschriebenes Werk mit einigen inhaltlichen Schwächen

Garber beschreibt ihre Welt, ihren Karneval, mit wunderschönen Wort und schafft es, ein Bild vor dem inneren Auge des Lesern entstehen zu lassen, und die Fantasie anzuregen. Vor allem der Stil der Autorin und die Welt, die sie schafft, trösten über die doch eher schwachen Charaktere hinweg. Tella bleibt bis auf wenige Augenblicke farblos, wohingegen Scarlett trotz ihrer stetigen Präsenz bis zum Ende hin ein Charakter ist, der nicht in der Lage zu sein scheint, eigene Entscheidungen zu treffen. Die Hoffnung, aus ihr könnte eine Person werden, die nun endlich die Chance ergreift und ihr Schicksal in ihre eigene Hand nimmt, zerschlägt sich leider etwas.

Caraval“ ist ein gelungenes Märchen, welches den Leser in eine spannende Welt entführt, die aber leider gemeinsam mit den Hauptcharakteren etwas verblasst. Kurzweilig und angenehm zu lesen ist Stephanie Garbers Werk aber trotz allem, und die Hoffnung besteht, dass die Charaktere im zweiten Teil mehr an Tiefe gewinnen.

Caraval von Stephanie Garber

Englische Ausgabe
402 Seiten (Paperback)
Verlag: Flatiron Books
Erschienen: Januar 2017
ISBN: 9781250141491

Deutsche Ausgabe
400 Seiten (Klappenbroschur)
Verlag: Piper
Erschienen: März 2017
ISBN: 978-3-492-70416-8

[Rezension] Emily St. John Mandel: Station Eleven (dt. Das Licht der letzten Tage)

station elevenHell is the absence of the people you long for.

One snowy night in Toronto famous actor Arthur Leander dies on stage whilst performing the role of a lifetime. That same evening a deadly virus touches down in North America.
The world will never be the same again.

Twenty years later Kirsten, an actress in the Travelling Symphony, performs Shakespeare in the settlements that have grown up since the collapse.
But then her newly hopeful world is threatened.

If civilization was lost lost, what would you preserve?
And how far would you go to protect it?
(Inhaltsangabe: Picador)

~oOo~

Station Eleven“ ist der vierte Roman der Kanadierin Emily St. John Mandel, und wurde unter anderem für den National Book Award nominiert.

The bright side of the planet moves towards darkness
And the cities are falling asleep, each in its hour,
And for me, now as then, it is too much.
There is too much world.
– Czeslaw Milosz: The Separate Notebooks –

Gleich zu Beginn: „Station Eleven“ ist kein typischer, actiongeladener Endzeitroman, in dem einmal mehr ein Virus fast die gesamte Erdbevölkerung auslöscht. Mit „Station Eleven“ hat Emily St. John Mandel ein Werk erschaffen, das sich auf ganz andere Weise mit der Apokalypse, mit dem Ende der Welt wie wir sie kannten befasst.

Zusammen mit den Charakteren erlebt der Leser hautnah was Tag Eins nach dem Ende tatsächlich bedeutet, spürt die beklemmende Atmosphäre, die Angst, die Verzweiflung der Menschen. Man verfolgt die Nachrichtenübertragungen, bis nach und nach alles still wird. Verschwindet. Stirbt.

Und wo Jean-Paul Satré noch sagte „Hell is other people“, wird Alleinsein plötzlich zu einem schrecklichen Traum, wenn man die letzten Menschen verliert, die einem etwas bedeuten. Den letzten Anker zu dem Leben „Davor“.

Mit ruhigen, manchmal schweren, manchmal leichten Worten erzählt Emily St. John Mandel ihre Geschichte, verknüpft die Schicksale einzelner Charaktere miteinander, und schafft mit Hilfe von Rückblenden ein feines, zartes Netz von ungemein zerbrechlichen Verbindungen, durchzogen von Shakespeare’s Worten und einer mysteriösen Comicreihe names Dr. Eleven.

Lässt man sich erst einmal von „Station Eleven“ gefangen nehmen, so fällt es einem schwer sich seinem Sog zu entziehen. Emily St. John Mandel hat hier etwas wunderbares geschaffen, und auch wenn das Ende vielleicht etwas zu gewollt ist, so handelt es sich hier um ein Buch, dem man definitiv Aufmerksamkeit schenken sollte, gerade wenn man Lesestoff fernab des Dystopien- und Endzeitmainstreams sucht.

bewertung 4 sterne

Station Eleven von Emily St. John Mandel
339 Seiten (Paperback)
Verlag: Picador
Erschienen: Januar 2015 (Erst-VÖ: September 2014)
ISBN: 9781447268970

[Rezension] Nicolas Barreau: Eines Abends in Paris

eines abends in parisJeden Mittwoch kommt eine junge Frau im roten Mantel in Alain Bonnards kleines Pariser Programmkino, und immer sitzt sie auf demselben Platz in Reihe 17. Eines Abends fasst sich Alain ein Herz und spricht sie an. Sie verbringen den Abend miteinander, doch in der Woche darauf taucht sie nicht mehr auf. Obwohl er von ihr kaum mehr als ihren Vornamen weiß, begibt sich Alain auf die Suche nach ihr und erlebt eine Geschichte, wie sie kein Film schöner erzählen könnte… (Inhalt: Piper)

~oOo~

Eines Abends in Paris“ ist ein Roman aus der Feder von Nicolas Barreau, hinter dem sich allerdings laut Spekulationen der Zeitung „Die Welt“ die deutsche Verlegerin Daniela Thiele verbergen soll.

Ob nun aus männlicher oder weiblicher Feder (Ich habe mich nicht weiter mit der Materie befasst aber ich glaube dass Barreau nicht existiert. Indizien: Das Autorenfoto stammt von einer Agentur die Bilder verkauft. Und die französische Ausgabe des Buches erschien fast ein Jahr nach der deutschen Edition.), Fakt ist dass es sich bei „Eines Abends in Paris“ um meinen ersten Barreau handelt. Die Verfilmung zu „Das Lächeln der Frauen“ ging an mir genau so vorbei wie der Erfolg des Buches zuvor. Und, um ganz ehrlich zu sein, wird „Eines Abends in Paris“ wahrscheinlich auch mein letzter Barreau bleiben.

Die Geschichte war nett erzählt, die Anlehnung an Woody Allen – nicht nur mit der Figur des Allan Wood sondern auch anhand des Erzählstils – waren ebenfalls nett. Aber nett macht dann doch kein gutes Buch.

Irgendetwas hat gefehlt. Hauptcharakter und Kinobesitzer Alain war zwar in erster Linie sympathisch mit seiner Vorliebe für alte Filme, aber blieb während der gesamten Zeit doch nicht mehr als ein flacher, nicht komplett fertiger Charakter, dessen Gedankengänge und Gefühle oft einfach viel zu schwülstig waren um noch glaubwürdig zu erscheinen.

Was mir besonders am Anfang stark auf die Nerven ging waren die ständigen Bemerkungen dass bald nichts mehr so sein würde wie zuvor, das sich die Dinge bald schon ändern werden. Liebes Schreiberlein, die meisten Leser begreifen einen solchen Hinweis nach dem ersten Mal. Es ist sinnlos, dieses Mittel zur Schaffung eines Spannungsbogens zehnmal oder öfter zu verwenden.

Alles in allem war „Eines Abends in Paris“ ein netter Lesesnack für zwischendurch, mit wenig Tiefe, mit gewollt tollen Verknüpfungen und Verkettungen, die den Leser wahrscheinlich sprachlos vor Überraschung zurücklassen sollen, aber dann doch nicht ganz so funktionieren. Das Buch will viel, aber das war es dann leider auch schon. Okay wenn man etwas Leichtes sucht.

bewertung 2 sterne

Eines Abends in Paris von Nicolas Barreau
384 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Piper
Erschienen: Oktober 2013 (Erst-VÖ: August 2012)
ISBN: 978-3-492-30246-3

[Rezension] Tracy Buchanan: Sternenwandler

Eigentlich hatte sich Tori Hamilton ihren sechszehnten Geburtstag etwas anders vorgestellt. Nicht nur, dass sich ihre ihre Eltern wieder einmal mehr als nur streiten, sie gerät nachts auch noch an eine Gruppe gewalttätiger Jugendlicher. Doch zu Hilfe eilt ihr nicht ein starker Ritter, sondern ein Pferd!
Und dieses Pferd fängt vor ihren Augen plötzlich an zu funkeln wie ein Sternenmeer und verwandelt sich in einen Jungen. In Cam Chase, den Neuen an ihrer Schule. Vom ersten Augenblick an fühlt sich Tori zum ihm hingezogen.

Doch Cam ist nicht ohne Grund in die Stadt gekommen. Er ist auf der Suche nach seinem Zwillingsbruder, der von der Firma gefangen gehalten wird, in der Tori’s Vater arbeitet. Sein ungewöhnliches Geheimnis schreckt Tori nicht ab, und gemeinsam begeben sie sich auf eine Mission, die zahlreiche Gefahren bereithält – für sie beide.

Denn bald schon geht es um Leben und Tod, um das Leben von Cam, seinem Zwillingsbruder und vielen anderen Menschen…

Bei „Sternenwandler“ handelt es sich um den Debütroman der Autorin Tracy Buchanan.

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich mich an dem wunderschön gestalteten Cover wirklich kaum satt sehen kann. Schlicht und schön kommt es ganz ohne Kitsch und die typischen Junge-Mädchen-Fotografien aus, und ist daher wirklich gelungen.

Die Geschichte selbst ist ein typischer Romantasy-Roman für junge Leser. Es ist von Anfang an klar, dass sich Tori in Cam verliebt, ebenso klar ist die Gefahr, die von einer Beziehung zu ihm ausgeht. Trotz dieser Vorhersehbarkeit sind beide Hauptcharaktere sehr sympathisch gezeichnet und wachsen einem beim Lesen sehr schnell ans Herz.

Tori ist das junge Mädchen, das mit ansehen muss, wie der Vater die eigene Mutter schlägt, aber so tut, als bekäme sie davon nicht das geringste mit. Sie spielt die brave Tochter, versucht es allen recht zu machen und unterdrückt in gewisser Weise ihre eigenen Wünsche und Träume. Bei Cam kann sie sein wie sie ist, muss sich nicht verstellen. Die gesamte Hintergrundgeschichte um Tori und ihre Familie macht sie zu einem sehr glaubhaften, greifbaren Charakter, mit dem man sich schnell identifizieren kann.

Cam ist, wie so oft in solchen Romanen, mysteriös und voller Geheimnisse. Was ihn aber nicht unbedingt unsympathisch macht. Er fühlt sich zu Tori hingezogen, versucht aber gleichzeitig, sie zu beschützen – vor sich und vor den Gefahren die er automatisch anzieht. Loyal und aufrichtig treu wie er ist, versucht er alles, um seinen Zwillingsbruder zu finden, ohne dabei Tori allzu großen Schwierigkeiten auszusetzen – was natürlich zu Konflikten zwischen den beiden führt.

Dieser zarten Liebesgeschichte wurde eine doch recht gut durchdachte Hintergrundgeschichte mitgegeben. Die Erklärung, wie und warum Cam zu einem Gestaltwandler wurde, ist erfrischend neu und anders. Mit der Zeit werden Beziehungen und Verbindungen enthüllt, die immer mehr Einblicke in die Geschehnisse rund um Cam geben und die Gründe, warum sein Zwillingsbruder verschwunden ist.

Trotz allem ist die Geschichte in gewisser Weise vorhersehbar, große Überraschungen und Aha-Effekte bleiben leider aus. Vielleicht habe ich aber auch einfach inzwischen zuviele Bücher dieser Art gelesen. Allerdings macht der sehr leichte, angenehm zu lesende Schreibstil der Autorin diesen Punkt fast schon wieder wett, hindert er einen doch daran, das Buch einfach zur Seite zu legen.

Da das Ende sich als offen erweist, geht ich davon aus dass sich hier die Option auf eine Fortsetzung offen gehalten wird. Irgendwie schade, denn dank der vielen Trilogien und ähnlichem findet man nur noch selten Einzelbände – gerade in diesem Genre.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei „Sternenwandler“ um einen gelungenen Debütroman mit sympathischen Charakteren, einer gut durchdachten Hintergrundgeschichte jedoch wenig Überraschungen. Einen Blick sollte das Buch aber dennoch wert sein.

bewertung 3 sterne

Sternenwandler von Tracy Buchanan
352 Seiten (Broschiert)
Verlag: Piper
Erschienen: März 2011
ISBN:978-3492259453
9,95 €

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Piper-Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.