[Das Debüt 2017] Bloggerpreis für Literatur: Meine finale Entscheidung

Über den gesamten Dezember hinweg bis in den Januar des neuen Jahres hinein habe ich mich der Shortlist zum Debütpreis 2017, ins Leben gerufen und verliehen von DasDebüt, gewidmet und die nominierten Bücher gelesen. Wer meinen Blog regelmäßig im Auge hat, dem sind bestimmt die Rezensionen zu den einzelnen Büchern aufgefallen, die in den letzten Tagen online gegangen sind und mein Urteil in Wort und Schrift enthalten.

Die einzelnen Bücher aber tatsächlich mit Punkten zu bewerten und Platzierungen zu vergeben ist mir unglaublich schwer gefallen, da alle Autoren mit ihren Werken bei mir auf die eine oder andere Weise einen Nerv getroffen haben, und daher mit ihrem Bewertungen auf einschlägigen Plattformen sehr nah beieinander lagen.

Alle, wirklich alle Bücher haben es mir irgendwie angetan. Alle Bücher sind großartige Werke. Da sind es eher die kleinen Nuancen, die letztendlich die finale Entscheidung ausmachen.

Im folgenden werde ich meine Platzierungen bekannt geben. Laut den „Regeln“ erfolgt die Punktevergabe wie folgt: Platz 1 erhält fünf Punkte, Platz 2 drei Punkte und Platz 3 einen Punkt. Die restlichen beiden Platzierungen gehen leider leer aus, und es tut mir im Herzen weh. Ernsthaft jetzt, kein Mist!

Platz 1 (5 Punkte)
Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer

Mein Kurzeindruck direkt nach dem Lesen: „Großartig. Einfach nur großartig. Ich bin verliebt in dieses Buch.

Zur Rezension geht es hier entlang.

Das Buch hat mich von Anfang bis Ende begeistert. Die Thematik, die Art von Zehrer zu Schreiben und zu Erzählen, das Schicksal von William James Sidis, die philosophischen und mathematischen Erörterungen – einfach alles. In meiner Rezension habe ich das ja auch so in etwa gesagt:

Die Faszination und Begeisterung, die dieses so vielschichtige Buch bei mir ausgelöst hat, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Doch es wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Ein Highlight.

Platz 2 (3 Punkte)
Still halten von Jovana Reisinger

Mein Kurzeindruck direkt nach dem Lesen: „Ein Buch, welches bedrückend lebendige Bilder entstehen lässt. Die Gedanken einer Frau, die den Leser einem Mahlstrom gleich hinab ziehen.

Zur Rezension geht es hier entlang.

Reisingers Buch mag vielleicht deprimierend wirken, aber es hat mich sofort in seinen Bann gezogen. So auch im Fazit meiner Rezension widergegeben:

Still halten“ ist ein unglaublich dichter und eindringlicher Roman, der einem gekonnt die eigene Verletzlichkeit vor Augen führt, und geschickt Kritik am gesellschaftlichen Erwartungsdruck übt. Fast schon wie ein Film, bedrückend und nicht einfach zu verdauen, fasziniert und erschüttert dieses Debüt gleichermaßen.

Platz 3 (1 Punkt)
Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens von Juliana Kálnay

Mein Kurzeindruck direkt nach dem Lesen: „Philosophisch, melancholisch schön und mit so vielen Tiefen und zarten Zwischentönen versehen, dass einmal lesen kaum reichen wird um tatsächlich alles zu erfassen.

Zur Rezension geht es hier entlang.

Das Buch von Juliana Kálnay war das erste Shortlist-Buch, welches ich gelesen habe. Und es hat mich wirklich berührt. Vielleicht ist ein Hauch von Nostalgie dabei, dieses Buch unter meine Top 3 zu wählen, aber meine Beurteilung zeigt deutlich, wie sehr ich diesen Roman mochte:

Juliana Kálnay hat ein kleines Schmuckstück geschaffen, welches mit den Versionen der Realität spielt und die Möglichkeit, mit gekonnt gewählten Worten und zarten Beschreibungen beeindruckende Bilder zu skizzieren, vollends ausnutzt. Ein Buch, welches immer wieder neue Einblicke gewähren wird, wie oft man es auch liest.

schweren Herzens ohne Punkte

Immer ist alles schön von Julia Weber

Oder Florida von Christian Bangel

Mein Kurzeindruck zu Julia Weber: „Melancholisch schwer und erdrückend. Starke Bilder, die im Kopf des Leser entstehen.
Mein Kurzeindruck zu Christian Bangel: „Nicht ganz das, was ich erwartet hatte, aber sehr amüsant mit vielen kleinen, gut verpackten Spitzen.

Es ist mir wirklich schwer gefallen diese Entscheidung zu treffen. Beide Romane haben mich auf ihre Art berührt und unterhalten und haben ihren Platz auf der Shortlist mehr als verdient. Aber beide haben nicht so an mir gerüttelt wie ihre Mitstreiter. Trotzdem bereue ich keine einzige Minute, die ich mit den Werken von Julia Weber und Christian Bangel verbracht habe. 🙂

Rezension zu Julia Weber: Immer ist alles schön

Rezension zu Christian Bangel: Oder Florida (folgt noch)

 

Die GEWINNERIN von Juliana Kálnays Roman „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ ist Luscinnia! Herzlichen Glückwunsch und viel Spaß mit diesem tollen Roman!

Die Beiträge meiner Jurykollegen:

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[Rezension] Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie (Das Debüt 2017)

Boston, 1910. Der elfjährige William James Sidis wird von der amerikanischen Presse als »Wunderjunge von Harvard« gefeiert. Sein Vater Boris, ein bekannter Psychologe mit dem brennenden Ehrgeiz, die Welt durch Bildung zu verbessern, triumphiert. Er hat William von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Durch Anwendung der Sidis-Methode könnten alle Kinder die gleichen Fähigkeiten entwickeln wie sein Sohn, behauptet er. Doch als William erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und seiner Vergangenheit. Er weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Ver­fügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird. Stattdessen versucht er, sein Leben nach eigenen Vorstel­lungen zu gestalten – mit aller Konsequenz. (Inhaltsangabe: Diogenes Verlag)

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Der promovierte Kulturwissenschaftler Klaus Cäsar Zehrer wurde 1969 in Schwabach geboren und lebt als freier Autor, Herausgeber und Übersetzer in Berlin. Er veröffentlichte unter anderem die Anthologie „Hell und Schnell“ zusammen mit Robert Gernhardt, welche als Standardwerk der komischen Lyrik gilt. „Das Genie“ ist sein erster Roman, für den er mehrere Jahre Recherchearbeit geleistet hat.

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Ein Experiment in Namen der Wissenschaft – am eigenen Kind

Dem Namen Sidis bin ich selbst vor ein paar Jahren bei einer Recherche für eine Projektarbeit über William James (seines Zeichens Professor für Psychologie und Philosophie und Begründer der Psychologie in den USA) gestolpert. James selbst unterstützte den in der heutigen Ukraine geborenen Boris Sidis bei seinen Forschungsprojekten. Genau diesem Mann folgt Zehrer in den ersten Kapiteln seines Buches „Das Genie„. Boris Sidis psychologisches Interesse gelten vor allem der Hypnose – und der Erziehung seines ersten Kindes, William James Sidis, zum Genie. Denn jeder Mensch könne ein Genie werden, wenn man denn früh genug mit der entsprechenden Erziehung und Lernmethodik beginnt. Der Exzentriker, selbst hochintelligent, wird unterstützt von seiner Frau Sarah, die im Gegensatz zu Boris die Realität nie so ganz aus den Augen verliert und ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen, und manchmal auch in die richtige Richtung zwingt.

Die jahrelange Recherche – und meine Vorliebe für diverse psychologische und wissenschaftliche Theorien – machen schon die ersten Seiten über die Anfänge von Boris Sidis akademischer Laufbahn und seinen Forschungen ungemein interessant, aber die Person Boris nicht unbedingt sympathischer. Bei einem Roman, der so nah an den Quellen angesiedelt ist, dass es sich schon fast um eine Biographie handeln könnte, ist Sympathie für die auftretenden Charaktere aber auch eher Nebensache.

“ Wenn gezielt versucht wird, den Charakter und Willen eines Menschen zu brechen, nur damit er die Erwartungen der Außenwelt erfüllt, wenn er systematisch verbogen werden soll zu einem Wesen, das seinem innersten Selbst entfremdet ist, dann ist das Folter auf psychischer Ebene.“
Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie, Seite 455

William James Sidis wird von seinen Eltern von Anfang an gefordert. Und die Sidis-Methode scheint Früchte zu tragen. Mit knapp zwei Jahren kann William James – kurz Billy – bereits aus der Tageszeitung vorlesen. Im Alter von fünf Jahren sprach er bereits mehrere Sprachen; Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch wurden ihm von Geburt an jeden Tag eingetrichtert. Dem hochintelligenten Kind – dem später ein IQ von fast 300 zugeschrieben wurde – fällt es leicht, sich Fakten und Gelesenes zu merken. Die sieben Jahre Grundschule schließt William James Sidis innerhalb von nicht einmal einem Jahr ab, schreibt vier Bücher und erfindet eine eigene Sprache, bis er mit acht Jahren auf die High School kommt, und diese ebenfalls in kürzester Zeit abschließt. Er besteht die Zulassungsprüfung für Harvard, ist dort einer der jüngsten Studenten, und hält dort sogar einen Vortrag über die vierte Dimension vor angesehenen Wissenschaftlern.

Die traurige Geschichte eines hochintelligenten Wunderkinds

Für die Medien ist William James Sidis ein gefundenes Fressen. Das Wunderkind zieht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Für die Eltern ist dies die Gelegenheit, den Erfolg ihrer Erziehungsmethode zu veranschaulichen. Für William dagegen die Hölle, und wohl einer der Hauptgründe für sein später sehr zurückgezogenes Leben, in dem er seinen Job wechselt, sobald ihn jemand erkennt.

Der Roman, voller historischer, philosophischer und mathematischer Fakten erweist sich als überraschend flüssiges und spannendes Buch. Das Leben von William James Sidis ist faszinierend und erschreckend zugleich, und obwohl man vielleicht die eine oder andere Tat oder Handlung seinerseits nicht gutheißt, so kann man doch immer wieder Verständnis für die Situation aufbringen. Sich hinein zu fühlen in sein Genie, das ist Zehrer auf großartige Weise gelungen.

Denn eigentlich ist die Geschichte von William James Sidis eher ein Trauerspiel. Gefeiert von den Medien und seinen Eltern für seine Intelligenz und sein Wissen, wird jedes noch so kleine Scheitern gestraft. Die Schattenseiten des Ruhms nagen an William, zwingen ihn zum Rückzug und zum Ausbruch. Fort aus dem Muster, welches ihm seine Eltern aufdrücken wollen. Fort davon, das Aushängeschild und die Bestätigung für den Erfolg einer wissenschaftlichen Methode zu sein. Denn die Sidis-Methode ist keinesfalls perfekt und fehlerlos. Obwohl William mit hoher Intelligenz gesegnet und wohl tatsächlich ein Genie ist, fehlt ihm der Bezug zum Kind sein. Fantasiespiele sind im fremd, Bäume und Pflanzen kann er benennen und beschreiben, doch in freier Natur nicht erkennen. Motorische Fertigkeiten, wie zum Beispiel das Werfen eines Balls während des Einschulungstests, fallen ihm schwer. Auch zeigt William oftmals Züge, die heute vor allem den Autisten zugeordnet werden, was gerade bei seinem Grad an Hochbegabung nicht verwunderlich ist.

All diese Leute, dachte William, waren normal, ohne dass es sie Anstrengung kostete. Die Normalität fiel ihnen so leicht wie ihre Muttersprache. Seine Muttersprache war die Außergewöhnlichkeit. Das war der Fluch seines Lebens: Es gab niemanden, mit dem er sich in seiner Sprache unterhalten konnte.
Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie, Seite 482

Das Genie“ von Klaus Cäsar Zehrer ist nicht für jeden Leser etwas. Wer mit historischen Fakten und biographisch angelegten Romanen nicht viel anfangen kann, der wird Zehrers Roman als trocken und langweilig auffassen, und sich wenig für den Detailreichtum und all den gut recherchierten Stoff begeistern. Wer aber offen ist für Romane dieser Art, der hält mit „Das Genie“ einen Schatz in der Hand, der einen von der ersten bis zur letzten Seite gefangen nimmt. Zehrers Erzählstil, trotz der schwere der Geschichte leicht und fließend, verleiht dem Roman seinen ganz eigenen Sog und Zauber. Die Faszination und Begeisterung, die dieses so vielschichtige Buch bei mir ausgelöst hat, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Doch es wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Ein Highlight.

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer
656 Seiten (Hardcover)
Verlag: Diogenes
Erschienen: August 2017
ISBN: 978-3-257-06998-3

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Das Debüt und beim Diogenes Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte elektronische Leseexemplar.

[Blog] WochenFlashback #6

wochenflashback

Offlinegeplauder

Mein letzter Wochenrückblick ist schon ein Weilchen her, inzwischen hat sich so einiges getan. Ich drücke wieder die Schulbank, lerne einen neuen Beruf – ja, in meinem Alter. Und es ist nicht immer einfach. Vor allem weil man doch den Altersunterschied merkt, wenn da zehn oder mehr Jahre zwischen dir und deinen Mitschülern liegen. Die haben Sorgen, da kann man nur mit dem Kopf schütteln. Aber man war ja früher auch nicht anders. ^^ Trotz allem läuft die Lernerei recht gut, allerdings macht mir meine Gesundheit immer mal wieder einen Strich durch die Rechnung. Es gibt gute und schlechte Tage, und wenn dann zusätzlich noch eine Wetterfühligkeit hinzu kommt, überwiegen gerade im Moment die schlechten Tage. Und es nervt. Aber so an sich bin ich auf einem guten Weg und es geht mir auch besser als noch zu Beginn des Jahres. Blutdrucktabletten, Betablocker und Co. müssen ja auch zu etwas gut sein. ^^ Allerdings hat das ganze Drama jetzt zu einer Komplettbefreiung vom Schulsport durch den Amtsarzt geführt. Naja. Wenn die meinen. ^^

Bookstagram

Lesen läuft. Ich habe meinen Rhythmus gefunden. Natürlich gibt es Tage an denen ich bis auf eine Seite kaum etwas lese, natürlich gibt es Tage an denen ich zu müde bin oder mich nicht konzentrieren kann. Aber wenn man bedenkt dass ich eine 40-Stunden Woche habe, schaffe ich dann doch – vor allem am Wochenende – so einiges. Ich erwische mich aber dabei, bestimmte Bücher liegen zu lassen, wenn es gerade zwischen uns nicht so funkt.
Bisher bin ich aber vor allem vom April recht angetan und habe besonders in der letzten Woche – und am Wochenende – so einiges lesen können, darunter Call Me By Your Name von André Aciman (Ende letzten Jahres angelesen, damals keinen Zugang gefunden, und nun binnen kurzer Zeit beendet) und Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells (Wells ist Liebe. That’s all.).
In Sachen Ausgaben für Bücher werde ich kürzer treten müssen. Muss sparen. *seufz* Und da heißt es jetzt erst einmal: Lesen was im Regal steht. Und da steht ja nun wirklich mehr als genug.

Ganz aktuell lese ich übrigens Ein Jahr wie dieses von Daniele Bresciani. Hier nur mal der Übersicht halber die Inhaltsangabe zum Buch vom Heyne-Verlag:

Die 14-jährige Viola musste ihren Vater tot in seinem Bett finden. Von diesem Moment an hat sie kein Wort mehr gesprochen, doch sie kann nicht aufhören, an das große Geheimnis zu denken, das ihr Vater mit ins Grab genommen hat. Mit einem zerfallenden Buch und einer alten Fotografie versucht das Mädchen die Lebensgeschichte ihres Vaters zu rekonstruieren. Gemeinsam mit ihrer Freundin Leslie taucht sie in das rauschende London der 1980er Jahre ein, in dem der junge Giacomo einst in eine große Liebesgeschichte verwickelt war.

Was noch?

Ich dachte ja eigentlich mein DVD-Player gibt nach so über 10 Jahren den Geist auf, aber anscheinend wird er nur zur Diva. Nachdem mein Gilmore Girls DVD Marathon kurzzeitig rüde unterbrochen wurde, habe ich im Laufe der letzten Woche die fünfte Staffel geschaut und von der sechsten Staffel stehen mir auch nur noch zwei Folgen bevor. Wir nähern uns dem großen Finale. Nur noch die siebte Staffel – und dann heißt es warten auf Staffel acht. ^^
Dank Netflix habe ich mir auch die erste Staffel Outlander zu Gemüte geführt, und naja… soll ich ehrlich sein? Vom Hocker haut es mich nicht. Habe bis zur letzten Folge gehofft es wird noch aber irgendwie.. naja. Nett und langatmig und manchmal will man einfach mit dem Kopf auf den Tisch hauen wegen den ganzen „Jetzt-ach-nein-doch-nicht“-Momenten. Die Bücher werde ich definitiv nicht lesen.
Am Wochenende gab es dann noch den London Marathon – nur Online via Livestream der BBC, weil unsere TV Sender es nicht für nötig halten die ganze Sache auszustrahlen. Mich interessieren ja eigentlich auch nicht die professionellen Läufer (auch wenn die Zeiten und deren Tempo echt der Wahnsinn ist) sondern die Amateure. Und die Kostüme! Wir hatten einen Herren verkleidet als Playboyhäschen, einen Spongebob, Dinosaurier-Kostüme, irgendwas das aussah wie ein Donut oder ein Brötchen, eine klassische Londoner Telefonzelle usw.. Immer wieder ein Spaß fürs Auge, dazu Stadtansichten von London. Herrlich.

Prognose

Es steht eine Arbeit in Rechnungswesen an, aber das sollte zu machen sein. Hoffe ich.
Buchtechnisch möchte ich auf jeder Fall noch meinen aktuellen Lesestoff vor Ende des Monats fertig bekommen. Drückt mir die Daumen.

Der WochenFlashback setzt sich zusammen aus dem Literaturplausch und dem Blogtalk.

[Rezension] Christoph Poschenrieder: Mauersegler

mauersegler

Fünf Männer gründen eine Alten-WG in einer Villa am See. Zusammen wollen sie die verbleibenden Jahre verbringen, zusammen noch einmal das Leben genießen. Für den letzten – selbstbestimmten – Schritt zählen sie auf die Hilfe der Mitbewohner. Denn es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie und mit wem man alt wird. (Inhaltsangabe: Diogenes Verlag)

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Christoph Poschenrieder ist deutscher Schriftsteller und Journalist, wurde in Boston geboren und lebt in München. Sein Debütroman „Die Welt ist im Kopf“ erschien 2010 und stellt den jungen Arthur Schopenhauer in den Mittelpunkt. Sein dritter Roman „Das Sandkorn“ stand 2014 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. „Mauersegler“ ist der vierte Roman des Autors.

[…] denn niemand von uns wird gerne an die Zeit und das Vergehen der Zeit erinnert.
(Seite 11)

Wir alle – und da nützt es nichts sich etwas vorzugaukeln – werden älter. Tag für Tag müssen wir dieser ganz simplen Tatsache ins Auge sehen. Eine stetig älter werdende Gesellschaft stellt irgendwann jeden von uns, aber in diesem Fall vor allem Poschenrieders fünf Helden, vor eine einfache Frage: Wie und mit wem wollen wir die letzten Tage unseres Lebens verbringen?

Im Mittelpunkt von „Mauersegler“ stehen fünf Herren, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten, jedoch bei genauerem Hinsehen durchaus Gemeinsamkeiten aufweisen. Da wären Wilhelm – Jurist im Ruhestand, Heinrich – Lebensmitteltechnologe mit sehr außergewöhnlichen Essgewohnheiten, Ernst – Programmierer und Erfinder des Todesengel-Programms, Siegfried – alternder Theaterregisseur mit einer Vorliebe für junge und hübsche Frauen, und Carl. Carl, seines Zeichens mehr oder weniger erfolgreicher Journalist, Schopenhauer-Fan und Ich-Erzähler der Geschichte um die fünf Herren, die sich seit ihrer Kindheit kennen, und nun beschließen gemeinsam in eine Senioren-WG zu ziehen.

Seltsam: Alle haben Angst vor dem Tod, aber keiner macht sich Gedanken, wo er vor seiner Geburt gewesen ist. Wohin die Lebensreise führt, scheint so viel wichtiger zu sein als die Frage, woher wir kommen. Die Unendlichkeit vorher – ohne mich – kann doch wohl genauso wenig schrecklich sein wie die Unendlichkeit nachher – ohne mich. Oder? Und das dazwischen ist sowieso nur ein flüchtiger Lebenstraum.
(Seite 7)

Zwischen der oftmals sehr amüsanten Suche nach dem passenden Domizil, den Diskussionen wer welches Zimmer bekommt und ob denn nun Hausschuhe getragen werden sollen oder nicht, schlägt Poschenrieder nach und nach ernstere Töne an. Denn was passiert, wenn der erste der Gruppe sich den letzten Momenten seines Lebens nähert. Programmierer Ernst – ganz in seinem Element – entwickelt den Todesengel. Ein Programm, das es den Bewohner der WG ermöglicht, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden – und einen Todesengel zu wählen, der sie dabei unterstützt.

Poschenrieder präsentiert hier ein sehr interessantes Gedankenspiel, das sich mit dem immer wieder aktuellen und viel diskutierten Thema der Sterbehilfe auseinandersetzt. Er lässt seine Charaktere eine Möglichkeit finden, ihren Lebensabend auf angenehme Weise verbringen und beenden zu können. Mag man denn darüber persönlich denken was man möchte. Und während die Charaktere immer wieder in Erinnerungen schwelgen und dem Leser mittels diverser Anekdoten einen tieferen Einblick in das Leben vor der WG gewähren, kommt der Tag, an dem das Todesengel-Programm sich beweisen muss.

Vertrautheit. Vertrautheit ist ein eingetragener Schuh, ein gewohnter Geschmack, ein Wiegenlied. Die langweiligste Sache der Welt. Wenn man von einem anderen Menschen alle seine Witze kennt, wenn man weiß, was ihn ängstigt, was ihn freut. Und wenn der Mensch dennoch unbegrenzt Kredit genießt (im übertragenen Sinne natürlich, nicht monetär).
(Seite 25)

Mauersegler“ ist zumindest zu Beginn humorvoll und amüsant, schlägt aber schon bald ernstere Töne an. Die fünf WG-Bewohner erweisen sich wohl auch aufgrund der doch eher geringen Seitenzahl eher als etwas flach geratene Stereotypen mit viel zu viel Geld – ein nicht zu ignorierender Vorteil bei der Inangriffnahme eines solchen Experimentes. In der Frage des Alterns allerdings könnten die fünf Herren oft unterschiedlicher nicht sein. Jedoch haben sie eines gemeinsam: Angst vor der Zeit.

Wenn „Mauersegler“ eines ist, dann leicht und luftig, ein Buch, dem es ein wenig an Tiefe fehlt. Aber „Mauersegler“ ist auch ein Buch, das seine Leser im richtigen Moment und der richtigen Stimmung treffen muss, um seine volle Wirkung zu entfalten. Denn eines ist Poschenrieder zumindest gelungen: Er regt zum Nachdenken an, bringt einen dazu sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das so viele von uns am liebsten verdrängen. Ob eine wohlhabende Senioren-WG nun der beste Weg ist, sich mit dem Thema Altern und Sterbehilfe zu beschäftigen, sei einmal dahingestellt. Aber es bewirkt ein Innehalten. Im positiven Sinne.

Mauersegler“ ist ein Buch, das sich mit einem ernstzunehmenden Thema beschäftigt, aber keineswegs deprimiert oder zu schwer daherkommt, und das neben dem Tod vor allem eines thematisiert: das Leben und die Freundschaft. Ein dünnes Buch mit etwas zu unpersönlichen Charakteren, das es aber schafft den Leser zumindest für ein Weilchen zum Nachdenken anzuregen, und Dank Poschenrieders Schreibstil seine Leichtigkeit bewahrt.

Mauersegler von Christoph Poschenrieder
224 Seiten (Hardcover)
Verlag: Diogenes
Erschienen: September 2015
ISBN: 978-3-257-06934-1

Zum Thema Altern und Alt werden kann ich interessierten Leser auch „Wir werden zusammen alt“ von Camille de Peretti empfehlen.

[Gewonnen] Die Geschichte von Blue #Diogenes8000

die geschichte von blue

Vor kurzem hat der Twitter-Account des Diogenes Verlags die 8000 Follower geknackt. Um das gebührend zu feiern – und die einzelnen Follower noch glücklicher zu machen als sowieso schon – verloste Diogenes 5 Exemplare des Buches „Die Geschichte von Blue“ von Solomonica de Winter an alle, die unter dem Hashtag #Diogenes8000 einen Beitrag auf Twitter veröffentlichten. Und wie man sieht hatte ich Glück und freue mich über meine Gewinn wie ein kleiner Keks (inklusive einer riesigen Portion Zucker). Vielen vielen lieben Dank an den Verlag für den tollen Gewinn ❤

Darum geht es in dem Buch:

Das ist die Geschichte von Blue, die ihren Vater früh verloren hat, deren Mutter in ihrer völlig eigenen Welt lebt und die sich in einen Menschen verliebt, der vom gleichen Buch besessen ist wie sie: dem ›Zauberer von Oz‹. Wie Dorothy im Buch macht sie sich auf, um jenseits des Regenbogens wieder eine Art Zuhause zu finden – und den Mörder ihres Vaters. Eine Suche, die an einen ganz anderen Ort hinführt, als man am Anfang erwartet.

Eckdaten: 288 Seiten; Taschenbuch; Erschienen im Februar 2016 (Klappbroschur erschien Sep. 2014 bei Diogenes); ISBN: 978-3-257-24334-5

[Rezension] Paulo Coelho: Veronika beschließt zu sterben

Die junge Slowenin Veronika hat ihren Traum, Pianistin zu werden, dem ereignislosen Alltagsleben im Nachkriegs-Ljubljana geopfert.

Sie beschließt schließlich, diesem leidenschaftslosen Dasein ein Ende zu bereiten, nimmt eine Überdosis Schlaftabletten – und erwacht in einer Irrenanstalt. Hier teilen ihr die Ärzte mit, sie sei herzkrank und habe nur noch wenige Tage zu leben.

Den Tod vor Augen, durchmisst Veronika innerhalb weniger Tage alle Höhen und Tiefen des Daseins. Sie beginnt, für ihr Leben zu kämpfen und verliebt sich zum ersten Mal.

Veronika beschließt zu sterben“ ist der erste Roman von Paulo Coelho, den ich überhaupt bisher gelesen habe.

Von Beginn an habe ich viel von diesem Buch erwartet, da die Thematik an sich einiges zu bieten hat. Nur leider wurden, wie das oft so ist, meine Erwartungen nicht erfüllt.

Coelho’s Schreibstil ist sehr angenehm und liest sich sehr flüssig, und gerade die ersten Seiten fand ich sehr ansprechend. Zusätzlich zu Veronika wurden noch drei andere  Insassen der Psychiatrie näher beleuchtet und ihre Geschichten erzählt.

Nur leider lies sich bei allen Charakteren die Tiefe vermissen. Keiner, bis auf Eduard, dessen Geschichte mich irgendwie berührte, hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Alles blieb recht oberflächlich und flach.

Und obwohl das Buch klar als Hommage an das Leben zu sehen ist, blieben die getroffenen Aussagen eher allgemein und profan.

Auch das Ende fand ich persönlich eher unpassend, und die Handlungen von Dr. Igor in Bezug auf Veronika wirklich indiskutabel (wer das Buch gelesen hat wird sich denken können was ich meine).

Ich habe von „Veronika beschließt zu sterben“ einfach mehr erwartet. Trotz allem werde ich, denke ich, auch noch andere Bücher von Paulo Coelho lesen, wenn sich Gelegenheit dazu findet.

bewertung 2 sterne

Veronika beschließt zu sterben von Paulo Coelho
Veronika Decide Morrer
223 Seiten (Broschiert)
Verlag: Diogenes
Erschienen: 2000
ISBN: 978-3257233056
8,90 €