[Rezension] Imogen Hermes Gowar: Die letzte Reise der Meerjungfrau

Ein Wunder, raunen die einen. Betrug, rufen die anderen. Für den Kaufmann Jonah Hancock zählt nur eines: Die Meerjungfrau, die sein Kapitän aus Übersee mitgebracht hat, versetzt ganz London in Staunen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Kunde in den Kaffeehäusern, Salons und Bordellen der Stadt. Jonah steigt in die obersten Kreise der Gesellschaft auf und verkauft seine Meerjungfrau schließlich für eine schwindelerregende Summe. Nur die Gunst der Edelkurtisane Angelica Neal bleibt unerschwinglich für ihn, denn als Beweis seiner Liebe fordert Angelica eine eigene Meerjungfrau. Jonah setzt alles daran, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Doch Wunder haben einen hohen Preis. (Inhaltsangabe: Bastei Lübbe)

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Imogen Hermes Gowar, die im Südosten von London lebt, studierte Archäologie, Anthropologie und Kunstgeschichte und arbeitete in diversen Museen. Die zahlreichen Ausstellungsstücke inspirierten sie zu fiktionalen Texten, die sie unter anderem auf ihrem Blog Whispering Trinkets veröffentlichte. Im Jahr 2013 erhielt sie ein Stipendium für Kreatives Schreiben an der Universität von East Anglia. Aus ihrer Dissertation entstand ihr Debütroman „Die letzte Reise der Meerjungfrau„, welcher 2018 seinen Weg in die Buchhandlungen fand.

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Der Kaufmann und die Kurtisane

Eine Meerjungfrau im gregorianischen London. So unglaublich wie es zu sein scheint, dem Kaufmann Jonah Hancock fällt eine solch fantastische Kreatur quasi direkt in den Schoß. Erstarrt im Todeskampf gibt dieses Meereslebewesen zwar kein schönes Bild ab, eröffnet Hancock aber die Chance auf Ruhm und Erfolg – für ihn, der seine Träume nach dem Tod von Frau und Kind begraben hat, eine völlig neue Welt.

Gowar beginnt ihre Geschichte in einem recht leisen, langsamen Ton, der den Charakteren die Möglichkeit einräumt, sich dem Leser zu präsentieren. Dies funktioniert bei Jonah Hancock und seiner Meerjungfrau bereits auf den ersten Seiten ziemlich erfolgreich, jedoch stiehlt ihm die weibliche Hauptperson schnell die Show – und nein, damit ist nicht die Meerjungfrau gemeint.

Angelica Neal, der Gowar eine ganz eigene Stimme verleiht, ist eine Prostituierte, die sich aus den Klauen der Bordellbesitzerin Bet Chappell befreit hat, um auf eigenen Beinen zu stehen. Naiv und schnell zu beeinflussen driftet Angelica von einer Situation in die nächste, ohne wirkliche Kontrolle über die Geschehnisse und damit auch über ihr Leben ausüben zu können. Das Schicksal führt sie mit Jonah Hancock und der Meerjungfrau zusammen und ab diesem Punkt nimmt die Geschichte an Fahrt auf.

Ein vom Ruhm überforderter Kaufmann, eine Prostituierte, die sich nach Sicherheit und Selbstständigkeit sehnt, und die Jagd nach einer lebendigen Meerjungfrau. Gowar beschreibt all dies mit einem unglaublichen dichten und schillernden Stil. Die Worte fließen dahin und malen ein komplexes Bild eines Londons voller geheimer Verlangen und Zauber, in dem so etwas wie eine Meerjungfrau ungewöhnlich, jedoch nicht unmöglich erscheint.

Melancholie und Fantasie im gregorianischen London

Obwohl Jonah Hancock der Mann der Stunde ist, haben die Frauen die eigentliche Macht und die eindringlichere Stimme in diesem Roman. Die Meerjungfrau und Angelica Neil sind beides Wesen der Fantasie, eine Konstruktion als Illusion und Magie – die eine als Kreatur aus Märchen und Sagen, die andere spinnt eine Aura von Magie um sich, erschafft ein Kunstbild, welches nach außen gerichtet wirken soll. Und beide sind gefangen. Ob der Käfig dabei sichtbar ist oder nicht, tut in diesem Falle nichts zur Sache. Die Meerjungfrau und Angelica sind in ihrer Situation gefangen, ohne Ausweg, abhängig von den Männern, die letztendlich das Sagen haben.

Die Charaktere sind gut konstruiert, allerdings sprang der Funke bei mir persönlich nicht komplett über. Inmitten der wundervollen Formulierungen und Beschreibungen, der Magie und der Leidenschaft, habe ich immer wieder den Faden verloren. Vielleicht weil mich der Stil von der eigentlichen Handlung abgelenkt hat. Oft empfang ich Formulierungen und Ausführungen als zu viel und obwohl sich diese Textstellen wundervoll anhören, tragen sie wenig zum Verlauf der Geschichte bei und machen das Werk länger – und langatmiger – als es sein müsste.

Die letzte Reise der Meerjungfrau“ ist trotz allem ein Fest für die Sinne. Melancholisch, poetisch, voller gut platziertem Humor und Kritik an der damaligen Gesellschaft. Ein gewagtes Debüt, welches mit seiner hohen Seitenzahl den einen oder anderen abschrecken könnte. Dem Roman eine Chance zu geben lohnt sich aber und ich bin überzeugt, dass der Roman von Imogen Hermes Gowar seine Liebhaber finden wird.

Cover: Bastei Lübbe

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Die letzte Reise der Meerjungfrau von Imogen Hermes Gowar
The Mermaid and Mrs Hancock
555 Seiten (Hardcover)
Übersetzung: Angela Koonen
Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: März 2018
ISBN: 978-3-431-04082-1

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Netgalley und dem Verlag Bastei Lübbe für das zur Verfügung gestellte elektronische Leseexemplar.

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