[Rezension] Emma Cline: The Girls | 5 Gründe

Es sind die späten, radikalen 60er, im Norden Kaliforniens. Evie Boyd ist vierzehn und möchte unbedingt gesehen werden – aber weder die frisch geschiedenen Eltern noch ihre einzige Freundin beachten sie. An einem der endlosen Sommertage begegnet sie ihnen: den »Girls«. Das Haar lang und unfrisiert, die Kleider ausgefranst, das Lachen laut und frei. Es dauert nicht lang, und Evie ist im Bann der aufregenden Suzanne – und einer Clique, die, einem charismatischen Irren hörig, bald unter grausamen Umständen berühmt werden wird. Ein Strudel von unfassbarer Gewalt rückt näher, an einen Augenblick, in dem alles für immer schiefgehen kann im Leben eines Mädchens. (Inhaltsangabe: dtv Verlag)

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Emma Cline, Jahrgang 1989, wuchs mit mehreren Geschwistern in Nordkalifornien auf. Nach ihrem Master of Fine Arts an der Columbia University schreibt sie inzwischen für den New Yorker und O., das Magazin von Oprah Winfrey. „The Girls“ ist ihr Romandebüt und fand im Jahr 2016 seinen Weg auf den englisch- und deutschsprachigen Buchmarkt. Bereits 2014 wurde ihre Kurzgeschichte „Marion“ mit dem Plimpton Prize for Fiction der Paris Review ausgezeichnet.

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Meine 5 Gründe, warum ihr „The Girls“ von Emma Cline lesen solltet

Cover: dtv Verlag

(1) Es ist keine typische True Crime Story

Von der Manson Family oder zumindest Charles Manson hat fast jeder schon einmal gehört, schließlich werden in vielen Filmen und Serien (unter anderem auch Supernatural und American Horror Story) immer wieder Bezüge zu der Sekte und ihrem Anführer hergestellt. Von der Außenwelt eher als Hippie-Kommune gesehen war die Manson Family eine Gruppierung junger Frauen und Männer, die sich Charles Manson unter anderem durch Drogenkonsum, sexuelle Gewalt und sein Charisma gefügig und hörig gemacht hat. Die Gruppe zeichnete sich Ende der 60er Jahre unter anderem verantwortlich für die Morde an der Schauspielerin Sharon Tate und Supermarktkettenbesitzer Leno LaBianca.

Dies schwebt natürlich in jeder Szene im Hinterkopf herum, schließlich kann man die Faszination kaum leugnen, die die Dynamik hinter einer solchen Tat auslöst. Cline aber findet einen anderen Weg. Im Zentrum ihrer Geschichte steht der psychologische Aspekt, die Manipulation, die täglichen Hürden und Grausamkeiten, die das Leben der Mädchen bestimmen und sie für die Reden des unglaublich charismatischen Russell überhaupt erst öffnen. „The Girls“ weist sehr viel mehr Tiefe auf, als man zunächst erwartet.

(2) Weibliche Charaktere stehen im Mittelpunkt

Cline legt ungemein viel Wert darauf, das Miteinander der Protagonistinnen im Buch darzustellen. Auf Evie üben die jungen Frauen in der Kommune eine unglaubliche Faszination aus. Sie sind wie von einer anderen Welt, ziehen sich nicht auffällig an um den Männern zu gefallen und Aufmerksamkeit zu erlangen, im Gegenteil.

No one had ever looked at me before Suzanne, not really, so she had become my definition.

Für Evie sind Suzanne und ihre Gefährtinnen ein Ausweg, ein Lichtblick, etwas Neues und Aufregendes. Freigeister, die Evie in ihren Bann ziehen. Und so folgt Evie den Wünschen von Suzanne, weil sie ihre Anerkennung sucht. Cline stellt diesen Aspekt mit einem ungemeinen Feingefühl dar und gibt ihren Charakteren ein enormes Maß an Tiefe.

(3) Rollendenken und gesellschaftlicher Zwang

Evie wächst in einer damals gut situierten Familie auf, doch sieht sich gefangen im damaligen Rollenbild, in den Zwängen die eine von Männern kontrollierte Gesellschaft ihr auferlegt. Die erhoffte Liebe und Anerkennung findet sie in der Kommune, bei Suzanne und Russell.

The way Suzanne’s face looked as she watched him – I wanted to be with her. I thought that loving someone acted as a kind of protective measure, like they’d understand the scale and intensity of your feelings and act accordingly. That seemed fair to me, as if fairness were a measure the universe cared anything about.

Geprägt wird Evies Denken von der Situation im eigenen Elternhaus. Die Mutter ist eine Heimchen am Herd Figur, die stillschweigend die Ausschweifungen ihres Ehemannes erduldet. Denn ohne einen Ehemann scheint Frau keinen Wert zu besitzen. Aussehen und Benehmen stehen ständig unter Beobachtung; es wird beurteilt und verurteilt. Dass Evie sich selbst in ein ähnliches Abhängigkeitsverhältnis manövriert als sie der Kommune beitritt, ist ihr zunächst gar nicht klar, wird dem Leser aber umso deutlicher, je mehr die Geschichte fortschreitet.

(4) Motive des Romans immer noch aktuell

Die Rolle der Frau in der Gesellschaft ist immer wieder Thema, heute genau so wie in den 60er Jahren. Das Rollendenken und die Normen, die bestimmten Geschlechtern angedichtet werden, zwingen junge Menschen auch heute immer wieder dazu, Auswege zu suchen. Ausbrechen und frei sein. Das sein, was man will. So leben, wie man will, ohne ständig unter Beurteilung und Beobachtung zu stehen.

You wanted things and you couldn’t help it, because there was only your life, only yourself to wake up with, and how could you ever tell yourself what you wanted was wrong?

Im Buch nutzt Russell das Verlangen der Mädchen nach Anerkennung, nach Liebe und einem Selbstwertgefühl aus, um sie für seine Ansichten zu öffnen. Positiv ist hier vor allem aber die Figur von Tamar, der neuen Frau an der Seite von Evies Vater, hervorzuheben, die aus den gesellschaftlichen Zwängen auf ihre Weise ausbricht und somit als Vorbild und Lichtblick agiert. Mit wachsender Erfahrung ist ein Ausweg möglich. Es ist nicht alles verloren.

(5) Schreib- und Erzählstil

Der Schreibstil von Emma Cline ist eine Klasse für sich. Sie erzählt ihre Geschichte mit einer unglaublichen Liebe zum Detail, hebt oft Kleinigkeiten hervor um bestimmte Stimmungen besser zu untermalen und in Szene zu setzen. Oftmals wirkt dies schon fast überladen, als zu viel, und ist dann doch wieder stimmig und passend. Letztendlich muss sich der Leser auf dieses Buch einlassen. Die Wirkung entfaltet sich – so war es zumindest bei mir – erst eine Weile nach dem Lesen.


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The Girls von Emma Cline
355 Seiten
Verlag: Random House
Erschienen: Juni 2016
ISBN: 978-0812998603

Deutsche Ausgabe: The Girls
352 Seiten (Paperback)
Übersetzung: Nikolaus Stingl
Verlag: dtv Verlag
ISBN: 978-3-423-14620-3

7 Gedanken zu “[Rezension] Emma Cline: The Girls | 5 Gründe

  1. Hallo Katja!
    Das Buch hat damals auch einen sehr großen Eindruck auf mich gemacht – und tut es noch immer! Es ist eins der Bücher, an die ich mich wohl immer erinnern werde. Ich war völlig gefangen in der gesamten Atmosphäre, die dieses Buch ausgestrahlt hat, nicht zuletzt wegen des wie du so schön sagst fast schon überladenen Sprachstils. Tolle 5 Gründe, ich hoffe, dass das Buch wieder einige mehr hervorzaubern werden.

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    1. Ich hoffe auch, dass noch mehr Leser zu dem Buch greifen werden, auch wenn es schon ein wenig älter ist und nicht mehr ganz taufrisch. Die Atmosphäre hat mich auch wirklich umgehauen und bei mir gehört The Girls auch zu den Büchern, an die ich mich immer wieder zurückerinnern werde.

      1. Bücher haben ja glücklicherweise kein Verfallsdatum, ich find es gut, dass nicht immer nur die allerneuesten Bücher Gehör bekommen :)

  2. Deine „5-Gründe“-Vorstellung finde ich wirklich gelungen! :)
    Ich fand das Buch damals auch unfassbar gut. Die Stimmung, die bedrückende Atmosphäre die beschrieben wird, dieser Kreis aus dem die Protagonistin schwer ausbrechen kann. Vielen war der Fokus auf den Manson-Clan selbst zu klein, was ich nicht vestehen konnte. Ich finde genau dieser nicht überladene Einsatz von Ereignissen, die man so aus den Nachrichten kennt, perfekt. Man spürt diese Macht des Anführers und ein gewisses Entsetzen, aber Cline verlässt sich nicht auf eine Geschichte, die nur durch „sensationsgeile“ Fakten aus den Medien gestützt wird.

    Liebe Grüße
    Karin

    1. Vielen lieben Dank!
      Und ich stimme dir zu. Cline schafft unglaublich viel Atmosphäre, vor allem auch weil sie eben nicht nur Fakten nacherzählt, sondern ihre eigene Geschichte um die Vorlage des Manson-Clans herum baut.

  3. Huhu, auch eine feine Idee eine Buchempfehlung anhand unterschiedlicher Oberbegriffe (Gründe) zu schreiben! Gefällt mir so gut, das ich deine Rezension mal frecherweise unter meiner verlinkt habe ;)

    Mir gefallen deine Gründe und die Art wie du sie umschrieben hast! Ich bin ja Crime-Leserin druch und durch, aber dennoch gefiel mir diese Geschichte sehr gut – eine Erzählung der Manons mal ganz anders. Ich hoffe auf weitere Bücher der Autorin!

    Liebe Grüße,
    Janna

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