[Rezension] Maryam Madjidi: Du springst, ich falle | 5 Gründe |

In diesem autobiographischen Debüt erzählt Maryam Madjidi von ihrer Kindheit im Iran, vom Kampf der Eltern für den Kommunismus und davon, wie sie ihr Spielzeug an die Kinder im Viertel verschenken musste. Heimlich vergrub sie die Lieblingssachen im Garten und steckte sie später in den Koffer für Frankreich. Hier sollte das neue Leben anfangen – ohne Kampf, ohne Gefängnis. Aber die kleine Maryam fühlt sich fremd, weil alles fehlt: die eigene Sprache, echte Freunde, die geliebte Großmutter. In Paris sind die Hände des Vaters plötzlich nutzlos, die Augen der Mutter müde. Als junge Frau fährt Maryam nach Teheran zurück, verliebt sich und bricht mit allem. (Inhaltsangabe: Aufbau Verlag)

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Maryam Madjidi wurde 1980 in Teheran, Iran, geboren und verließ zusammen mit ihren Eltern im Alter von sechs Jahren ihr Heimatland, um nach Frankreich ins Exil zu gehen. Heute unterrichtet sie in Paris Flüchtlinge in Französisch und schreibt. „Du springst, ich falle“ ist ihr Debütroman, mit dem sie in Frankreich unter anderem den Prix Goncourt du premier Roman 2017 erhielt.

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Meine 5 Gründe, die für „Du springst, ich falle“ von Maryam Madjidi sprechen

(1) „Du springst, ich falle“ ist ein autobiographischer Roman!

Dass Maryam Madjidi zum Teil ihre eigene Geschichte in ihrem Romandebüt verarbeitet, ist von Anfang an bekannt. Was jedoch im Dunkeln bleibt ist das eigentliche Ausmaß. Wie viel ist Wahrheit? Wo beginnt die Fiktion? Was machen die Erinnerungen eines Kindes aus Tatsachen? Was geschieht mit dem Wahrheitsgehalt von Erzählungen, die von Mund zu Mund weitergereicht werden?

Die boshaften Göttinnen Angst, Tod und Folter kommen in den Raum gerauscht, erfüllen ihn mit ihrem dumpfen Lärm, kreisen sirrend über ihren Köpfen.
Maryam Madjidi: Du springst, ich falle

All diese Fragen kreisen beim Lesen im Hinterkopf herum und machen den Roman zu einem ganz besonderen Erlebnis, kann man sich doch nie ganz sicher sein. Letztendlich sind es, so glaube ich vor allem, die Details, die vielleicht nicht ganz stimmen. Oder doch? Die Geschichte von Maryam zu entdecken ist auf jeden Fall ein wahrer Genuss!

(2) Die Themen regen zum Nachdenken an!

Cover: Blumenbar

Geheime Rebellenbotschaften, die in den Windeln eines Kleinkindes transportiert werden. Ein Kind der Partei, das ist Maryam. Eine ganz andere Auslegung des Kommunismus, dem ihre Eltern so viel abgewinnen können und wegen dem sie später, kurz vor der Flucht nach Frankreich, ihr gesamtes Spielzeug verschenken muss. Privateigentum als solches existiert nicht. Warum sollte man dann nicht die Sicherheit, die ein Kleinkind bietet, auch mit den Genossen teilen?

Allgemein sind die Themen, die Madjidi in ihrem Debüt aufgreift, mehr als aktuell. Flucht, Integrationsschwierigkeiten, die Vereinbarkeit von angeborener Kultur und der neuen Heimat, Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche, das Gefühl von Heimat, der Drang, hinzuzugehören, aber wahrscheinlich nie ganz – in Maryams Fall – Französin oder Iranerin sein. All das macht „Du springst, ich falle“ so wichtig.

(3) Der Schreibstil und die Atmosphäre!

Madjidi driftet von der aufmerksamen Beobachterin, die Gesehenes in nachhallende Beschreibungen verwandelt, zur metaphorisch-melancholischen Erzählerin. Ein Seiltanz, der mal mehr, mal weniger gut gelingt. Vor allem ihre Beobachtungen sind großartig beschrieben und geben die Atmosphäre der einzelnen Situationen und Geschehnisse auf eindrucksvolle Weise wider. Seien es die Narben auf dem Körper ihres Geliebten, denen sie individuelle Geschichten zuteilt, oder die Brutalität der Angriffe auf Rebellen, Bildungseinrichtungen, Frauen. Ein Wechselbad der Gefühle, von beklemmend über erschreckend bis hin zu einfühlsam und weich. Zwar manchmal etwas übertrieben und zu gewollt, aber nichtsdestotrotz beeindruckend.

(4) Perspektivwechsel!

Ebenso beeindruckend wie Madjidis Talent Gesehenes zu beschreiben sind die Perspektivwechsel, die die Autorin in ihren Roman einbaut, um die Intensität noch zu untermauern. Einmal schreibt sie aus der Sicht des ungeborenen Kindes im Bauch der Mutter, schafft damit eine Distanz zwischen der Brutalität, mit der – in diesem speziellen Fall – gegen Frauen vorgegangen wird und dem Leser, fungiert als Beobachter, unfähig zu handeln. Dann wieder schlüpft sie mitten hinein in die Handlung, der Ton wechselt von Distanz und „Du“ zum „Ich“ – Maryam kann im Buch endlich selbst zur Tat schreiten, einen Teil ihres Schicksals in die Hand nehmen, soweit ihr das denn möglich ist.

Sie springt und ich falle. Du hängst in der Luft und ich bin es, die fällt. […] Engel ohne Flügel, meine unzurechnungsfähige Irre, meine sanfte Mörderin. […] Du fällst, und für eine Sekunde sterbe ich in deinem Bauch, der zum Grab geworden ist.
Maryam Madjidi: Du springst, ich falle

(5) Die Neugier wird geweckt!

Ich muss gestehen, dass ich mich selbst mit der Geschichte des Irans wenig beschäftigt habe. Natürlich, man kennt die wesentlichen Sachverhalte aus den Nachrichten der letzten Jahre und Jahrzehnte, schließlich kriselt es oft genug in dieser Region der Welt. Von den Vorurteilen gegen den dortigen Glauben einmal ganz abgesehen, denn dieser ist vor allem in den letzten Jahren in aller Munde, wird auseinander genommen und zerpflückt.

Dieses Land mordet seine besten Kinder hin.
Maryam Madjidi: Du springst, ich falle

Iran. Islam. Dort wo die Frauen unterdrückt werden, keine eigene Meinung haben dürfen, keine Rechte. Ist das wirklich so? Gibt es Unterschiede zwischen den Alten und Jungen? „Du springst, ich falle“ gibt in einigen Bruchteilen bereits einen Einblick in den modernen Iran, mit geheimen Codes, Treffpunkten, verhüllten Geheimnissen.

Eine Art Fazit

Du springst, ich falle“ ist ein gelungenes Debüt, das auf einfühlsam-beklemmende Weise aktuelle Brennpunkte in einen autobiographischen Roman einfließen lässt der zeigt, dass uns bestimmte Themen und Situationen immer wieder begegnen werden. Ein Ignorieren der Lage wird nicht funktionieren. Und während uns Madjidi auf der einen Seite den Spiegel vorhält, macht sie Lust auf ihr Geburtsland, auf dessen Geschichte und seine Menschen.


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Du springst, ich falle von Maryam Madjidi
Marx et la Poupée
224 Seiten (Hardcover)
Übersetzung: Julia Schoch
Verlag: Blumenbar / Aufbau
Erschienen: Mai 2018
ISBN: 978-3-351-05050-4

Ich bedanke mich beim Aufbau Verlag und Netgalley.de für das digitale Leseexemplar.

Ein Gedanke zu “[Rezension] Maryam Madjidi: Du springst, ich falle | 5 Gründe |

  1. Liebe Katja,

    Das klingt sehr spannend und vor allem nicht mehr so trocken, wie es mir anfänglich nach dem Klappentext schien.
    Wenn ich mal in der Stimmung bin für etwas schwerere Kost, dann ist das gerade auf jeden Fall in die nähere Auswahl gerückt.
    Vielen Dank für deine Rezension :)

    Alles Liebe,
    Ella

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