[Rezension] Melissa Broder: Fische

Im Grunde wollte Lucy ihren Freund Jamie nie heiraten oder Kinder mit ihm, doch dann versetzt sie ihre dramatische Trennung unerwartet in eine emotionale Totalkrise. Mit achtunddreißig Jahren steht sie vor dem Abgrund: Sie dröhnt sich zu, sucht Hellseherinnen auf und droht schlichtweg zu verzweifeln. Rettung scheint in greifbarer Nähe, als sie Phoenix verlässt und in Venice Beach das Haus ihrer Schwester samt Hund hütet. Doch weder der Besuch der hiesigen Liebes- und Sextherapiegruppe für beziehungsgestörte Frauen noch Tinder-Abenteuer können Lucy aus ihrem Wahn befreien. Alles ändert sich, als Lucy sich eines Abends am Strand in den wunderschönen Schwimmer Theo verliebt. Da erscheinen auch die Leerstellen in Sapphos Werk, über das sie seit neun Jahren versucht eine Dissertation zu verfassen, in einem ganz neuen Licht. Doch als Lucy die Wahrheit über Theos Identität erfährt, muss sie sich einige Fragen noch einmal stellen: Was bedeutet es zu lieben? Wie weit können wir gehen, um ewige Liebe zu erfahren und wann geben wir uns selbst auf? (Inhaltsangabe: Ullstein Buchverlage)

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Die amerikanische Autorin und Poetin Melissa Broder ist wohl vor allem aufgrund ihres Twitter-Accounts So Sad Today bekannt. Im Jahre 2016 erschien ihr Essay- / Memoir-Band, welcher den Namen des erfolgreichen Social-Media-Accounts als Titel aufgriff und zum Teil auf ihm basiert. Broder schreibt für die amerikanische „Elle“,tritt als Stammautorin in Lena Dunhams „Lenny Letter“ auf und hat aktuell vier Gedichtbände veröffentlicht. „Fische“ ist ihr Romandebüt.

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Wie viel Schmerz kann man ertragen, bis die Hoffnung verschwindet?

Wer den Twitter-Account von Melissa Broder oder ihre Essay-Sammlung „So Sad Today“ kennt, der ist vielleicht schon ein wenig vorgewarnt in Bezug auf ihr Romandebüt. Was dem geneigten Leser hier geboten wird, ist ein Drahtseilakt zwischen großartigen, tiefsinnigen und philosophisch angehauchten Beobachtungen und Analysen, und der schonungslos ehrlichen Realität, die das eine oder andere Mal an die Grenzen des erträglichen geht – und darüber hinaus.

Lucy, Erzählerin und Antiheldin von „Fische„, könnte unsympathischer und komplizierter nicht sein. Sie erscheint wie ein humanoides schwarzes Loch, welches den Leser und sein Umfeld mit der erdrückenden Kraft ihrer emotionalen Bedürfnisse zu verschlingen droht. Ihre Beziehung erscheint ihr langweilig und ermüdend, doch kaum hat sie eine Trennung quasi provoziert, verzehrt sie sich nach ihrem Ex-Freund wie nach einer Droge. Alles außer die Anerkennung durch ihn erscheint bedeutungslos. Lucy selbst ist ein Nichts ohne ihn.

Mein dringendstes Anliegen war es, die Leere zu füllen, denn ich fürchtete ständig, sie könnte mich umbringen. An anderen Tagen sehnte ich mich nach totaler Auslöschung, nach einem schmerzlosen, stillen Verschwinden.
(Melissa Broder: Fische)

Das Nichts und die Leere selbst sind ein zentrales Thema, nicht nur von Lucys Arbeit über die Dichterin Sappho, in der sie den Leerstellen in Sapphos dichterischem Werk eine ganz besondere Bedeutung beimisst, sondern auch in Lucys eigenem Leben. Lucy verzehrt sich nach einer wahren, großen Liebe, episch und bedeutend wie die Liebe, von der im antiken Griechenland gesungen wurde – alles verschlingend und erfüllend. Doch die Liebe in der heutigen Zeit funktioniert anders. Die Romantisierung von Natur und ihren Gewalten wird abgelöst von der Distanz und der Liebe als Konsumgut. Partnervermittlung, Dating-Apps. Liebe ist Verkaufsschlager. Aus Alt mach Neu. Passt ein Partner nicht, wartet hinter ein paar Klicks bereits eine Alternative.

Lucy als Person ist nicht in der Lage, etwas zu tun, ohne dieser Tat ihre ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Im Verlauf der Geschichte vernachlässigt sie ihre Pflichten, ohne sich mit den Folgen auseinander zu setzen. Schlägt der Worst Case zu, ist die Verzweiflung groß und stößt Lucy immer tiefer in den Strudel aus Selbstzweifeln und Bedeutungslosigkeit. Lucy lügt gegenüber ihrer Schwester und ihrer Selbsthilfegruppe, gibt nur einen Teil ihrer Gedanken und Gefühle preis. Einzig und allein der Leser sieht das gesamte Ausmaß – und das drohende Unheil.

„Du bist tödlich, aber auf eine sanfte Weise…“

Zwar möchte man meinen, in „Fische“ geht es in erster Linie um eine romantische Beziehung zwischen Frau und Meermann, doch Theo – der Schwimmer, der sich im späteren Verlauf als Flossenträger entpuppt – fungiert eher als künstlerisches Mittel, um Lucys Obsession zu unterstreichen. Theo ist mythologische Figur, ein unnatürliches „Monster“ welches sich nach Liebe sehnt. Hilflos, da von Lucy und ihrer Verschwiegenheit abhängig, und von Schamgefühlen und Selbstzweifeln überladen, ist Theo das mythische Spiegelbild der weiblichen Hauptperson – und genau so gefährlich für sein Umfeld wie Lucy es letztendlich ist.

Theo und ich, wir waren zwei Seiten derselben Münze. Dann dachte ich an das Symbol der beiden Fische des Wasser-Sternzeichens, die durch eine Schnur verbunden waren, [..].
(Melissa Broder: Fische)

Broder greift in ihrem Debütroman viele Themen auf, spricht diese direkt mit kalten, harten, gnadenlosen Beobachtungen an, oder lässt den Leser selbst hinter die Bedeutung von kleinen, fast schon bedeutungslos erscheinenden Details kommen. Lucys Co-Abhängigkeit, als würde einzig und allein die Aufmerksamkeit, die ihr durch Männer zuteil wird, sie zu einem vollwertigen menschlichen Wesen machen. Das Verlangen nach Liebe. Geltungsdrang. Der sinnlose Konsum. Das, was wir als Frauen unseren Körpern antun, um einem von der Außenwelt suggerierten Schönheitsideal gerecht zu werden, statt einfach nur das zu tun – und für uns zu tun – womit wir uns wohl fühlen. Die schönen, erfüllenden und dann die weniger schönen sexuellen Abenteuer.

Wer hatte eigentlich gesagt, das Leben sollte genossen und nicht erduldet werden? Was, wenn zu leiden der Sinn des Lebens war? Aber ich wollte nicht mehr leiden. Ich konnte nicht mehr, das wurde mir immer klarer. Ich würde versuchen, glücklich zu sein, selbst wenn mir das noch mehr Schmerzen einbrachte.
(Melissa Broder: Fische)

Ja, „Fische“ ist anders. Es ist kein leicht verdauliches Buch und hält sich nicht zurück. Wie ein gnadenloses Feuerwerk prasselt Lucys Geschichte auf den Leser ein, mit allen Facetten, einige davon federleicht und schön, doch die meisten so grausam ehrlich, dass es fast schon weh tut. Lucy ist kein liebenswerter Charakter, im Gegenteil. Sie trifft furchtbare Entscheidungen, ist ein Unfall auf zwei Beinen, der von einem Desaster ins nächste taumelt. Und doch ist sie so unglaublich menschlich. Sie ist wir, in dem einen oder anderen Fall. Melissa Broders Talent, uns auf diese Art einen Spiegel vorzuhalten, macht dieses Buch so lesenswert.

Fische von Melissa Broder
The Pisces
352 Seiten (Hardcover)
Übersetzung: Eva Bonné
Verlag: Ullstein
Erschienen: Mai 2018
ISBN: 9783550050299

Mein Dank geht an die Ullstein Buchverlage und Netgalley.de für das digitale Leseexemplar.

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