Zwischen den Seiten: Bücher und Anderes

[Rezension] Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie (Das Debüt 2017)

Advertisements

Boston, 1910. Der elfjährige William James Sidis wird von der amerikanischen Presse als »Wunderjunge von Harvard« gefeiert. Sein Vater Boris, ein bekannter Psychologe mit dem brennenden Ehrgeiz, die Welt durch Bildung zu verbessern, triumphiert. Er hat William von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Durch Anwendung der Sidis-Methode könnten alle Kinder die gleichen Fähigkeiten entwickeln wie sein Sohn, behauptet er. Doch als William erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und seiner Vergangenheit. Er weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Ver­fügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird. Stattdessen versucht er, sein Leben nach eigenen Vorstel­lungen zu gestalten – mit aller Konsequenz. (Inhaltsangabe: Diogenes Verlag)

~oOo~

Der promovierte Kulturwissenschaftler Klaus Cäsar Zehrer wurde 1969 in Schwabach geboren und lebt als freier Autor, Herausgeber und Übersetzer in Berlin. Er veröffentlichte unter anderem die Anthologie „Hell und Schnell“ zusammen mit Robert Gernhardt, welche als Standardwerk der komischen Lyrik gilt. „Das Genie“ ist sein erster Roman, für den er mehrere Jahre Recherchearbeit geleistet hat.

~oOo~

Ein Experiment in Namen der Wissenschaft – am eigenen Kind

Dem Namen Sidis bin ich selbst vor ein paar Jahren bei einer Recherche für eine Projektarbeit über William James (seines Zeichens Professor für Psychologie und Philosophie und Begründer der Psychologie in den USA) gestolpert. James selbst unterstützte den in der heutigen Ukraine geborenen Boris Sidis bei seinen Forschungsprojekten. Genau diesem Mann folgt Zehrer in den ersten Kapiteln seines Buches „Das Genie„. Boris Sidis psychologisches Interesse gelten vor allem der Hypnose – und der Erziehung seines ersten Kindes, William James Sidis, zum Genie. Denn jeder Mensch könne ein Genie werden, wenn man denn früh genug mit der entsprechenden Erziehung und Lernmethodik beginnt. Der Exzentriker, selbst hochintelligent, wird unterstützt von seiner Frau Sarah, die im Gegensatz zu Boris die Realität nie so ganz aus den Augen verliert und ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen, und manchmal auch in die richtige Richtung zwingt.

Die jahrelange Recherche – und meine Vorliebe für diverse psychologische und wissenschaftliche Theorien – machen schon die ersten Seiten über die Anfänge von Boris Sidis akademischer Laufbahn und seinen Forschungen ungemein interessant, aber die Person Boris nicht unbedingt sympathischer. Bei einem Roman, der so nah an den Quellen angesiedelt ist, dass es sich schon fast um eine Biographie handeln könnte, ist Sympathie für die auftretenden Charaktere aber auch eher Nebensache.

“ Wenn gezielt versucht wird, den Charakter und Willen eines Menschen zu brechen, nur damit er die Erwartungen der Außenwelt erfüllt, wenn er systematisch verbogen werden soll zu einem Wesen, das seinem innersten Selbst entfremdet ist, dann ist das Folter auf psychischer Ebene.“
Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie, Seite 455

William James Sidis wird von seinen Eltern von Anfang an gefordert. Und die Sidis-Methode scheint Früchte zu tragen. Mit knapp zwei Jahren kann William James – kurz Billy – bereits aus der Tageszeitung vorlesen. Im Alter von fünf Jahren sprach er bereits mehrere Sprachen; Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch wurden ihm von Geburt an jeden Tag eingetrichtert. Dem hochintelligenten Kind – dem später ein IQ von fast 300 zugeschrieben wurde – fällt es leicht, sich Fakten und Gelesenes zu merken. Die sieben Jahre Grundschule schließt William James Sidis innerhalb von nicht einmal einem Jahr ab, schreibt vier Bücher und erfindet eine eigene Sprache, bis er mit acht Jahren auf die High School kommt, und diese ebenfalls in kürzester Zeit abschließt. Er besteht die Zulassungsprüfung für Harvard, ist dort einer der jüngsten Studenten, und hält dort sogar einen Vortrag über die vierte Dimension vor angesehenen Wissenschaftlern.

Die traurige Geschichte eines hochintelligenten Wunderkinds

Für die Medien ist William James Sidis ein gefundenes Fressen. Das Wunderkind zieht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Für die Eltern ist dies die Gelegenheit, den Erfolg ihrer Erziehungsmethode zu veranschaulichen. Für William dagegen die Hölle, und wohl einer der Hauptgründe für sein später sehr zurückgezogenes Leben, in dem er seinen Job wechselt, sobald ihn jemand erkennt.

Der Roman, voller historischer, philosophischer und mathematischer Fakten erweist sich als überraschend flüssiges und spannendes Buch. Das Leben von William James Sidis ist faszinierend und erschreckend zugleich, und obwohl man vielleicht die eine oder andere Tat oder Handlung seinerseits nicht gutheißt, so kann man doch immer wieder Verständnis für die Situation aufbringen. Sich hinein zu fühlen in sein Genie, das ist Zehrer auf großartige Weise gelungen.

Denn eigentlich ist die Geschichte von William James Sidis eher ein Trauerspiel. Gefeiert von den Medien und seinen Eltern für seine Intelligenz und sein Wissen, wird jedes noch so kleine Scheitern gestraft. Die Schattenseiten des Ruhms nagen an William, zwingen ihn zum Rückzug und zum Ausbruch. Fort aus dem Muster, welches ihm seine Eltern aufdrücken wollen. Fort davon, das Aushängeschild und die Bestätigung für den Erfolg einer wissenschaftlichen Methode zu sein. Denn die Sidis-Methode ist keinesfalls perfekt und fehlerlos. Obwohl William mit hoher Intelligenz gesegnet und wohl tatsächlich ein Genie ist, fehlt ihm der Bezug zum Kind sein. Fantasiespiele sind im fremd, Bäume und Pflanzen kann er benennen und beschreiben, doch in freier Natur nicht erkennen. Motorische Fertigkeiten, wie zum Beispiel das Werfen eines Balls während des Einschulungstests, fallen ihm schwer. Auch zeigt William oftmals Züge, die heute vor allem den Autisten zugeordnet werden, was gerade bei seinem Grad an Hochbegabung nicht verwunderlich ist.

All diese Leute, dachte William, waren normal, ohne dass es sie Anstrengung kostete. Die Normalität fiel ihnen so leicht wie ihre Muttersprache. Seine Muttersprache war die Außergewöhnlichkeit. Das war der Fluch seines Lebens: Es gab niemanden, mit dem er sich in seiner Sprache unterhalten konnte.
Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie, Seite 482

Das Genie“ von Klaus Cäsar Zehrer ist nicht für jeden Leser etwas. Wer mit historischen Fakten und biographisch angelegten Romanen nicht viel anfangen kann, der wird Zehrers Roman als trocken und langweilig auffassen, und sich wenig für den Detailreichtum und all den gut recherchierten Stoff begeistern. Wer aber offen ist für Romane dieser Art, der hält mit „Das Genie“ einen Schatz in der Hand, der einen von der ersten bis zur letzten Seite gefangen nimmt. Zehrers Erzählstil, trotz der schwere der Geschichte leicht und fließend, verleiht dem Roman seinen ganz eigenen Sog und Zauber. Die Faszination und Begeisterung, die dieses so vielschichtige Buch bei mir ausgelöst hat, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Doch es wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Ein Highlight.

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer
656 Seiten (Hardcover)
Verlag: Diogenes
Erschienen: August 2017
ISBN: 978-3-257-06998-3

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Das Debüt und beim Diogenes Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte elektronische Leseexemplar.

Advertisements

Advertisements