[Rezension] Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens

Die siebzehnjährige Victoria hat eine Affäre mit ihrem Musiklehrer. Ihre Freundinnen sehen sich durch dieses unerhörte Ereignis auf einen Schlag mit der Macht ihrer Weiblichkeit konfrontiert. Plötzlich stehen die Mädchen im Rampenlicht der Öffentlichkeit, in dem die kleinste Bewegung zu einer Darbietung wird und das noch den intimsten Ort in eine Bühne verwandelt. In der Theaterklasse kommt jemand auf die Idee, ein Stück über Victoria und den Musiklehrer zu inszenieren. Die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen geraten unerbittlich in Auflösung. Und schließlich kommt es zwischen Realität und Spiel zur Kollision. Die Anatomie des Erwachens erzählt vom sexuellen Erwachen und von der damit einhergehenden Entfesselung von Kräften, die schwer zu verstehen und noch schwerer zu bändigen sind. (Inhaltsangabe: btb)

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Eleanor Catton – Jahrgang 1985 – wurde in Kanada geboren, wuchs aber in Neuseeland auf. Sie studierte Englisch an der University of Canterbury und Kreatives Schreiben an der Victoria University of Wellington. Im Moment unterrichtet sie Kreatives Schreiben an der Manukau Institute of Technology. Ihr Debütroman „Die Anatomie des Erwachens“ (engl. The Rehearsal) fungierte als Masterarbeit und erschien 2008 auf dem englischen Buchmarkt. In Deutschland ist sie vor allem durch ihren 2013 erschienen Roman „Die Gestirne“ bekannt geworden, für den sie als jüngste Autorin aller Zeiten den Man-Booker-Preis erhielt.

Die Anatomie des Erwachens: Ein Roman über das Schauspiel des Erwachsenwerdens

Was Eleanor Catton hier mit gerade einmal Anfang zwanzig geschaffen hat, ist wahrlich bewundernswert. Im Fokus dieses Romans über das Erwachsenwerden stehen eine Reihe von Jugendlichen und ihre ersten Erfahrungen im Bereich Beziehung und – wie sollte es auch anders sein – Sexualität, die gleichzeitig aber auch erstickt und beeinflusst wird von den Vorstellungen, Ansichten und Leitlinien der Erwachsenen.

„Denn am Ende bricht alles zusammen. […] Für das Opfer, die Schülerin, die missbraucht wurde. Ringsum stürzt alles ein wie ein Kartenhaus.“
Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens, Seite 264

Im Fokus des Buches steht ein Skandal. Victoria, eine achtzehnjährige Schülerin, hat eine Affäre mit ihrem Musiklehrer. Sie wird von der Schule suspendiert, er verliert seinen Job. Der eigentliche Verlauf der Affäre bleibt hierbei im Dunkeln, verborgen hinter einer Reihe von anderen Geschichten und Perspektiven.

Entweder sie merkt, dass sie beobachtet wird; dann verändert sich unter der Beobachtung ihr Verhalten, bis das, was Sie sehen, nur noch eine Vorführung ist, die nichts mit der Realität zu tun hat. Und wenn sie nicht merkt, dass sie beobachtet wird, dann ist das, was Sie sehen, etwas Unvorbereitetes, nicht zur Vorführung Geeignetes, etwas Grobes und Unverfeinertes […].
Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens, Seite 191

Letztendlich aber fungiert der Skandal als Bindeglied zwischen zwei Handlungssträngen. Da wären die Saxophonlehrerin und ihr Studio, in dem sie ihre Schülerinnen nicht nur unterrichtet, sondern auch mit fast schon voyeuristischer Begeisterung beobachtet und seziert. Durch die Eltern der Schülerinnen als auch durch die jungen Mädchen selbst – eine davon Victorias Schwester Isolde – wird der Skandal in das Studio getragen, schwingt mit zwischen den Zeilen, vermischt sich mit den Geschichten der anderen Charaktere. Vorhang auf für den zweiten Haupthandlungsstrang: Eine Gruppe von Theaterstudenten nimmt die Affäre als Anlass, ein Stück zu inszenieren.

Ein Skandal lässt die Imagination zur Realität werden

Beweggründe, Verhaltensweisen und Charaktere werden zerlegt, auf körperlicher und emotionaler Ebene. Die Grenzen verschwimmen, Wahrheit und Fiktion vermischen sich. Keiner der Charaktere, die Catton zu Wort kommen lässt, weiß tatsächlich, was zwischen Victoria und dem Musiklehrer geschehen ist. Aus Fragmenten setzen sie sich ihre Version der Dinge zusammen, und auch der Leser selbst ist dazu verdammt, sich diesem Puzzlespiel zu stellen, bei dem Szenen langsam ineinander fallen wie ein Satz Spielkarten.

Es ist das Element der Gefahr, das jedes Glücksflattern in ihrer Brust in eine mächtige, pochende Furcht verwandeln wird. Das ist mein Trumpf: die Wucht ihres Gefühls, die gewaltige Freisetzung ihrer Beklemmung, wenn sie endlich kapituliert und reagiert,
Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens, Seite 248

Vergangenheit und Gegenwart überlappen, Imagination wird zu Realität, wenn sich die unterschiedlichen Perspektiven vermischen, und selbst die Ansichtsweisen der Erwachsenen, die in ihrer idealen Rollenwelt gefangen sind, in der sie selbst fehler- und tadellos daherkommen, unzuverlässig erscheinen.

Es gibt Menschen, die sehen nur die Rolle, die wir spielen, und es gibt Menschen, die sehen nur den Schauspieler dahinter. Und es ist etwas Seltenes und Merkwürdiges, wenn jemand die Fähigkeit besitzt, beides gleichzeitig zu sehen.
Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens, Seite 377

Catton testet mit „Die Anatomie des Erwachens“ die Grenzen des Erzählens, die Grenzen ihrer eigenen Fähigkeit als Schreiberin. Der Roman bietet bei aller Liebe keinen leichten Stoff, und gerade zu Beginn fühlt sich der Leser zwischen den einzelnen Fragmenten von Szenen und dem wechselnden Erzählstil, der den Ton der Teenager mit knallhartem Realismus und theatralischem Ausdruck vermischt, vor allem zu Beginn allein gelassen. Doch genau wie man den Charakteren Zeit lassen muss, ihre Ängste und ihr Verlangen zum Ausdruck zu bringen, muss sich der Leser selbst Zeit lassen, hinter die Kulissen zu schauen.

Die Anatomie des Erwachens ist genial und brutal ehrlich

In „Die Anatomie des Erwachens“ findet Eleanor Catton ihren ganz eigenen Ton, um eine Geschichte über das Erwachsenwerden zu erzählen. Mit einem Ohr für den Zauber der Sprache und der Macht des geschriebenen Wortes, dem Wissen um die Kraft der Musik und den Zauber des Theaters, hat Catton einen brutalen, ehrlichen und faszinierenden Roman geschaffen, der die eigene Selbstinszenierung und deren Wirkung nach außen untersucht, der wie die Jugendlichen in der Pubertät verschiedene Identitäten untersucht und fallen lässt. „Die Anatomie des Erwachens“ ist vielleicht nicht perfekt, doch was ist schon perfekt? Virtuos geschrieben ist Cattons Roman aber definitiv ein Werk, welches man lesen sollte.

Die Anatomie des Erwachens von Eleanor Catton
The Rehearsal
400 Seiten (Taschenbuch)
Übersetzung: Barbara Schaden
Verlag: btb
Erschienen: Juli 2016
ISBN: 978-3-442-74894-5

Ich bedanke mich ganz herzlich beim btb-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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