[Rezension] S. Jae-Jones: Wintersong

All her life, Liesl has heard tales of the beautiful, dangerous Goblin King. They’ve enraptured her mind, her spirit, and inspired her musical compositions. Now eighteen and helping to run her family’s inn, Liesl can’t help but feel that her musical dreams and childhood fantasies are slipping away. But when her own sister is taken by the Goblin King, Liesl has no choice but to journey to the Underground to save her. Drawn to the strange, captivating world she finds—and the mysterious man who rules it—she soon faces an impossible decision. And with time and the old laws working against her, Liesl must discover who she truly is before her fate is sealed. (Synopsis: Titan Books)

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S. Jae-Jones – auch JJ genannt – ist Künstlerin, Adrenalinjunkie und ehemalige Lektorin. Geboren in Los Angeles lebt sie nun in North Carolina. Sie ist eine der Mitveranstalterinnen für den Pub(lishing) Crawl Podcast, und rege in der Welt des Internets unterwegs, u.a. auf ihrem eigenen Blog, Twitter, Instagram und Facebook. „Wintersong“ ist ihr Romandebüt, und stieg auf Platz 3 der New York Times Bestsellerliste ein.

Der Hype um Wintersong – nur heiße Luft oder tolles Buch?

Bücher wie dieses, um die vor oder kurz nach dem Erscheinen ein riesiger Wirbel gemacht wird, werden oft mit Skepsis betrachtet. Ich selbst bilde da keine Ausnahme. Besonders wenn Vergleiche mit einem meiner liebsten Filme – Labyrinth mit David Bowie – gezogen werden. Doch „Wintersong“ ist keine Nacherzählung oder Neuinterpretation des Filmes, bei weitem nicht. „Wintersong“ erzählt seine ganz eigene Geschichte.

Of all my mortal emotions, hope was the worst.
(S. Jae-Jones: Wintersong Pos. 4160)

Ort der Handlung ist ein historisch angehauchtes Bayern – ein Fakt, der besonders für deutsche Leser amüsant und interessant ist, denn immer wieder streut Jae-Jones deutsche Wörter und Begriffe in ihre Sätze ein, um der Handlung noch einen Hauch von Realismus und Ästhetik zu verleihen.

Elisabeth, auch Liesl genannt, ist das älteste von drei Kindern, und hilft in der Gastwirtschaft ihrer Eltern. Ihre jüngere Schwester Käthe – viel hübscher und offener als Liesl, ist verlobt, weiß das aber nicht so recht zu schätzen. Ihr Bruder Josef ist das Wunderkind der Familie, dazu bestimmt ein großer Violinist zu werden. Auch Elisabeth hat Talent. Sie spielt Klavier, komponiert, bringt ihre Gefühle und Träume mit Melodien und Noten zu Papier. Doch ihr Vater würdigt ihr Talent nicht.

Neben Mythen und Legenden steht die Entwicklung von Elisabeth im Fokus

Als Person mag Elisabeth nicht unbedingt sofort sympathisch sein. So sehr sie ihre Geschwister liebt, ist so doch eifersüchtig. Auf die Chancen, die sie nie haben wird. Die Leichtigkeit, mit der Käthe durch die Welt zieht, das Talent und die Möglichkeit mit der Musik bekannt zu werden, so wie es Josef gegönnt ist. Ihr Verhalten wird von diesen Gefühlen bestimmt, die vielleicht nicht zu der Heldin eines Märchens passen, aber Liesl umso menschlicher machen. Gerade die nicht vorhandene Perfektion macht Liesl zu dem, was sie ist. Und macht letztendlich auch eine Geschichte wie „Wintersong“ möglich.

He was reality where everything else was a reflection.
(S. Jae-Jones: Wintersong Pos. 900)

Die Kinder der Familie sind aufgewachsen mit den Mythen und Erzählungen um den Goblin King – den Erlkönig – und immer wieder erinnert sich Liesl an ihre Kindheit und den Jungen der sie fragte, ob sie ihn heiraten will. Die Grenzen verschwimmen, der Schleier zwischen den Welten lichtet sich und so wie Liesl wird auch der Leser hineingezogen in die Unterwelt, in das Reich der Kobolde und ihres Königs.

Der Koboldkönig selbst – und hier zwingen sich die Vergleiche zu Labyrinth quasi auf – ist ein Mythos, eine Figur, die sich durch Volkssagen und Legenden zieht, immer da, immer präsent, manchmal im Dunkel verborgen, doch oft auch als Betrüger und Lügner agierend. Ein lebendes, atmendes Mysterium, welches selbst mit seinem Schicksal hadert, der höheren Macht, die ihm seinen Lebensweg aufzwingt. Denn selbst der Erlkönig ist nicht frei.

There is music in your soul. A wild and untamed sort of music that speaks to me. It defies all the rules and laws you humans set upon it. It grows from inside you, and I have a wish to set that music free.
(S. Jae-Jones: Wintersong Pos. 340-341)

Die Dynamik zwischen Elisabeth und dem Erlkönig zieht sich durch das gesamte Buch. Eine Freundschaft, zarte Gefühle, Vergessen, Verzweiflung, Tod. Geschickt bringt Jae-Jones hier die Musik als leitendes Motiv ein. Die Musik, die als Grund für das Zerwürfnis und die Spannungen zwischen Elisabeth und ihrer Familie fungiert, aber zugleich eine Verbindung zwischen Elisabeth und dem Erlkönig schafft, und das gesamte Arsenal an Gefühlen und Emotionen unterstreicht.

Wintersong: Musik als Bindeglied zwischen den Welten und den Charakteren

Manch ein Leser mag Romantik und Kitsch erwarten. Doch „Wintersong“ ist mehr. „Wintersong“ lässt Elisabeth wachsen, von dem unsicheren Mädchen voller Selbstzweifel, zu einer Frau, die sich nicht davor scheut ihre Wünsche in Worte zu fassen. Ja, Jae-Jones zieht Parallelen zu Labyrinth, aber auch andere Mythen und Märchen finden ihren Weg in die Geschichte. So erinnert die Reise von Liesl durch die Unterwelt und ihr Verbleiben dort an Hades und Persephone, ja, sogar an Orpheus und Eurydike. Auch Elemente von Die Schöne und das Biest oder auch Phantom der Oper finden sich immer wieder, und mischen sich zusammen mit dem lyrischen, wunderschönen und fast orchestralen Schreibstil von Jae-Jones zu einer ganz besonderen Geschichte.

Love kept the wheel of life turning. Love created bridges between worlds. If there was nothing else I had learned, I had learned that love was greater than the old laws.
(S. Jae-Jones: Wintersong Pos. 5173-5175)

In „Wintersong“ ist nichts wie es scheint, und so ist auch das Buch selbst nicht nur eine neue Variante einer alten Geschichte. „Wintersong“ ist ein Märchen, ein Musikstück, das den Leser gefangen nimmt, verzaubert und mitreißt. „Wintersong“ ist zart, gefühlvoll, hart und grausam. Ein Fest an Gefühlen und Stimmungen, für das man eine gewisse Grundeinstellung braucht, und für das ein direkter Vergleich mit Labyrinth meiner Meinung nach der falsche Weg ist. Für sich allein ist „Wintersong“ zauberhaft, und selbst das Ende wäre für mich persönlich so perfekt, auch wenn noch einige Mysterien genau das bleiben, was sie sind – geheimnisvoll und ungeklärt.

Wintersong von S. Jae-Jones
368 Seiten (Paperback)
Verlag: Titan Books
Erschienen: Februar 2017
ISBN: 9781785655449

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