[Rezension] Philipp Winkler: Hool

hool

Jeder Mensch hat zwei Familien. Die, in die er hineingeboren wird, und die, für die er sich entscheidet. HOOL ist die Geschichte von Heiko Kolbe und seinen Blutsbrüdern, den Hooligans. Philipp Winkler erzählt vom großen Herzen eines harten Jungen, von einem, der sich durchboxt, um das zu schützen, was ihm heilig ist: Seine Jungs, die besten Jahre, ihr Vermächtnis. Winkler hat einen Sound, der unter die Haut geht. Mit HOOL stellt er sich in eine große Literaturtradition: Denen eine Sprache zu geben, die keine haben. (Inhaltsangabe: Aufbau Verlag)

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Philipp Winkler, Jahrgang 1986, geboren und aufgewachsen in Hagenburg bei Hannover, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim. Inzwischen lebt er in Leipzig. Nach Veröffentlichungen in Literaturmagazinen und -anthologien erhielt er den Joseph-Heinrich-Colbin-Preis (2008) und 2015 für Auszüge aus Hool – seinem Debütroman – den Retzhof-Preis für junge Literatur des Literaturhauses Graz.

Auch wir beschleunigen jetzt. Auf festen Tritt achten. […] Ich spüre Hände im Rücken, die mich vor sich hertreiben. Als ob das nötig wäre. Jeden Moment! Ein letzter Aufschrei. Der Wald verstummt. Dann prallen Körper aufeinander.
(Pos. 136-139)

Hool“ ist vor allem eines: Anders. Speziell. Hart, mit Ecken und Kanten, die ab und an von weichen, fast schon gefühlvollen Worten und Szenen gelockert werden. Und „Hool“ ist auch etwas anderes: Kein Buch für jeden.

Die Stimme die Winkler seinem Hauptcharakter und Erzähler Heiko verleiht ist hart, durchzogen von der typischen Jugendsprache von heute, sozusagen – und genau das, was man erwartet, in einem Roman von und über Hooligans. Es wird nicht mit beleidigenden Aussagen hinter dem Berg gehalten, ganz im Gegenteil. Fast jeder Satz enthält zumindest ein Wort, das vor allem Schöngeistern ein wenig die Haare zu Berge stehen lässt. Und doch ist es die perfekte Sprache für diesen Roman.

Heiko ist kein sympathischer Hauptcharakter, niemand, mit dem man sich gänzlich identifizieren könnte, und doch verfolgt man gebannt seine Geschichte. Zweimal durch die Abiturprüfungen gefallen ist das Leben als Hooligan, die Kämpfe, die Matches, die Arbeit in der Muckibude seines Onkels, sein Verein Hannover 96 das einzige, das für Heiko zählt, das ihm wichtig ist, das ihn antreibt. Er träumt davon, seinen Onkel abzulösen, selbst Rädelsführer zu werden, zu leiten und zu lenken, und gemeinsam mit seinen Anhängern in neue, glorreiche Zeiten aufzubrechen. Denn Heiko hat – trotz allen Vorurteilen, die man vor allem dank der Medienberichte gegenüber Hooligangs hat – seine Ideale, verabscheut er doch die rechte Richtung, die sich oft in die Szene einschleust, zutiefst.

Aus einer gebrochenen Familie stammend – die Mutter abgehauen, der Vater Trinker mit asiatischer Zweitfrau, die Schwester mit ihrer nach außen hin perfekten kleinen Familie, die aber verzweifelt an der Vergangenheit festklammert, und ihre eigene Familie immer noch kitten möchte – sind seine Freunde der einzige Halt, der sich Heiko bietet. Hier bin ich Mensch, hier kann ich sein, sozusagen.

Ich überlege, was ich sagen könnte. Gottverdammte Scheiße, so was konnte ich noch nie. Kann ich auch heute noch nicht. Meine Gefühle artikulieren […]. Da fällt mir gar nichts mehr ein, mein Hirn blockiert und anstatt, dass irgendetwas Sinnvolles rumkommt, werde ich nur wütend.
(Pos. 1005-1007)

In seiner harten Schale steckt ein guter Kern. Fairness spielt bei ihm auch bei den Matches eine große Rolle, auch lässt er sich immer wieder von seiner Schwester für versuchte Familienzusammenführungsprojekte gewinnen, obwohl er sich zunächst sträubt. Und auch für Tiere hat er ein Herz. In gewisser Weise. Deutlich wird das in der Abneigung gegen die illegalen Tierkämpfe, die sein Vermieter auf seinem abgelegen Grundstück stattfinden lässt. Und doch hat mir gerade dieser Teil der Geschichte übel aufgestoßen – vor allem am Ende des Romans.

Es gibt Momente, in denen möchte man Heiko am liebsten in die richtige Richtung zwingen. Dann gibt es diese kleinen, zarten Augenblicke, in denen man ihn versteht. Tatsächlich versteht. Er klammert sich fest an dem Bekannten, an seinen Freunden, an seiner Vergangenheit, die er zugleich zu seiner Zukunft machen will, ohne in Erwägung zu ziehen, ob seine Freunde Teil dieser Zukunft sein wollen. Heiko hat, wie so viele andere auch, Angst vor der Zukunft, Angst vor dem Unbekannten. Und doch ist die Zukunft etwas, der er sich nicht entziehen kann, denn die Uhr tickt gnadenlos weiter.

Während Heiko sich fast schon den Stillstand erkämpfen möchte, gehen die anderen Charaktere ihrer eigenen Zukunft entgegen. Sie alle haben den einen oder anderen Schicksalsschlag hinter sich, sie alle planen, sie alle finden einen Weg. Ein Weg, der sie fortbringt vom Altbekannten, hin zu neuen Ufern.

„Ich fass das nicht“, rede ich in meine hohlen Hände, „ich fass nicht, dass ihr mich auf einmal alle allein lasst.“
(Pos. 3859-3860)

Winkler gelingt es trotz der harten Sprache, trotz der Attitüde, die Heiko an den Tag legt, einen Roman zu schaffen, in dem es vor versteckten, gefühlvollen und fast schon herzerweichenden Szenen nur so wimmelt. „Hool“ reißt den Leser mit, ob man das nun möchte oder nicht. Entkommen kann man dem Sog dieses Romans kaum. Was er allerdings in einem auslöst, welche Meinung über Heiko, seinen Charakter, sein Umfeld, seine Handlungen, letztendlich die Oberhand gewinnt, das kann man nur schwerlich vorher sagen.

Hool“ ist ein Roman, der bewegt, der aufwühlt und aufregt, der einen Einblick gibt in eine Welt, die vielen von uns nur anhand der Berichterstattung der Medien bekannt ist. Eine Welt, in der es hart und brutal zugeht. Eine Welt, in der gebrochene Menschen Zuflucht finden. In der es neben den hirnlosen Schlägern durchaus Menschen mit Idealen und Herz gibt. „Hool“ rechtfertigt nicht das Tun seiner Namensgeber. Aber „Hool“ öffnet ein klein wenig den Schleier, erlaubt einen kleinen Einblick. Eine Meinung muss sich letztendlich jeder selbst bilden.

Und Hannover leuchtet aus tausend Wunden in der Dunkelheit.
(Pos. 1275-1276)

Hool von Philipp Winkler
310 Seiten (Hardcover)
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: September 2016
ISBN: 978-3-351-03645-4

Ich bedanke mich beim Aufbau Verlag und bei Netgalley.de für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

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