[Buch-Date Rezension] Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira

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Die Geschichte eines Sommers im Jahre 1938, die Geschichte des unscheinbaren Lissabonner Kulturredakteurs Pereira, der ganz unversehens zum Helden wird… (Inhaltsangabe: dtv)

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Antonio Tabucchi wurde am 23. September 1943 in Vecchiano bei Pisa geboren und promovierte an der Universität Pisa in moderner Literatur. Er war Professor für portugiesische Sprache und Literatur an der Universität von Genua sowie Leiter des italienischen Kulturinstituts in Lissabon. Seine Werke – darunter Romane, Kurzgeschichten, Essays und Bühnenstücke – wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Tabucchi, der Mitglied und Mitbegründer des International Parliament of Writers war, gewann mehrere Preise für sein Schreiben und verstarb am 25. März 2012 in Lissabon.

Diese Stadt stinkt nach Tod, ganz Europa stinkt nach Tod.
(Seite 14)

Lissabon im Sommer 1938. Ein Jahr später schon wird der zweite Weltkrieg vor der Tür stehen. Im Moment bekommt Portugal selbst von den Unruhen wenig mit. Es herrscht das faschistisch-autoritäre Regime von António de Oliveira Salazar – damals Ministerpräsident von Portugal – und im in Spanien tobenden Bürgerkrieg wird Franco von Mussolini und Hitler unterstützt.

Tabucchi’s Figur Pereira, ehemals Lokalreporter einer großen Zeitung, flüchtet sich in seine aktuelle Arbeit, in die Erstellung einer Kulturseite, die einmal wöchentlich in der Abendzeitung Lisboa erscheint. In seinem stillen Kämmerlein, fernab der eigentlichen Redaktion und des regierungstreuen Zeitungsdirektor, schreibt er Nachrufe auf verstorbene Schriftsteller, und übersetzt vor allem französische Erzählungen und Romane des 19. Jahrhunderts für seine Leser. Ein sicherer Hafen, eine Blase, in der er sich vor der Wirklichkeit, vor der politischen Lage und auch vor seiner eigenen Meinung verstecken kann. Davor Stellung zu beziehen.

[…] aber für einen Menschen wie mich in einem Land wie diesem ist es nicht einfach, sein Bestes zu tun, wissen Sie, ich bin nicht Thomas Mann, ich bin nur ein unbekannter Kulturredakteur einer bescheidenen Abendzeitung, hin und wieder schreibe ich einen Nachruf auf einen berühmten Schriftsteller und übersetze französische Erzählungen des neunzehnten Jahrhunderts, mehr läßt sich nicht machen.
(Seite 71)

Die Wandlung aber, die Pereira erfährt, nachdem Francesco Monteiro Rossi und Marta in sein Leben treten, geschieht schleichend, und ist gerade deshalb umso faszinierender, da glaubhaft gestaltet. Pereira ist, was so viele von uns sind: Zu bequem, zu faul, zufrieden mit dem was sie haben, solange sich ihre eigene Situation nicht zum Schlechteren ändert.

Verdeckt äußert Pereira Kritik am System, spricht von Reue in seinen übersetzten Erzählungen, hofft, dass die versteckte Botschaft ein offenes Ohr findet. Und doch verläuft diese Veränderung so schleichend, dass Pereira selbst sich nicht erklären kann, warum er so gehandelt hat, wie er es letztendlich tat. Und genau das macht seine Figur so glaubwürdig.

Pereira als Figur besuchte Tabucchi eines Tages, und ließ ihn nicht mehr los. Inspiriert von wahren Geschehnissen, wie es sie zu Zeiten wie diesen sicherlich mehr als einmal gegeben hat, schreibt Tabucchi hier eine Zeugenaussage nieder, fast schon ein Verhör, in der Pereira seine Entwicklung vom Realitätsflüchtling zum stillen Widerstandskämpfer beschreibt. Erklärt. Pereira erklärt. Der Titel des Buches ist sicherlich auch im eigentlichen Text Programm. und zieht den Leser gekonnt in seinen Bann.

Man mag nun Theorien aufstellen: So könnten die Charaktere in „Erklärt Pereira“ einfach nur Pereira’s Gewissen sein, seine anderen Seelenteile, wie sein Arzt selbst sogar die Theorie beschreibt. Sein Freund, der Priester, die jüdische Dame im Zug, und eben jener erwähnter Arzt, alle könnten eine bildhaft gewordene Form von Pereiras Gewissen geworden sein, seines politischen Unterbewusstseins. Ein Unterbewusstsein, dem durchaus klar ist, dass etwas getan werden muss.

[…] ich bin zu der Überzeugung gelangt. daß wir nicht eine einzige Persönlichkeit besitzen, wir haben viele Persönlichkeiten, die unter der Vorherrschaft eines hegemonischen Ichs nebeneinander existieren.
(Seite 138)

Erklärt Pereira“ ist ein ruhiger Roman, eine Mitschrift eines Verhörs, wie es durchaus stattgefunden haben könnte, und zeigt den Weg seiner Hauptperson auf, die Stellung bezieht, die sich mit der Wahrheit auseinandersetzt, der bewusst wird, dass etwas getan werden muss – und deren Leben sich durch diese Erkenntnis zunächst schleichend, aber grundlegend verändert.

Ein Roman, dessen Botschaft schon bei politischen Machtkämpfen der Neuzeit eingesetzt wurde, aber der fernab davon wohl für jeden einzelnen Leser eine wichtige Erkenntnis bereithält. Welche genau das ist, das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

Erklärt Pereira von Antonio Tabucchi
Sostiene Pereira
224 Seiten (Taschenbuch)
Übersetzung: Karin Fleischanderl
Verlag: dtv
Erschienen: Oktober 1997
ISBN: 978-3-423-12424-9

Die Wahl dieses Buches verdanke ich meinem Buch-Date Partnerchen Schauwerte. Die im Rahmen der
Aktion Buch-Date erschienen Beiträge sind HIER auf dem Blog von Zeilenende zu finden.

Ein neues Buch-Date ist auch schon geplant, wer also Interesse hat, behält einfach Zeilenendes Blog im Auge. ^^

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3 Gedanken zu “[Buch-Date Rezension] Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira

  1. Puh … Das klingt nach schwerem Stoff. Dachte ich beim ersten Mal. Und dann musste ich die Rezension nochmal lesen. Und dann dachte ich mir: Schwerer Stoff. Aber ansprechend. Ich glaube, da muss ich in der Tat mal reinlesen, solche Bücher stehen und fallen zumindest bei mir nämlich immer mit dem Stil. Aber „Ich bin kein Thomas Mann“ ist schon einmal sympathisch. 🙂

    • Es ist, trotz der Tragweite und der Ernsthaftigkeit des Themas, sehr leicht und einfach geschrieben und liest sich sehr schnell, da man stets den Eindruck hat, die Mitschrift einer Zeugenaussage zu lesen. Lies auf jeden Fall mal rein!

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