[Projekt] Theodor Storm: Der Schimmelreiter

der schimmelreiter

Ihr kennt das, oder? Man „muss“ bestimmte Bücher in der Schule lesen, analysieren und gefühlt hunderttausendmal auseinander nehmen, bis man die Worte „Was wollte der Autor uns damit sagen?“ nicht mehr hören kann. Manche dieser Bücher bleiben einem trotz allem in positiver Erinnerung. Andere fand man furchtbar.

Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm war und ist so ein klassisches Schulbuch. Jeder begegnet Hauke Haien irgendwann einmal – auch mir, vor einigen (sehr vielen *hust*) Jahren. Nur leider ist mir „Der Schimmelreiter“ in keiner guten Erinnerung geblieben. Warum, das kann ich schon gar nicht mehr sagen. Ich mochte es damals nicht, ich mochte das Auseinandernehmen und Analysieren nicht, Literatur an sich war immer ein schwieriges Thema bei meinen Mitschülern und wurde mit einer gewissen Unruhe begleitet – alles in allem war die Stimmung und der Zeitpunkt für das Buch einfach nicht perfekt.

Nach all den Jahren nun habe ich Theodor Storm und seinem Deichgrafen endlich eine zweite Chance gegeben. Wie das ausging? Lest selbst.

Inhalt

Hauke Haien ist ein Mann des Fortschritts und baut einen modernen Deich. Das ehrgeizige Projekt weckt jedoch den Aberglauben der Dorfbewohner, die hinter dem neuartigen Damm Unglück wittern. Schon bald sehen sie in Hauke und seinem weißen Pferd einen gespenstischen Schimmelreiter, die Verkörperung des Dämonischen, der Unglück über das Dorf bringen wird… (Inhaltsangabe: Suhrkamp Verlag)

„Deutschunterricht“

Der Schimmelreiter“ gilt als klassisches Unterrichtsbeispiel für eine Novelle. Der Begriff leitet sich vom lateinischen novus (~ neu) bzw. vom italienischen novella (~ Neuigkeit) ab. Novellen (kurze Erzählungen aus dem Bereich der Epik) sind von kurzer bis mittlerer Länge und sollen sich sozusagen in einem Rutsch lesen lassen. Storm selbst bezeichnete die Novelle als „Schwester des Dramas“, daher ist es nicht verwunderlich, dass Novellen in der Regel dramatische Ereignisse aufweisen, und oft den Konflikt zwischen Chaos und Ordnung als ein Grundthema verwenden. Novellen sind klar strukturiert – wobei die Handlung aber nicht chronologisch verlaufen muss -, verfügen über eine sogenannte geschlossene Form und weisen einen oder mehrere Wendepunkte auf (meist einschneidende Schicksalsbegebenheiten im Leben des Protagonisten). Neben den dramatischen Elementen wird viel mit metaphorischen Bildern und Symbolen gearbeitet, die die Atmosphäre und Bedeutung der Geschichte vertiefen sollen. Oftmals ist auch von irrationalen, unwahrscheinlichen oder auch unkontrollierbaren Mächten die Rede, wobei der Zufall selbst hier als beliebtes Leitmotiv gilt.

Theodor Storm veröffentlichte seine Novelle 1888 (Exkurs: Storm verstarb im Juli 1888). „Der Schimmelreiter“ ist ein Spätwerk des Autors und zugleich seine bekannteste Erzählung. Basieren soll „Der Schimmelreiter“ auf einer Sage, mit der sich Storm jahrelang befasste, bevor er 1886 damit begann, seine Geschichte um den Deichgrafen Hauke Haien niederzuschreiben. Das Meer bzw. die See als zentrale Macht in seiner Novelle verwundert wenig, wenn man bedenkt dass Storm in Husum geboren wurde.

Hauke und Ich

Den Gedanken, dem „Schimmelreiter“ noch mal eine Chance zu geben, hatte ich schon länger. Und da kam die hübsche Ausgabe aus dem Insel bzw. Suhrkamp Verlag gerade recht. Die lag nun auch eine Weile in meinem Regal und wartete auf ihre große Stunde.. Die kam am Wochenende. Ganz spontan. Nach einer Minileseflaute. Wie das eben manchmal so ist.

Dass die Geschichte so verschachtelt ist, war mir nicht mehr in Erinnerung geblieben, fiel aber sofort auf. Ich mochte die einleitende Erzählung der Figur des Zeitungslesers, die nach nur einem kurzen Absatz vom Reisenden abgelöst wurde. Der, wie sollte es auch anders sein, auf Erzähler Nummer drei trifft, den Schulmeister, der letztendlich die Lebensgeschichte von Hauke Haien – mit einigen Unterbrechungen – erzählt.

Die Atmosphäre war es, die mich diesmal in ihren Bann gezogen hat. Die drohende Macht des Meeres, die Kraft der Stürme, die Abhängigkeit der Menschen von den Deichen, diesen Erdanhäufungen, die sie vor Tod und Zerstörung bewahren. Und immer wieder das Meer. Das Plätschern und Rauschen der Wellen fließt quasi von jeder Seite, und auch die Gefahr, die von diesem Element ausgeht, ist immer wieder greifbar – in Erinnerungen, in Verlusten von Hab und Gut und geliebten Menschen.

Hauke als Charakter ist eigentlich genau das, was man heutzutage in einigen New Adult Büchern so findet: Der Bad Boy, der Loner, der Eigenbrötler, der entgegen der allgemeinen Meinung weder dumm noch desinteressiert ist, sondern ein ganz bestimmtes Talent besitzt. Ein gequälter Charakter, der nicht weiß wohin mit seiner Abneigung gegen die Ignoranz bestimmter Menschen, mit seinen Launen und plötzlichen Aggressionsschüben (man erinnere sich an die Szene mit der Katze..). Jedoch besitzt Hauke ein unglaubliches Verständnis für die Dynamik zwischen Meer und Deich, und ersinnt Pläne, wie man einen solchen Deich am besten konstruiert, ohne dass dieser in einigen Jahren schon wieder kurz vor dem Zerfall steht.

Kurzum: Hauke ist schwierig, aber faszinierend. Er kämpft, sein gesamtes Leben über. Gegen Vorurteile. Gegen sich selbst. Gegen seine Zweifel, seine Launen. Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander, und Hauke Haien ist so ein klein wenig ein Beispiel hierfür.

Neben der stets präsenten Kraft der See – zugleich zerstörerisch als auch wundervoll – mochte ich die dezent gesetzten mystischen Elemente, die aus dem Aberglauben der Bevölkerung entsprungen sind. Hier seien zum einen die Kreaturen, die Hauke um Löcher und Risse im Eis tanzen sieht, zu erwähnen, als auch die Mythen, die sich um seinen Schimmel ranken – zu viel verrate ich hier aber nicht.

Fazit

Den Reread von Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ habe ich nicht bereut, im Gegenteil. Ich mochte den Ton der Geschichte, die Düsternis die Storm mit einfachen Worten erschafft, und ich mochte auch Hauke als Charakter. Nicht weil er besonders nett wirkt, sondern weil er einfach fasziniert, in all seine Facetten, die in ihrer Beschaffenheit dem Meer nicht unähnlich sind. In der Schulzeit hätte ich gesagt „Nie wieder Schimmelreiter!“. Heute dagegen spreche ich eine absolute Leseempfehlung aus!

Der Schimmelreiter von Theodor Storm
143 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Insel / Suhrkamp
Erschienen: Oktober 2011
ISBN: 978-3-458-36216-6

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4 Gedanken zu “[Projekt] Theodor Storm: Der Schimmelreiter

  1. Ich habe dieses Buch von einem meiner Lieblingslehrer empfohlen bekommen und wollte es mir (unabhängig von der Schule) auch kaufen. Du hast mich darin nur noch bestärkt und ich werde mir dieses Buch auch bald anschaffen 🙂
    Schön, dass auch eine „typische Schullektüre“ toll sein kann 🙂

    • Ich hab es wirklich nicht bereut Hauke eine zweite Chance gegeben zu haben. Vielleicht sollte ich das mit anderen ehemaligen Schulbüchern auch so machen. ^^

  2. Wow. Gut beschrieben. Habe den Schimmelreiter auch gehasst. Damals. Inzwischen bin ich Stormvereherer. Der Schimmelreiter aber bekam noch keine 2.Chance. „Aquis submersus“ gefällt mir deutlich besser.

    Ja diese Pflichtliteraturzerrederei ist eine Qual, hilft aber doch manchem noch drauf zu kommen, was in manchen Büchern so drinsteckt. Wenigen. Sehr wenigen. Leider.
    Man nehme nur die Tribute von Panem. Alle rennen ins Kino und sind begeistert – aber keiner denkt drüber nach oder ist in der Lage, das Gesehene auf seine eigene Lebenswelt oder kommende Zeiten zu übertragen.

    • Vielen Dank. 🙂
      An sich finde ich es nicht schlecht herauszufinden, was in Büchern so drinsteckt. Nur leider war das Analysieren auf Zwang oft eher darauf ausgelegt, auf die im Lehrplan festgeschriebene These zu kommen. Diskussionen? Fehlanzeige.
      Ich werde auf jeden Fall noch ein wenig mehr von Storm lesen, nachdem ich meine Meinung bezüglich Schimmelreiter (und ihm) nochmals geändert habe.

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