[Rezension] Paul Kalanithi: Bevor ich jetzt gehe

bevor ich jetzt gehe

Was macht das eigene Leben lebenswert? Was tun, wenn die Lebensleiter keine weiteren Stufen in eine vielversprechende Zukunft bereithält? Was bedeutet es, ein Kind zu bekommen, neues Leben entstehen zu sehen, während das eigene zu Ende geht? Bewegend und mit feiner Beobachtungsgabe schildert der junge Arzt und Neurochirurg Paul Kalanithi seine Gedanken über die ganz großen Fragen.  (Inhaltsangabe: Knaus Verlag)

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Paul Kalanithi studierte Englische Literatur und Biologie in Stanford, Wissenschaftsgeschichte und Philosophie in Cambridge, um dann letztendlich an der Yale School of Medicine zu studieren. Er verschrieb sich der Neurochirurgie, machte in Stanford seine Facharztausbildung und erhielt für seine Forschung den höchsten Nachwuchsforscherpreis der American Academy of Neurological Surgery. Paul Kalanithi, Neurochirurg und Autor, verstarb mit nur 37 Jahren im März 2015, während der Arbeit an seinem Buch „Bevor ich jetzt gehe“ (Engl. „When Breath Becomes Air„).

Eine Schüssel voll Unglück serviert man am besten löffelweise. Nur die wenigsten wollen alles  auf einmal wissen, die meisten brauchen Zeit, um die Nachricht zu verdauen.
(Seite 85)

Er steht kurz davor seine Ausbildung zum Neurochirurgen zu beenden – eine der härtesten medizinischen Studienrichtungen überhaupt. Doch Paul Kalanithi scheut die Arbeit nicht. Er steht stundenlang, oft bis spät in die Nacht im OP und vollbringt Operationen, bei denen ein einziger Millimeter das Leben eines Menschen und sogar dessen Persönlichkeit komplett verändern kann. Er arbeitet oft mehr als 100 Stunden in der Woche, während seine Studienkollegen sich nach und nach anderen Felder der Medizin zuwenden, die humanere Arbeitsbedingung und bessere Bezahlung bieten.

Für Kalanithi ist die Medizin und die Neurochirurgie kein Beruf, sondern tatsächlich eine Berufung. Und immer wieder findet die Prägung seitens der eigenen Mutter, die ihn an die großen Poeten und Autoren herangeführt hat, ihren Weg in seine Arbeit und sein Denken. Er analysiert das Leben selbst, wendet sich philosophischen Fragen zu, und lässt somit nie ganz ab von seiner ersten großen Liebe, der Literatur.

Mehr als mein Studienerfolg trieb mich das Bestreben an, wirklich zu verstehen, was das menschliche Leben mit Sinn erfüllte. Noch immer fand ich, dass Literatur die besten Antworten darauf bereithielt, während die Neurowissenschaften ein sehr elegantes Regelwerk der Gehirntätigkeiten darstellten. Sinnhaftigkeit, wenn auch ein schlecht zu fassender Begriff, schien mir untrennbar mit zwischenmenschlichen Beziehungen und moralischen Werten verbunden zu sein.
(Seite 38)

Doch das fast schon heroische Selbstbild, das Kalanithi besonders im ersten Teil seines Buches darstellt, muss jäh weichen als er gezwungen ist vom Arzt zum Patient zu werden. Die andere Seite der Medaille zu sehen, sozusagen. Der Krebs, der nicht nur seine Lunge befallen hat, sondern auch seine Wirbelsäule verformt und seine Leber zerstört, schweißt ihn und seine Frau Lucy wieder stärker zusammen, befand sich die Beziehung doch in einer Krise, was nicht zuletzt an Kalanithis Arbeit lag.

Wie ein Läufer, der direkt hinter der Ziellinie zusammenbricht, wurde ich ohne die Pflicht, mich um Kranke zu kümmern, die Pflicht, die mich antrieb, zum Invaliden.
(Seite 110)

Immer wieder wird deutlich, wie schwer es Kalanithi fällt, sich auf einmal selbst in der Rolle des Patienten zu befinden. Sein Wissen um Therapiemöglichkeiten, um Statistiken und Lebensdauer, ist Fluch und Segen zugleich. Er klammert sich an Zahlen, an Fakten, die doch so viel verlässlicher sind als ein „wir werden sehen“ oder „vielleicht“, und will wissen, wie viel Zeit ihm tatsächlich noch bleibt.

Mit der Zeit jedoch beginnt Kalanithi zu verstehen, dass Zahlen und Termine – für den Arzt Anhaltspunkte zur Behandlung – nur wenig Bedeutung für den Patienten an sich haben. Er entdeckt seine Liebe zur Literatur und Philosophie wieder, will schreiben und beschließt, während er selbst mit der Erkenntnis konfrontiert wird in naher Zukunft aus dem Leben zu scheiden, ein neues Leben in die Welt zu setzen.

Alle Menschen unterliegen der Endlichkeit. Die meisten Pläne werden entweder verwirklicht oder aufgegeben, so oder so, sie gehören der Vergangenheit an. Die Zukunft, anstatt eine Leiter zu den Lebenszielen zu sein, verflacht zu immerwährender Gegenwart. Geld, gesellschaftlicher Status, all die menschlichen Eitelkeiten, haben so wenig Sinn – das alles ist bedeutungslos.
(Seite 165)

So ist „Bevor ich jetzt gehe“ zum einen ein Bericht von einem jungen Arzt in der Blüte seinen Lebens, an den Toren zu einer großen Karriere, der sich mit einer unausweichlichen Diagnose konfrontiert sieht, die ihn und seine Pläne komplett aus der Bahn wirft. „Bevor ich jetzt gehe“ ist aber zugleich ein Brief an die, die Paul zurücklassen muss – seine Frau, seine Eltern, seine Tochter. Ein Brief, in dem er Worte an seine Tochter richtet, die einem das Herz erweichen.

Bevor ich jetzt gehe“ ist vielleicht nicht das emotionalste Buch eines Menschen, der an einer unheilbaren Krankheit leidet. Es zeigt dafür aber deutlich, wie eine solche Krankheit das Leben verändern kann. So wird Kalanithi im Laufe seiner Geschichte klar, was für ihn wirklich wichtig ist. Er findet sein Glück, auf eine ganz spezielle Art und Weise. Und er lernt, die eigene Sterblichkeit zu akzeptieren und lernt, dass es nicht unbedingt so wichtig ist, wie lange wir leben, sondern wie wir leben.

Bevor ich jetzt gehe von Paul Kalanithi
When Breath Becomes Air
192 Seiten (Hardcover)
Übersetzung: Gaby Wurster
Verlag: Knaus
Erschienen: April 2016
ISBN: 978-3-8135-0725-6

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Knaus-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

knaus

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