[Rezension] Maggie Nelson: The Argonauts

the argonauts

A timely and genre-bending memoir that offers fresh and fierce reflections on motherhood, desire, identity and feminism. At the centre of The Argonauts is the love story between Maggie Nelson and the artist Harry Dodge, who is fluidly gendered. As Nelson undergoes the transformations of pregnancy, she explores the challenges and complexities of mothering and queer family making.
Writing in the tradition of public intellectuals like Susan Sontag, Nelson uses arresting prose even as she questions the limits of language. The Argonauts is an intrepid voyage out to the frontiers of love, language, and family. (Inhaltsangabe: Melville House UK)

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The Argonauts“ ist das neunte Buch der amerikanischen Autorin Maggie Nelson, die sich abgesehen von vier Gedichtbänden eher im Sachbuchbereich bewegt und sich hierbei unter anderem mit dem Mord an ihrer Tante (in „Jane: A Murder“ und „The Red Parts: Autobiography of a Trial„) sowie den Themen Kunst, Kultur, Literatur, Feminismus, (Geschlechter-) Identität und den Facetten der Sexualität beschäftigt – um nur einige Gebiete zu nennen. Nelson ist mit Künstler Harry Dodge verheiratet, ist Stiefmutter von Dodge’s Sohn aus einer anderen Beziehung sowie Mutter des gemeinsamen Sohnes Iggy.

[…] I sent you the passage from Roland Barthes by Roland Barthes in which Barthes describes how the subject who utters the phrase „I love you“ is like „the Argonaut renewing his ship during its voyage without changing its name.“ Just as the Argo’s parts may be replaced over time but the boat is still called the Argo, whenever the lover utters the phrase „I love you“, its meaning must be renewed by each use, as „the very task of love and of language is to give to one and the same phrase inflections which will be forever new.“
(Seite 5/6)

Sich ein Urteil über „The Argonauts“ zu bilden und dieses Urteil in Worte zu fassen ist eine mehr als schwierige Angelegenheit, aber trotz allem einen Versuch wert.

Nelson befasst sich in „The Argonauts“ mit den verschiedensten Themen: Geschlechteridentität, Schwangerschaft, Mutter sein, Familie (nicht nur die „klassische“ Familie sondern alle Facetten), Beziehungen, Liebe und Abhängigkeit, Heirat, Leben, Tod, Schreiben – und das alles immer wieder vor einem autobiographischen Hintergrund, erzählt sie doch von ihrer Liebe und ihrem Leben mit Künstler Harry Dodge und dessen Weg seinen weiblichen Körper dem Männlichen anzugleichen, obwohl Dodge selbst von diesen „Labels“ wenig hält.

All das sind ungemein wichtige Themen, interessante Themen, und besonders „gender and identity“ bieten immer wieder genug Nährboden für kontroverse Diskussionen, vor allem auch auf literarischem Weg. Denn die eigene Meinung und die eigenen Erfahrungen hier außer Acht zu lassen, ist fast unmöglich.

Happiness is no protection, and certainly it is not a responsibility. ‚The freedom to be happy restricts human freedom if you are not free to be not happy.‘ [Sara Ahmed] But one can make of either freedom a habit, and only you know which you’ve chosen.
(Seite 20)

Doch obwohl der autobiographische Kontext hier im Vordergrund liegen sollte, wird Nelsons Werk sehr schnell eher zu einer Schrift, in der sie ihre Meinung zu den oben genannten Themen darlegt, und den Leser dabei mit einer Vielzahl von Zitaten diverser Autoren, Poeten, Philosophen und Psychoanalysten aller Art bombardiert, eingearbeitet via Kursivdruck in den Text, die Namen des Verfassers dabei als Vermerk am Rand. Gut und schön, nur leider setzt Nelson hier voraus, dass der Leser mit diesen ihren „Helden“ vertraut ist. Ist dies nicht der Fall, so ist entweder einiges an Nebenrecherche zum Buch geboten oder man nimmt es eben hin.

Nelson arbeitet mit Paragraphen und Abschnitten, um ihren Gedankenfluss – denn „The Argonauts“ liest sich eher wie ein Denkprozess denn wohl sortierte Memoiren – in Worte zu fassen und um dem Ganzen doch noch ein bisschen Struktur zu verleihen. Sie analysiert, belegt und hinterfragt; es ist schon fast ein Lernprozess zu erkennen. An sich kein schlechter Weg, doch es gibt ein Aber.

Obwohl Nelson den Leser teilhaben lässt an ihren Sorgen und Ängsten, an ihrer Liebe zu Harry und an der Beziehung der beiden, sowie den Veränderungen, die beide durchlaufen – Nelson mit ihrer Schwangerschaft, Harry mit der Behandlung mit Testosteron und einer OP, die Nelson bis in fast jedes kleine Detail beschreibt – haben mir manche Formulierungen, Anwandlungen und Ansichten sauer aufgestoßen. So ist Nelson, die eigentlich mit der Kritik an typischen Geschlechterrollen und -Merkmalen sehr konsequent ist, komplett überrascht und enttäuscht, als sie erfährt dass ihr Baby ein Junge wird. Der Traum einer „feministischen Tochter“ sei geplatzt. Sie revidiert diese Erkenntnis zwar schnell und findet sich mit dem Gedanken, dass ihr Körper in der Lage ist einen männlichen Körper zu produzieren, ab, allerdings hofft sie vielleicht die Haare ihres Sohnes flechten zu können. Aussagen, bei denen ich ein bisschen die Stirn gerunzelt habe, jedoch ist „The Argonauts“ wie bereits erwähnt auch als Lernprozess zu verstehen, daher sind solche Zeilen auch wieder in Ordnung.

For reasons almost incomprehensible to me now, I cried a little when our first ultrasound technician […] told us at twenty weeks that our baby was a boy, without a shadow of a doubt. I guess I had to mourn something – the fantasy of a feminist daughter, the fantasy of a mini-me. Someone whose hair I could braid. […] And I would love him fiercely. Maybe I would even braid his hair!
(Seite 108)

Positiv hat mir die Beschreibung von Nelsons Beziehung zu Harry Dodge gefallen, das Leben in dieser etwas anderen Patchwork Familie, ihre Ängste und Träume, die fast schon überstürzte Heirat, kurz bevor in Kalifornien gleichgeschlechtliche Ehen verboten wurden, die verzweifelten Versuche ein Kind zu bekommen bis es denn endlich funktioniert, und immer wieder ihre Liebe zu Harry, die außergewöhnlich und facettenreich zugleich ist.

The Argonauts“ ist mehr ein akademisches Werkstück, eine Analyse, vermischt mit einem autobiographischen Anteil. Nelsons Schreibstil fordert und verlangt Aufmerksamkeit um diesem Fluss an zunächst vielleicht zusammenhanglos dahinfließenden Gedanken zu folgen, eröffnet aber durchaus neue Facetten und gibt dem einen oder anderen Leser eventuell auch Anregungen für mehr Lektüre zum Thema – Verweise sind zumindest genug vorhanden.

Ich respektiere Nelsons Werk, die Mühe die sie sich gemacht hat ihre persönlichen Erlebnisse, die Vorurteile die ihr begegnet sind, auch mit wissenschaftlichen und philosophischen Textquellen zu untermauern, auseinanderzunehmen, zu analysieren. Genau dies macht „The Argonauts“ aber auch eher zur Diplomarbeit als zu Memoiren, obwohl Nelson sich selbst oft genug ins Zentrum der Aufmerksamkeit setzt. Interessant auf jeden Fall und wie alle persönlichen Erfahrungen wichtig, in der Umsetzung jedoch leider etwas zu viel Analyse und zu wenig persönlich, und nicht, was ich eigentlich erwartet habe.

The Argonauts von Maggie Nelson
184 Seiten (Paperback)
Verlag: Melville House UK
Erschienen: April 2016
ISBN: 978-0993414916

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