[Rezension] Eleanor Catton: Die Gestirne

die gestirne

„Wir verbringen unser ganzes Leben damit, über den Tod nachzudenken. Ohne diese Unterhaltung würden wir uns vermutlich schrecklich langweilen. Wir hätten nichts, dem wir entgehen wollen, nichts, was wir verhindern wollten, und nichts, worüber wir uns Gedanken machten. Die Zeit hätte nichts zu bedeuten.“
(Seite 501)

In einer Hafenstadt an der wilden Westküste Neuseelands gibt es ein Geheimnis. Und zwei Liebende, die einander umkreisen wie Sonne und Mond.
Als der Schotte Walter Moody im Jahr 1866 nach schwerer Überfahrt nachts in der Hafenstadt Hokitika anlandet, trifft er im Rauchzimmer des örtlichen Hotels auf eine Versammlung von zwölf Männern, die eine Serie ungelöster Verbrechen verhandeln. Und schon bald wird Moody hineingezogen in die rätselhaften Verstrickungen der kleinen Goldgräbergemeinde, in das schicksalhafte Netz, das so mysteriös ist wie der Nachthimmel selbst. (Inhaltsangabe: btb Verlag)

~oOo~

Eleanor Catton wurde in Kanada geboren, wuchs in Neuseeland auf und lebt nun in Auckland, wo sie Kreatives Schreiben unterrichtet – ein Fach das sie selbst ebenfalls studierte. Bereits ihr Debütroman „Anatomie des Erwachens“ wurde zahlreich ausgezeichnet. Mit ihrem zweiten Roman „Die Gestirne“ gewann sie 2013 den Man Booker Preis – als jüngste Autorin aller Zeiten.

Die Gedanken zu „Die Gestirne“ in Worte zu fassen fällt schwer, denn die Komplexität des Romans macht es leicht, zu viel zu verraten und der Geschichte den Zauber zu nehmen. So ist dies mehr ein Versuch, die Magie dieses Buches eher zu untermalen als zu stehlen, auch wenn man sich in Sachen Handlungsbeschreibung fast ausschließlich nur auf das erste Kapitel beschränken auch – und selbst das eigentlich schon zu viel ist.

Als gäbe es keine Beziehung zwischen dem Ich und dem Ich, als sähe man nur in den Spiegel, um die eigene Arroganz zu bestätigen, als wäre der Vorgang der Selbstbetrachtung nicht ebenso subtil, gefahrvoll und unbeständig wie jede Verbindung zwischen gleichbestimmten Seelen.
(Seite 17)

Genau wie Walter Moody – ein Schotte, der seinen Weg nach Neuseeland gefunden hat, und dessen persönliche Geschichte wie so viele andere Geschichten mit der Zeit erzählt wird – wird auch der Leser mitten hinein in eine höchst ungewöhnliche Versammlung geworfen, dessen Teilnehmer unterschiedlicher nicht sein könnten. Europäer, Einheimische, Chinesen. Goldgräber, Goldfeldbesitzer, Goldschmied, Hotelier, Bankier, Edelsteinsucher, Apotheker, Geistlicher, Spediteur, Gerichtsschreiber, Politiker, Zeitungsbesitzer – eine bunt gemischte Runde. Zwölf Männer, die eine gemeinsame Geschichte verbindet. Eine Geschichte, die wir als Leser gemeinsam mit Walter Moody langsam immer mehr aufdecken.

Allein der Auftakt zu Eleanor Cattons Roman macht deutlich, dass hier ganz besondere Geschehnisse in der Luft liegen. Jede Zeile vibriert förmlich vor Geheimnissen. Das wachsende Vertrauen der Männer in Moody eröffnet sowohl ihm als auch dem Leser die Chance, immer mehr Details kennenzulernen. Die Teilnehmer der „Gesprächsrunde“ erzählen nach und nach ihre Geschichte in der Hoffnung dass Walter Moody Licht ins Dunkel bringen und die richtigen Schlüsse ziehen kann.

Die normale Zeit konnte endlos vergehen, solange sein Geist sich dort befand. Es gab die große Welt vergehender Zeit und wandernder Sphären und daneben die kleine, unbewegliche Welt des Schreckens und Entsetzens; beide fügten sich ineinander, eine Sphäre innerhalb einer Sphäre.
(Seite 42)

Die Gestirne“ bietet ein reiches Spektrum. Betrug, Verrat, (verschmähte) Liebe, mysteriöse Todesfälle, Selbstmordversuche einer Hure, Zukunftsvisionen, all das und noch so viel mehr ist in Cattons Roman zu finden, der sich gleich von Beginn an als unglaublich komplex und durchdacht erweist. Jedes Detail scheint wichtig, in jedem Wort mag eine tiefere Bedeutung liegen. Die Grenzen zwischen Gut und Böse, Weiß und Schwarz verschwimmen zunehmend, und liebenswerte Charaktere, die zunächst wie das Gute in Person wirken, können schnell ihre Schattenseiten aufweisen, während die eigentlichen Bösen sich doch eher in Grauzonen bewegen. Jeder einzelne Charakter, und mag seine Rolle zunächst noch so klein erscheinen, ist für die Struktur der Geschichte wichtig; so komplex wie ihre Handlung sind letztendlich auch Cattons Charaktere.

„Wir redeten allen möglichen Unsinn, und ich sagte etwas über unerwiderte Liebe, und er wurde sehr ernst und unterbrach mich und sagte, unerwiderte Liebe könne es nicht geben, denn das sei keine Liebe. Er sagte, Liebe müsse aus freien Dingen gegeben und aus freien Dingen angenommen werden, sodass die Liebenden in ihrer Vereinigung zwei Hälften zu etwas Ganzem machten.“
(Seite 730)

Zufall und Schicksal spielen eine große Rolle, deren immense Wichtigkeit allein schon durch die Struktur des Romans untermauert wird. Denn „Die Gestirne“ ist nicht nur eine komplexe, gut durchdachte Geschichte – der Roman ist ein Gesamtkunstwerk mit vielerlei astrologischen Details. Jeder Person ist ein Tierkreiszeichen oder ein Planet zugeordnet, die sich in den Kapitelüberschriften wiederfinden und einen Aufschluss darüber geben, wer oder was im nächsten Abschnitt eine wesentliche Rolle spielen wird. Die Länge der einzelnen Abschnitte halbiert sich stetig, für die Geschichte wichtige Momente finden zu astrologisch und astronomisch besonderen Zeiten statt. Wer sich hierfür interessiert, der wird bestimmt noch so einige andere Details entdecken, aber auch Laien, die mit Astrologie nichts am Hut haben, können den Roman trotz allem verstehen.

Auch der Schreibstil der Autorin trägt zum Zauber der Geschichte bei, und die Übersetzerin Melanie Walz hat ihr wirklich brillante Arbeit geleistet. Ihr ist es gelungen Cattons Stil beizubehalten – eine umfangreiche, anspruchsvolle Sprache, die fast schon so komplex ist wie der Roman selbst, sich aber trotzdem einen gewissen ironischen Ton bewahrt. „Die Gestirne“ ist keinesfalls ein Buch, das man leicht nebenbei lesen kann. Sowohl Handlung als auch der Schreibstil fordern die gesamte Aufmerksamkeit des Lesers, und das zu Recht.

Die einsamen Visionen, die noch einen Monat zuvor nur dem Träumer allein gehörten, nehmen nun Form und Substanz des Realen an. Wir haben uns selbst erschaffen, und wir werden uns auch das eigene Ende bereiten.
(Seite 679)

Die Gestirne“ ist ein komplexes Kunstwerk, detailreich und voller Spannung, das den Leser von der ersten bis zur letzten Seite mit auf eine unglaubliche Reise voller Geheimnisse nimmt. Ein Roman voller unglaublicher, zufälliger und schicksalhafter Geschehnisse und Begegnungen, deren Zusammenhänge nach und nach enthüllt werden. Lügen und Wahrheit verbinden sich miteinander, nehmen Gestalt an und schaffen eine Geschichte, die viele Fragen aufwirft – aber auch genauso viele Fragen letztendlich beantwortet. „Die Gestirne“ fordert die gesamte Aufmerksamkeit des Lesers. Aber bleibt man dem Buch bis zum Ende treu, wird man nicht nur mit der Lösung belohnt, sondern auch mit dem Gefühl, etwas ganz besonderes gelesen zu haben.

Die Gestirne von Eleanor Catton
The Luminaries
1040 Seiten (Hardcover)
Übersetzung: Melanie Walz
Verlag: btb
Erschienen: November 2015
ISBN: 978-3-442-75479-3

Ich bedanke mich ganz herzlich beim btb Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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