[Rezension] Christoph Poschenrieder: Mauersegler

mauersegler

Fünf Männer gründen eine Alten-WG in einer Villa am See. Zusammen wollen sie die verbleibenden Jahre verbringen, zusammen noch einmal das Leben genießen. Für den letzten – selbstbestimmten – Schritt zählen sie auf die Hilfe der Mitbewohner. Denn es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie und mit wem man alt wird. (Inhaltsangabe: Diogenes Verlag)

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Christoph Poschenrieder ist deutscher Schriftsteller und Journalist, wurde in Boston geboren und lebt in München. Sein Debütroman „Die Welt ist im Kopf“ erschien 2010 und stellt den jungen Arthur Schopenhauer in den Mittelpunkt. Sein dritter Roman „Das Sandkorn“ stand 2014 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. „Mauersegler“ ist der vierte Roman des Autors.

[…] denn niemand von uns wird gerne an die Zeit und das Vergehen der Zeit erinnert.
(Seite 11)

Wir alle – und da nützt es nichts sich etwas vorzugaukeln – werden älter. Tag für Tag müssen wir dieser ganz simplen Tatsache ins Auge sehen. Eine stetig älter werdende Gesellschaft stellt irgendwann jeden von uns, aber in diesem Fall vor allem Poschenrieders fünf Helden, vor eine einfache Frage: Wie und mit wem wollen wir die letzten Tage unseres Lebens verbringen?

Im Mittelpunkt von „Mauersegler“ stehen fünf Herren, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten, jedoch bei genauerem Hinsehen durchaus Gemeinsamkeiten aufweisen. Da wären Wilhelm – Jurist im Ruhestand, Heinrich – Lebensmitteltechnologe mit sehr außergewöhnlichen Essgewohnheiten, Ernst – Programmierer und Erfinder des Todesengel-Programms, Siegfried – alternder Theaterregisseur mit einer Vorliebe für junge und hübsche Frauen, und Carl. Carl, seines Zeichens mehr oder weniger erfolgreicher Journalist, Schopenhauer-Fan und Ich-Erzähler der Geschichte um die fünf Herren, die sich seit ihrer Kindheit kennen, und nun beschließen gemeinsam in eine Senioren-WG zu ziehen.

Seltsam: Alle haben Angst vor dem Tod, aber keiner macht sich Gedanken, wo er vor seiner Geburt gewesen ist. Wohin die Lebensreise führt, scheint so viel wichtiger zu sein als die Frage, woher wir kommen. Die Unendlichkeit vorher – ohne mich – kann doch wohl genauso wenig schrecklich sein wie die Unendlichkeit nachher – ohne mich. Oder? Und das dazwischen ist sowieso nur ein flüchtiger Lebenstraum.
(Seite 7)

Zwischen der oftmals sehr amüsanten Suche nach dem passenden Domizil, den Diskussionen wer welches Zimmer bekommt und ob denn nun Hausschuhe getragen werden sollen oder nicht, schlägt Poschenrieder nach und nach ernstere Töne an. Denn was passiert, wenn der erste der Gruppe sich den letzten Momenten seines Lebens nähert. Programmierer Ernst – ganz in seinem Element – entwickelt den Todesengel. Ein Programm, das es den Bewohner der WG ermöglicht, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden – und einen Todesengel zu wählen, der sie dabei unterstützt.

Poschenrieder präsentiert hier ein sehr interessantes Gedankenspiel, das sich mit dem immer wieder aktuellen und viel diskutierten Thema der Sterbehilfe auseinandersetzt. Er lässt seine Charaktere eine Möglichkeit finden, ihren Lebensabend auf angenehme Weise verbringen und beenden zu können. Mag man denn darüber persönlich denken was man möchte. Und während die Charaktere immer wieder in Erinnerungen schwelgen und dem Leser mittels diverser Anekdoten einen tieferen Einblick in das Leben vor der WG gewähren, kommt der Tag, an dem das Todesengel-Programm sich beweisen muss.

Vertrautheit. Vertrautheit ist ein eingetragener Schuh, ein gewohnter Geschmack, ein Wiegenlied. Die langweiligste Sache der Welt. Wenn man von einem anderen Menschen alle seine Witze kennt, wenn man weiß, was ihn ängstigt, was ihn freut. Und wenn der Mensch dennoch unbegrenzt Kredit genießt (im übertragenen Sinne natürlich, nicht monetär).
(Seite 25)

Mauersegler“ ist zumindest zu Beginn humorvoll und amüsant, schlägt aber schon bald ernstere Töne an. Die fünf WG-Bewohner erweisen sich wohl auch aufgrund der doch eher geringen Seitenzahl eher als etwas flach geratene Stereotypen mit viel zu viel Geld – ein nicht zu ignorierender Vorteil bei der Inangriffnahme eines solchen Experimentes. In der Frage des Alterns allerdings könnten die fünf Herren oft unterschiedlicher nicht sein. Jedoch haben sie eines gemeinsam: Angst vor der Zeit.

Wenn „Mauersegler“ eines ist, dann leicht und luftig, ein Buch, dem es ein wenig an Tiefe fehlt. Aber „Mauersegler“ ist auch ein Buch, das seine Leser im richtigen Moment und der richtigen Stimmung treffen muss, um seine volle Wirkung zu entfalten. Denn eines ist Poschenrieder zumindest gelungen: Er regt zum Nachdenken an, bringt einen dazu sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das so viele von uns am liebsten verdrängen. Ob eine wohlhabende Senioren-WG nun der beste Weg ist, sich mit dem Thema Altern und Sterbehilfe zu beschäftigen, sei einmal dahingestellt. Aber es bewirkt ein Innehalten. Im positiven Sinne.

Mauersegler“ ist ein Buch, das sich mit einem ernstzunehmenden Thema beschäftigt, aber keineswegs deprimiert oder zu schwer daherkommt, und das neben dem Tod vor allem eines thematisiert: das Leben und die Freundschaft. Ein dünnes Buch mit etwas zu unpersönlichen Charakteren, das es aber schafft den Leser zumindest für ein Weilchen zum Nachdenken anzuregen, und Dank Poschenrieders Schreibstil seine Leichtigkeit bewahrt.

Mauersegler von Christoph Poschenrieder
224 Seiten (Hardcover)
Verlag: Diogenes
Erschienen: September 2015
ISBN: 978-3-257-06934-1

Zum Thema Altern und Alt werden kann ich interessierten Leser auch „Wir werden zusammen alt“ von Camille de Peretti empfehlen.

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4 Gedanken zu “[Rezension] Christoph Poschenrieder: Mauersegler

  1. Ungeachtet des rasanten Wachstums meines SuB – insgeheim vermute ich, dass sich meine Bücher durch Zellteilung vermehren, wobei unter Umständen völlig neue, noch unbekannte Titel entstehen – wird dieses Buch definitiv auf meiner Wunschliste landen.

    Vielen Dank für die Anregung und die Rezension.

    • Das freut mich natürlich wenn ich andere zum Buchkauf anregen kann. ^^
      Und Bücher vermehren sich definitiv per Zellteilung. Anders kann es gar nicht sein.

  2. Ein wichtiges und spannendes Thema, das dieses Buch augenscheinlich auf interessante Art aufgreift. Schade, dass die Charaktere etwas oberflächlich bleiben! Nichtsdestotrotz ein Buch, das ich im Auge behalten werde 🙂
    Liebe Grüße,
    Anna

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