[Rezension] Wulf Dorn: Die Nacht gehört den Wölfen

die nacht gehört den wölfen

Seit dem tödlichen Autounfall seiner Eltern, den er selbst miterlebt hat, leidet Simon unter Albträumen und Angstzuständen. Nach einem Psychiatrieaufenthalt zieht er zu seiner Tante und seinem Bruder, aber es fällt ihm schwer, sich in seinem neuen Leben zurechtzufinden. Vor allem, als er feststellen muss, dass seine schlimmen Träume Wirklichkeit werden: Etwas Böses scheint im Dunkel, das Simon umgibt, erwacht zu sein. Und das Verschwinden eines Mädchens ist erst der Anfang… (Inhaltsangabe: cbt Verlag)

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Wulf Dorn ist ein deutscher Schriftsteller und schreibt nach eigenen Angaben seit seinem zwölften Lebensjahr. Nach zwanzig Jahren der Tätigkeit in einer psychiatrischen Klinik widmete sich Dorn vollständig dem Schreiben. Sein im Jahre 2009 erschienener Debütroman „Trigger“ wurde auf Anhieb zu einem internationalen Bestseller. Bei „Die Nacht gehört den Wölfen“ (2015) handelt es sich um seinen sechsten und gleichzeitig um den zweiten eher für junge Erwachsene ausgelegten Roman.

„Der Wolf ist böse“, sagte das Mädchen. „Vielleicht bedeutet es, dass Rotkäppchen etwas Böses getan hat. Und weil sie böse gewesen ist, wird sie dafür bestraft. Sie wird aufgefressen […] .“
(Seite 10)

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass „Die Nacht gehört den Wölfen“ mein erster Wulf Dorn ist – aber definitiv nicht mein letzter.

Der vor allem für seine im fiktiven Fahlenberg spielenden Thriller bekannte Wulf Dorn legt hier einen Jugendroman vor, der wohl kaum dem klassischen Thriller-Genre zugeordnet werden kann, aber mit seiner unterschwelligen Spannung nicht nur für jüngeres Lesepublikum attraktiv ist.

[…] Mathematik war für ihn gleichbedeutend mit Sicherheit. Einmal festgelegt, blieben die Dinge, wie sie waren. Natürlich entwickelten sie sich weiter, aber das Fundament blieb stets erhalten. Wäre doch das Leben ebenso klar und konstant.
(Seite 119)

Dorn hat mit Simon einen ungewöhnlichen Hauptcharakter gewählt, der nicht nur mit dem Tod seiner Eltern und seinen Schuldgefühlen zu kämpfen hat. Seine autistischen Züge machen es ihm schwer, sich auf seine neue Umgebung – ein Gästezimmer im Haus seiner Tante – einzustellen. Veränderungen verträgt Simon nur schwer, besonders nach dem Unfall. Da ist es nur zu verständlich, dass ihm das Privatleben seines großen Bruders Mike, seines Helden, seinem Fels in der Brandung, zu schaffen macht.

Stattdessen war er ein Gefangener im eigenen Kopf, eingesperrt von seinen Ängsten und Zwängen, bewacht von einem Gefängnisdirektor, den die Ärzte als „leichte autistische Störung“ bezeichnet hatten.
(Seite 51)

Simon, der sich im Stich gelassen und abgeschoben fühlt mit seinen Ängsten und Befürchtungen, findet in Caro eine Vertraute. Auch sie wurde von ihrem Vater einfach in ein Internat abgestellt, und der Obhut der dortigen Verantwortlichen überlassen. Ihr gegenüber öffnet sich Simon – und auch der Leser erhält mehr Einblicke in Simons Inneres, und schließt den Jungen etwas mehr ins Herz.

Mit Caro zusammen forscht Simon dem Verschwinden eines Mädchens nach, deren Leiche nie aufgetaucht ist. Gleichzeitig versucht er auch immer wieder, Licht in das Dunkel seiner Erinnerungen zu bringen, kann er sich doch immer noch nicht erklären, wie es zu dem tragischen Unfall kam, und wie er es aus dem Auto schaffte, während seine Eltern verstarben. Er sieht nur Fragmente, Bruchstücke, die kaum einen Sinn ergeben, und ihn noch mehr verwirren.

Manchmal zerbricht etwas in uns. Niemand kann es hören, nicht einmal wir selbst. Dennoch tut es schrecklich weh. Der Schmerz ist so heftig, dass wir glauben, die Wunde würde nie wieder heilen. Nicht in tausend Jahren.
(Seite 215)

Die Nacht gehört den Wölfen“ wird nicht von einer unzähmbaren Charaktervielfalt überrannt, sondern weißt einige wenige Figuren auf, die glaubhaft und realistisch gestaltet sind. Diese Tiefe in den einzelnen Persönlichkeiten ist es auch, die den Leser immer mehr in den Bann zieht. Dorn gelingt es, ganz langsam einen Spannungsbogen aufzubauen, welcher – wie sollte es auch anders sein – seinen Höhepunkt am Ende des Buches findet, und den Leser atemlos zurücklässt.

Dorn schreibt klar und flüssig, und verliert sich trotz Detailreichtum nicht in unnötigen Beschreibungen. Der fast schon weiche Ton, mit dem er Simons Schicksal beschreibt, passt perfekt zur Handlung, und während Simon und Caro der Entdeckung der grausamer immer näher kommen, wird auch Dorns Ton dunkler, düsterer.

Nichts währt für immer und Sicherheit ist eine Illusion.
(Seite 15)

Die Nacht gehört den Wölfen“ ist eine düstere Geschichte voller Dramatik und Spannung, voller Ängste und grausamer Träume, in der Fiktion und Wirklichkeit oft nur noch schwer auseinanderzuhalten sind, und der Leser sich Dank Dorns Art zu Schreiben sowie den realistischen Charakteren fühlt als wäre er mittendrin. Unbedingt einen Blick riskieren.

Die Nacht gehört den Wölfen von Wulf Dorn
464 Seiten (Klappbroschur)
Verlag: cbt
Erschienen: Oktober 2015
ISBN: 978-3-570-16397-9

Ich bedanke mich ganz herzlich beim cbt Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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2 Gedanken zu “[Rezension] Wulf Dorn: Die Nacht gehört den Wölfen

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