[Rezension] Will Wiles: Die nachhaltige Pflege von Holzböden

die nachhaltige pflege von holzböden

Das Vermischen der Bücherregale ist in einer Beziehung ein ultimativer, ja tollkühner Vertrauensbeweis, und Oskar war noch nicht mal in der Lage, auf demselben Kontinent wie seine Frau zu leben, ganz zu schweigen davon, seine Bibliothek mit der ihren zusammenzuschmeißen.
(Seite 23)

Oskar ist Komponist und verheiratet mit einer kalifornischen Kunsthändlerin. Er lebt in einer osteuropäischen Hauptstadt mit seinen beiden Katzen, die er nach russischen Komponisten benannt hat. Aber hier geht es nicht wirklich um Oskar, denn der ist in Kalifornien, um sich scheiden zu lassen. Deshalb beauftragt er einen alten Studienkollegen, in seiner Abwesenheit auf die Wohnung aufzupassen, auf dass seinen Katzen und besonders dem kostbaren Parkett nichts passiert. Und damit auch nichts schief geht, hat er viele Hinweiszettel hinterlassen, was zu tun – und besonders: was zu lassen ist.
(Inhaltsangabe: Carl’s Books)

~oOo~

Will Wiles lebt in London, und arbeitet als Journalist und Redakteur für ein Architekturmagazin. „Die nachhaltige Pflege von Holzböden“ erschien 2012 auf dem englischen Markt und ist sein erster Roman.

Die objektive Realität ist für niemanden je ganz durchschaubar, und um sie her weben wir unsere subjektiven Versionen. Was sich tatsächlich ereignet hatte, war irrelevant – wichtiger war, sich eine Geschichte zusammenzuzimmern, die alle konkurrierenden Geschichten aus dem Feld schlug.
(Seite 171)

Dass es sich bei Will Wiles um einen Briten handelt, der eine Vorliebe für diesen ganz speziellen britischen Humor besitzt, wird schon nach wenigen Seiten deutlich. Der Roman wird als sehr humorvolles Werk angepriesen, und zum Lachen bringt er einen auch – lässt man sich denn auf diese speziell-skurrile Art des Humors ein.

Während meines Aufenthalts hier, in dieser Open-end-Episode unfreiwilligen Müßiggangs, wollte ich schreiben.
(Seite 12)

Mit Oskar und dem namenlosen Ich-Erzähler hat Wiles zwei Hauptcharaktere geschaffen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wo Oskar pedantisch und ordnungsfanatisch ist, ist unser Erzähler das Chaos in Person, ein wahrer Katastrophenmagnet frei nach dem Motto „Schlimmer geht immer!“. So schafft es der Wohnungshüter – der die Ruhe und die neue Stadt eigentlich nutzen wollte, um endlich seinen Roman zu schreiben – bereits am ersten Abend den heiligen Holzboden mit einem Rotweinfleck zu verunreinigen. Dieses Ereignis fungiert als Aufhänger für eine ganze Heerschar von Katastrophen und Missgeschicken.

Und obwohl beide Charaktere keinesfalls sympathisch sind, sondern eher direkt und fast schon herablassend agieren, verbindet sie doch eine ungewöhnliche Freundschaft, die genau so ist wie der Roman selbst: schräg, skurril und unterhaltsam.

Ich glaube, gegenseitige Anerkennung ist eine wichtige Komponente jeder Freundschaft, ich meine, man sucht sich seine Freunde ja nicht wirklich aus, es gibt wahrscheinlich gute Gründe dafür, dass man befreundet ist, aber sie sind einem nie so ganz bewusst. Man kann jemanden auch mögen, ohne zu wissen, warum.
(Seite 113)

Die nachhaltige Pflege von Holzböden“ ist ein sehr ruhiges Buch, es fließt dahin wie ein gemütlicher Wasserlauf, und nimmt erst mit der Zeit an Fahrt auf – die sich mehrenden Katastrophen bringen immer mehr Schwung in die Geschichte.

Doch Wiles Werk ist ein Buch, das nicht jedem Leser gefallen wird. Es ist ein Werk, für das man in der richtigen Stimmung sein muss, sonst bleibt man am Ende eher enttäuscht zurück. Auch eine Vorliebe für den britischen Humor sollte vorhanden sein, denn zarte Seelen – und Katzenliebhaber – werden so einige Geschehnisse eher als tragisch denn humorvoll auffassen.

Die Geschmäcker sind verschieden, und abgesehen davon gelingt es Will Wiles, einen ganz wunderbaren, weichen Ton anzuschlagen. Sein Erzählstil ist es, der dem Buch einen zusätzlichen Zauber verleiht. Mit ausgefeilten Beschreibungen lässt er Orte und Stimmungen auf dem Papier lebendig werden, ohne sich im Kitsch zu verlieren, und schafft es beim Leser Mitleid mit dem Ich-Erzähler aufkommen zu lassen. Zumindest manchmal.

Zwischen Schlafen und Wachen gibt es einen Moment, in dem man frei ist. Das Bewusstsein ist zurückgekehrt, aber die Wahrnehmung hat die schützende Membran zwischen dem Erwachenden und seiner Umgebung noch nicht zerrissen. Man schwebt frei von jedem Kontext, im Nirgendwo – nicht mehr schlafend, noch nicht ganz wach, nicht mehr den Tücken des Unterbewusstseins ausgeliefert, noch nicht wieder in die stumpfe Routine der Alltagssorgen zurückgefallen. An diesem Punkt, zwischen zwei Welten, bin ich wohl am glücklichsten.
(Seite 37)

Die nachhaltige Pflege von Holzböden“ ist ein bizarres Buch voller rabenschwarzem Humor, das den richtigen Leser zur richtigen Zeit braucht, um sein volles Potential an Skurrilität, Unterhaltung und Witz zu entfalten. Ein Buch über große und kleine Katastrophen, über eine ungewöhnliche Männerfreundschaft, und auch ein wenig ein Buch über die Liebe. Wer nicht vor britischem Humor zurückschreckt, sollte einen Blick auf Wiles Werk werfen.

Die nachhaltige Pflege von Holzböden von Will Wiles
Care of Wooden Floors
Übersetzung: Sabine Lohmann
288 Seiten
Verlag: carl’s books
Erschienen: März 2013
ISBN: 978-3570585054

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s