[Rezension] Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche

die schärfsten gerichte der tatarischen kücheDie Geschichte der leidenschaftlichsten und durchtriebensten Großmutter aller Zeiten!
Jenseits des Urals herrscht das heimliche Matriarchat und die schöne Tatarin Rosalinda fühlt sich viel zu jung, um Großmutter zu werden. Doch der Abtreibungsversuch an der Tochter Sulfia misslingt und Aminat wird geboren. Zum ersten Mal steht die despotische Rosalinda einem Geschöpf gegenüber, das sie mit Haut und Haaren liebt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion führt Rosalindas Überlebenswille die drei unzertrennlichen Frauen nach Deutschland.
(Inhaltsangabe: Kiepenheuer & Witsch)

~oOo~

Alina Bronsky wurde in Russland geboren, lebt aber seit den 90er Jahren in Deutschland. Nach ihrem erfolgreichen Debüt „Scherbenpark“ ist „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ ihr zweiter Roman, der 2010 zum ersten Mal in gebundener Form bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht wurde, und noch im gleichen Jahr seinen Weg auf die Longlist des Deutschen Buchpreises fand. Inzwischen folgten mehrere Romane und Jugendbücher nach.

In „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ erzählt Rosalinda ihre Geschichte und schwingt sich schon innerhalb der ersten wenigen Seiten zur wohl unsympathischsten Romanfigur seit langem auf. Mit dem Ziel vor Augen, ihre eigene Lebensqualität – und die ihrer Familie – zu verbessern, regiert Rosalinda mit harter Hand, und lässt kein gutes Haar an ihrem unfähigen Ehemann – welcher ihr aber zumindest einen gewissen Standard bietet – und ihrer hässlichen und dummen Tochter Sulfia, die auch noch schwanger wird – und sich nicht erklären kann wie das eigentlich passiert ist.

Rosalinda greift zu schockierenden Methoden, um vor allem sich selbst von der Schande einer unverheirateten und schwangeren Tochter zu befreien, doch die Inhaltsangabe verrät, dass ihr dies glücklicherweise nicht gelingt.

Ich war zufrieden, dass meine Tochter trotz ihrer ungünstigen Eigenschaften ein sinnvolles Mitglied der Gesellschaft geworden war und sogar eine eigene Tochter geboren hatte, eine überraschend fabelhafte dazu.
(Seite 22)

Enkeltochter Aminat ist so ganz anders als die unfähige Sulfia und erobert Rosalindas Herz, bringt sie dazu, sich das kleine Mädchen unter den Nagel zu reißen, um ihr das Beste zu bieten – und das Beste ist ganz klar ein Leben bei Rosalinda. Sie versucht, das Herz ihrer Enkelin zu gewinnen und man merkt deutlich, wie sehr ihr besonders zu Beginn die besondere Bindung zwischen Mutter Sulfia und Tochter Aminat zuwider ist.

Während Aminat heranwächst, geben sich im Leben der drei Frauen die unterschiedlichsten positiven und negativen Schicksalsschläge die Klinke in die Hand. Rosalinda erhofft sich ein besseres Leben, für sich selbst ganz besonders, aber auch für Tochter und Enkelin. Ein fähiger und nützlicher Ehemann für Sulfia ist da nur ein Punkt von vielen auf ihrer Liste. Nachdem das Leben in Russland immer schwieriger wird, rückt Deutschland als das goldene Königreich in den Fokus des tatarischen Drachens, denn schließlich werden in diesem gelobten Land sogar die Straßen mit Shampoo gewaschen.

Ohne mich ging gar nichts. Ich musste jede Sekunde in dieses Kind investieren, damit es nicht in der Gosse landete.
(Seite 118)

Rosalinda ist das Sinnbild einer dominanten, kontrollsüchtigen, selbstgefälligen und egoistischen Frau, die vor nichts zurück schreckt um das zu erreichen, was sie will und dabei ihre Familie nach und nach immer mehr zerstört, obwohl dieser Fakt nur unterschwellig zwischen den Zeilen mitschwingt.

„Und weißt du auch, warum [Mama] so krank war? Weil du so ein ungezogenes Kind warst. [..] Und du willst doch, dass die Mama wieder gesund wird? [..] Dann musst du immer tun, was ich sage“, sagte ich und merkte, auf welch fruchtbaren Boden meine Worte fielen. [..] Die Härte verschwand aus Aminats Gesichtszügen, sie blinzelte, verzog den Mund und begann lautlos zu weinen.
(Seite 103/104)

Aufgrund der Tatsache, dass die Geschichte aus Rosalindas Sicht erzählt wird, wirken einige Tatsachen und Geschehnisse verzerrt, will sie doch selbst immer im besten Licht dastehen. Und wahrscheinlich ist sie selbst davon überzeugt, stets das einzig Richtige zu tun.

Mit ihrem klaren und prägnanten Erzählstil beschreibt Bronsky eine Geschichte, die so ist wie das Leben selbst – zwischen Höhen und Tiefen versuchen die Figuren, ihren Weg zu finden, und auch der bitterböse und trockene Humor der Autorin täuscht nicht gänzlich über die gesamte Tragweite der Schicksale von Rosalinda, Sulfia und Aminat hinweg.

Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ ist ein ganz besonderer Roman, der zunächst simpel und leicht wirkt, schon bald aber eine unglaubliche Tiefe und Tragik entwickelt – wenn man sich denn erlaubt, zwischen den Zeilen zu lesen, denn Bronsky sagt nur das Nötigste und überlässt es dem Leser, die letzten finalen Schlüsse zu ziehen. Ein Roman, den man – genau wie die Hauptfigur Rosalinda – entweder liebt oder hasst, der aber auf jeden Fall ungemein lesenswert ist.

Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche von Alina Bronsky
320 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: April 2012
ISBN: 978-3-462-04392-1

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2 Gedanken zu “[Rezension] Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche

  1. Eine tolle Rezension!
    Klingt nach einer wirklich tollen Geschichte.
    Ich mag es, wenn der Autor gewisse Dinge offen lässt und man sich so selbst ein Bild machen kann.
    Wünsche dir eine tolle Woche! ♥

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