[Rezension] Helen Hodgman: Jack und Jill

jack und jillNach dem Tod der Mutter lebt Jill mit ihrem Vater allein auf einer Farm im australischen Outback. Die beiden führen ein einfaches, aber zufriedenes Leben. Bis eines Tages Jack vor der Tür steht. Misstrauisch beobachtet der Vater, wie die heranwachsende Jill die Nähe des jungen Wanderarbeiters sucht. Doch weder Jack noch Jill haben gelernt, über ihre Gefühle zu sprechen. Langsam, aber stetig verwandelt sich ihre Liebe in Hass.
(Inhaltsangabe: Knaus)

~oOo~

Helen Hodgman wurde in Schottland geboren, wanderte aber als Jugendliche mit ihrer Familie nach Australien aus. Für „Jack und Jill„, ihren zweiten Roman, gewann Hodgman 1979 den Somerset Maugham Award, einen britischen Literaturpreis, der jährlich an junge Autoren unter 35 Jahren vergeben wird. Nach Aufenthalten in England und Kanada lebt sie inzwischen an der Parkinson-Krankheit leidende Autorin wieder in Australien.

Es war vor allen Dingen das Cover, das meine Aufmerksamkeit auf „Jack und Jill“ zog. Gedeckte Farben, der Fokus auf dem Titel. Simpel und doch elegant. Der Klappentext besiegelte dann das Schicksal dieses Werkes. Ich musste es unbedingt lesen. Doch „Jack und Jill“ ist ganz anders, als man es vielleicht erwarten würde.

Trotzig lief Jill auf die Veranda und wartete, dass ihre Mutter sie suchte. Doch sie kam nicht. Sie starb an diesem Nachmittag. Wütend über so viel Vernachlässigung, hüpfte Jill auf dem Bett herum, zog ihre Mutter an den Haaren und krähte ihr erste Worte ins kalt wächserne Ohr.
(Seite 5)

Bereits auf den ersten Seiten, auf denen der Leser Jill begegnet, macht das junge Mädchen einen sehr ich-bezogenen und egoistischen Eindruck. Der Tod eines Elternteils ist sicherlich traumatisch, besonders in diesem Alter, und auch Jills Vater macht die Situation nicht unbedingt einfacher indem er kaum Zeit für sie hat und dennoch hofft, sie würde sich ohne ihn fürchten und ihn schrecklich vermissen, doch trotz allem ist Jill von Beginn an sehr eigensinnig und folgt lieber ihrem eigenen Kopf.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich Jill auf jeden Menschen stürzt, der ihr ein klein wenig Aufmerksamkeit schenkt, sei es die Lehrerin an ihrer Schule, die Jill gezielt fördern möchte, oder aber Jack, der – nachdem Jills Vater eingesehen hat, dass er auf seiner Farm definitiv Hilfe braucht – als Arbeiter fest eingestellt wird, und sich eine Hütte auf dem Grundstück baut.

Das dünne, etwas verwahrlost wirkende Kind und sein Vater saßen sich am Tisch gegenüber und stocherten mit ernsten Mienen in ihren Zähnen herum. Sie machten den Eindruck von zwei Menschen, die überlegten, was sie mit dem Rest ihres Lebens anstellen sollten. Und sahen aus, als könnten sie Hilfe gebrauchen.
(Seite 15)

Jack ist ebenfalls ein eher spezieller Charakter. Seine Gedankengänge und Beweggründe sind oft schwer nachvollziehbar und lassen eine oftmals etwas ratlos zurück. Er verbringt einige Jahre bei Jill und ihrem Vater, wird auf gewisse Weise Teil der Familie, und empfindet, als Jill älter wird, Gefühle für die Tochter seines Arbeitgebers.

Will man „Jack und Jill“ beurteilen, so sollte man das Entstehungsjahr definitiv im Hinterkopf behalten. Damals war eine solche Geschichte höchstwahrscheinlich fast schon provokant in Bezug auf die Themen, die Hodgman hier anspricht. Und nimmt man sich die Zeit, sich in die Situationen hineinzuversetzen, so bestürzen gewisse Handlungen der Hauptcharaktere heute immer noch.

Hodgman schreibt sehr distanziert, macht aus dem Leser bewusst einen Zuschauer, der beobachtet, wie die Geschichte dahinfliegt, und obwohl sie fast schon emotionslos wirkt, einen gewissen Sog auf den Leser ausübt. Denn weglegen kann man „Jack und Jill“ irgendwie nicht.

Jill fühlte sich auf angenehme Weise von aller Welt verlassen. Durch die dünne Wand aus zusammengepressten Tapetenschichten in grauenhaft geschmacklosen Mustern hörte sie das laute Klagen einer liebeskranken Katze. Es passte zu ihrer Stimmung.
(Seite 62)

Jill wirkt kalt, unnahbar und aggressiv, hinzu kommt die Ich-Bezogenheit aus Kindertagen, die auch im weiteren Verlauf ihres Lebens immer wieder in den Vordergrund rückt. Jack hingegen schafft es tatsächlich, Gefühle für jemanden zu empfinden, jedoch sind seine Handlungen oft wenig nachvollziehbar, seine Beweggründe verworren.

Jill und Jack hassen sich, manchmal ertragen sie sich, doch am Ende sind die beiden abhängig voneinander. Der eine kann nicht ohne den anderen, aber das Miteinander fällt ihnen auch schwer.

Durch Hodgmans oftmals etwas gehetzt wirkenden Schreibstil bleiben die beiden Protagonisten jedoch immer auf Distanz, und obwohl ihr Leben voller Tragik ist, beobachtet man alles wie durch eine Glasscheibe, empfindet höchstens ein klein wenig Mitleid, aber keine großen Gefühle.

Jack und Jill“ ist ein Roman, der einen nachdenklich zurücklässt, und mehr der Abriss eines kaputten Lebens als eine Liebesgeschichte ist, den die großen Gefühle findet man hier sicherlich nicht. Beachtet man das Erscheinungsjahr, so ist die Idee hinter dem Buch sicherlich kontrovers und interessant. Heutzutage ist „Jack und Jill“ ganz klar Geschmackssache.

bewertung 3 sterne

Jack und Jill von Helen Hodgman
Jack and Jill
Übersetzung: Anne Rademacher
192 Seiten (Hardcover)
Verlag: Knaus
Erschienen: August 2015
ISBN: 978-3-8135-0558-0

Vielen herzlichen Dank an den Knaus-Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

knaus

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