[Rezension] Karen Joy Fowler: Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke

Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke von Karen Joy FowlerEs war einmal ein Haus mit einem Garten, in dem wohnten ein Apfelbaum, ein Bach und eine kleine Katze mit mondgelben Augen. Hier wachsen drei Kinder auf: Rosemary, ihre ungestüme Schwester Fern und ihr großer Bruder Lowell. Sie könnten eine ganz normale Familie sein. Wäre ihr Vater nicht Wissenschaftler, und wäre Fern nicht ein ganz besonderes kleines Mädchen, das Wachsmalstifte verspeist, den perfekten Rückwärtssalto beherrscht und lacht wie eine Säge.
(Inhaltsangabe: Manhattan)

~oOo~

Die amerikanische Schriftstellerin Karen Joy Fowler hatte ihren Durchbruch 2004 mit dem Buch „Der Jane Austen Club„, welches die Vorlage für den gleichnamigen Film aus dem Jahre 2007 lieferte. „Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke“ ist ihr 7. Roman und war auf der Shortlist für den Man Booker Preis 2014.

Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke“ ist mit Sicherheit kein kitschiger Schicksalsroman oder eine lockere Familiengeschichte. Im Gegenteil.

Aber das Wichtigste: Ich lernte, dass anders anders ist. Ich konnte mein Verhalten ändern, wie ich wollte, konnte bestimmte Dinge tun und anderes lassen. Doch nichts davon änderte, wer ich war.
(Seite 121)

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Rosemary Cooke. Als Kind eine unverbesserliche Plapperliese, die keine Minute den Mund halten konnte, lernte sie eine wichtige Regel von ihren Eltern: Von drei Dingen nur eines – im Idealfall das Beste – auswählen und davon berichten. Und, um die Sache noch kürzer zu halten, sollte sie gleich in der Mitte der Erzählungen anfangen. Und so hält es Rosemary auch hier.

Die Geschichte setzt ein mit Rosemarys Zeit im College. Durch verschiedenste Ereignisse – darunter sogar eine Nacht in der Arrestzelle – kommen immer mehr fast schon verdrängte Erinnerungen an ihre Vergangenheit zu Tage. Und an ihre Familie. Eine Familie, die nach dem Verlust ihrer Schwester Fern auseinander gebrochen ist. Während ihr Vater versucht die Fassade des erfolgreichen Professors aufrecht zu erhalten, verfällt ihre Mutter in Depressionen und ihr Bruder wendet sich komplett von der Familie ab.

In manchen Augenblicken vermischen sich Erinnerung und belegbare Tatsachen zu einem undurchdringlichen Nebel, geradeso, als wäre das, was hätte geschehen sollen, wichtiger als das, was wirklich geschah.
(Seite 38)

Doch Rosemary ist eine sehr unzuverlässige Ich-Erzählerin, denn einige der bruchstückhaften Erinnerungen, an denen sie den Leser teilhaben lässt, sind so eigentlich gar nicht geschehen. Erst nach und nach kommt Licht ins Dunkel, werden mehr Details und Hintergründe klarer und fügen sich zu einem großen Ganzen zusammen.

Die vielen Sprünge von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück, die oft mehrmals kurz hintereinander erfolgen, erfordern definitiv ein gewisses Maß an Konzentration seitens des Lesers. Und auch Rosemary selbst, die ganz und gar nicht auf den Kopf gefallen ist, spickt ihre Geschichte mit allerlei Fachausdrücken und Anspielungen, vor allem in Bezug auf Verhaltensstudien und psychologische Hintergründe.

Gefühle nennen wir Gefühle, weil wir sie fühlen. Das heißt, sie entstehen nicht im Kopf, sondern im Körper, wie meine Mutter immer sagte, wobei sie sich auf den psychophysischen Funktionalismus eines William James berief. Es war die Grundlage ihrer gesamten Erziehung: An seinen Gefühlen konnte man nichts ändern, nur an dem, was man tat.
(Seite 252)

Rosemary selbst ist nicht gerade das, was man einen sympathischen Hauptcharakter nennen würde, im Gegenteil. Sie wirkt oft, als will sie unbedingt mit ihrem Wissen imponieren – eine Angewohnheit aus Kindertagen, in denen sie und ihre Schwestern Fern Teil eines Experimentes waren, welches ihr Vater leitete. Um sowohl ihren Vater als auch die Studenten, die das Projekt mit beobachteten, zu beeindrucken, hat Rosemary stets versucht, Fern zu übertreffen. Ein gewisses Konkurrenzdenken, das aber der Liebe die Rosemary für Fern empfand, keinen Abbruch tat.

Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke“ ist ein besonderes Buch, eines das man mögen muss, für das man zumindest etwas Interesse aufbringen sollte, um sich durch all die psychologischen Anspielungen und Erläuterungen zu wühlen. Rosemary erzählt eine Geschichte, die kalt, aber gnadenlos ehrlich ist – zumindest was die Verfehlungen der anderen betrifft. Die außergewöhnliche Beziehung zu ihrer Schwester Fern, zu der ich bewusst hier nichts näheres erläutern werde, prägt ihr Leben von Beginn an, und selbst nach dem Verlust ist Fern immer präsent, tief im Unterbewusstsein von Rosemary vergraben.

Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke“ entfaltet sich nur langsam, aber wer sich davon nicht abschrecken lässt, bekommt einen kritischen und unheimlich gut recherchierten Roman geboten, dessen Charaktere man nicht mögen muss, um ihn interessant zu finden. Auf jeden Fall zumindest einen Blick wert.

bewertung 4 sterne

Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke von Karen Joy Fowler
We Are All Completely Beside Ourselves
Übersetzung: Marcus Ingendaay
352 Seiten (Hardcover)
Verlag: Manhattan
Erschienen: Mai 2015
ISBN: 978-3-442-54737-1

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Manhattan Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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