[Rezension] Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels

die eleganz des igelsRenée ist 54 Jahre alt und lebt seit 27 Jahren als Concierge in der Rue de Grenelle 7 in Paris. Sie ist klein, häßlich, hat Hühneraugen an den Füßen und ist seit längerem Witwe.
Paloma ist 12, hat reiche Eltern und wohnt in demselben Stadtpalais. Renée führt eine Art Doppelleben: Sie spielt die einfältige Concierge, in Wirklichkeit aber ist sie ungemein gebildet. Während der ruhigen Stunden im Haus hat sie die großen Werke der Literatur und Philosophie gelesen und blickt höchst wachsam auf die Welt und das oft eigenartige Treiben ihrer reichen Nachbarn. Und Paloma? Altklug wie sie ist, hat sie beschlossen, erst gar nicht in die verlogene Welt der Erwachsenen einzutauchen. Sie will sich noch ein paar grundlegende Gedanken über die Welt machen – sich dann aber an ihrem 13. Geburtstag umbringen. Als jedoch Monsieur Ozu, ein japanischer Geschäftsmann, einzieht, verändert sich das Leben im Stadtpalais ganz überraschend.
(Inhaltsangabe: Webseite zum Buch)

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Die französische Autorin Muriel Barbery studierte Philosophie und lebt zur Zeit in Kyoto, Japan. Ihr Romandebüt „Die letzte Delikatesse„, das im Jahre 2000 erschienen ist, wurde bereits in über 40 Sprachen übersetzt. Ihr zweiter Roman, „Die Eleganz des Igels„, wurde in seinem Erscheinungsjahr 2007 zum literarischen Bestseller, mehrfach übersetzt und ausgezeichnet.

Als geneigter Leser braucht man ein klein wenig Zeit, um mit „Die Eleganz des Igels“ warm zu werden. Es kostet ein paar Seiten, vielleicht sogar Kapitel, um sich in den stark philosophisch angehauchten Schreibstil der Autorin hineinzulesen. Leser auf der Suche nach eher seichter und leichter Unterhaltung, haben mit „Die Eleganz des Igels“ die falsche Wahl getroffen. Allen anderen, die nicht vor anspruchsvoller Literatur und Anfangsschwierigkeiten zurückschrecken, wird hier ein ganz wundervolles Stück geschriebenen Wortes geboten.

Im Grunde sind wir programmiert, an das zu glauben, was nicht existiert, weil wir Lebewesen sind, die nicht leiden wollen. So wenden wir unsere ganze Kraft auf, uns zu überzeugen, dass es Dinge gibt, die es wert sind, und dass das Leben daher einen Sinn hat.
(Seite 18)

Renée ist vierundfünfzig und seit fast dreißig Jahren Concierge in einem nahezu herrschaftlichen Stadthaus in der Rue de Grenelle. Die Bewohner der acht Wohnungen beschreibt Renée auf realistische, und in einigen Situationen ungewollt humorvollen Weise. Zwischen Anwälten, Abgeordneten, hübschen Frauchen, rauschgiftsüchtigen Schönlingen und mit Blattgold veredelten Toiletten wird die Concierge von den Reichen mit ihren so typischen Problemen und Ansichten oft einfach übersehen. Sie wird hingenommen als Inventar, als selbstverständlich, ein Möbelstück, mit dem man nicht kommunizieren muss. Und kann. Denn Renée ist eigentlich hochintelligent, hat nur gelernt dies gut zu verbergen.

Madame Michel besitzt die Eleganz des Igels: Außen ist sie mit Stacheln gepanzert, eine echte Festung, aber ich ahne vage, dass sie innen auf genauso einfache Art raffiniert ist wie die Igel, diese kleinen Tiere, die nur scheinbar träge, entschieden ungesellig und schrecklich elegant sind.
(Seite 157)

Doch noch jemand in der Rue du Grenelle beobachtet das Leben der selbstgefälligen Reichen wie einen Fisch im Goldfischglas. Paloma entspricht nicht den Normen für eine Zwölfjährige, ist zu ernst und – wie Renée – viel zu intelligent. Sie sieht die Falschheit in der Welt und die Verlogenheit der Erwachsenen als Last, als eine Situation, der sie sich nicht stellen möchte. Um der Leere des Daseins als Erwachsene entkommen zu können, hat das äußert rational denkende Mädchen beschlossen, zum Ende des Schuljahres hin aus dem Leben zu scheiden.

Die Figur des neuen Mieters, Kakuro Ozu, ist es letztendlich, der Renée und Paloma von ihren bisher getrennten Positionen als Erzählerinnen befreit und zusammenführt, denn der aufmerksame Mann erkennt schnell, dass sich vor allem hinter der Fassade der Concierge weit mehr verbirgt als nur eine einfältige Bedienstete.

Gemeinsam erforschen die drei die Schönheit der Welt, die „Betrachtung der Ewigkeit in der Bewegung des Lebens“. Worin liegt diese Schönheit? Jagen alle Menschen nur auf egoistische Weise ihren eigenen Wünschen und Träumen nach, ohne nach links und rechts zu schauen? Was nährt das Leben, macht es lebenswert? Liebe, Freundschaft, Kunst? Die großen oder kleinen Dinge?

Von Zeit zu Zeit nehmen sich die Erwachsenen offenbar Zeit, sich hinzusetzen und die Katastrophe zu betrachten, die ihr Leben ist. Sie jammern dann, ohne zu verstehen, und wie Fliegen, die immer gegen die gleiche Scheibe stoßen, werden sie unruhig, sie leiden, verkümmern, sind deprimiert und fragen sich, welches Räderwerk sie dorthin geführt hat, wohin sie gar nicht wollten.
(Seite 15)

Auf berührende und eindrucksvolle Weise nimmt sich Muriel Barbery dieser Fragen an, und obwohl der von ihr gewählte Schreibstil zunächst eine merkliche Distanz schafft zwischen Leser und Charakteren, so ist es doch letztendlich genau das Werkzeug, welches die Persönlichkeiten von Renée und Paloma unterstreicht und formt.

Die Eleganz des Igels“ mag zwar ein wenig französisches Flair versprühen, unterscheidet sich aber deutlich von Büchern anderer französischer Autoren, ist nicht locker, leicht und schwermütig, sondern voller komplexer und hochintelligenter Gedankengänge, voller weiser Beobachtungen und Schlussfolgerungen.

Barberys Buch überzeugt mit seiner ganz eigenen Philosophie und Botschaft. Es zeigt, dass Intelligenz nichts ist was man einem Menschen sofort ansieht, und lehrt auf wundervolle Weise, wie wichtig es ist, die Magie des Augenblickes zu wertschätzen. „Die Eleganz des Igels“ lehrt auf unaufdringliche Weise, der Schönheit der kleinen Dinge mehr Beachtung und Aufmerksamkeit zu schenken, und überzeugt mit wundervollen und realistischen Charakteren. Nicht umsonst handelt es sich hier um eines meiner Lieblingsbücher.

bewertung 5 sterne

Die Eleganz des Igels von Muriel Barbery
L’élégance du hérisson
380 Seiten (Klappbroschur)
Übersetzung: Gabriela Zehnder
Verlag: dtv
Erschienen: Mai 2008
ISBN: 978-3-423-24658-3

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3 Gedanken zu “[Rezension] Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels

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