[Rezension] Udo Schroeter: Bin am Meer

bin am meer„Das Meer ist der letzte freie Ort auf der Welt.“
Ernest Hemingway

Eigentlich hatte Daniel nur eine Woche Angelurlaub auf einer einsamen Insel gebucht, um seinem stressigen Alltag eine Weile zu entfliehen. Doch sein „Reiseführer“ Leif beschränkt sich nicht darauf, Daniel nur die besten Angelplätze zu zeigen. Er weist ihn in das jahrtausendealte Handwerkszeug des Jägers ein.

Daniel erkennt seine Chance, aus der Schneller-Höher-Weiter-Spirale auszubrechen und den Begriff „Sinn“ für sich völlig neu zu füllen. Die Woche am Meer wird zu einer Reise zu sich selbst. Aus dem Gejagten wird wieder ein Jäger. Aus dem getriebenen, gehetzten Schatten seiner selbst wird wieder ein Mann: selbstbestimmt, mutig, kraftvoll.
(Inhaltsangabe: Adeo Verlag)

~oOo~

Udo Schroeter lebt mit seiner Familie auf Bornholm, und arbeitet als Autor, Fotograf und Coach. In seinen Seminaren, die auf der Ostseeinsel stattfinden, steht wie in seinen Büchern und Fotografien das Meer als heilsamer Ort ganz klar im Mittelpunkt. Sein Buch „Bin am Meer – Eine Erzählung für Männer“ erschien 2012.

Es gab nicht viele Auszeiten in meinem Leben, das hauptsächlich aus Arbeit und immer kürzeren Restzeiten für die Familie bestand. Ich fand eigentlich gar nicht statt. Nur mein innerer „Geschichtenerzähler“ hielt mich über Wasser. Er säuselte mir ständig Sätze ins Ohr wie: „Bald wird alles besser“, oder: „Sei froh, dass du überhaupt einen Job hast!“ Der Geschichtenerzähler war die personifizierte Unehrlichkeit mir selbst gegenüber, und ich hatte nicht den Arsch in der Hose, um mich von diesem Typen zu befreien.
(Seite 9)

In „Bin am Meer“ erzählt Schroeter von Daniel, einem ständig unter Stress stehenden Arbeitstier, der es nun nach Jahren der Träumerei von dem einen perfekten Angelurlaub endlich geschafft hat, diesen Traum in die Tat umzusetzen. Doch mit Leif, dessen Anzeige Daniel in einer Angelzeitschrift entdeckte, hat er sich keinen normalen Reiseführer herausgesucht, im Gegenteil. Schon zu Beginn stellt Leif eine ganz wichtige und klare Regel auf: Stell dein Handy aus, schalte es die ganze Woche nicht an und komm erst einmal in Ruhe in deinem Ferienhaus an!

Diese ständige Erreichbarkeit, das ständige Checken und Versenden von Nachrichten – die elektronischen Nabelschnüre machen die Menschen krank. Sie versinken in einem Meer von Belanglosigkeiten. Es ist eigentlich die moderne Form der Selbstversklavung.
(Seite 12)

Statt ständigem Erfolgsdruck und Stress stehen auf einmal Ruhe und Entspannung auf dem Plan. Entschleunigung. Kraft tanken. Dinge, für die der Mensch im alltäglichen Leben oft keine Zeit mehr hat, da er das Wesentliche aus den Augen verliert, keine Übergänge schafft, die Arbeit mit nach Hause nimmt und so allem anderen nicht mehr genug Aufmerksamkeit schenkt.

Statt wie ein Jäger kam ich mir vor wie ein Gejagter. Gejagt von meinem Streben nach Status, verbunden mit der existenziellen Angst, alles wieder zu verlieren. Meine eigenen Bedürfnisse trieben mich vor sich her – und ich ließ mich jagen.
(Seite 39)

Tag für Tag wird Daniel nun von Leif in die Geheimnisse und die Magie des Jagens eingeweiht, in den Lauf des Lebens, welcher sich ebenso auf unseren normalen Alltag übertragen lässt. In Geschichten und Anekdoten verpackt der Reiseführer seine „Lehren“ und Ansichten, und spricht wichtige Themen an: Umweltbewusstsein, Sinn des Lebens, Aufmerksamkeit, Familienleben.

Im Mittelpunkt stehen immer wieder vier „Agreements“, vier Ziele, die eigentlich jeder Mensch in seinem Leben hat: Arbeit, Stamm (Familie), Innenblick und Bewahrung der Schöpfung. Eine Unausgeglichenheit führt über kurz oder lang zur Selbstaufgabe, zum Nur-noch-Funktionieren, zum Ausgebrannt-sein. Die Ziele umgibt Leif mit Denksteinen, mit Schritten, die auf dem Weg zum Ziel helfen und Unterstützung liefern sollen. Mut, Achtsamkeit, Intuition, Verantwortung, Vertrauen, Mut, Liebe, Kraft und Klarheit sind dabei Teil des hier geschaffenen Denkmusters.

„Zweifel sind die Botschafter unserer Intuition […] und Zweifel bieten auch die Chance, zurück in unsere Kraft und Verantwortung zu kommen. Wenn wir diese Botschaft verdrängen, zahlen wir den Preis, und die Währung, mit der wir bezahlen, heißt Gesundheit und Freiheit.“
(Seite 115)

Mit Leif als Sprachohr führt Schroeter dem – für diese Art der Selbstreflexion offenen – Leser das eigene Leben vor Augen, die eigene Situation und wie weit entfernt von uns selbst wir oft leben, wie viele Abstriche wir in unserer eigenen Lebensqualität machen.

Muss es wirklich immer das Beste vom Besten sein? Schneller, höher, weiter? Mein Haus, mein Auto, meine Arbeit? Muss ich meine Energie auf drei oder vier Aufgaben gleichzeitig verteilen, auf mehreren Hochzeiten tanzen, oder wäre es nicht besser statt fünfundzwanzig Prozent lieber hundert Prozent zu geben, und diese nur einer einzigen Aufgabe zu widmen?

„Deine Erfahrungen sind auch deine unternehmerischen Wurzeln. Wenn du ständig die Strände wechselst, wird es schwer für dich, irgendwo Wurzeln zu schlagen. Vielleicht bildest du hier und dort zartes Wurzelwerk aus, aber ein Sturm oder ein Hochwasser genügen, um dich zu entwurzeln. Hast du dich aber auf einen Strand festgelegt, können deine Wurzeln sich viel kräftiger verankern, und du hast Unwettern etwas entgegenzusetzen!“
(Seite 223)

Schroeter liefert mit seinem Buch eine Checkliste für das Leben, einen Weg zur Ausgeglichenheit und führt vor Augen, was Abschalten und Stille tatsächlich in einem bewirken können.

„Stille ist die Tür zu unserem Herzen und unserer Seele, auch wenn es für viele Menschen immer schwerer wird, Stille auszuhalten. Vielleicht sind sie zu gehetzt; vielleicht haben sie aber auch einfach Angst davor, dass sich etwas von innen nach außen kehren könnte, was sie im Moment lieber nicht ansehen wollen. […] Stille könnte der Anfang von Veränderung sein und das macht vielen Menschen Angst.“
(Seite 189)

Zwar wirkt die Erzählung etwas gekünstelt, da Schroeter eine ganz klare Botschaft mit jedem Kapitel vermitteln will, unterscheidet sich aber doch deutlich von anderen „Selbsthilfebüchern“ dieser Art, und das eher im positiven Sinne. Sein flüssiger und sehr bildreicher Schreibstil und die Geschichten in der Geschichte machen es schwer, das Buch aus der Hand zu legen.

Schroeter hat mit „Bin am Meer“ ein fast schon modernes Märchen geschaffen, das wie die althergebrachten Märchenerzählungen lehrreich sein will, und eine wichtige Botschaft vermittelt, und das auf überraschend unaufdringliche Weise. Welche Lehren der Einzelne aus der Geschichte zieht, ist dabei jedem selbst überlassen. Eine gelungene, schöne Erzählung, untermalt von den wundervollen Fotografien des Autors und im Gegensatz zur Botschaft im Titel ganz klar auch für eine weibliche Leserschaft geeignet ist.

Bin am Meer: Eine Erzählung für Männer von Udo Schroeter
240 Seiten (Hardcover)
Verlag: Adeo
Erschienen: August 2012
ISBN: 978-3942208710

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