[Rezension] Juli Zeh: Adler und Engel

Adler und Engel von Juli ZehEs ist wie mit der ersten Liebe, sage ich, sie kann noch so lange vorbei sein und wird trotzdem weiterbrummen als ein Grundton in deiner Lebensmelodie.
(S. 256)

Max ist am Ende. Er hat mit dem Leben abgeschlossen. Dabei ist er erst Mitte dreißig und hatte es eigentlich geschafft: Als Karrierejurist war er ganz weit oben auf der Leiter. Doch seit dem Tod seiner Freundin Jessie ist alles anders. Max befindet sich im freien Fall. Die abgebrühte Radiomoderatorin Clara zwingt ihn schließlich zu einer Reise nach Wien, zurück in die Vergangenheit…
(Inhaltsangabe: Verlag btb)

~oOo~

Juli Zeh ist eine deutsche Schriftstellerin und Juristin, die inzwischen nicht nur zahlreiche Romane veröffentlicht hat, sondern für ihre Werke auch mehrfach ausgezeichnet wurde. Ihr Debüt „Adler und Engel“ erschien im Jahre 2001 und wurde inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt.

Wir alle sahen ein bisschen verloren aus, wie Zugvögel, die den Anschluss verpasst haben und nicht mehr wissen, wo Süden ist.
(S. 77)

Adler und Engel“ lässt sich nur schwer in Worte fassen. Ich-Erzähler Max ist Karrierejurist und Balkanspezialist, genau wie seine Erschafferin Juli Zeh, die selbst Juristin mit Schwerpunkt Europa- und Völkerrecht ist. Und genau wie Zeh zweifelt auch Max an den moralischen Grundlagen dieses sogenannten Rechtes – und geht daran zu Bruch. Seine Versuche sich anzupassen wirken nur äußerlich, der Tod von Jessie, die sein Lichtblick war und seinen Beschützerinstinkt in Anspruch nahm, wirft ihn komplett aus der Bahn. Er flüchtet sich von einem Drogenrausch in den nächsten um der Realität zu entkommen.

Die Suche nach Halt, nach Ablenkung vom Schmerz, nach einem neuen Lichtblick sozusagen, führen zu regelmäßigen Anrufen seitens Max bei einer nächtlichen Radiosendung. Er erzählt seine Geschichte, Bruchteil für Bruchteil, und macht so die Moderatorin Clara – ihres Zeichens Desinteresse heuchelnde Psychologiestudentin – auf sich aufmerksam, die in ihm das perfekte Objekt für ihre Diplomarbeit sieht.

Woher kanntest du sie denn, fragt sie.
Ich hab sie in den Trümmern einer eingestürzten Stadt gefunden, sage ich.
(S. 15)

Vergangenheit und Gegenwart geben sich die Klinke in die Hand. Mittels zahlreicher Rückblenden erzählt Zeh wie sich Jessie und Max kennenlernten und liefert immer mehr kleine Details und Hinweise, welche die aktuellen Geschehnisse in immer klarerem Licht stehen lassen.  Komplett klar scheint aber nichts. Max‘ Erzählungen wirken immer mehr wie ein psychotischer Traum, eine Achterbahnfahrt im Drogenrausch. Die Suche nach einer eigenen Wahrheit, die allen Figuren des Romans in gewisser Weise zugrunde liegt, verwandelt sich in eine Geschichte, in der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zur Unkenntlichkeit verwischt sind.

Der Schreibstil von Juli Zeh vertieft dieses Bild noch mehr, arbeitet sie doch mit einer ganz eigenen Bildsprache, bedient sich verschiedenster Metaphern, ohne allzu sehr ins übertriebene oder gar blumige abzudriften. Gerade diese Art des Schreibens zieht den Leser immer mehr in die Welt von Max, mitten hinein in einen wirren Mix aus Erinnerungen und dem Hier und Jetzt.

Ich muss mich mit jemandem unterhalten. Es gibt so viele feine strahlende Wörter in mir, sie brauchen einen Adressaten. Ich fühle mich wie ein Gefäß, in dem Glühwürmchen durcheinander wirbeln. Ich will sie verschenken.
(S. 20)

Adler und Engel“ wirkt wie ein Musikstück, von der ersten bis zur letzten Note perfekt aufeinander abgestimmt, jeder noch so kleine Ton wichtig für die Wirkung des Gesamtkunstwerks. Die Charaktere sind realistisch, menschlich mit ihren Fehlern, jedoch nicht unbedingt sympathisch. Um den Leser an dieses Buch zu fesseln, müssen sie das aber auch nicht sein.

Ein bildgewaltiger Schreibstil, authentische Charaktere und eine Geschichte, die wie ein wirrer Traum die Grenzen zwischen Wahrheit und Rausch verschwimmen lässt, ziehen den Leser hinein in ein wahrhaft besonderes Debüt, das einem nicht unbedingt ausnahmslos gefallen muss, um sich in das Gedächtnis einzubrennen. Wer davor nicht zurückschreckt, sollte „Adler und Engel“ eine Chance geben.

bewertung 4 sterne

Adler und Engel von Juli Zeh
448 Seiten (Gebunden)
Verlag: btb
Erschienen: 2001
ISBN: 978-3-442-72926-5

Vielen herzlichen Dank an den btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

btb logo

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