[Rezension] David Foenkinos: Nathalie küsst

nathalie küsst

Am meisten traf sie der Anblick des Lesezeichens, das das Buch gleichsam in zwei Tele spaltete. Den ersten Teil hatte sie gelesen, als François noch am Leben war. Und auf Seite 321 war er gestorben. Was sollte sie jetzt tun? Kann man eine Lektüre, die durch den Tod des Ehemannes unterbrochen wurde, fortsetzen?
(S. 38)

Nathalie liebt François, und François liebt Nathalie. Sie sind ein Traumpaar. Der Traum zerbricht, als François bei einem Autounfall stirbt, und Nathalie allein ins Leben zurückfinden muss. Und dann verändert ein einziger Kuss alles. Nathalie verliebt sich in ihren Kollegen Markus und erkennt: Für die große Liebe gibt es immer eine zweite Chance.
(Inhaltsangabe: Ullstein)

Nathalie küsst“ ist beiweitem nicht der erste Roman aus der Feder des französischen Autors David Foenkinos. Erschienen im Jahre 2009 in Frankreich und 2011 in Deutschland gilt „Nathalie küsst“ als sein größter Erfolg und wurde 2011 mit Audrey Tautou und François Damiens in den Hauptrollen verfilmt.

Manchmal hatte Nathalie den Eindruck, dass die Leute sie um ihr Glück beneideten. Es handelte sich lediglich um ein vorübergehendes und unbestimmtes Gefühl, nichts wirklich Greifbares. Aber es war vorhanden. Nährte sich von Kleinigkeiten, von einem leise angedeuteten Lächeln, das jedoch Bände sprach, von einem Blick, den man ihr zuwarf. Niemand wäre darauf gekommen, dass ihr ihr Glück zuweilen Angst machte, Angst, es könne ein drohendes Unglück in sich bergen.
(S. 24)

Die Geschichte von Nathalie beginnt langsam, ja fast schon sanft. Das Glück, welches sie in François findet, ist spürbar in jedem Wort und jeder Zeile. Die beiden scheinen ein perfektes Paar zu sein. Doch nichts ist jemals perfekt.

Glückseligkeit wird von Trauer abgelöst. Nathalie stürzt sich in die Arbeit, sucht Ablenkung, versucht zu vergessen und schmerzhafte Erinnerungen zu vertreiben. Hier liegt ganz klar die Stärke des Romans: Im Talent des Autors, Gefühle glaubhaft darzustellen.

Manchmal findet man einen Satz vortrefflich und verschenkt sein Herz an ihn, ohne dass diejenige, die ihn ausgesprochen hat, etwas davon mitbekommt.
(S. 26)

Nathalie küsst“ ist ein typischer kleiner französischer Roman, mit diesem ganz eigenen Flair: langsam, sanft, ironisch, etwas verdreht und gekrönt mit einer Liebesgeschichte. Wo Nathalie selbstbewusst ist, ist ihr Arbeitskollege Markus schüchtern, ja fast schon untalentiert wenn es ums Flirten geht. Mehrmals enden Konversationen der beiden in Missverständnissen und doch kommen sie nicht voneinander los.

Foenkinos schreibt auf einfühlsame, leichte Weise, ohne hochtrabende Formulierungen und übertriebene Wortschöpfungen. Er schafft Charaktere, die vielleicht nicht immer glaubhaft oder echt wirken, aber den Leser trotzdem durch die Geschichte tragen und bei Laune halten.

Leider liegt in den Charakteren auch die Schwäche des Buches. Es fällt schwer, mit den Figuren warm zu werden, und einige Handlungen und Reaktionen lösten bei mir zumindest eher ein Kopfschütteln statt ein romantisch geschwängertes Seufzen aus.

Nathalie küsst“ ist leicht und gefühlvoll. Ein typischer, französischer Roman. Wer mit Büchern dieser Art etwas anfangen kann, sollte David Foenkinos eine Chance geben. Allen anderen bietet sich eine nette, kurzweilige Unterhaltung, die mit ein paar Höhepunkten und netten Textstellen glänzt, sich aber ansonsten kaum aus der Masse hervorhebt.

bewertung 3 sterne

Nathalie küsst von David Foenkinos
La délicatesse
Übersetzung: Christian Kolb
240 Seiten (Paperback)
Verlag: Ullstein
Erschienen: März 2013
ISBN: 978-3548285061

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