[Rezension] Titus Müller: Glück hat tausend Farben

glück hat tausend farbenWir leiden darunter, dass das Leben an uns vorbeirauscht. Wir arbeiten, schlafen, essen, arbeiten, schlafen, essen – und wünschen uns, wieder zu hören, wie am Morgen eine Amsel singt. Wir wünschen uns, die Ameise zu sehen, die eine Tannennadel schleppt. Wir wollen den Wind spüren, der über unsere Wangen streicht. All das ist jeden Tag da, die Amsel, die Ameise, der Wind. Nur wir sind blind geworden durch unsere Lebensgeschwindigkeit.“
Titus Müller

Es gibt eine Kraftquelle, die nur wenige kennen. Obwohl sie jederzeit erreichbar ist. Es ist gut, sich im Trubel des Alltags Zeit zu nehmen. Zeit für die kleinen und unscheinbaren Dinge. Titus Müller zeigt, wie wir längst verlorene Schätze wieder neu entdecken. Die Kunst des Wartens. Die Kunst der Gelassenheit. Die Kunst, sich keine Sorgen zu machen. Die Kunst, einen Augenblick bewusst zu erleben.
(Inhaltsangabe: adeo Verlag)

Titus Müller ist in Leipzig geboren und hat Literatur, Geschichtswissenschaften und Publizistik in Berlin studiert. Mit 24 veröffentlichte er im Jahr 2002 seinen ersten Roman „Der Kalligraph des Bischofs“. Neben Sachbüchern wie „Glück hat tausend Farben“ – das weder sein erstes noch sein letztes Buch gewesen sein wird – und historischen Romanen schreibt Titus Müller Erzählungen, vieles davon mit einer gewissen autobiographischen Note.

Ich wollte Autor werden, ich wollte in einem urigen Dachzimmer sitzen und schreiben und wollte eine Familie gründen mit der tollsten Frau der Welt. Bin ich also überglücklich? Ist das gerade ein perfekter Moment? Nein.
(S. 7)

Das Wichtigste zuerst: Wer hier eine Anleitung zum Glücklichsein sucht, ist hier fehl am Platze. Statt eine Liste vorzulegen, die der geneigte Leser abarbeiten kann, schildert er anhand von selbst erlebten oder beobachteten Alltagssituationen Momente, in denen wir tatsächlich Glück als solches finden können. Wenn wir uns denn die Zeit nehmen stehenzubleiben, durchzuatmen und genau hinzusehen. Nicht umsonst deutet er an, dass das finnische Wort für Mensch sich von dem Verb für „staunen“ ableitet.

Ich frage mich, was der Zeitdruck mit mir anstellt, ob er mich verändert. Zeitdruck macht mich ungnädig, und ich mag mich selbst nicht, wenn ich unwirsch zu anderen bin. Meine schönsten Fähigkeiten verkümmern: die Fähigkeit zu staunen, die Fähigkeit zu genießen, das Mitgefühl.
(S. 20)

Titus Müller zeigt wie sehr uns Stress und gesellschaftliche Normen sowie die Sucht nach Akzeptanz und Anerkennung uns blind gemacht haben für die kleinen Dinge. Kleine Dinge, die oft schon eine große Wirkung erzielen können. Statt sich über fünfminütige Verspätungen zu ärgern, soll man sich doch lieber zurücklehnen und die paar Minuten mehr Ruhe genießen. Meist ist so etwas aber einfacher gesagt als getan, wie wahrscheinlich jeder selbst schon feststellen durfte.

Wenn ich nicht bloß vorübereile, sondern hinsehe, wartet das Glück überall.
(S. 39)

Glück hat tausend Farben“ regt auf jeden Fall zum Nachdenken an und gibt Anreize. Leider bleiben die kleine Geschichten trotz des autobiographischen Anteils eher flach und ohne Tiefgang. Leser, die sich schon einige Bücher dieser Art zu Gemüte geführt haben, werden hier wenig Neues finden. Auch dürften die immer mal wieder auftretenden Bezüge zu Gott und der Bibel den ein oder anderen negativ auffallen. Zwar sind diese Stellen nicht penetrant im Vordergrund, aber trotzdem nicht zu übersehen.

Wer das Kleine, Unscheinbare liebt, der liebt die Welt.
(S. 153)

Titus Müllers „Glück hat tausend Farben“ ist ein nettes kleines Buch für Zwischendurch, das zum Nachdenken anregt und durchaus den einen oder anderen Anreiz gibt, beim nächsten Mal im Supermarkt nicht ständig zu schauen, ob es denn in der anderen Warteschlange schneller geht, und sich darüber zu ärgern. Aufgrund der sehr schönen Aufmachung eignet sich das Büchlein auch gut als kleine Aufmerksamkeit.

bewertung 3 sterne

Glück hat tausend Farben von Titus Müller
176 Seiten
Verlag: adeo
Erschienen: Februar 2012
ISBN: 978-3942208574

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2 Gedanken zu “[Rezension] Titus Müller: Glück hat tausend Farben

  1. Liebe Katja,
    ich kam über das #litnetzwerk auf Deinen Blog (oder einen der zahlreichen Links irgendwo) und freu mich gerade, auch mal bei jemand anderem einen Text über ein Müller-Buch zu lesen. Juhu!
    Viele liebe Grüße und hab einen schönen Tag noch,
    Frauke

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