[Rezension] Nickolas Butler: Shotgun Lovesongs

Shotgun Lovesongs von Nickolas Butler

Das Gefühl, als stünden wir jenseits von allem, was wir je gekannt hatten, und als seien wir vielleicht besser als der Ort, der uns zu dem gemacht hatte, was wir waren. Und doch liebten wir das alles auch. Wir liebten es, Kleinstadtkönige zu sein, auf diesen maroden Türmen zu stehen, auf unsere Zukunft hinauszuschauen, nach etwas Ausschau zu halten – vielleicht nach Glück, vielleicht nach Liebe, vielleicht nach Ruhm.
(S.84)

Little Wing im Norden Wisconsins. Henry und Beth waren schon in der Schule ein Paar und haben ihren Heimatort nie verlassen. Sie kämpfen um ihre Farm und unterstützen ihren Freund Ronny, der nach einem schweren Unfall vom Rodeo-Star zum Alkoholiker wurde. Kip war als Rohstoffmakler in Chicago erfolgreich. Nach seiner Hochzeit will er in seiner alten Heimat neu beginnen, findet dort aber nur schwer Halt. Lee hat ein Album aufgenommen – »Shotgun Lovesongs« – und wurde damit zu einem international gefeierten Star. Auch ihn zieht es zurück nach Little Wing, zu seinem besten Freund Henry und dessen Frau Beth, mit der ihn mehr als eine Freundschaft verbindet. In einem unvorsichtigen Moment setzt er alles aufs Spiel.
(Inhaltsangabe: Heyne)

~oOo~

Bei „Shotgun Lovesongs“ handelt es sich um den Debütroman des amerikanischen Autors Nickolas Butler. Das Buch erschien bereits Ende 2013 als gebundene Ausgabe bei Klett-Cotta und ist seit März 2015 als Taschenbuchausgabe bei Heyne. Inzwischen ist seit Mai 2015 das zweite Buch des Autors auf dem Markt: „Beneath the Bonfire„.

Es fällt schwer, in Worte zu fassen was „Shotgun Lovesongs“ während und selbst Stunden nach dem Lesen mit einem anstellt. Denn was ist schwerer zu beschreiben als Gefühle, die man selbst nicht einordnen kann?

Wenn ich nirgendwo sonst mehr hinkonnte, kam ich hierher zurück. Wenn ich nichts mehr hatte, kam ich hierher, nahm das Nichts und schuf irgendetwas daraus. […] Ich bin hierher zurückgekehrt und habe meine Stimme gefunden.[…] Und jedes Mal, wenn ich hierher zurückkehre, bin ich von Menschen umgeben, die mich lieben, denen ich etwas bedeute, die mich wie ein schützendes, wärmespendendes Zelt umgeben. Hier kann ich Dinge hören, die Welt pulsiert anders, die Stille summt wie ein Akkord, den man vor Äonen angeschlagen hat, die Musik ist in den Espen und Tannen und Kletteneichen und sogar in den Feldern voll vertrocknendem Mais. Wie soll man das jemandem erklären? Wie erklärt man das jemandem, den man liebt?
(S.72)

Nickolas Butler hat in „Shotgun Lovesongs“ Charaktere geschaffen, die so viel Leben in sich haben, dass man das Gefühl nicht los wird, mit ihnen zu leben, statt nur ihre Geschichte zu lesen. Alles scheint eine Bedeutung zu haben, Gesten und Blicke unterstreichen die einzelnen Persönlichkeiten, und doch drängt sich nichts davon dem Leser auf. Man ist nicht gezwungen ein Auge auf jedes noch so kleine Detail zu haben, die Gefühlswelt der Figuren eröffnet sich auch ohne das gewollte Lesen zwischen den Zeilen.

Es gelingt Butler auf ganz wundervolle Weise, eine unglaublich komplexe Geschichte aufzubauen, getragen von fantastischen Charakteren. Genau wie im Leben selbst gibt es Höhen und Tiefen, beeinflusst die Vergangenheit die Gegenwart und ebenso die Zukunft. Butler schafft mit jedem Wort eine noch komplexere Welt, einen Zauber, dem man nicht entkommen kann, selbst wenn man es denn wollte.

Ganz besonders ist hier auch Butler’s Schreibstil hervorzuheben, der, trotz – wie es zunächst scheint – einfacher Wortwahl eine gewaltige Tiefe schafft, einen wahren Sog, der einen nicht mehr loslässt. Zeilen, schwer von Wehmut und Sehnsucht, werden abgelöst von Liebe, Freundschaft, und Zuneigung, sowohl zu Menschen, als auch zum Land selbst. Denn die Liebe zu Wisconsin, den rauen und den sanften Seiten dieses Staates, webt sich geschickt in die Geschichte ein, unterstreicht die Sehnsucht der Charaktere, verstärkt das Gefühl nach Zugehörigkeit, dem Verlangen nach einer Heimat.

Was Nickolas Butler hier geschaffen hat, ist ein kleines Meisterwerk, dessen Zauber und Magie sich nur schwer in Worte fassen lässt. „Shotgun Lovesongs“ lebt von seinen Charaktere, die leiden, lieben, lachen, Mist bauen, sich unmöglich benehmen und doch einfach nur durch und durch eines sind: Menschlich. Butlers Werk ist eine Hommage an das Leben, mit all seinen Facetten. Ein definitives Lesehighlight.

bewertung 4 sterne

Shotgun Lovesongs von Nickolas Butler
Shotgun Lovesongs
Übersetzung: Dorothee Merkel
432 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Heyne
Erschienen: März 2015
ISBN: 978-3-453-43782-1

Vielen herzlichen Dank an den Heyne-Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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6 Gedanken zu “[Rezension] Nickolas Butler: Shotgun Lovesongs

  1. Dem Cover nach hatte ich den Roman als seichte Teenie-Lektüre eingeordnet und nicht weiter beachtet. Glück für mich, dass ich deine Rezension gelesen hab. Ich denke, das Buch wandert jetzt doch auf meinen Wunschzettel. 🙂

    • Geht mir auch oft so dass ich ein Buch tatsächlich nach dem Cover beurteile und ihm kaum weiter Beachtung schenke. Freut mich aber deine Meinung quasi geändert zu haben. ^^

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