[Rezension] Joanna Rakoff: Lieber Mr. Salinger

Lieber Mr Salinger von Joanna RakoffVon ihnen gibt es Hunderte: blitzgescheite junge Frauen, frisch von der Uni und mit dem festen Vorsatz, in der Welt der Bücher Fuß zu fassen. Joanna Rakoff war eine von ihnen. 1996 kommt sie nach New York, um die literarische Szene zu erobern. Doch zunächst landet sie in einer Agentur für Autoren und wird mit einem Büroalltag konfrontiert, der sie in eine längst vergangen geglaubte Zeit katapultiert. Joanna lernt erst das Staunen kennen, dann einen kauzigen Kultautor – und schließlich sich selber.
(Inhaltsangabe: Knaus)

~oOo~

Joanna Rakoff, die mit „A Fortunate Age“ bereits einige Preise gewann, legt mit „Lieber Mr. Salinger“ einen autobiographischen Roman vor. Und ist damit sehr erfolgreich. Wenn sie keine Bücher schreibt, veröffentlicht sie unter anderem in der New York Times, Los Angeles Times und Vogue.

Irgendwo müssen wir alle anfangen. In meinem Fall war es ein dunkles, bis unter die Decke mit Büchern vollgestopftes Zimmer.
(S. 15)

1996. Computer kommen gerade erst in Mode als Joanna ihren ersten Job in einer Literaturagentur antritt, und für die Chance in New York zu arbeiten sogar das Leben in einer eher sehr mit Mängeln behafteten Bude in Kauf nimmt, in der nicht einmal die Heizung funktioniert.

Joanna stellt bald fest, dass das Leben in New York teuer ist. Sehr teuer. Die Miete frisst so viel Geld, dass es kaum für Essen reicht. Und eigentlich würde sie viel lieber Manuskripte lesen statt tagaus, tagein Briefe an einer monströsen Schreibmaschine zu tippen. Doch genau dieser Umstand eröffnet ihr eine völlig neue Welt.

Für meine Chefin war die Agentur kein reines Geschäft, sondern eine Lebensweise, eine Gemeinschaft, ein Zuhause. Insofern hatte die Agentur eher etwas von einem studentischen Geheimbund oder – wobei mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst war, wie weit das ging – einer Religion mit klar definierten Praktiken und Göttern, die es anzubeten galt: an erster Stelle J.D. Salinger, der oberste Gott, dann Fitzgerald als eine Art Halbgott, gefolgt von Dylan Thomas, Faulkner, Langston Hughes und Agatha Christie als kleineren Gottheiten. Die Literaturagenten waren die Priester, deren Aufgabe es war, den Göttern zu dienen, was bedeutete, dass sie austauschbar waren.
(S. 125/126)

Die Briefe die Joanna beantwortet gehen an Fans und Leser des Autors J.D. Salinger, den die Agentur unter Vertrag hat. Genau wie Joanna selbst habe ich bisher zwar von ihm gehört, aber noch nie etwas gelesen. Vorsichtig tastet sie sich an die Werke des Autors heran und nimmt den Leser mit auf ihrer Entdeckungsreise, bei der es einem kaum möglich ist sich dem Zauber Salingers zu entziehen.

Lieber Mr. Salinger“ liest sich zwar wie ein Roman, folgt aber tatsächlich einem Jahr im Leben der Autorin. Über die vier Jahreszeiten hinweg wirft sich der Leser zusammen mit Joanna in das New Yorker Arbeitsleben, in den Agenturalltag, trifft kauzige Chefs und aufstrebende junge Literaturagenten, und beobachtet, wie Joanna selbst wächst, erwachsener und selbstständiger wird.

Für mich als Leser war besonders der Einblick in eine Literaturagentur interessant, in den Arbeitsalltag zu einer Zeit, in der Tradition und Moderne sich abwechseln, die Digitalisierung Einzug hält und manches erleichtert, aber auch verkompliziert. Allein das Abtippen von Briefen und Schreiben per Hand an einer großen, alten Schreibmaschine ist für unsere technikverwöhnte Generation nur schwer vorstellbar.

Und während Joanna – wenn sie nicht gerade Briefe schreibt – Autoren und Bücher für sich entdeckt, nimmt sie uns mit auf ihre ganz besondere Reise, und macht einem nicht nur Salinger schmackhaft, sondern unter anderem auch David Foster Wallace.

Joanna Rakoff hat mit „Lieber Mr. Salinger“ ein Werk geschaffen, welches für Literaturliebhaber nur so gemacht ist. In einer weichen wundervollen Art erzählt sie von ihrem Jahr in New York, von Höhen und Tiefen, von Begegnungen zwischen den Seiten und im realen Leben. Ein absoluter Lesetipp also.

bewertung 5 sterne

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff
My Salinger Year
Aus dem Amerikanischen von Sabine Schwenk
304 Seiten (Hardcover)
Verlag: Knaus
Erschienen: Februar 2015
ISBN: 978-3-8135-0515-3

Vielen lieben Dank an den Knaus Verlag und Katharina Michael für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

knaus

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