[Rezension] Josh Malerman: Bird Box – Schließe deine Augen

bird boxIch sehe was, das du nicht siehst – und es ist tödlich…
Malorie ist hochschwanger, als immer mehr Menschen aus aller Welt von einem schrecklichen Wahnsinn befallen werden und sterben. Gleichzeitig häufen sich die Meldungen von etwas Unheimlichem, dessen bloßer Anblick die Raserei auslösen soll. Schon bald herrscht überall gespenstische Ruhe. Die wenigen Überlebenden haben sich in kleinen versprengten Gruppen zusammengefunden und verbarrikadieren sich in ihren Häusern. Malorie versucht alles, um die Menschen, die sie liebt, zu beschützen – in einer Welt, die von vier Wänden und verdunkelten Fenstern begrenzt wird. Und in der man den Tod erblickt, sobald man nur die Augen öffnet …
(Inhaltsangabe: Penhaligon.de)

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Josh Malerman, seines Zeichens Gruselliteratur- und Horrorfilm-Fan, schrieb zunächst Gedichte, Kurzgeschichten und, als Sänger der Band The High Strung, Songtexte, bevor er sich seinem Debüt „Bird Box“ widmete, das 2014 auf Englisch erschien und nun seinen Weg auf den deutschen Buchmarkt gefunden hat.

Im Netz wird es „das Problem“ genannt. Allgemein verbreitet ist die Ansicht, dass – was immer „das Problem“ sein mag – es eindeutig beginnt, wenn ein Mensch etwas sieht.
(S. 35)

Malorie stellt fest dass sie schwanger ist, gerade als die Neuigkeiten von seltsamen Vorkommnissen die Runde machen. Beginnend von Russland zieht sich das Phänomen über Alaska und Kanada bis nach Amerika, sucht eigentlich harmlose Vororte heim. Menschen sehen etwas, das sie in den Wahnsinn und am Ende in den Selbstmord treibt – und meist nehmen sie auf diesem Wege noch andere Unbeteiligte mit. Doch niemand kann sagen was genau der Auslöser ist. Etwas in der Luft? Am Himmel? Im Licht? Außerirdische?

Josh Malerman gelingt es, die Hysterie zu Beginn der Katastrophe auf faszinierend neutrale Weise einzufangen, denn im Gegensatz zu den meisten gehört Malorie zumindest am Anfang eher zu den Skeptikern, die nicht viel davon halten dass die Menschen überall plötzlich ihre Augen geschlossen halten und die Fenster und Türen ihrer Häuser verriegeln und abdecken. Doch schon bald muss auch sie sich der Wahrheit stellen, die hinter all den Medienberichten steckt und sich in einer neuen Welt zurechtfinden.

Bird Box“ erzählt abwechselnd von der schwangeren Malorie, die sich in einer neuartigen und veränderten Welt zurechtfinden muss, und einer Malorie, die zusammen mit zwei vierjährigen Kindern in ihrem Haus lebt.

Die ältere Malorie wirkt abgestumpft gegenüber der „neuen“ Welt, gegenüber dem Leben das sie jetzt führt, aber das scheint zunächst nur so. Geschickt fängt Malerman den Horror ein, die Dinge die Malorie nicht nur sich, sondern auch den Kindern zugemutet hat, um in einer Welt zu überleben, in der das Öffnen der Augen deinen Tod bedeuten könnte. Sie will ihren Kindern, deren Gehör zur Perfektion geschult ist, eine Chance geben, eine Möglichkeit. Hoffnung. Hoffnung in einer Welt, heimgesucht von selbst auferlegter Dunkelheit. Eben jene Hoffnung treibt Malorie letztendlich dazu ihr sicheres Heim zu verlassen.

Wie kann sie erwarten, dass die Kinder in ihren Träumen nach den Sternen greifen, wenn sie den Kopf nicht heben dürfen, um zu ihnen hinaufzuschauen?
(S. 86)

Malerman gelingt es trotz einer einfach gehaltenen Sprache seine Art des „Horrors“ auf ganz subtile Weise aufzubauen. Wie angsteinflößend kann es sein, der Fähigkeit des Sehens beraubt zu sein? Wenn du spürst, dass sich etwas neben dir bewegt. Wenn etwas dich berührt. Und du kannst nicht die Augen aufreißen um zu sehen ob ein Blatt oder Fingerspitzen deine Schulter gestreift haben, denn dies könnte deinen Weg in den sicheren Wahnsinn bedeuten. Wem kann ich trauen? Was tut das Eingesperrtsein mit Menschen, die sich vorher nicht kannten? Und was tut der Wahnsinn mit all jenen Menschen, die bereits vor dem Beginn der Katastrophe verrückt waren?

Als Leser ist man gezwungen mit dem zu agieren, das die Charaktere wahrnehmen und sehen. Doch dieses bewusste Im-Dunkeln-gelassen-werden trägt eher noch zur Steigerung der Spannung bei, obwohl der eigentliche Handlungsort sowie der -spielraum ziemlich überschaubar ist. Man darf hier keinen actiongeladenen Thriller erwarten, der einen kaum zu Atem kommen lässt. „Bird Box“ lebt von den gekonnt in Szene gesetzten Details, von der Beklemmung, die die Vorstellung des nicht sehen könnens sowohl bei den Charakteren, als auch beim Leser selbst auslöst, von den Entscheidungen, die getroffen werden müssen, vom Schrecken des Unbekannten.

Es werden zwar nicht alle Fragen die während des Lesens aufkommen geklärt, aber das tut der eigentlichen Geschichte keinen Abbruch. Denn nicht immer muss es auf alles eine Antwort geben. Oftmals ist es gerade dieses letzte bisschen Ungewissheit, die ein gutes Buch ausmacht und die eigene Vorstellungskraft beansprucht. Allerdings wird im Laufe der Geschichte aufgeklärt, warum der Roman den Titel „Bird Box“ trägt.

Bird Box“ ist ein mehr als gelungenes Debüt, das sich nach ein paar kleinen Startschwierigkeiten zu einer faszinierenden und beklemmenden Geschichte entwickelt, die gekonnt mit den Ängsten der Menschen – in diesem Fall der Leser – spielt. Denn was ist furchteinflößender als unsere eigene, lebhafte Vorstellungkraft?
Definitiv einen Blick wert.

bewertung 4 sterne

Bird Box – Schließe deine Augen von Josh Malerman
Bird Box
320 Seiten (Hardcover)
Verlag: Penhaligon
Erschienen: März 2015
ISBN: 978-3-7645-3121-8

Vielen herzlichen Dank an den Penhaligon Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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3 Gedanken zu “[Rezension] Josh Malerman: Bird Box – Schließe deine Augen

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