[Rezension] Marie Slaight: The Antigone Poems

the antigone poemsLeidenschaftlich, brutal und mit einer außergewöhnlichen Lyrik versehen bieten die Gedichte um Antigone eine ganz besondere Expedition in die Tiefen der ursprünglich von Sophokles verfassten Tragödie.

Die obsessive und letztlich geheimnisvolle Kraft des Werkes rückt eine heldenhafte, tragische Figur in den Fokus, die sich inmitten eines Kampfes zwischen Göttern und Menschen wiederfindet.

The Antigone Poems“ ist eine Zusammenarbeit zwischen der Dichterin Marie Slaight und dem Künstler Terrence Tasker, und wurde in den 1970er Jahren geschaffen, als die beiden in Montreal und Toronto lebten. Das Werk erscheint nun in neuer Aufmachung im März 2014.

Bei Antigone handelt es sich um eine Figur aus Sophokles Thebanischer Trilogie, zu der neben „Antigone“ auch „König Ödipus“ und „Ödipus auf Kolonos“ gehören. Sie ist eines der vier Kinder von Ödipus und Iokaste, gleichzeitig aber auch Ödipus Schwester und Iokaste’s Enkelin. Nachdem Ödipus erfährt dass er seine eigene Mutter geheiratet und seinen Vater getötet hat, sticht er sich die Augen aus. Es ist nun an Antigone, ihren blinden Vater in die Verbannung zu begleiten (Ödipus auf Kolonos). Nachdem ihr Onkel Kreon versucht sie zu entführen, wird sie von Theseus befreit und kehrt nach Ödipus Tod nach Theben zurück.

In my heart (only)
The last flutter. Anguish
In whispered song.

In Sophokles Antigone stellt sie sich gegen den in Theben regierenden König Kreon, der die Bestattung von Polyneikes (einer von Ödipus Söhnen) mit dem Tode bestraft, da dieser das Vaterland verraten habe. Mit dem Glauben den Göttern mehr gehorchen zu müssen als den Menschen beginnt Antigone mit den vorgeschriebenen Bestattungsritualen und ermöglicht Polyneikes so den Einzug in den Hades. Von Kreon entdeckt, steht sie zu ihrer Tat und wird trotz dass sie die Braut von Kreons Sohn Haimon ist, zur Strafe lebendig begraben. Allerdings mit genügend Nahrung, sodass sie Zeit hat über ihre Schuldigkeit nachzudenken und um Vergebung zu bitten. Dies führt nicht nur zu einem Streit zwischen Kreon und seinem Sohn, sondern letztendlich auch zum Tod von Antigone und Haimon, denn als dieser von Antigones Selbstmord erfährt, will auch er nicht mehr leben.

In Sophokles Werk erweist sich Antigone als starke Frau, die sich weder von ihrem Vater abwendet, als die Wahrheit um ihre Abstammung ans Licht kommt, noch sich von einem König einschüchtern lässt. Für ihre Überzeugungen ist sie bereit Rechnung zu tragen und der Strafe erhobenen Hauptes entgegen zu sehen, obwohl sich ihr die Möglichkeit bietet, die Schuld auf andere abzuladen oder zumindest abzuschwächen.

Lay stake to my fire. You tear pain. I cry.
Take whip to my wilds. You lash fear. I burn.
Carve nails to my flesh. You draw blood. I drown.

Marie Slaight zeichnet mit ihren Versen ein etwas anderes Bild, beleuchtet Antigones Innenwelt, zeigt auf mit welchen Gedanken sie sich quält, hin- und hergerissen zwischen Verpflichtung, Loyalität und Selbstwertgefühl. Slaight’s Antigone kämpft, brennt, schreit und zieht einen bereits nach der ersten Zeile in ihren Bann. Wohl vor allem auch durch die große Kraft, die hinter Slaight’s Art der Dichtung steckt. Geschickt arbeitet sie mit allen Möglichkeiten die ihr sowohl das geschriebene Wort als auch die Gestaltung und der Versbau bieten, findet kurze, prägnante Worte, die viel mehr Macht ausüben, als es jeder blumige und hochliterarische Satz je könnte.

This voice
Is afraid to speak. Afraid
Of the brutal metal
Of its words.
Words that scrape. Words that scar. Words that have no peace.
If I utter this voice
This great
Aching scream
Its horror will echo forever. The empty beast.

Man muss sich auf dieses Werk einlassen, muss es auf sich wirken lassen. Tut man das, eröffnet sich einem ein atemberaubendes Gesamtkunstwerk, welches durch Terrence Tasker’s Zeichnungen perfekt ergänzt wird. „The Antigone Poems“ ist kein Gedichtband, den man so einfach nebenbei lesen kann. Im Gegenteil. Slaight’s Neudichtung verschlingt, berührt und klingt nach, wenn man ihr die Chance gibt und sich darauf einlässt. Definitiv eines meiner Highlights in diesem Jahr.

bewertung 5 sterneThe Antigone Poems von Marie Slaight und Terrence Tasker (Illustration)
100 Seiten (Broschiert)
Verlag: Altaire Publications
Erschienen: März 2014
ISBN: 978-0980644708
ca. 19 €

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