[Rezension] Inés Garland: Wie ein unsichtbares Band

wie ein unsichtbares bandAlma und ihre Eltern verbringen jedes Wochenende in ihrem Haus auf einer kleines Flussinsel, um dem Trubel der Großstadt Buenos Aires zu entfliehen. Von Anfang an versteht sich Alma mit den Nachbarskindern Carmen und Marito, die im Gegensatz zu Almas Familie in ärmlichen Verhältnissen auf der Insel wohnt. Bald schon verbindet die Kinder eine tiefe Freundschaft, und ganz besonders Carmen wird bald schon zu Almas bester Freundin.

Doch die Kinder trennen Welten. Die Grenze zwischen arm und reich wird mit den Jahren immer deutlicher. Da ist es nicht verwunderlich, dass Almas Eltern die aufkeimende Zuneigung zwischen Marito und ihrer Tochter ein Dorn im Auge ist und sie Alma den Umgang mit ihm verbieten.

Aber vor dem Hintergrund der aufkeimenden Militärdiktatur in Argentinien, in denen ein Wort zum Verhängnis werden kann und Gewalt in den Straßen vorherrscht, steht Alma und ihren Jugendfreunden weit schlimmeres bevor.

Wie ein unsichtbares Band“ ist der zweite Roman der argentinischen Autorin Inés Garland. Das bereits 2009 in ihrem Heimatland erschienene Werk ist ihr Debüt auf dem deutschen Buchmarkt.

Eine Geschichte über die Liebe und das Erwachsenwerden, vor dem Hintergrund der aufkeimenden Militärdiktatur in Argentinien. Dies mag zunächst nach einem hochdramatischen Roman klingen. Doch Inés Garland schlägt einen anderen, zarteren Weg ein.

Alma ist die Tochter reicher Eltern, die nur die Wochenenden auf einer kleinen Flussinsel verbringt, und ansonsten in Buenos Aires lebt und dort zur Schule geht. Alma ist anders als die Mädchen an ihrer katholischen Schule. Sie hat keine Freundinnen, fühlt sich anders. Ihre einzige Freundin ist Carmen, die mit ihrer Großmutter und ihren Geschwistern auf der kleinen Insel lebt. In armen Verhältnissen, abhängig vom Wohlwollen des Flusses, der jährlich ihr Häuschen unter Wasser stehen lässt. Abhängig von dem wenigen Geld, das die Familie zur Verfügung hat. Doch Carmen ist selbstsicher, mutiger als Alma und behandelt sie reiche Nachbarstochter als wären sie schon immer Freundinnen gewesen.

Alma, Carmen und Marito verbindet vom ersten Moment an ein tiefes Band, unsichtbar für das Auge, jedoch mit dem Herzen zu sein. Und unsichtbares Band, zart und verletzlich.

Jahre nach diesem Hochwassermorgen erklärte mir eine Seherin, ich sei dieser Famile bereits in einem früheren Leben begegnet. Unsere Seelen, sagte die Frau, hätten sich längst gekannt und seien auf die Erde zurückgekommen, um einen Traum miteinander zu teilen.

Gemeinsam mit Marito erkunden sie die Insel, erleben Abenteuer am und auf dem Fluss. Werden gemeinsam älter. Marito, der Junge mit der schimmernden Haut und den nachtschwarzen Augen spielt schon bald nicht mehr mit den Mädchen, hat Pläne, will an der Technischen Universität in Buenos Aires studieren.

Und auch Carmen und Alma werden erwachsener und entfernen sich voneinander. Eine Kinderfreundschaft, die sich aufzulösen droht, und den Todesstoß durch ein gebrochenes Versprechen versetzt bekommt.

Alma ergeht es wie Dona Angela. Sie trauert. Sie trauert der Freundschaft nach. Den Abenteuern. Sie beginnt zu spüren was für ein großes Hindernis die Unterschiede zwischen arm und reich sind, Dinge, die sie als junges, kleines Mädchen nicht wahrhaben wollte, die nun aber immer mehr zum Tragen kommen. Und auch ihre Eltern machen Alma klar, dass diese Freundschaften einfach nicht von Dauer sein können.

Und Alma trauert Marito hinterher. Denn das Band der Freundschaft ist bei ihnen zu mehr geworden, hat eine andere Art von Gefühlen geweckt. Gefühle, die von Almas Eltern nicht geduldet werden können.

Sie merkten nichts, und ich begriff, dass es Dinge gibt, die man mit sich herumträgt und die niemand wahrnehmen kann, und dass darin die wahre Einsamkeit besteht: nichts zu sagen und bei niemandem Trost zu finden, den Trost nicht einmal zu suchen, als wäre für die Dinge, die am meisten weh tun, nur das Schweigen bestimmt.

In „Wie ein unsichtbares Band“ erzählt Inés Garland aus der Sicht von Alma über ein Leben und eine Zeit, die uns völlig fremd erscheinen mögen, und sich doch, lässt man die äußeren Umstände außer Acht, gar nicht so sehr von dem uns Bekannten unterscheiden. Garlands sehr einfacher, episodenhafter Schreibstil entwickelt einen wahren Sog, liegt doch in den wenigen Worten so viel Gefühl, dass man sich der Atmosphäre beim Lesen nicht entziehen kann.

Eine gewisse Distanz bleibt allerdings, denn dem Leser ergeht es wie Alma. Nicht alles was geschieht wird verstanden, nicht alles macht Sinn. Dennoch ist Alma ein ganz wunderbarer Charakter. Ein Mädchen, das nicht verstehen kann, warum der Besitz und der Wohlstand einer Person darüber entscheidet, ob diese Person es wert ist beachtet, ja sogar als Freund betrachtet zu werden.

Fast schon erscheint die zarte Liebesgeschichte zwischen Alma und Marito wie eine moderne Romeo-und-Julia-Romanze, da auch hier die Familien letztendlich der Meinung sind, dass diese Beziehung nicht funktionieren wird. Und nicht funktionieren darf. Allein schon die Freundschaft zwischen den Kindern, und später den Jugendlichen, sollte eingebunden werden, sind sie doch einfach zu verschieden.

Das Leben geht weiter, man kann unmöglich wissen, wie es gewesen wäre, wenn wir uns nicht gerade in diesem Moment verliebt hätten, sondern andere Türen geöffnet hätten.

Der Ausgang scheint vorprogrammiert, jedoch gelingt es Garland den Leser zu überraschen. Sich der Geschichte von Alma, Marito und Carmen ist fast nicht möglich, ist man doch gefesselt von der Intensität der Worte, von all den Gefühlen und der Tiefe die sich zwischen den Zeilen finden, von der tiefen Traurigkeit und Melancholie.

Die argentinische Militärdiktatur wird im Roman selbst kaum erklärt, schließlich kennt wahrscheinlich jedes Kind in Argentinien die Hintergründe, allerdings hat es sich der Verlag nicht nehmen lassen, zu eben jenem Thema ein Nachwort zu verfassen, dass es dem Leser erleichtert sich ein Bild von der damaligen Lage zu machen. Ein guter Schachzug.

Wie ein unsichtbares Band“ ist eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und Vertrauen, über Verlust, Trauer und Melancholie. Ein Buch, das es dem Leser aufgrund seiner Episodenaftigkeit nicht einfach macht, dessen Zauber man sich aber nicht entziehen kann, wenn man sich einmal darauf eingelassen hat.

bewertung 4 sterneWie ein unsichtbares Band von Inés Garland
Piedra, papel o tijera
256 Seiten (Hardcover)
Verlag: Fisher KJB
Erschienen: Februar 2013
ISBN: 978-3596854899
14,99 €

Vielen herzlichen Dank an den Fischer Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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