[Rezension] Christoph Marzi: Die wundersame Geschichte der Faye Archer

faye archerFaye Archer ist neunundzwanzig und lebt ihren ganz eigenen Traum. In Brooklyn, New York, besitzt sie eine kleine Wohnung mit Pünktchensofa und Piano und arbeitet als Buchhändlerin bei Real Books, das von einem modernen New Yorker Shaolin betrieben wird. Und wenn sie keine Geschichten verkauft, dann komponiert und singt sie, und tritt auf als Musikerin.

Nur in der Liebe ist Faye kein wirkliches Glück vergönnt. Doch dann taucht ein Unbekannter im Buchladen auf, und obwohl Faye ihn nicht einmal von Angesicht zu Angesicht sieht, weckt er ihr Interesse mt einem einzigen Satz, der ihr so seltsam vertraut vorkommt: Manche Geschichten sind wie Melodien. Als der Fremde auch noch sein Skizzenbuch im Laden vergisst, tut Faye etwas für sie völlig Untypisches. Sie sucht das Internet nach dem Zeichner ab, und findet ihn letztendlich bei Facebook.

Aus einer einfachen Nachricht entwickelt sich ein reger Austausch zwischen ihr und Alex Hobdon, dem Unbekannten, der schnell ein zartes jedoch seltsam intensives Band entstehen lässt, das die beiden nicht loslässt. Doch die Treffen der beiden stehen unter keinem guten Stern, und es geschieht etwas, das Faye an Alex‘ Geschichte zweifeln lässt, denn es erscheint so unglaublich, dass es doch gar nicht wahr sein kann. Oder doch?

Die wundersame Geschichte der Faye Archer“ ist der neueste Roman aus der Feder des deutschen Autors Christoph Marzi, der unter anderem mit seinen Büchern um die Alte Metropole ( z.B. „Lydicas“ ) einen großen Bekannt- und Beliebtheitsgrad erreicht hat.

Dem Buchcover gelingt es auf wundervolle Weise, die Atmosphäre von Marzi’s Roman einzufangen. Brooklyn im Herbst. Alte Häuser mit Treppen, die zu den Eingangstüren hinaufführen. Kalte und warme Farben wechseln sich ab, fließen ineinander. Der Winter steht vor der Tür, doch noch kämpft die Herbstsonne um ihren Platz. Und so verhält es sich auch mit der Geschichte um Faye Archer. Wärme und Freude wechseln sich ab mit Zweifeln und Kälte, Traurigkeit und Glücklichsein. Ein Kreislauf der niemals wirklich endet, eingefangen mit Worten auf Papier, um uns daran teilhaben zu lassen.

Dann, später am Abend, kam der Herbst über sie, und ihr Herz atmete den Winter, der, kühl und gierig besitzergreifend, eigentlich schon längst bei ihr war.

Faye Archer ist 29 Jahre alt, Musikerin aus Leidenschaft und Buchhändlerin. Sie hat ihr Studium abgebrochen und verkauft stattdessen Geschichten und verzaubert Menschen mit ihrer Musik, facettenreich, zart und verspielt. Liedtexte und Melodien fallen ihr bei jeder Gelegenheit ein, ganz plötzlich, wenn sie aus dem Fenster ihrer Wohnung schaut, oder wenn sie in den Straßen ihres New Yorks spazieren geht. Sie führt ein ruhiges Leben, fernab des Trubels, hat eine Vorliebe für alte Dinge. Und Punkte. Denn Punkte „machen das Leben schöner“. Faye erweist sich als facettenreicher, liebenswerter Charakter, versetzt mit wundervollen Macken, die sie noch glaubhafter machen, als sie schon ist.

Der komplette Gegenteil zu Faye ist ihre beste Freundin Dana Carter. Ganz die Businessfrau hat sie stets eine ihrer Golden Key Solutions parat, und liebt alles moderne und neue. Und nebenbei hat sie eine Schwäche für George Clooney, und die Angewohnheit jeden Mann zunächst George zu nennen. Dana als Charakter ist ständig präsent, auch wenn sie tatsächlich nur selten direkt in Erscheinung tritt. Denn obwohl die beiden so verschieden sind, ist Dana Fayes beste Freundin und die Person, bei der sie sich -meist über das Telefon, obwohl ihr das Schreiben lieber ist- Rat holt. Für Faye ist Dana bewundernswert. Und Dana scheint sich dessen bewusst zu sein.

Und dann ist da Alex Hobdon. Faye spürt im ersten Augenblick, dass Alex anderes ist. Er ist Künstler, zeichnet, will aus „Frühstück bei Tiffany“ eine Graphic Novel machen. Hektik und Eile mag er nicht, und genau wie Faye zieht er das Schreiben dem Telefonieren vor, hat man so doch Zeit eine Antwort zu formulieren. Und doch scheint bei Alex nichts so zu sein wie man glaubt. Er ist das große Geheimnis dieses Romans, der Charakter, bei dem Fiktion und Realität miteinander verschmelzen. Oder hat er sich am Ende nur in ein Geflecht aus Lügen verstrickt?

Es gibt Momente, die sind so unwirklich, dass man sie einfach nicht begreifen kann, nicht mit dem Verstand, sehr wohl aber mit dem Herzen. Man befindet sich plötzlich mittendrin in diesen Momenten. Sie umgeben einen wie alte Zuckerwatte, klebrig und fies. Und obwohl man diese Augenblicke schon erlebt hat, fühlt man sich wie ein Fremder, aus der Bahn des eigenen Lebens geworfen.

Die beiden Hauptcharaktere Faye und Alex dominieren ganz klar die Geschichte, jedoch gelingt es Marzi auch mit seinen Nebencharakteren Persönlichkeiten zu erschaffen, die einem beim Lesen ans Herz wachsen.

So ist da zum einen Mica Sagong, der Besitzer des Buchladens in dem Faye arbeitet, seines Zeichens Shaolin, teuflisch gutaussehend aber verschroben. Er blickt mehr als einmal hinter die Fassade und lockt Fayes Gefühle aus ihrem Schneckenhaus hervor, und steht ihr oft mit einem Rat zur Seite. Ein Lehrer, für den alles Karma ist, und ein Freund. Mica ist weise, geduldig und hat doch einen ganz eigenen Sinn für Humor, der mich persönlich mehr als nur einmal zum Lächeln gebracht hat.

Doch auch andere Figuren hinterlassen, auch wenn ihr Auftritt nur kurz ist, einen bleibenden Eindruck. So haben sich zum Beispiel die beiden Musikladenbesitzer T.C. und Cricket bereits nach wenigen Zeilen in mein Herz geschlichen.

Musik nimmt in „Die wundersame Geschichte der Faye Archer“ einen großen Stellenwert ein, ist doch der gesamte Roman angenehm durchzogen von musikalischen Referenzen, und ein simpler Herbsttag wird plötzlich zu einem wundervollen Chanson. Marzi liefert hier einen ganz besonderen Soundtrack zum Buch, der Faye und ihre Gefühle wunderbar einfängt. Manche Geschichten sind eben tatsächlich wie Melodien. Und Marzi’s Roman ist eine einzige Melodie, an der es nichts, aber auch gar nichts auszusetzen gibt.

Marzi schreibt leicht, in einem ganz eigenen Ton, der perfekt zur Stimmung des Buches passt. Seine Worte folgen einer ganz eigenen Melodie und verschmelzen zu einem ganz wunderbaren Werk, dass den Leser mitnimmt und nicht mehr loslässt, in dem sich musikalische, künstlerische und literarische Bezüge und Vergleiche finden. Zwar wird Marzi immer wieder mit Neil Gaiman verglichen, und so ganz kommt er an Gaimans Art zu Schreiben nicht heran, gibt es doch letztendlich deutliche Unterschiede, jedoch liegt hier ein Roman vor, der sich nicht verstecken muss. Im Gegenteil.

„Bücher haben eine Seele“, pflegte Mica Sagong zu sagen. „Keiner muss die Seele eines Buches suchen. Die Seele des Buches findet den Leser. Das tut sie immer.“

Die wundersame Geschichte der Faye Archer“ ist ein Buch voller Wortmusik, voller Liebe, voller herbstlicher Wärme, vermischt mit Stürmen und Winterkälte. Ein Buch mit wunderbaren Charakteren, die verzaubern und mitreißen, die man ins Herz schließt, mit denen man lacht, leidet und die wildesten Spekulationen aufstellt. Das perfekte Buch für einen Herbsttag, den man mit Lieblingstee und -decke auf dem Sofa verbringen möchte. Unbedingt lesen.

bewertung 5 sterne

Die wundersame Geschichte der Faye Archer von Christoph Marzi
384 Seiten (Klappbroschur)
Verlag: Heyne
Erschienen: August 2013
ISBN: 978-3453529922
14,99 €

Vielen herzlichen Dank an den Heyne-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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