[Rezension] Lauren Oliver: Delirium

Früher glaubten die Menschen, die Liebe wäre etwas Gutes, etwas Wunderbares. Sie verstanden nicht, dass die Liebe – Amor Deliria Nervosa – eine Krankheit ist, und verantwortlich für viele Leiden und Kriege. Doch nun ist es Wissenschaftlern gelungen ein Heilmittel zu finden…

Die siebzehnjährige Lena Holoway lebt in Portland, USA, umgeben von Zäunen und abgeschottet von allen Gefahren, die sich außerhalb der von der Regierung kontrollierten Gebieten befinden. Sie vertraut der Regierung und fiebert ihrer Heilung entgegen, weiß sie doch, was die Krankheit Liebe anrichten kann. Doch die Regierung erlaubt eine Heilung erst ab 18 Jahren, um Komplikationen auszuschließen.

Doch dann lernt Lena Alex kennen. Und während sie Gefühle für Alex entwickelt, beginnt Lena langsam das System, von dem sie jahrelang überzeugt war, zu hinterfragen…

Bei „Delirium“ handelt es sich um den Auftakt einer neuen dystopischen Romanreihe aus der Feder von Lauren Oliver, die einigen wohl bereits aufgrund ihres Romans „Before I Fall“ (dt. „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie„) bekannt ist.

Die Idee eines Regierungssystems, dass das Leben der Menschen kontrolliert, ist natürlich die wichtigste Grundlage einer Dystopie, und daher auch nicht sonderlich neu. So macht Portland, Lenas Heimat, den Eindruck eines Überwachungsstaates. Alles wird überprüft und geregelt, Telefonate und Internetnutzung werden überwacht, es gibt Ausgangssperren, Medien wie Bücher und Musik werden strengstens kontrolliert. Mögliche Ehepartner werden durch das System ausgewählt, und selbst die Anzahl der Kinder pro Ehepaar wird festgesetzt. Eine Welt, in der die Liebe als gefährliche Krankheit gilt, und Shakespeares „Romeo und Julia“ dazu dient, die Gefahren der Amor Deliria Nervosa aufzuzeigen – eine Krankheit, so schwerwiegend, dass Menschen dafür freiwillig in den Tod gehen.

Lena ist überzeugt von der Richtigkeit des Heilmittels, hat Angst davor, die Krankheit zu bekommen, bevor ihre Heilung erfolgt. Wie alle kennt sie die Geschichten von Mädchen, die lieber Selbstmord begehen statt sich der Operation zu unterziehen, doch schließlich ist ja die Deliria Schuld an diesem Verhalten. Oder? Ihre Mutter, die den Tod vorzog statt sich zum vierten Mal der Heilung zu unterziehen, zeigt Lena immer wieder auf, wie gefährlich die Liebe doch eigentlich ist und unterstreicht ihr Vorhaben, sich unbedingt heilen lassen zu wollen.

Als Charakter ist Lena wunderbar sympathisch und glaubhaft. Sie hält sich keineswegs für eine Schönheit, ist schusselig, unscheinbar und schüchtern und somit froh, dass ihr die Partnerwahl vom System erleichtert wird („At least I’ll end up with somebody.“). Das völlige Gegenstück also zu ihrer besten Freundin Hana: offen, furchtlos, unabhängig und ein klein wenig rebellisch.

Doch dann begegnet ihr Alex. Alex, der Gefühle in Lena weckt, die ihr Angst machen sollten. Stattdessen gibt sie ihnen nach, bricht ganz klar die Regeln des Systems, als sie sich mit ihm trifft, vor allem nachdem er ihr ein Geheimnis über sich offenbart, das Lena in große Gefahr bringen könnte. Und doch kann und will sie sich ihm nicht entziehen. Und Alex als Charakter ist einfach auch unwiderstehlich gut in Szene gesetzt worden.

Die aufkeimende Beziehung zwischen Alex und Lena verläuft sehr zart und langsam. Es gibt einige ganz wundervolle Szenen zwischen den beiden, und ganz besonders die eine Episode in der Hütte – mehr verrate ich dazu nicht – hat es mir angetan. In meinen Augen ist es genau dieser Moment, in dem Lena wirklich erkennt, was sie da die ganze Zeit fühlt. Und obwohl man diese Szene durchaus als Klischee bezeichnen könnte, ist sie einfach nur schön.

„They told us that love was a disease. They told us it would kill us in the end. For the very first time I realize that this […] might be a lie.“

Delirium“ erweist sich als sehr charakterorientiert, besonders zu Beginn der Geschichte. Der ruhige Ton wird in der zweiten Hälfte des Buches in gewisser Weise abgelöst, denn die Handlung wird um einiges fesselnder; deutlich ist der Ring zu spüren, der sich immer enger um Lena und Alex zusammenzieht. Lauren Olivers Schreibstil fesselt von der ersten bis zur letzen Seite, treibt einem aufgrund seiner einfachen Schönheit mehr als einmal Tränen in die Augen.

Mit „Delirium“ ist Lauren Oliver ein mehr als gelungener Start für ihre neue Romanreihe gelungen (der zweite Teil „Pandemonium“ erscheint Ende Februar 2012). Eine Geschichte voller Liebe und Verlust, voller Grenzen und neuer Möglichkeiten, wunderschön und erschreckend zugleich. Ein Buch, das einen zunächst langsam und dann immer mehr fesselt, und den Leser zum Schluss mit Schrecken auf die letzten Zeilen starren lässt. Unbedingt lesen!

bewertung 4 sterne

Delirium von Lauren Oliver
416 Seiten (Broschiert)
Verlag: Hodder & Stoughton
Erschienen: August 2011
ISBN: 978-0340980934
ca. 8 €

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