[Rezension] Carlos Ruiz Zafón: Marina

„Wir alle haben im Dachgeschoss der Seele ein Geheimnis unter Verschluss.“

Barcelona, am Ende des Jahres 1979. Der fünfzehnjährige Óscar Drai besucht ein Internat, sehnt sich jedoch danach, am pulsierenden und faszinierenden Leben in Barcelona teilzuhaben. So zieht es ihn immer wieder heimlich hinaus in die Gassen der Stadt.

Auf einem seiner Streifzüge durch die alten Villenviertel begegnet Óscar einem jungen Mädchen. Blond und blass scheint Marina so zart, als wäre sie nicht von dieser Welt. Óscar ist sofort von ihr fasziniert.

Zusammen mit Marina nimmt Óscar die Fährte einer geheimnisvollen Dame in Schwarz auf, nicht ahnend, was sie damit ins Rollen bringen. Gemeinsam werden die beiden in eine Geschichte voller Gefahr, Wut und Größenwahn gesogen. Eine höllische Verbindung von vernichtender Kraft, die alles Glück zu zerstören droht.

Doch auch Marina umgibt ein Geheimnis…

Marina“ wurde bereits im Jahre 1999 in Spanien veröffentlicht, und hat nun, nach den bahnbrechenden Erfolgen des Autors Carlos Ruiz Zafón, seinen Weg auf den deutschsprachigen Markt gefunden.

Gleich zu Beginn: Sehr schön finde ich, dass der Verlag das Originalcover beibehalten und nur geringfügig bearbeitet hat, gibt es doch die Atmosphäre des Romans in meinen Augen perfekt wieder.

In diesem Roman entführt Zafón zum ersten Mal in sein geliebtes Barcelona, wie wir es aus „Der Schatten des Windes“ und „Das Spiel des Engels“ kennen und lieben. Nach drei Jugendromanen richtet er sich mit dieser Geschichte zum ersten Mal auch an eine breitere Leserschaft, jedoch lässt sich „Marina“ recht schwer einordnen; schwebt eher zwischen Jugendbuch und Roman.

Marina“ ist laut eigenen Aussagen der persönliche Liebling des Autors – nachzuvollziehen, gibt es doch deutliche Gemeinsamkeiten zwischen Zafón und seinem Helden Óscar Drai. Beide besuchten eine Jesuitenschule und durchstreiften in ihrer Freizeit die Stadt.

Gemeinsam mit Óscar entdeckt der Leser ein faszinierendes Stück Barcelona, stets schwebend zwischen Fiktion und Realität. Óscar ist ein Charakter, der schnell ans Herz wächst. Aufgrund der Tatsache, dass er diese Geschichte quasi selbst niederschreibt, fühlt man sich sofort mit ihm verbunden. Er ist keinesfalls perfekt, hat Wünsche, Träume und Ängst – und ist genau deshalb so ungemein menschlich und sympathisch.

Marina dagegen wirkt zunächst – vor allem auch aufgrund Óscars Beschreibung – fast schon ätherisch und elfenhaft. Doch schnell erweist sie sich als abenteuerliches Mädchen, das keineswegs auf den Mund gefallen ist und sich liebevoll um ihren Vater kümmert.

Gekonnt entführt Zafón in eine Geschichte, in der jedes Detail von Bedeutung zu sein scheint, eine Mischung aus Grusel- und Kriminalgeschichte, ein modernes Märchen. Oder doch nicht?

Mit dem ihm eigenen wundervollen, fesselnden Schreibstil voller fantastischer Formulierungen schafft es Zafón einen wahren Sog zu entwickeln, dem sich der Leser kaum mehr entziehen kann. Voller Staunen deckt man zusammen mit Óscar und Marina immer mehr Geheimnisse auf – tödliche, gefährliche und doch auch unglaublich berührende und tragische Geheimnisse.

„Vor meinem Fenster ging Barcelona in scharlachroten Schatten auf, ein Wald aus Antennen und Zinnen.“
(Marina, S. 26)

Bücher, bei denen mir allein aufgrund der sprachlichen Schönheit die Tränen in die Augen steigen, sind selten. Doch „Marina“ ist es gelungen, genau diese Reaktion bei mir auszulösen. Ein wunderbares Buch. Wer bisher noch kein Werk von Zafón gelesen hat, dem sei dieses Werk ans Herz zu legen. Liebhabern des Autors natürlich ebenso.

bewertung 5 sterne

Marina von Carlos Ruiz Zafón
Marina
352 Seiten (Hardcover)
Verlag: Fischer
Erschienen: April 2011
ISBN: 978-3100954015
19,95 €

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Fischer-Verlag und Vorablesen für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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