[Rezension] Joanne Harris: Blaue Augen

Der 42-jährige B.B. betreibt eine Webcommunity mit dem Titel „Boesebuben“, die es den Mitgliedern ermöglicht, eigene Blogs zu führen, und über ihre Taten zu erzählen. Unter dem Nutzernamen „blauauge“ berichtet er von den Morden, die er begangen haben will. Bereits als Kind fielen ihm am Strand Krebse zum Opfer, später Wespen, und nun sogar Nachbarn… und seine beiden Brüder.

Die Mitglieder der Community laben sich an seinen Geschichten, kritisieren oder lobpreisen seine Taten, diskutieren über den Wahrheitsgehalt des Geschriebenen.

Doch fernab von den Augen der Mitglieder führt B.B. ein privates Blog, durchwühlt die teilweise privaten Einträge anderer Nutzer. Langsam enthüllt sich die wahre Persönlichkeit von B.B. immer mehr, lang vergessene Geschichten aus der Vergangenheit werden neu erzählt. Auch das gestörte Verhältnis zu Gloria, B.B.’s Mutter, ist stets Thema. Nie konnte er sich ganz von ihr lösen, wohnt immer noch in seinem alten Kinderzimmer.

Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Wahrheit und Lüge verschwimmen immer mehr, und bald schon ist man gezwungen, alles zu hinterfragen, selbst die Identität der einzelnen Personen…

Bei „Blaue Augen“ handelt es sich um den neusten Roman von Joanne Harris, unter anderem die Autorin von „Chocolat„.

Zunächst einmal gestaltete sich bereits das Schreiben der Inhaltsangabe als recht schwierig, da man gerade bei diesem Buch extrem Gefahr läuft, viel zu viel zu verraten. Doch auch so habe ich mich mit dem Werk recht schwer getan.

Stilistisch ist „Blaue Augen“ anders, aber im positiven Sinne. Die Geschichte in Form von öffentlichen und privaten Blogeinträgen zu erzählen, inklusive den Kommentaren anderer Mitleser, ist interessant, und eröffnet die Möglichkeit, auf faszinierend Art und Weise mit Wahrheit und Fiktion zu spielen.

Und gerade das tut die Autorin das gesamte Buch hindurch. Als Leser fragt man sich bei jeder Zeile, jedem noch so kleinen Wort, ob das, was man liest, tatsächlich geschehen, oder nur der morbiden Fantasie eines Mannes entsprungen ist, dessen Leben keinesfalls in gewöhnlichen Bahnen verlaufen ist.

B.B. oder auch Blauauge, hatte unter seinen Brüdern zu leiden, musste seinen Platz als ein mit einer Gabe gesegneten Kindes an jemand anders abtreten, wurde von seiner Mutter stets zu Höchstleistungen gezwungen, da Gloria nicht akzeptieren konnte und wollte, dass ihr Sohn normal war. Erfüllte B.B. ihre Erwartungen nicht, wurde er bestraft, und das oft auf eine Art und Weise, die einem als Leser ab und an Schauer über den Rücken jagt.

Die Beziehung zwischen Gloria und B.B. begleitet einen von der ersten bis zur letzten Seite an, stets kommt in den Blogeinträgen die Sprache auf Geschehnisse in der Vergangenheit oder Gegenwart, die dies zum Thema haben. Als stiller Beobachter nimmt der Leser teil an B.B.’s Entwicklung, die doch so sehr geprägt ist von seinem Verhältnis zu Gloria. Und immer wieder kommt der Gedanke auf: Kann eine Mutter ihren Sohn unbewusst zu einem Mörder machen?

Trotz der eigentlich interessanten Idee und des vielversprechenden Aufbaus, plätschert die Geschichte doch gerade im mittleren Teil sehr vor sich hin. Oft werden Dinge mehrmals erzählt, als tatsächliches Ereignis in B.B.’s privatem Tagebuch, als auch in Form eines öffentlichen Eintrags. Auch wenn man wie gesagt nie weiß, ob alles der Wahrheit entsprciht, bezeichnet sich B.B. doch selbst als Lügner. Häufige Zeitsprünge erschweren es einem zusätzlich, sich ein klares Bild des Handlungsablaufes zu formen. Harris Schreibstil aber, wunderbar flüssig und klar, fesselt und bringt einen dazu, weiter zu lesen.

Noch dazu hat die Wendung ca. 100 Seiten vor Schluss das Ruder herumgerissen. Plötzlich betrachtet man die Geschichte aus einem völlig anderen Blickwinkel, ist gezwungen, alles noch einmal neu zu beleuchten, sich ein neues Gesamtbild zu formen. Was ich aber vom Ende selbst halten soll, kann ich nicht genau sagen. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, es wird viel Raum für Spekulationen gelassen. Ob das gut oder schlecht ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden.

Ich möchte „Blaue Augen“ nicht uneingeschränkt empfehlen. Denn wer hier einen Thriller erwartet, mit atemloser Spannung und actionreichen Szenen, der wird enttäuscht sein. Doch wer offen ist für eine etwas andere Art Geschichte, einer Charakterstudie, die die Beziehung eines Sohnes zu seiner Mutter und seiner Außenwelt beleuchtet, die voll ist von Irrungen und Wirrungen und viel Raum lässt für eigene Theorien, der sollte einen Blick auf das Buch werfen.

bewertung 3 sterne

Blaue Augen von Joanne Harris
496 Seiten (Hardcover)
Verlag: List
Erschienen: März 2011
ISBN: 978-3471350539
19,99 €

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Ullstein-Verlagsgruppe und Vorablesen.de für das Leseexemplar.

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