[Rezension] Camille de Peretti: Wir werden zusammen alt

Les Bégonias, eine Seniorenresidenz in Paris.

Ein ganz normaler Sonntag, der jedoch so viel anders ist als andere Tage. Die Mütter, Väter und Großeltern in der Residenz bekommen Besuch von ihren Kindern, Enkeln, Nichten, Neffen. Ein Lichtblick für die alten Herrschaften, ein Funken Abwechslung, ein Kosmos voller Überraschungen, der den sonst so eintönigen Alltag der Bewohner etwas in Schwung bringt.

Sie alle sind auf ihre Art speziell. Die Baronin, die keine ist, der Kapitän, der ebenfalls keiner ist, die Klatschtanten Alma, Buissonette und Barbier, die schüchterne Thérèse, der Gentleman Robert, die Nervensäge Nini…

In 64 Kapiteln, die den Räumen und Abschnitten der Residenz entsprechen, widmet sich die Autorin liebevoll den Bewohnern von Les Bégonias.

Wir werden zusammen alt“ ist bereits der dritte Roman von Camille de Peretti, allerdings ihr Debüt auf dem deutschen Literaturmarkt.

Nach dem Prinzip von Georges Perec’s „Das Leben. Gebrauchsanweisung„, in dem der Autor quasi durch die Wände eines Mietshauses blickt, verfährt de Peretti unter Nutzung diverser Mittel wie Euler’sche Quadrate, Rösselsprung und detailreicher Listen akribisch nach einem festgelegten Muster und beleuchtet die Geschehnisse in den Mauern der Residenz Les Bégonias.

Sie beschreibt liebevoll und mit unglaublich viel Einfühlungsvermögen die Schicksale und Geschichten der Menschen in dieser Pariser Seniorenresidenz. Dank ihres leicht poetischen Schreibstils wachsen dem Leser die Akteure schnell ans Herz.

So haben wir zum Beispiel den Kapitän Dreyfus, der eigentlich Picard heißt, der an diesem Sonntag seinen Plan verfolgt, in See zu stechen. Die manisch-depressive Nini, die jedem irgendwie auf die Nerven geht (teilweise mit Absicht) und der sogar die Bettklingel abgestellt wurde. Die Baronin und ihr Mann; sie hat Alzheimer, erkennt ihn kaum, er ist verzweifelt, pflegt sie aber aufopferungsvoll jeden Tag. Die schüchterne Thérèse, die endlich die Liebe findet, die ihr bisher verwehrt geblieben ist. Madame Barbier, die nicht so recht zu dem wohlhabenden Klientel passen mag, und ständig unter Albträumen leidet.

Das Personal der Residenz scheint teilweise abgestumpft, hat seine eigenen Sorgen und Probleme. Christiane, allein erziehende Mutter, fühlt sich nicht liebenswert und wirft sich jedem an den Hals, der ihr das Gefühl gibt, Liebe und Zuneigung wert zu sein. Der Direktor, dessen Sammelleidenschaft für Briefmarken mehr Wichtigkeit zu haben scheint als das Heimgeschehen. Die junge Nachtschwester Isabelle, jung verliebt, hat einmal nicht aufgepasst…

Dem Leser wird in den Geschehnissen an diesem Sonntag all das vor Augen geführt, was Motiv sein kann für den Weg in ein Heim, Zuneigung oder ein Aus-dem-Weg-Schaffen, manch einer ist freiwillig da, manch einer nicht. Angst vorm Altern? Nein, eher Angst vor der Einsamkeit.

Wir werden zusammen alt“ berührt auf einer wunderbare Weise, regt zum Nachdenken an, und ist für mich auch ein erneuter Hinweis darauf, den Alten, unseren Eltern und Großeltern, Respekt und Liebe zuteil werden lassen, auch wenn sie im gehobenen Alter oft etwas wunderlich werden. Auch wenn das nicht immer leicht fällt.

Ein wunderschöner, berührender, trauriger Roman, doch in seinem Innern auch eine Hommage an das Leben selbst. Wer sich auf diese Welt voll Poesie und Gefühl einlassen kann, dem kann ich dieses Werk wirklich ans Herz legen. Ein ganz wundervoller, kleiner Buchschatz, der einem auch noch im Gedächtnis bleibt, wenn man ihn schon längst beendet hat.

bewertung 5 sterne

Wir werden zusammen alt von Camille de Peretti
288 Seiten (Hardcover)
Verlag: Rowohlt
Erschienen: 15. Januar 2011
ISBN: 978-3498053079
19,95 €

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Lovelybooks und dem Rowohlt-Verlag für das zur Verfügung gestellte Testleseexemplar.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s