[Rezension] Mervyn Peake: Gormenghast 1 – Der junge Titus

Gormenghast – ein unermesslich großes Schloß, umgeben von Gormenberg und Krüppelwald.  Ein dunkler kalter Kasten, durchzogen von engen Gängen, Spinnweben, modrigen Balken und teilweise vollständig in Vergessenheit geratenen Burgflügeln. Geimnissvolle und mystische Rituale durchdringen das Dasein der Burgbewohner und bestimmen den gesamten Ablauf im Leben auf Gormenghast. In diese Welt wird Titus hineingeboren, Sohn und Erbe von Sepulchrave Groan, dem 76. Graf Groan. Doch weder sein Vater noch seine Mutter Gräfin Gertrude, scheinen irgendwelche zärtlichen Gefühle für ihn zu hegen, und auch seiner älteren Schwester Fuchsia ist er zunächst ein Dorn im Auge.

Während Titus die ersten zwei Jahre seines Lebens hinter den Mauern des Schlosses verbringt, schwingt sich der junge Steerpike zu ungeahnten Höhen auf. Vom einfachen Küchenjungen wird er zum Gehilfen des Leibarztes, und letztendlich gelingt es ihm durch seine verschlagene und doch geniale Intelligenz selbst Mitglieder der Grafenfamilie von sich abhängig zu machen. Von Ehrgeiz getrieben gelangt er unentdeckt immer mehr an Macht und Einfluss.

Intrigen, Verrat und Mord bestimmen das Geschehen, und doch liegt ein Hauch an Veränderung in der Luft, als Titus gezwungen ist sein Erbe viel zu früh anzutreten…

Gormenghast – Der junge Titus“ erschien bereits im Jahre 1946 im englischen Original (Tolkien’s „Der Herr der Ringe“ wurde 1954 veröffentlicht), und feierte die deutsche Erstveröffentlichung 1982.

Ich bin durch Zufall auf Peake’s Werk aufmerksam geworden, da Klett-Cotta in diesem Jahr eine Neuausgabe der beiden Gormenghast-Bände herausbrachte. Und da man anhand des Klappentextes recht wenig von der eigentlich Handlung erfahren konnte, reizte mich das Buch doch ungemein.

Zugegeben, zu Beginn habe ich mich schwer getan. Die Geschichte kommt sehr langsam in Schwung. Peake nimmt sich viel Zeit die Burg und seine Bewohner entsprechend in Szene zu setzen. Titus, zwar Titelgeber, kommt kaum zum Zuge, da er am Ende des ersten Bandes gerade einmal knapp zwei Jahre alt ist.

Dominierender Charakter ist eindeutig Steerpike. Facettenreich, intelligent, ehrgeizig, und darauf bedacht, aus jedweder Situation das für ihn beste zu machen und möglichst viel macht innerhalb der Burgmauern zu erlangen. So schreckt er nicht zurück vor Verrat, Manipulation und riskiert leichtfertig Leben und Schicksal anderer Menschen. Dennoch ist er faszinierend, und mir persönlich doch auf seltsame Art sympathisch.

Neben Steerpike füllen diverse andere Personen die Handlung, meiner Meinung nach ein Sammelsorium menschlicher Grotesken. Der Erste Diener Flay, Küchenchef Swelter, Gräfin Gertrude, Graf Sepulchrave, Nannie Slagg, Fuchsia, Doktor Prunesquallor, sie alle haben ihre ganz persönlichen Eigenheiten und Macken. Dies unterstreicht Peake zusätzlich durch die Art, wie sich die einzelnen Charaktere artikulieren.

Sprachlich ist „Gormenghast“ wunderbar verfasst und lässt sich wunderbar lesen, vorausgesetzt man ist bereit sich auf Peake’s Stil einzulassen. Wenn man das denn tut, eröffnet sich einem eine faszinierende Welt, mit eben solchen Persönlichkeiten.

Definitiv einen Blick wert, denn meiner Meinung nach handelt es sich bei „Gormenghast – Der junge Titus“ um ein wahres Meisterwerk. Ich zumindest bin restlos begeistert.

bewertung 5 sterne

Gormenghast 1 – Der junge Titus von Mervyn Peake
616 Seiten (Hardcover)
Verlag: Klett-Cotta
Erschienen: August 2010
ISBN: 978-3608939217
22,95 €

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Klett-Cotta-Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s