[Rezension] Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen

Primzahlen sind nur durch 1 und durch sich selbst teilbar. Sie haben ihren festen Platz, eingeklemmt zwischen zwei anderen, in der unendlichen Reihe natürlicher Zahlen, stehen dabei jedoch ein Stück weiter draußen. Es sind misstrauische, einsame Zahlen. […] Primzahlzwillinge werden sie von Mathematikern genannt: Paare von Primzahlen, die nebeneinanderstehen oder genauer, fast nebeneinander, denn zwischen ihnen befindet sich immer noch eine gerade Zahl, die verhindert, dass sie sich tatsächlich berühren. […] Für Mattia waren sie beide, Alice und er, genau dies, Primzahlzwillinge, allein und verloren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um sich wirklich berühren zu können. (Paolo Giordano – Die Einsamkeit der Primzahlen)

Die Einsamkeit der Primzahlen“ schildert die Geschichte von Alice und Mattia, angefangen von ihrer Kindheit, über Schule und Studium bis hinein in die Zeit des Erwachsenseins. Beide entwickeln, durch schwere Unglücksfälle in ihrer Kindheit geprägt, ein eher gestörtes Verhältnis zu ihrer Umgebung und sich selbst. So isst Alice kaum bis gar nicht, während Mattia sich nur lebendig zu fühlen scheint, wenn er seinem Körper Schmerzen und Narben zufügt.

Während Mattia versucht möglichst unbemerkt und ungesehen durchs Leben zu gehen und einzig die Mathematik ihn begeistern kann, für die er eine besondere Begabung hat, versucht sich Alice zumindest in den Lauf des Lebens einzufügen, versucht zu einer Mädchenclique ihrer Schule Anschluss zu finden, arbeitet als Fotografin und heiratet sogar.

Alice und Mattia lernen sich in der Schule kennen, doch zwischen den beiden entwickelt sich keine typische Freundschaft, sondern eher eine Art Geistesverwandtschaft, beide verbunden durch ein ähnliches Schicksal. Miteinander können sie zusammen sein, wie es mit anderen Menschen nicht möglich ist, ein gegenseitiges Verstehen, eine feine Beziehung, doch getrennt durch eine unsichtbare Grenze.

Paolo Giordano’s Erstlingswerk (der Herr ist übrigens erst 1982 geboren und studierte Physik) hat mich berührt und in seinen Bann gezogen.

Giordano gelingt es, seine beiden Charaktere ohne große Wörter und Ausschmückungen in Szene zu setzen, allein durch seine sensible und doch irgendwie auch bildreiche Sprache. Man kann sich hineinversetzen in die verwirrende Gefühlswelt von Mattia und Alice. Man bleibt neutral, wertet nicht, entwickelt aber Sympathie für diese beiden seltsamen Persönlichkeiten.

Trotz dass die beiden Kontakt zu ihrer Umwelt haben, schwingt im gesamten Buch eine greifbare Einsamkeit mit, besonders bei Mattia, der sich selbst isoliert, und selbst feststellt, dass ein normaler Mensch aufgrund der Isolation und Einsamkeit, die er sich selbst freiwillig auferlegt, wohl verrückt geworden wäre.

Allein ein Punkt störte mich ein klein wenig. Die Eltern der beiden Hauptpersonen scheinen sich in eine eigene Welt zurückgezogen zu haben, in der alles in Ordnung ist mit ihren Kindern. Obwohl das Verhalten, die Essstörung von Alice und die Schnittwunden Mattias (die sein Vater eigenhändig versorgt), mehr als auffällig ist, werden sie Augen verschlossen. Allerdings, so glaube ich, wollte Giordano nicht mit erhobenem Finger die Krankheit der beiden in den Vordergrund rücken. Er nutzt dieses Motiv eher, um die Einsamkeit und die Folgen der Schicksalsschläge in den Kindheitstagen zu unterstreichen, die Unfähigkeit der beiden aufzuzeigen, wirkliche Nähe bei anderen zu finden.

Alles in allem fand ich „Die Einsamkeit der Primzahlen“ wirklich lesenswert und besonders in seiner Sprache wirklich schön. Ein gelungenes Erstlingswerk, dass die Auszeichnungen die es erhalten hat, meiner Meinung nach auch durchaus verdient hat.

bewertung 5 sterne

Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Giordano
368 Seiten (Hardcover)
Verlag: Karl Blessing
Erschienen: August 2009
ISBN: 978-3896673978
19,95 €

Die Taschenbuchausgabe erscheint im Dezember 2010 bei Heyne. Bei Weltbild ist eine wirklich schöne, broschierte Ausgabe für knapp 12 € erschienen, die in meinem Regal steht, da mir das Cover um einiges besser gefällt als das der Hardcover-Ausgabe.

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