[Rezension] Michael Mittermeier: Achtung Baby!

“… aber wenn es dich dann einmal anlächelt …”

Es fängt an in der Zeit davor, als Eltern noch die Anderen sind – bemitleidenswerte Wesen, die mit müden Augen und Breiflecken auf der Hose beteuern, dass sie sich auf den Urlaub im Kinderhotel freuen. Und die sich nur für eins interessieren: “Und wann ist es bei euch soweit?”

Die Schwangerschaft wirft für Männer natürlich Fragen auf: Warum darf man schwangeren Frauen nie widersprechen? Woher kommt das fremde Wesen, das nachts den Kühlschrank plündert? Woher haben Schwangere ihren übernatürlichen Geruchssinn? Und: Kann man Hebammen trauen, die keinen Spaß verstehen?

Aber der eigentliche Wahnsinn beginnt nach der Geburt. Denn jetzt dreht sich alles nur noch um das Baby (“Guck mal, es bewegt den Daumen!”). Die Außenwelt verschwindet, das böse Pupsmonster wird zu einem guten Bekannten, und zu den Top-3-Gesprächsthemen gehören kleine Stinker, Schnuller und Schlaflieder.

In “Achtung Baby!” erzählt Michael Mittermeier von den Freuden des Vaterwerdens.

Mittermeier ist wohl den meisten Menschen eher durch seine Live-Programme wie “Zapped”, “Back to Life”, “Paranoid” und “Safari” bekannt, die in gesunder Regelmäßigkeit zumindest einmal im Jahr im TV ausgestrahlt werden. Eltern und ihre Kinder waren schon damals des öfteren Thema – allerdings immer vom Standpunkt des Kinderlosen Beobachters aus.

Nun ist er selbst Vater, und durchläuft all die Klischees, die er früher immer zur Sprache brachte, selbst – und ist sich dessen voll und ganz bewusst!

Kenner seiner Programme werden zu Beginn des Buches auf einige bekannte Episoden stoßen, die einem das ein oder andere Lachen und Schmunzeln entlocken. Mit einem Zwinkern listet Mittermeier noch einmal all die Vorurteile auf, über die er sich immer lustig gemacht hat, bevor er selbst zu einem Vater mutiert, für den Babyduft besser sind als alles was er jemals gerochen hat und Wickeln sein neues Hobby wird.

Humorvoll und ein bisschen selbstironisch erzählt Mittermeier herzerwärmende Episoden aus dem frischen Familienleben zu Dritt, vom ersten richtigen Stuhlgang, über den ersten Zahn bishin zum ersten Wort seines Töchterchens Lilly.

Ein herrliches Buch; Mittermeier schreibt wie er spricht. Ich zumindest habe ihn vor meinem inneren Auge beim Lesen auf der Bühne hin und her springen sehen, und konnte mir das Lachen an einigen Stellen einfach nicht verkneifen.

Achtung Baby!” lohnt sich definitiv, als humorvolles Buch für Zwischendurch, und vielleicht nicht nur für Leute die Michael Mittermeier mögen einen Blick wert.

Achtung Baby! von Michael Mittermeier
259 Seiten (Broschiert)
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: Februar 2010
ISBN: 978-3462042023
14,95 €

[Rezension] Conni Lubek: Entlieben für Fortgeschrittene

In “Anleitung zum Entlieben” liebte Lpunkt (oder Lchen) einen Mann, der ihre Gefühle nicht erwiderte. Jetzt allerdings ist der Fall schon etwas komplizierter.

Dick, der Holländer, liebt Lpunkt. Alles könnte so schön sein, doch dann erfährt Lchen Dick’s wohl größtes Geheimnis: Er ist verheiratet. Mit einer anderen.

Was nun? Eine neue Herausforderung für Lchen und Curd Rock. Soll sie Dick verlassen, oder kämpfen? Und ist er es wert? Und liebt Lchen ihn wirklich?

Gleich vorneweg: Kenntnisse des ersten Buches von Frau Lubek sind für “Entlieben für Fortgeschrittene” keinesfalls nötig, denn die Vorgeschichte lässt sich sehr schnell zusammenfassen – Lchen hat versucht einen Mann zu verlassen, der sie eigentlich gar nicht liebt. Und braucht mehrere Anläufe.

In Dick hat Lchen nun also endlich einen Mann gefunden, der sie liebt, doch Friede, Freude, Eierkuchen ist das alles auch nicht, denn der Gute ist verheiratet.

Wenn man als Leser hier Drama erwartet, wird man enttäuscht. Lchen gelingt es, selbst in den unpassendsten Situationen witzig zu sein, zum Beispiel als Dick sie verlassen will…

Alles in allem hat mich das Buch eher enttäuscht. Frau Lubek’s Art zu schreiben mag zu Beginn recht süß und putzig sein, aber mit der Zeit gehen einen die diversen “chen“s und “höm“s ziemlich auf die Nerven. Auch scheint Lchen, entschuldigt den Ausdruck, doch recht treudoof und einfältig zu sein, wenn sie tatsächlich immer wieder zu Dick zurück geht, obwohl er sie belogen und betrogen hat und seine Frau nicht verlassen will.

Der auf dem Titelbild zu sehende Curd Rock ist der einzige kleine Lichtblick, denn die Fotos mit ihm, die auch innerhalb des Buches auftauchen, sind teilweise wirklich recht niedlich.

Insgesamt eher enttäuschend, auch weil sich die Geschichte einfach auch ständig wiederholt: Zusammen, getrennt, zusammen, getrennt, zusammen… Empfehlen kann und will ich dieses Werk wirklich keinem, denn eigentlich eignet es sich nicht einmal zum Abschalten, denn im Großen und Ganzen muss man Angst haben, dass die Gehirnzellen des Lesers Suizid begehen.

Entlieben für Fortgeschrittene von Conni Lubek
336 Seiten (Broschiert)
Verlag: Ullstein
Erschienen: November 2009
ISBN: 978-3548268088
9,95 €

[Rezension] Natascha Kampusch – 3096 Tage

Als sie am frühen Morgen des 2. März 1998 auf dem Weg zur Schule von einem Mann in einen weißen Lieferwagen gezerrt wird, glaubt Natascha Kampusch, bald sterben zu müssen. Stunden später liegt die Zehnjährige, eingewickelt in eine Decke, auf dem kalten Fußboden im Keller eines Einfamilienhauses. Um sie herum herrscht absolute Dunkelheit, die Luft ist schal und stickig.

Hier, in dem nur knapp fünf Quadratmeter großen Verlies, wird das Mädchen die nächten achteinhalb Jahre leben. Ihr Entführer Wolfgang Priklopil ist der einzige Mensch, dem sie sich anvertrauen kann. Sie wird von ihm misshandelt, gedemütigt, gepeinigt und unterdrückt. Erst im Sommer 2006, am 23. August, gelingt ihr die Flucht – nach 3096 Tagen.

Um ehrlich zu sein bin ich mir nicht sicher, ob ich Natascha Kampusch’s Biographie “3096 Tage“  wirklich objektiv bewerten kann – und will.

Unterstützt von zwei Co-Autorinnen, berichtet die junge Frau Jahre nach ihrer Flucht von den Erlebnissen, die sie ganz klar geprägt haben. Sie schildert ihre Kindheit, ihr Verhältnis zur Mutter, die nicht in der Lage scheint, ihre Liebe so zu zeigen wie ein Kind sie auch verstehen kann. Stattdessen versucht sie ihre Tochter mittels Ohrfeigen zu erziehen und auf den rechten Weg zu bringen. Keine Freunde, übergewichtig, und kaum vorhandenes Selbstbewusstsein – Natascha Kampusch mutmaßte später, dass der Täter sie wohl genau deswegen auswählte.

Wolfgang Priklopil, ein 35jähriger Soziopath, cholerisch, paranoid, unter Magersucht und Hygienewahn leidend, sieht in dem Mädchen eine Möglichkeit, sich eine ihm ergebene, willfährige Sklavin zu schaffen.

Eindringlich schildert die junge Frau, wie sie Überlebensstrategien entwickelte, wie sie sich in all dem Wahnsinn nie selbst verliert und trotz all der Jahre in Dunkelheit, Schmerz, Hunger und seelischer Folter irgendwie überlebt. Trotz Suizidversuche, und trotz einer Lethargie, die es dem Täter sogar möglich macht mit ihr einen Skiausflug zu unternehmen, da die junge Frau so gelähmt scheint, dass sie Fluchtmöglichkeiten tatenlos an sich vorrüberziehen lässt, schafft sie es tatsächlich, sich loszureißen und zu laufen, zu fliehen.

Für mich persönlich schließt Natascha Kampusch hier endlich mit ihrer Vergangenheit ab. Die Sensationsgier nährende, detailgenaue Beschreibungen all der Misshandlungen finden sich nicht in dem Buch, stattdessen trifft der Leser nur auf Fragmente und nüchtern verfasste Tagebucheinträge, in der die junge Frau ihre Verletzungen dokumentiert.

Ich möchte mich hier nicht darüber auslassen, ob Natascha Kampusch bewusst Dinge verschweigt, die angeblich bereits durch ihre Interviews in die Öffentlichkeit drangen, und ob das Buch nun hundertprozentig wahrheitsgetreu ist oder nicht.

Stattdessen sehe ich es als das, was es (hoffentlich) ist: Ein Abschluss. Sich ein letztes Mal alles vor Augen führen, aufarbeiten und es endlich hinter sich lassen. Wie Natascha Kampusch im Epilog selbst so schön sagt: “Ich weiß, dass ich auch das Leben in Freiheit meistern kann. Und diese Freiheit beginnt erst jetzt, vier Jahre nach dem 23. August 2006. Erst jetzt kann ich mit diesen Zeilen einen Schlussstrich ziehen und wirklich sagen: Ich bin frei.

3096 Tage von Natascha Kampusch
288 Seiten (Hardcover)
Verlag: List
Erschienen: September 2010
ISBN: 978-3471350409
19,95 €

[Rezension] Benjamin Prüfer: Wohin du auch gehst – Same Same But Different

Benjamin Prüfers Werk “Wohin du auch gehst – Die Geschichte einer fast unmöglichen Liebe” erschien aufgrund der Verfilmung des Stoffes von Detlev Buck auch als Filmbuchausgabe unter dem Titel “Same Same But Different“. Passender in meinen Augen, und nicht ganz so kitschig wie der erste Titel.

Benjamin Prüfer begegnet in Kambodscha in einem Klub Sreykeo, die für Geld ihren Körper verkauft. Trotz allem beginnen sie sich ineinander zu verlieben. Er hält auch dann noch zu ihr, als er erfährt dass sie HIV-positiv ist.

Dies ist das Grundgerüst, auf dem die gesamten Geschehnisse aufbauen. Prüfer beschreibt ohne Kitsch, in einer realistisch, aber zärtlichen Art die Höhen und Tiefen die er und Sreykeo durchzustehen haben ohne dabei dramatisch zu sein. Was für mich ein großer Pluspunkt, oft wird bei solchen Dingen ja gewollt auf die Tränendrüse gedrückt. Hier aber ganz und gar nicht der Fall.

Man erlebt mit wie sich Prüfer in das kambodschanische Leben hineinfindet, sich um Sreykeo und ihre Familie zu unterstützen versucht, wohnt in der Stadtwohnung der Familie, beim Onkel auf dem Land in einem traditionellen Haus auf Stelzen oder in Sreykeos erster eigenen Wohnung, einem kleinen Würfel ohne Fenster. Der Kampf gegen den Virus ist ebenfalls ein großer Thema, besonders der Versuch einer Therapie auf kambodschanischem Boden, die in keinster Weise mit dem uns bekannten deutschen System zu vergleichen ist. Der junge Mann opfert sich auf, bis er kaum selbst mehr genüg Geld zum Leben hat. Löcher, die auch seine Halbtagsstelle als Journalist nicht füllen kann.

Spannung gibt es kaum, aber das muss es auch nicht. Es ist eine wahre Geschichte, und allein das zählt hier für mich. Ein schönes kleines Buch, angenehm zu lesen. Man bekommt Einblicke in eine Kultur, ein Leben, das einem so vorher nicht bekannt war.

Viel mehr sagen möchte ich nicht. Wer mehr erfahren will, sollte das Buch lesen und sich selbst ein Bild davon machen und entscheiden, was er von der Geschichte von Benjamin und seiner Sreykeo hält.

Hier die Daten für sie beiden hier abgebildeten Editionen:

Wohin du auch gehst von Benjamin Prüfer
319 Seiten (Broschiert)
Verlag: Fischer Taschenbuch
Erschienen: April 2009 (Filmausgabe Dezember 2009)
ISBN: 978-3502150886 (ISBN: 978-3596187607 für die Filmausgabe)
9,95 €

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